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Youtube gesünder als Instagram

Ist Youtube das gesündeste unter den großen sozialen Netzwerken?

Laut einer Studie der renomierten „Royal Society for Public Health“ ist dies so. Das ist auch ein Anlass, mich mit der Plattform zu beschäftigen, auf der mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden pro Tag Videos geschaut werden.

Da ich ja aus der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Multiplikatoren komme, stelle ich die Zielgruppe auch mal in den Mittelpunkt des heutigen Blogartikels. Zu Beginn werde ich einige Sozialdaten liefern, die seit 2010 den Hintergrund meines Engagements in unterschiedlichen Projekten mit Youtube-Nutzung bilden. Anschließend werde ich Handlungsfelder für die praktische Arbeit umreißen, um dann einige (hoffentlich anregende) Youtube-Videos und -Kanäle zu nennen, mit denen man ganz gut arbeiten kann.

Ohne Zweifel, Youtube ist bei Jugendlichen, aber zunehmend auch bei Kindern, ein beliebtes soziales Netzwerk. Wie in der KIM-Studie 2016 ausgeführt, schauen 17% der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, die das Internet nutzen, sich täglich/fast täglich Videos auf Youtube an. 33% nutzen die Möglichkeit einmal/mehrmals in der Woche. Lediglich 1/3 der Kinder schauen keine Videos auf Youtube. Mit zunehmendem Alter nimmt dabei die Nutzung zu. Im Focus steht dabei vor allem die Unterhaltung. „Lustige“ Videos und Musikvideos zählen zu den meist genutzten Angeboten. Im Mittelfeld finden sich Beauty und Lifestyle Angebote, besonders von den beliebten YouTuberinnen Bianca Heinicke (BibisBeautyPalace – 4.472.100 Abonennt*innen) und Dagmar Ochmanczyk (DagiBee – 3.486.002 Abonent*innen), wobei hier ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern sichtbar wird. Mädchen sehen sehr viel häufiger als Jungen Mode-/Beautyvideos an (51 %, Jungen: 11 %). Bei den Jungs dominieren Sportvideos (52 %, Mädchen: 14 %) und Let’s-play-Videos (28 %, Mädchen: 13 %).

Für diejenigen, die mit Kindern in der Altersgruppe arbeiten, dürfte eine Erkenntnis zentral, wenn auch nicht überraschend sein: Die Nutzung von Musik-, Beauty- und Lifestyle-Videos nimmt mit steigendem Alter zu. Wie sehr Youtube auch ein Medium für die Identitätsbildung sein kann, kann sich jede*r denken. Wer sich tiefer damit auseinandersetzen möchte: Elisabeth Jäcklein, heute beim JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, hat sich bereits 2009 in ihrer Masterarbeit (pdf-Datei) mit dem Themenfeld auseinandergesetzt.

Schaut man auf die Youtube-Nutzung bei Jugendlichen zwischen 12-19 Jahren, die in der JIM-Studie 2016 beschrieben wird, so zeigt sich folgendes Bild: Die mehrmalige Nutzung von Youtube geben 86% an, 56 % nutzen Youtube täglich. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass die regelmäßige Nutzung mit zunehmendem Alter aber leicht zurückgeht (12-13=89%, 14-15=88%, 16-17=87%, 18-19=78%). Inhaltlich unterscheidet sich die Nutzung von denen der Kinder nicht besonders. Musik, „lustige“ Videos sind von größtem Interesse. Auch die geschlechtsspezifische Nutzung setzt sich fort, wobei Jungs inzwischen mehr die Let’s-play-Videos als die „lustigen“ Videos anschauen. Aber auch hier zeigt sich eine Altersentwicklung. Let’s-play-Videos verlieren mit zunehmendem Alter deutlich an Attraktivität (schau ich regelmäßig: 12-13 Jahre: 44 %, 18-19 Jahre: 21 %). Gleiches zeichnet sich bei Mädchen ab. Das Thema Mode-/Beauty verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung (12-13 Jahre: 23 %, 18-19 Jahre: 11 %).

Youtube wird als Plattform für die Veröffentlichung eigener Videos allerdings nur von wenigen genutzt (KIM-Studie 7%, JIM-Studie 2%).

