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Smartphones machen Säuglinge und Kinder krank

Zu viele Bücher Comics Walkmans Fernsehen Smartphones machen Kinder krank. Hinter Überschriften wieWie Smartphones schon Säuglinge und Kinder krank machen“ (Augsburger Allgemeine) und „Smartphones machen Kinder krank“ (Neue Züricher Zeitung und diagnose-funk.org) stehen Meldungen über die Ergebnisse der sogenannten BLIKK-Studie. Dabei handelt es sich um eine Studie im Rahmen eines Projektes, das sich auf der Homepage folgendermaßen beschreibt:

„Das Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der RFH Köln (iMöV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben gemeinsam das Projekt „BLIKK-Medien – Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Krankheiten – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien“ entwickelt. Der Deutschen Kinderschutzbund und die Deutsche Sportjugend wurden als Kooperationspartner in das Projekt integriert. Mit der Übernahme der Schirmherrschaft durch die Drogenbeauftragte des Bundes bekundet auch die Politik den hohen Stellenwert des Projektes. Es soll nach nachweisbaren Zusammenhängen zwischen den Mediennutzungszeiten und möglichen psychischen sowie physischen Auffälligkeiten im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3-J1 gesucht werden.“

Als Forschungsfragen werden an gleicher Stelle definiert:

  1. Wie lässt sich ein normaler oder ein erhöhter Mediengebrauch definieren?
  2. Welche Auswirkungen hat ein erhöhter Mediengebrauch auf die körperliche, geistige, soziale und schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
  3. Haben frühzeitige Beratungs- und Informationsgespräche einen positiven Einfluss auf das Medienverhalten von Familien, Kindern- und Jugendlichen?
  4. Welche Auswirkungen haben ein erhöhtes Medienverhalten und deren gesundheitlichen Folgen auf die Gesundheitsausgaben von morgen?

Eine wichtige Fragestellung, wie ich als Sozialwissenschaftler, Fachreferent, Vater und Opa finde.

Bevor ich zu einer Einordnung der ersten Ergebnisse was Form und Inhalt angeht eingehe, einige grundlegende Erläuterungen zu wissenschaftlichen Methoden empirischer Sozialforschung. Wichtig ist mir dies wegen der Bedeutung, die Forschung und deren Ergebnisse für die öffentliche Debatten und das politisches Handeln haben. Studienergebnisse werden (vor allem hier in Deutschland) gerne genutzt, um politische Handlungen zu begründen.

Forschung besteht aus mindestens drei Schritten, dem Forschungsinteresse sowie der Erhebung und Bewertung von Daten. Beides, die Erhebung wie die Bewertung (Intrerpretation) sind geleitet von einem Erkenntnisinteresse. Das dient sozusagen als „Katalysator“. Ein kleines Beispiel:

Ich zähle die Neugeburten in einem Dorf. Seit drei Jahren steigend! Ich zähle die im Dorf nistenden Störche. Steigend. Bewertung: Weil im Dorf mehr Störche nisten, gibt es mehr Kinder. Das Ganze wird, natürlich mit einer schönen Grafik versehen, veröffentlicht. Die Daten stimmen. Der „Katalysator“ ist dabei die verschiedenen Vorannahmen, die in die Forschung einfließen:

  1. Störche und Kinder haben etwas miteinander zu tun.
  2. Es sind nicht die Anzahl der Wühlmäuse, die im gleichen Zeitraum auch gestiegen ist

Stephen Toulmin hat für die Analyse von Argumenten in seinem Werk The Use of Argument, 1958 ein Schema entwickelt, das hier (ein OER Bildungsserver!) sehr gut dargestellt ist und das ich als Grundlage meiner Bewertungen von Forschungsergebnissen nutze. Im Falle unseres Storch-Kinder-Beispiels ist es nicht logisch begründet, dass Störche und Kinder etwas miteinander zu tun haben. Dieses „Wissen“ basiert auf alten Erzählungen, nach denen die Störche die Kinder bringen. Das Wühlmäuse (oder andere Dinge) keine Bedeutung für die Interpretation der Zahlen haben ist damit begründet, dass das ja nix damit zu tun hat. Oder hast du davon schon mal was gehört?

