WhatsApp, Datenschutz und die Menschen

Es scheint so, als sei das Thema so ziemlich abgearbeitet, die Positionen ausgetauscht. Doch wie die Diskussion eines Gerichtsurteiles heute im AK Medien Rhein-Main zeigte, ist die Diskussion hochaktuell.

Es gibt diejenigen, die WhatsApp nutzen, weil alle anderen es tun und nur so die Möglichkeit besteht, sich auf einer gemeinsamen Plattform auszutauschen. Manchmal tun sie das mit gewissen Bauchschmerzen, da WhatsApp ja nach eigenen Aussagen alle Telefonnummern (?) zum Datenabgleich auf den Server nach Amerika schickt. Ist eine abgeglichene Telefonnummer nicht bereits mit einem WhatsAppaccount verknüpft, so würde diese nach 30 Tagen gelöscht. WhatsApp schaut auch immer wieder einmal auf dem Smartphone nach, ob neue Telefonnummern hinzugekommen sind und überträgt diese auf ihre Server. Ich nenne sie die „Bauchschmerznutzer*innen“. Dazu zählen nach meiner Erfahrung viele Menschen, die im Rahmen sozialer Arbeit in pädagogischer Verantwortung mit Menschen  arbeiten.

Die zweite Gruppe sind diejenigen der „achtlose Nutzer*innen“. Dazu zählen gewiss die meisten Menschen, im Feld der sozialen Arbeit vor allen Dingen die Kinder und Jugendlichen.

Die dritte Gruppe, zu der ich zähle, verwendet kein WhatsApp, da die Anwendung nicht Datenschutzkonform ist. Ich nenne sie die „Widerständler*innen“.

Doch worin bestehen nun bei der WhatsApp Nutzung die Bauchschmerzen?

Im Rahmen der Installation von WhatsApp auf einem Smartphone wird dieser Abgleich der Kontaktdaten automatisch durchgeführt, nachdem man der Installation zugestimmt hat. Ohne Zustimmung kein WhatsApp. So müsste ich also zustimmen, dass ohne die Zustimmung der anderen Telefonnummerinhaber*innen deren Nummern übertragen werden. Nach meinem Datenschutzverständnis kann ich dem nicht zustimmen.

WhatsApp schreibt in seinen Nutzungsbedingungen:

Adressbuch. Du stellst uns regelmäßig die Telefonnummern von WhatsApp-Nutzern und deinen sonstigen Kontakten in deinem Mobiltelefon-Adressbuch zur Verfügung. Du bestätigst, dass du autorisiert bist, uns solche Telefonnummern zur Verfügung zu stellen, damit wir unsere Dienste anbieten können.“ (Quelle)

Nun gibt es ein beachtenswertes Urteil des Amtsgericht Fulda (Amtsgericht Bad Hersfeld
Beschl. v. 20.03.2017, Az.: F 111/17 EASO) , die sich genau diesen Punkt näher angeschaut haben.

„Wer durch seine Nutzung von „WhatsApp“ diese andauernde Datenweitergabe zulässt, ohne zuvor von seinen  Kontaktpersonen aus dem eigenen Telefon-Adressbuch hierfür jeweils eine Erlaubnis eingeholt zu haben, begeht gegenüber diesen Personen eine deliktische Handlung und begibt sich in die Gefahr, von den betroffenen Personen kostenpflichtig abgemahnt zu werden.“ (Quelle)

Auch wenn einige, wie hier Prof. Burgstaller, die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Klagen und Strafen möglich wären, ist die Abmahnwahrscheinlichkeit sehr gering, denn die Beweislast, dass in mein Persönlichkeitsrecht eingegriffen wurde, läge bei mir. Näheres dazu hier.

Die Frage, die mich viel mehr beschäftigt ist, welche Haltung ich als Person, die auch mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, einnehme. Und da sind wir wieder bei den Bauchschmerzen.

Ich denke, die Bauchschmerzen lassen sich vermeiden. Dazu habe ich heute im AK Medien Rhein-Main unterschiedliche Szenarien in die Diskussion eingebracht.

Fall A: „Ich kann auf WhatsApp nicht verzichten, weil ich das Klientel nicht mehr anders erreiche!“ Lösung: Ein Handy ohne Kontaktdaten, auf denen nur diejenigen eingepflegt werden, von denen eine schriftliche Zustimmung – im Falle minderjähriger der Eltern – vorliegt. Das Gerät muss dir natürlich der Arbeitgeber zur Verfügung stellen, wenn du das für die Arbeit benötigst. Vorteil: Du bist rechtlich auf der sicheren Seite und gibtst gleichzeitig mit deiner professionellen Haltung Denkanstöße. Nachteil: Dieser Aufforderung werden nicht alle folgen. Dann kannst du deine Nachrichten an diejenigen schicken, von denen die die Erlaubnis hast, mit der Bitte um Weiterleitung.

Fall B: „Ich nutze es, Recht hin oder her. Nur so ist es alltagstauglich!“ Vorteil: Du hast keinen Ärger. Nachteil: Du nimmst keine professionelle Rolle ein und kommst deinem Auftrag nicht nach, Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern. (SGB VIII §1). Ein Schritt hin zu einer Lösung könnte sein, mit den Kindern und Jugendlichen das Dilemma zu kommunizieren. Altersgerecht. Wie das Urteil auch zeigt, ist das eine Herausforderung für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (und deren Eltern!).

Fall C: „Ich etabliere einen anderen Messenger!“ Wenig Erfolg verspricht der Ansatz, eine Alternative zu etablieren. Alternativen gibt es, aber die Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen – EXTRA WEGEN DIR! – eine weitere App zu installieren, scheint nicht sonderlich hoch. Dies würde, so meiner Einschätzung nach, nur gelingen, wenn vorher ein Problembewusstsein gewachsen ist. Im Fall B wird das aber nicht wachsen. Vermeindung fördert nie einen Kompetenzgewinn!

FAZIT: Wenn ich den Auftrag habe, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern, dann gehört heute auch die Mediennutzung dazu, auf jeden Fall dort, wo Bauchweh entsteht.

Die Herausforderung für die (Medien-) Pädagogik besteht darin, altersgerechte Settings zu schaffen, in denen es Lust und Freude macht, das Bauchweh zu thematisieren. Denn darauf haben Menschen auch einen Anspruch!

Hat jemand Lust daran mitzuwirken?

P.S. Das Gerichtsurteil ist auch in einem weiteren Punkt interessant: Der Erziehungsauftrag der Eltern. Auch hier ist die (Medien-) Pädagogik aufgefordert, Settings zu entwickeln, die Eltern in ihrem Erziehungsauftrag wirksam unterstützen und das zumindest ab dem Grundschulalter.