Soweit ein kleiner sozialwissenschaftlicher Überblick. Interessant sollte dies spätestens dann werden, wenn man Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleitet, privat oder beruflich.

Gestern hatten wir zu Youtube eine Fortbildung für Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in der es nicht nur um die Hintergründe von Youtube (Entstehung, Geschäftsmodell und aktuelle Entwicklungen) ging, sondern auch um die Möglichkeiten der pädagogischen Intervention. Bei der pädagogischen Intervention geht es darum, die Handlungskompetenzen zu verbessern. In meinem Verständnis der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist das eine zentrale Aufgabe.  (Präsentation als pdf)

Wie aber lassen sich Handlungskompetenzen bei Kindern und Jugendlichen erhöhen? Ich sehe hier mindestens drei zentrale Schwerpunkte: Identität, Partizipation und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Identität: Wie schon oben beschrieben, spielt Youtube für viele Kinder und Jugendliche bei der Identitätsbildung eine wichtige Rolle. Auf der Ebene der Handlungskompetenz wäre wichtig, Rollenbilder und Werte ebenso zu thematisieren wie Formen der medialen Inszenierung. Dazu gibt es eine Reihe von Clips, die sich direkt anbieten würden (Auswahl). Wie sie sich für welche Zielgruppe eigenen würden, einfach mal überlegen:

BibisBeautyPalace: Der 10kg Speck weg Gürtel Beitrag (ab Minute 9:00)

Dagi Bee: Schönheitswahn

Marie Meinmberg: Ich bin nicht eure Freundin

Gronkh: Wahre Schönheit kommt von Innen

Galileo: Was tun deutsche Männer alles, um gut auszusehen?

Sarazar: BATTLEGROUNDS – DER BESTE ANFANG EVER

 Partizipation: Youtube bietet durch seine große Bekanntheit und die einfache Bedienbarkeit eine geeignete Plattform, um eigene Videos online zu präsentieren, zu bewerben und kommentierbar zu machen. So können Partizipationsprojekte einfach in eine Social-Media-Kommunikation eingebunden werden. Einige Beispiele:

Parabol in Nürnberg: YouTube barcamp Nürnberg 2017 und der Kanal CiTyVee

Kooperationsprojekt: Partizipation im Sozialraum

Kooperationsprojekt: Projektseite Shape the Future (Beispiele auf Youtube mit Minecraft und Sims)

Projekte des Galluszentrum in Frankfurt/M.: Kanal Gallusvideos

Mesh Collective: Projektseite und der Kanal auf Youtube

Gesellschaftliche Mitverantwortung: Unter gesellschaftliche Mitverantwortung verstehe ich, sich mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen und seine eigene Verantwortung anzunehmen. Da zählen dann beispielsweise auch die Themen „Recht am eigenen Bild“, „Urheberrecht (Bilder, Musik)“, „Datenschutz“, „Algorithmen“, „Werbung (Produktplacement/Influencer Marketing/virales Marketing)“, „BigData (Googles Video-Analyse)“, „Umgang mit Kommentaren (Hate-Speech und Erwiderungspraxis)“, Vertragsrecht (Partnerprogramm, Agenturverträge) und die politischen Regularien (Parteien/NGOs/Lobbyismus/Gesetze und Verordnungen…)…

Simon Unge: über seinen „Knebelvertrag“ und #freiheit

Philipp Collin: Youtube Analytics

watchyourweb.de: ein abgeschlossenes Projekt der „IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.“  zum Thema Datenschutz/ Privatsspäre Projektseite und YT-Kanal

Productplacement: Report (Mainz) Beitrag

Kooperationsprojekt: Ingelheimer Youtubecamp 2015 und 2016

Dies sind nur einige ausgewählte Ansätze. Zu Youtube gäbe es noch vieles zu schreiben, ich will es heute aber einmal bei dem Teil belassen.

Wenn du noch weitere Projektideen, Anmerkungen oder eigene Erfahrungen teilen möchtest, dann ist das ausdrücklich erwünscht.

Und was Youtube und die Gesundheit angeht. Einen „gesunden Umgang“ mit sozialen Netzwerken lernt man durch eine Auseinandersetzung mit ihnen. Absinenz bringt keinen Kompetenzgewinn.