Toulmin nennt dies nicht „Katalysator“, sondern „Schlussregel“. Die sollte, muss aber nicht, immer begründet sein. Oftmals werden Schlussregeln verwendet, die nicht dargestellt werden, sondern auf – beispielsweise – gemeinsamen Verständnis beruhen. Ja, Störche bringen eben die Kinder, das ist schon seit Generationen bekannt.
Es gibt auch immer etwas, Toulmin nennt dies „rebuttal“, also Gegenrede, die gegen die Argumentation, gegen die Anwendung der Schlussregeln steht. „Im Nachbardorf sind auch vermehrt Störche, ohne dass es zu einer Steigerung der Geburtenrate kam. Ach, das lassen wir mal weg, hat ja für unsere Forschung keine Bedeutung.“ Soweit meine kleine Grundlage, die aber für das Verständnis der empierischen Sozialforschung nach meiner Ansicht (und nach der meines damaligen Professors Dr. Dr. Mans) immens wichtig ist.

Nun aber zur BLIKK Studie. Zur Form. Ich kann hier nur sagen, dass ich es in letzter Zeit ziemlich unerträglich finde, wenn Studienergebnisse der medialen Öffentlichkeit präsentiert werden, ohne die Studie als Grundlage für eine Bewertung der Ergebnisse zugänglich zu machen. Aber hier scheint der Zweck die Mittel zu heiligen (Redensarten-Index). Am 29. Mai 2017 war es soweit. Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Pressemeldung heißt es: „Diese Studie ist ein absolutes Novum. Sie zeigt, welche gesundheitlichen Folgen Kinder erleiden können, wenn sie im digitalen Kosmos in der Entwicklung eigener Medienkompetenz allein gelassen werden, ohne die Hilfe von Eltern, Pädagogen sowie Kinder- und Jugendärzten.“ (Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung)

Dazu wurden zwei Häppchen gereicht: Ein Faktenblatt und eine Präsentation, die (wegen Überarbeitung) im Moment nicht abrufbar ist (soll im August wieder online sein). Da mir nur die Präsentation vom 29.Mai 2017 (pdf) vorliegt und ich davon ausgehe, dass die Ergebnisse dort der Wahrheit entsprechen, gehe ich nun auch auf diese Präsentation ein. Leider gibt es von der Pressekonferenz keine Audio- oder Video-Aufzeichnung. Das wäre sicherlich spannend. Falls es abweichende Ergebnisse in den Präsentationen gibt, werde ich ein Update der Bewertung veröffentlichen.

Es wurden in die Befragung 5.573 Kinder und Jugendliche im Rahmen der kinderärztlichen Untersuchungen U3 – U11 einbezogen. Methodisch wurden Eltern befragt und in 79 Praxen Untersuchung durch Kinder-/Jugendärzte durchgeführt. So ganz klar ist es nicht erkennbar, scheinbar wurden mit den Eltern (mit einem/mit beiden? Unklar!) standartisierte Befragungen mit Fragebogen durchgeführt (Fragebogen zum Lebensumfeld, Medienfragebogen, Eltern-/Jugendfragebogen (Papousek/Mannheimer), Untersuchungsbogen). Da die Fragebögen, bis auf den von Mannheimer, mir nicht vorliegen und ich sie auch nirgends gefunden habe, kann ich hier auch leider nicht darauf eingehen. Die Jugendlichen wurden mittels eines standardisierten Evaluationsbogens befragt. Die Schlüsselergebnisse im Wirkung – Ursache Vergleich:

