Zwischen den Wahrheiten

Nachdem „postfaktisch“ zum Unwort des Jahres gekührt würde, habe ich nach Trumps Antrittsrede und den darauf folgenden Auseinandersetzungen um die Anzahl der Zuschauer*innen neu gelernt, dass es auch so etwas wie „alternative Fakten“ geben soll. Als Vertreter des „Konstruktivismus“ habe ich natürlich eine Vorstellung davon, dass Menschen die „Realität“ durch ihre jeweilige Sicht anders wahrnehmen. Wir alle kennen das halbvolle und das halbleere Glas. Diese Art der Wahrnehmung erlaubt es, sich eine eigene Realität zu bilden. Das scheint auch bei Trump zu funktionieren. (Quelle)

Nun, ehrlich gesagt, ist es mir persönlich völlig egal, ob es mehr oder weniger waren. Was soll damit bewiesen werden? Das Trump weniger beliebt ist? Der Streit an sich, und das ist für mich das entscheidende, deutet darauf hin, dass sich ein neuer Stil in der politischen Auseinandersetzung ankündigt, der bei näherer Betrachtung auch gar nicht so neu ist. Es werden Behauptungen aufgestellt, die einen bestimmten Zweck verfolgen: Stimmungsmache, die die eigene Haltung und darauf folgende Handlungen rechtfertigen sollen. „Seit 5:45 h wird jetzt zurückgeschossen“. Mit dieser Lüge läutete Adolf Hitler den Überfall auf Polen ein. (Quelle) Die Liste „alternativer Fakten“, die Kriege legitimierten, lässt sich um einiges verlängern. Trump spricht nun vom „Krieg gegen die Medien“ und will möglicherweise damit Einschränkungen der Pressefreiheit legitimieren. (Quelle)

Hierzulande ist mir der Ruf „Lügenpresse“ noch in den Ohren. Damit kann von den Schreihälsen jede Berichterstattung so eingeordnet werden, wie es gefällt.

Mein Problem besteht nun darin, meine Wahrnehmung der „Realität“ auch als solche sicher vertreten zu können. Kann ich mich auf Berichterstattungen verlassen? Als Computerspieler und wissenschaftlicher Beobachter der Computerspielszene ist mir die Berichterstattung diverser Sendungen des öffentlich rechtlichen Fernsehens und deren Reaktionen aus der Gamingszene noch in schauriger Erinnerung. (Quelle)

Aber nicht nur historisch ist dies für mich ein Thema. Eine Bekannte, die in einer anderen Filterblase als ich  unterwegs ist und mir damit einfache Einblicke in eine andere Sphäre der Informationen ermöglicht, sorgte mit einem Screenshot eines Twitter-Tweeds von Nancy Sinatra (Tochter von Frank Sinatra) für eine Verunsicherung meiner Seite. Worum ging es? Trump hatte beim Amtseinführungsball Frank Sinatras Lied „My way“ für den Eröffnungstanz gewählt. CNN verbreitete auf Twitter eine kritische Reaktion Nancy Sinatras auf diese Wahl. Nun zählt sie nicht zu den Unterstützer*innen Trumps. Sie wiederum bezeichnete diese Meldung als Lüge. CNN berichtete daraufhin, Sinatra hätte diesen kritischen Tweet gelöscht, nachdem CNN seine Meldung veröffentlichte. (Quelle)

Ihr merkt schon. Was hier die Wahrheit ist, lässt sich im Nachhinein durch und für mich schwerlich rekonstruieren. Zumindest muss ich einiges an Zeit aufwenden, um „Fakten“ und „alternative Fakten“ gegeneinander abzuwägen, um mich einer „Wahrheit“ anzunähern.

Und letztendlich lande ich wieder an der Stelle, an der ich mich frage „Wem vertraust du?“ Das ich mich hier mit „Gottvertrauen“ als politisch aktiver Mensch nicht zufrieden geben kann, sei hier nur nebenbei bemerkt. Es lässt mich aber gelassener die Entwicklung betrachten, denn meine Meinung und mein Einfluss auf das Weltgeschehen liegt im nicht messbaren Bereich.

Der Aufbau der „Anti-Fake-Koalition“ (Quelle) wird diese Vertrauensfrage nicht beantworten.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass sich die Gesellschaft und damit auch die Kirche daran beteiligt, die Kompetenzen der Menschen zu stärken, Informationen zu sichten, zu bewerten und einzuordnen. Der kompetente Umgang mit Medien, gerade in unserer schnelllebigen digitalisierten Lebenswelt, gehört zu den absolut wichtigen Fähigkeiten. Meint ihr nicht auch?