Süchtig nach Medien?

Manchmal steigt mein Blutdruck und der Ärger. In der Regel verursacht durch Meldungen, die durch ihre reißerische Aufmachung auf etwas aufmerksam machen wollen, das dann doch „milder“ als die Aufmachung ausfällt. Meist trifft das auf Meldungen zu, die in (uns allen Bekannten) Tageszeitungen oder Magazinen erscheinen. Manchmal trifft es aber auch meine eigene Organisation, die Evangelische Kirche. So auch diese Woche.

Meine Aufmerksamkeit erregte ein Twitter-Feed, in dem „die EKHN“ twitterte, dass mindestens 500.000 Menschen von Internetsucht betroffen sind. In diesem Feed war wiederum ein Link zur Homepage der EKHN, auf dem das entsprechende Thema unter der Überschrift „Klick-klick-klick – Internetsucht könnte bald als Krankheit anerkannt sein“ erörtert wird. Unter der Überschrift dann ein Anreißtext, in dem wiederum steht „Mindestens eine halbe Million Menschen in Deutschland sind von Internetsucht betroffen.“ Kein „sollen von..“ oder „könnten…“. Nein. Sie sind es! Im Text selber wird dann die Quelle benannt: „Als internetabhängig gelten in Deutschland nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) derzeit rund 560.000 Menschen – mit hoher Dunkelziffer.“ Im Text heißt es dann weiter „Internetsucht ist noch nicht als Krankheit anerkannt“.  Also sind in der Summe über 500.000 Menschen in Deutschland an einer Krankheit erkrankt (ja, Sucht ist eine Krankheit), die aber (noch) nicht als Krankheit anerkannt ist? Eine interessante Konstruktion.

Schaut man dann auf die Homepage der Drogenbeautragten der Bundesregierung, Frau Mortler, ist folgendes zu lesen: „Unter verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ oder „Internetsucht“ werden derzeit internetbezogene bzw. mediennutzungsbezogene Verhaltensweisen zusammengefasst. Während für den Bereich des Computerspielens weitgehende Einigkeit besteht, dass dieses Verhalten deutliche Parallelen zu einem Suchtverhalten aufweist, ist derzeit noch nicht geklärt, ob die Nutzung sozialer Netzwerke, Chatten oder die Informationssuche ebenso den Verhaltenssüchten zuzuordnen sind.“ (Quelle)

Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da werden unterschiedliche Verhaltensweisen im Umgang mit Medien unter verschiedenen Begriffen zusammengefasst und in einen Begriff gegossen: „Sucht“. Wobei ja „nur“ Parallelen festgestellt weden. Ob das auch für die Mediennutzung außerhalb von Computerspielen gilt, ist noch nicht geklärt. Leute, mit einer solchen Rumeierei hätte ich mein Diplom als Soziologe niemans bekommen! Aber es geht noch weiter. Ich habe mir die vorliegende Zusammenfassung der Studie angeschaut. Da ist dann zu lesen, dass in der Altersgruppe der 12 – 17 jährigen 5,8% eine Computerspiel- oder internetbezogene Störung aufweisen. Weibliche Jugendliche sind dabei mit 7,1 % stärker betroffen als männliche Jugendliche (4,5%). Diese Zahlen sind insofern interessant, zählen doch gerade männliche Jugendliche eher zur Gruppe der Computerspieler, weibliche eher zur Gruppe derjenigen, die viel Chatten. „Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede bestehen in der Häufigkeit mit der männliche und weibliche 12- bis 17-jährige Jugendliche Computerspiele spielen. Jeder dritte männliche Jugendliche (36,2 %) aber nur jede neunte weibliche Jugendliche (11,3 %) spielt täglich Computerspiele.“ (Studie, S. 22) Gerade für den Bereich des Chattens liegen aber kaum nutzbare Erkenntnisse vor (siehe oben). Was dann noch folgt ist ein Feuerwerk an unterschiedlichen Begriffen. Da wird dann unterschieden zwischen Internetabhängigkeit, internetbezogene Störung, Computerspielsucht, exzessiver Internetgebrauch, problematischer Interntgebrauch und pathologischer Internetgebrauch. Fest steht: „Im aktuellen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) wird der Begriff der Störung verwendet (American Psychiatric Association, 2013). Das DSM-5 beschränkt sich auf Probleme in Zusammenhang mit Online-Spielen (Internet Gaming Disorder).“ (Studie, S. 10) Da scheint es doch ein starkes Operationalisierungsproblem (wie was nach welchen Kriterien wohin einordnen) zu geben. Zumindest mir als Soziologen drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Forschung da noch nicht ganz entschieden hat.