  1. bei Säuglingen (U3 – U6) Fütter- und Einschlafstörungen … wenn die Mutter während der Säuglings-Betreuung parallel digitale Medien nutzt.
  2. bei 2-5 jährigen (U7 – U9) Motorische Hyperaktivität / Konzentrationsstörungen …bei täglicher Smartphone-Nutzung > 30 Min.
  3. Sprachentwicklungs-Störungen in Verbindung mit täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  4. 69,5% können sich weniger als zwei Stunden selbständig beschäftigen ohne die Nutzung von digitalen Medien
  5. bei 8-13 jährigen (U10 – J1 ) …motorische Hyperaktivität/ Konzentrationsschwäche in Verbindung mit einer erhöhten digitalen medialen Nutzungsdauer von > 60 Minuten
  6. Erhöhter Genuss von Süßgetränken und Süßigkeiten sowie ein erhöhter BMI bei täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  7. bei 13-14 jährigen... Selbstauskunft der Jugendlichen (J1)…Ein nennenswerter Teil der befragten Jugendlichen gab an, Probleme zu haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren und berichtet von negativen Konsequenzen ihrer Internetnutzung im Alltag…. erhöhtes Gefährdungspotential für die Entwicklung einer digitalen Mediensucht für Jugendliche

Die Elternbefragung ergab weitere berichtenswerte Ergebnisse: Auf die Frage…
Haben Sie sich schon einmal über Mediennutzung informiert ? sagten 41% der Eltern NEIN.
Besteht Beratungsbedarf für den Umgang Ihres Kindes/Jugendlichen mit Internet- oder Smartphone-Nutzung? antworten 90% mit NEIN.

Die Autor*innen der Studie führen die Entwicklungs-Auffälligkeiten bei auf eine beschränkte „Digitaler Medien-Nutzungs-Kompetenz“ zurück. Der Stellenwert des Informationsbedarfes zur optimalen Nutzung “Digitaler Medien” wird unterschätzt. Es liegt eine Fehlsteuerung (Dysregulierung) des Medien-Nutzungsverhaltens vor.

Die Forschungsgruppe macht folgende Vorschläge:

  1. Handyfreie Zonen (beispielsweise der Essentisch) und einen digitalen Führerschein. Für wen?
  2. Digitale Mediennutzung ja! Aber mal Pause machen mit …auf Bäume klettern, …kreativ sein, ….Vorbilder
    erleben, …ins Schwimmbad gehen. Mal mit Freundschaft, Abenteuer, Vertrauen, Ausdauer…KICKEN statt
    „Klicken“, BIKEN statt „Liken“ und PADDELN, statt „Daddeln“
  3. Überführung der Studie in eine Langzeitstudie

Soweit die Ergebnisse. Wie beschrieben, eine fundierte Bewertung ist erst dann möglich, wenn die ganze Studie mit ihrem Methodenteil vorliegt. Was die Ergebnisse angeht, so ist hier offen, wie die Forscher*innen zum Ergebnis kamen. Aber, und davon kann ausgegangen werden, die Ergebnisse reproduzieren gesellschaftliche Erwartungen. Leider ist nicht gesagt, welche digitalen Medien die Mütter während des Stillens genutzt haben. Ein Hörbuch? Video on Demand? Haben sie paralell ein Computerspiel gespielt? Was passierte während des Stillens in der Umgebung? Waren die Mütter alleine oder in Gesellschaft? Was ist mit den Vätern? Wichtige, leider unbeantwortete Fragen. Julia Schönborn wählte für ihren Blog-Beitrag zur BLIKK-Studie die Überschrift „Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter.“

Über die Empfehlungen möchte ich mich an dieser Stelle auch nicht groß auslassen. Sie führten schon im Netz zu Lachanfällen. Handyfreie Zohnen? Bestimmt meinen sie Smartphones, denn wer hat heute noch ein Handy? Für wen soll der digitale Führerschein sein? Die Eltern? Die Mütter? Die Kinder? Die Großeltern? Welche Inhalte? Wo weden die Punkte eingetragen. In Flensburg? Bei der NAS?

Digitale Nutzung mit Pause. Eine Selbstverständlichkeit. Kreativ sein, auf Bäume klettern, ins Schwimmbad gehen…Super. Ich würde das noch erweitern. Reiten gehen, Doppelkopf spielen (ok, beides nicht für Säuglinge!).  Für die Kleinen ab 2 Jahren würde ich sogar schon „Tempo – Kleine Schnecke“ empfehlen. dann können sie auch gleich erste Regelspiele spielen und gewöhnen sich so an das spätere Regelwerk, dass bestimmt mit digitalen F+ührerschein festgeschrieben ist. Führerschein-Klasse 5 (Bildschirmzeit bis 15 Minuten am Tag), Klasse 4 (Bildschirmzeit bis 30 Minuten/Tag)…bis hin zur Klasse 0 (Pech gehabt, heute nix Bildschirm!).

Das das Forscher*innenteam gerne weiterforschen würde war ja absehbar.

So endet die kleine Zusammenfassung mit dem Statement von Institutsleiter Prof. Dr. Riedel (Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln) dazu: „Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Da können wir uns doch alle anschließen. Einen lesenswerten, kritischen Artikel zur Studie ist in der TAZ erschienen.

Zu guter Letzt: Ergebnisse von Studien zu veröffentlichen, die politisch wirkmächtig sein wollen und sollen, ohne dass die Studie vorliegt, ist unseriös und dient einzig eigenen Interessen. Denen der Forscher*innen, denen der Drogenbeauftragten. Denen der Presse, die es schon immer gewußt haben. Den Menschen, denen einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge gerade recht kommen. Aber nicht dem öffentlichen Interesse oder gar einer kritischen gesellschaftlichen Würdigung. Hier ist eine soche Vorgehensweise eher kontraproduktiv. Aber vielleicht will sie das ja auch sein.

Beitragsbild: Pixabay

Youtube gesünder als Instagram

Ist Youtube das gesündeste unter den großen sozialen Netzwerken?

Laut einer Studie der renomierten „Royal Society for Public Health“ ist dies so. Das ist auch ein Anlass, mich mit der Plattform zu beschäftigen, auf der mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden pro Tag Videos geschaut werden.

Da ich ja aus der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Multiplikatoren komme, stelle ich die Zielgruppe auch mal in den Mittelpunkt des heutigen Blogartikels. Zu Beginn werde ich einige Sozialdaten liefern, die seit 2010 den Hintergrund meines Engagements in unterschiedlichen Projekten mit Youtube-Nutzung bilden. Anschließend werde ich Handlungsfelder für die praktische Arbeit umreißen, um dann einige (hoffentlich anregende) Youtube-Videos und -Kanäle zu nennen, mit denen man ganz gut arbeiten kann.

Ohne Zweifel, Youtube ist bei Jugendlichen, aber zunehmend auch bei Kindern, ein beliebtes soziales Netzwerk. Wie in der KIM-Studie 2016 ausgeführt, schauen 17% der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, die das Internet nutzen, sich täglich/fast täglich Videos auf Youtube an. 33% nutzen die Möglichkeit einmal/mehrmals in der Woche. Lediglich 1/3 der Kinder schauen keine Videos auf Youtube. Mit zunehmendem Alter nimmt dabei die Nutzung zu. Im Focus steht dabei vor allem die Unterhaltung. „Lustige“ Videos und Musikvideos zählen zu den meist genutzten Angeboten. Im Mittelfeld finden sich Beauty und Lifestyle Angebote, besonders von den beliebten YouTuberinnen Bianca Heinicke (BibisBeautyPalace – 4.472.100 Abonennt*innen) und Dagmar Ochmanczyk (DagiBee – 3.486.002 Abonent*innen), wobei hier ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern sichtbar wird. Mädchen sehen sehr viel häufiger als Jungen Mode-/Beautyvideos an (51 %, Jungen: 11 %). Bei den Jungs dominieren Sportvideos (52 %, Mädchen: 14 %) und Let’s-play-Videos (28 %, Mädchen: 13 %).

Für diejenigen, die mit Kindern in der Altersgruppe arbeiten, dürfte eine Erkenntnis zentral, wenn auch nicht überraschend sein: Die Nutzung von Musik-, Beauty- und Lifestyle-Videos nimmt mit steigendem Alter zu. Wie sehr Youtube auch ein Medium für die Identitätsbildung sein kann, kann sich jede*r denken. Wer sich tiefer damit auseinandersetzen möchte: Elisabeth Jäcklein, heute beim JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, hat sich bereits 2009 in ihrer Masterarbeit (pdf-Datei) mit dem Themenfeld auseinandergesetzt.