Was aber ist denn diese Internetsucht? Oder Computerspielsucht? Oder Störung.

Grundlage ist eine Bewertung des Verhaltens, dass aus der Suchtforschung für stoffgebundene Süchte stammt. Auf der Homepage von „Keine Macht den Drogen“ finden sich folgende Kriterien:

Kriterien für Internetsucht

Damit man wirklich von Internetsucht sprechen kann, müssen nach den Psychologen Hahn und Jerusalem von der Humboldt-Universität 5 Kriterien zutreffen:

  • Einengung des Verhaltensraums: Es wird über einen längeren Zeitraum der größte Teil der zur Verfügung stehenden Zeit mit Computer und Internet verbracht. Dies geht nicht nur zulasten von anderen Freizeitbeschäftigungen. Es werden auch weitere wichtige Lebensbereiche wie Familie, Freundschaften, Schule, Arbeit und sogar Essen und Körperhygiene vernachlässigt.
  • Kontrollverlust: Alle Versuche, die Computer- und Internetnutzung einzuschränken oder zu unterbrechen, scheitern. Gute Vorsätze können nicht eingehalten werden.
  • Toleranzentwicklung: Es muss zunehmend mehr Zeit im Internet verbracht werden, um die angestrebte positive Stimmungslage zu erreichen. In Extremfällen sind das täglich bis zu 12 Stunden und mehr.
  • Entzugserscheinungen: Typisch sind allgemeines Unwohlsein, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit und Aggressivität. Es gibt abhängige Jugendliche, die die Einrichtung zerstören und ihre Eltern tätlich angreifen, wenn diese den Zugang sperren.
  • Negative soziale Konsequenzen: Soziale Kontakte werden abgebrochen, es gibt Ärger in der Schule und/oder der Arbeit und die familiären Beziehungen leiden unter der Sucht.

Diese Kriterien nach Hahn/Jerusalem (pdf-Datei) wurden für die Diagnose von, ich nenne es jetzt mal  wie der entsprechende Verband der Fachleute  „Medienabhängigkeit“, adaptiert. Dazu steht in der Studie:

„Zur Erfassung computerspiel- und internetbezogener Störungen wurde die „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS) eingesetzt (Meerkerk, 2007). Die CIUS besteht aus 14 Fragen, mit denen ermittelt wird, wie häufig bestimmte Probleme in Zusammenhang mit der Nutzung des Internets erlebt werden. Die Problembereiche, die die CIUS erfasst, sind Kontrollverlust (d. h. man verbringt mehr Zeit im Internet als beabsichtigt oder versucht erfolglos, das Internet weniger zu nutzen), starke Eingenommenheit (d. h. man beschäftigt sich gedanklich stark mit dem Internet oder zieht die Internetnutzung anderen Dingen vor), Entzugssymptome (d. h. man fühlt sich unruhig oder gereizt, wenn man das Internet nicht nutzen kann), um Internetnutzung zur Verbesserung der Stimmung und schließlich Konflikte durch die Internetnutzung – entweder mit anderen, mit sich selbst oder mit eigenen Aufgaben und Verpflichtungen. Die 14 Fragen werden im Interview in zufälliger Reihenfolge gestellt. Die  Antwortmöglichkeiten reichen von „nie“ über „selten“, „manchmal“ und „häufig“ bis „sehr häufig“, für die aufsteigend null bis vier Punkte vergeben werden. Der Gesamtwert der CIUS ist die Summe aller Punkte, die in den 14 Fragen erzielt werden. Theoretisch kann er null (14 mal „nie“ genannt) bis 56 Punkte (14 mal „sehr häufig“ genannt) betragen.“