Schaut man auf die Youtube-Nutzung bei Jugendlichen zwischen 12-19 Jahren, die in der JIM-Studie 2016 beschrieben wird, so zeigt sich folgendes Bild: Die mehrmalige Nutzung von Youtube geben 86% an, 56 % nutzen Youtube täglich. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass die regelmäßige Nutzung mit zunehmendem Alter aber leicht zurückgeht (12-13=89%, 14-15=88%, 16-17=87%, 18-19=78%). Inhaltlich unterscheidet sich die Nutzung von denen der Kinder nicht besonders. Musik, „lustige“ Videos sind von größtem Interesse. Auch die geschlechtsspezifische Nutzung setzt sich fort, wobei Jungs inzwischen mehr die Let’s-play-Videos als die „lustigen“ Videos anschauen. Aber auch hier zeigt sich eine Altersentwicklung. Let’s-play-Videos verlieren mit zunehmendem Alter deutlich an Attraktivität (schau ich regelmäßig: 12-13 Jahre: 44 %, 18-19 Jahre: 21 %). Gleiches zeichnet sich bei Mädchen ab. Das Thema Mode-/Beauty verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung (12-13 Jahre: 23 %, 18-19 Jahre: 11 %).

Youtube wird als Plattform für die Veröffentlichung eigener Videos allerdings nur von wenigen genutzt (KIM-Studie 7%, JIM-Studie 2%).

Soweit ein kleiner sozialwissenschaftlicher Überblick. Interessant sollte dies spätestens dann werden, wenn man Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleitet, privat oder beruflich.

Gestern hatten wir zu Youtube eine Fortbildung für Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in der es nicht nur um die Hintergründe von Youtube (Entstehung, Geschäftsmodell und aktuelle Entwicklungen) ging, sondern auch um die Möglichkeiten der pädagogischen Intervention. Bei der pädagogischen Intervention geht es darum, die Handlungskompetenzen zu verbessern. In meinem Verständnis der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist das eine zentrale Aufgabe.  (Präsentation als pdf)

Wie aber lassen sich Handlungskompetenzen bei Kindern und Jugendlichen erhöhen? Ich sehe hier mindestens drei zentrale Schwerpunkte: Identität, Partizipation und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Identität: Wie schon oben beschrieben, spielt Youtube für viele Kinder und Jugendliche bei der Identitätsbildung eine wichtige Rolle. Auf der Ebene der Handlungskompetenz wäre wichtig, Rollenbilder und Werte ebenso zu thematisieren wie Formen der medialen Inszenierung. Dazu gibt es eine Reihe von Clips, die sich direkt anbieten würden (Auswahl). Wie sie sich für welche Zielgruppe eigenen würden, einfach mal überlegen:

BibisBeautyPalace: Der 10kg Speck weg Gürtel Beitrag (ab Minute 9:00)

Dagi Bee: Schönheitswahn

Marie Meinmberg: Ich bin nicht eure Freundin

Gronkh: Wahre Schönheit kommt von Innen

Galileo: Was tun deutsche Männer alles, um gut auszusehen?

Sarazar: BATTLEGROUNDS – DER BESTE ANFANG EVER

 Partizipation: Youtube bietet durch seine große Bekanntheit und die einfache Bedienbarkeit eine geeignete Plattform, um eigene Videos online zu präsentieren, zu bewerben und kommentierbar zu machen. So können Partizipationsprojekte einfach in eine Social-Media-Kommunikation eingebunden werden. Einige Beispiele:

Parabol in Nürnberg: YouTube barcamp Nürnberg 2017 und der Kanal CiTyVee

Kooperationsprojekt: Partizipation im Sozialraum

Kooperationsprojekt: Projektseite Shape the Future (Beispiele auf Youtube mit Minecraft und Sims)