Erhält man so 20-29 Punkte, wird man zu denjenigen gerechnet, die ein problematisches bis riskantes Nutzungsverhalten zeigen, ab 30 Punkte wird von einer internetbezogenen Störung ausgegangen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die in der Studie enthaltene differenzierte Darstellung der Kennzeichen von einzelnen Personengruppen eingehen. Bevor ich zu meiner eigenen Haltung zur Thematik komme, noch einen bezeichnenden Satz aus der Studie: „Bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen Erwachsenen liegt laut CIUS vermutlich eine computersiel- bzw. internetbezogene Störung vor.“

Das Schlüsselwort, dass in mein Soziologenauge sticht ist „vermutlich“. Ich würde mir wünschen, hier wäre die Studie etwas klarer in der Benennung. Scheinbar kann sie das nicht. Auf weitere kleine Schwächen der Studie will ich hier nicht eingehen.
Eine Formulierung wie auf der EKHN Seite oder im eingangs genannten Twitter-Feed „sind von Internetsucht betroffen“ hätte sich mit einem Blick in die Studie aber hoffentlich erübrigt. Es liegt, das sei an dieser Stelle auch gesagt, nicht an der fehlenden Recherche der EKHN, die den Artikel vom Evangelischen Pressedienst übernommen hat (epd Wochenspiegel Nr.17/2017, S.21).

Zum Schluss noch ein paar Amnerkungen in eigener Sache:

Weil ich zur Frage der „Mediensucht“ immer wieder einmal als Referent angefragt werde: Ich bin kein Mediziner und kein Psychologe. Ich beobachte die Entwicklung für meine Dienststelle und bin Mitglied im Fachforum Mediensucht, in dem sich Fachleute aus den unterschiedlichen Proffessionen austauschen. Daher kann ich aus soziologischer Perspektive sozusagen einen Metablick auf die Entwicklung werfen. Dieser wiederum ist sehr differenziert. Zum Abschluss einige Thesen:

  1. Eine Krankheit, die es nicht gibt, kann nicht hieb- und stichfest diagnostiziert werden. Daher sind weitere Forschungen in diesem Bereich sinnvoll. Denn nur, weil etwas nicht klar diagnostizierbar ist, heißt nicht, dass es diese Krankheit nicht gibt. Aber bitte, um Stigmatisierungen zu verhindern: gründlich und nachprüfbar!
  2. Es gibt eindeutige Fälle, in denen die Kriterien ohne wenn und aber zutreffen. Ich persönlich kenne Menschen, die nach diesen Kriterien absolut „krank“ waren, selbst aber wieder aus dem „Strudel des Intenets“ herausgekommen sind. Und andere, die eine therapeutische Unterstützung benötigten.
  3. Es gibt Menschen, die Hilfe erwarten. Ihnen muss geholfen werden, ob sie nun „krank“ sind oder nicht. Im Fachforum Mediensucht vermitteln wir an die entsprechenden Stellen.
  4. Der Begriff der Sucht sollte präziser verwendet werden. Computerspielende Menschen, besonders Jugendliche, sind häufig Ziel von Zuschreibungen, die ihnen in keinster Weise gerecht werden. daher haben wir in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Drogenberatung ein Konzept entwickelt, dass es Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlchen ermöglicht, eine professionelle, differenzierte Haltung einzunehmen. Das tut den Profis und den Kindern und Jugendlichen gut und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

In diesem Sinne: Vertraut nicht der Oberfläche, schaut darunter. Zumindest dann ermöglicht es einen klareren Blick aufs Ganze.

P.S. Die gleiche Studie brachte es beim Deutschlandfunk auf „nur“ 300.000 Internetsüchtige (Quelle), beim Unicum-Magazin waren es laut der gleichgen Studie „etwa 270.000“ (Quelle). Wenn du ein Interesse am Fakten-Check hast, dann versuche doch einmal herauszufinden, wieviel Menschen denn 5,8 % der 12 – 17 jährigen im Jahr 2015 (Jahr der Befragung) faktisch waren. Wer die tatsächliche Zahl herausfindet, kann sie gerne hier in die Kommentare schreiben.