Projekte des Galluszentrum in Frankfurt/M.: Kanal Gallusvideos

Mesh Collective: Projektseite und der Kanal auf Youtube

Gesellschaftliche Mitverantwortung: Unter gesellschaftliche Mitverantwortung verstehe ich, sich mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen und seine eigene Verantwortung anzunehmen. Da zählen dann beispielsweise auch die Themen „Recht am eigenen Bild“, „Urheberrecht (Bilder, Musik)“, „Datenschutz“, „Algorithmen“, „Werbung (Produktplacement/Influencer Marketing/virales Marketing)“, „BigData (Googles Video-Analyse)“, „Umgang mit Kommentaren (Hate-Speech und Erwiderungspraxis)“, Vertragsrecht (Partnerprogramm, Agenturverträge) und die politischen Regularien (Parteien/NGOs/Lobbyismus/Gesetze und Verordnungen…)…

Simon Unge: über seinen „Knebelvertrag“ und #freiheit

Philipp Collin: Youtube Analytics

watchyourweb.de: ein abgeschlossenes Projekt der „IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.“  zum Thema Datenschutz/ Privatsspäre Projektseite und YT-Kanal

Productplacement: Report (Mainz) Beitrag

Kooperationsprojekt: Ingelheimer Youtubecamp 2015 und 2016

Dies sind nur einige ausgewählte Ansätze. Zu Youtube gäbe es noch vieles zu schreiben, ich will es heute aber einmal bei dem Teil belassen.

Wenn du noch weitere Projektideen, Anmerkungen oder eigene Erfahrungen teilen möchtest, dann ist das ausdrücklich erwünscht.

Und was Youtube und die Gesundheit angeht. Einen „gesunden Umgang“ mit sozialen Netzwerken lernt man durch eine Auseinandersetzung mit ihnen. Absinenz bringt keinen Kompetenzgewinn.

Süchtig nach Medien?

Manchmal steigt mein Blutdruck und der Ärger. In der Regel verursacht durch Meldungen, die durch ihre reißerische Aufmachung auf etwas aufmerksam machen wollen, das dann doch „milder“ als die Aufmachung ausfällt. Meist trifft das auf Meldungen zu, die in (uns allen Bekannten) Tageszeitungen oder Magazinen erscheinen. Manchmal trifft es aber auch meine eigene Organisation, die Evangelische Kirche. So auch diese Woche.

Meine Aufmerksamkeit erregte ein Twitter-Feed, in dem „die EKHN“ twitterte, dass mindestens 500.000 Menschen von Internetsucht betroffen sind. In diesem Feed war wiederum ein Link zur Homepage der EKHN, auf dem das entsprechende Thema unter der Überschrift „Klick-klick-klick – Internetsucht könnte bald als Krankheit anerkannt sein“ erörtert wird. Unter der Überschrift dann ein Anreißtext, in dem wiederum steht „Mindestens eine halbe Million Menschen in Deutschland sind von Internetsucht betroffen.“ Kein „sollen von..“ oder „könnten…“. Nein. Sie sind es! Im Text selber wird dann die Quelle benannt: „Als internetabhängig gelten in Deutschland nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) derzeit rund 560.000 Menschen – mit hoher Dunkelziffer.“ Im Text heißt es dann weiter „Internetsucht ist noch nicht als Krankheit anerkannt“.  Also sind in der Summe über 500.000 Menschen in Deutschland an einer Krankheit erkrankt (ja, Sucht ist eine Krankheit), die aber (noch) nicht als Krankheit anerkannt ist? Eine interessante Konstruktion.

Schaut man dann auf die Homepage der Drogenbeautragten der Bundesregierung, Frau Mortler, ist folgendes zu lesen: „Unter verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ oder „Internetsucht“ werden derzeit internetbezogene bzw. mediennutzungsbezogene Verhaltensweisen zusammengefasst. Während für den Bereich des Computerspielens weitgehende Einigkeit besteht, dass dieses Verhalten deutliche Parallelen zu einem Suchtverhalten aufweist, ist derzeit noch nicht geklärt, ob die Nutzung sozialer Netzwerke, Chatten oder die Informationssuche ebenso den Verhaltenssüchten zuzuordnen sind.“ (Quelle)

Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da werden unterschiedliche Verhaltensweisen im Umgang mit Medien unter verschiedenen Begriffen zusammengefasst und in einen Begriff gegossen: „Sucht“. Wobei ja „nur“ Parallelen festgestellt weden. Ob das auch für die Mediennutzung außerhalb von Computerspielen gilt, ist noch nicht geklärt. Leute, mit einer solchen Rumeierei hätte ich mein Diplom als Soziologe niemans bekommen! Aber es geht noch weiter. Ich habe mir die vorliegende Zusammenfassung der Studie angeschaut. Da ist dann zu lesen, dass in der Altersgruppe der 12 – 17 jährigen 5,8% eine Computerspiel- oder internetbezogene Störung aufweisen. Weibliche Jugendliche sind dabei mit 7,1 % stärker betroffen als männliche Jugendliche (4,5%). Diese Zahlen sind insofern interessant, zählen doch gerade männliche Jugendliche eher zur Gruppe der Computerspieler, weibliche eher zur Gruppe derjenigen, die viel Chatten. „Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede bestehen in der Häufigkeit mit der männliche und weibliche 12- bis 17-jährige Jugendliche Computerspiele spielen. Jeder dritte männliche Jugendliche (36,2 %) aber nur jede neunte weibliche Jugendliche (11,3 %) spielt täglich Computerspiele.“ (Studie, S. 22) Gerade für den Bereich des Chattens liegen aber kaum nutzbare Erkenntnisse vor (siehe oben). Was dann noch folgt ist ein Feuerwerk an unterschiedlichen Begriffen. Da wird dann unterschieden zwischen Internetabhängigkeit, internetbezogene Störung, Computerspielsucht, exzessiver Internetgebrauch, problematischer Interntgebrauch und pathologischer Internetgebrauch. Fest steht: „Im aktuellen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) wird der Begriff der Störung verwendet (American Psychiatric Association, 2013). Das DSM-5 beschränkt sich auf Probleme in Zusammenhang mit Online-Spielen (Internet Gaming Disorder).“ (Studie, S. 10) Da scheint es doch ein starkes Operationalisierungsproblem (wie was nach welchen Kriterien wohin einordnen) zu geben. Zumindest mir als Soziologen drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Forschung da noch nicht ganz entschieden hat.

Was aber ist denn diese Internetsucht? Oder Computerspielsucht? Oder Störung.

Grundlage ist eine Bewertung des Verhaltens, dass aus der Suchtforschung für stoffgebundene Süchte stammt. Auf der Homepage von „Keine Macht den Drogen“ finden sich folgende Kriterien:

Kriterien für Internetsucht

Damit man wirklich von Internetsucht sprechen kann, müssen nach den Psychologen Hahn und Jerusalem von der Humboldt-Universität 5 Kriterien zutreffen:

  • Einengung des Verhaltensraums: Es wird über einen längeren Zeitraum der größte Teil der zur Verfügung stehenden Zeit mit Computer und Internet verbracht. Dies geht nicht nur zulasten von anderen Freizeitbeschäftigungen. Es werden auch weitere wichtige Lebensbereiche wie Familie, Freundschaften, Schule, Arbeit und sogar Essen und Körperhygiene vernachlässigt.
  • Kontrollverlust: Alle Versuche, die Computer- und Internetnutzung einzuschränken oder zu unterbrechen, scheitern. Gute Vorsätze können nicht eingehalten werden.
  • Toleranzentwicklung: Es muss zunehmend mehr Zeit im Internet verbracht werden, um die angestrebte positive Stimmungslage zu erreichen. In Extremfällen sind das täglich bis zu 12 Stunden und mehr.
  • Entzugserscheinungen: Typisch sind allgemeines Unwohlsein, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit und Aggressivität. Es gibt abhängige Jugendliche, die die Einrichtung zerstören und ihre Eltern tätlich angreifen, wenn diese den Zugang sperren.
  • Negative soziale Konsequenzen: Soziale Kontakte werden abgebrochen, es gibt Ärger in der Schule und/oder der Arbeit und die familiären Beziehungen leiden unter der Sucht.

Diese Kriterien nach Hahn/Jerusalem (pdf-Datei) wurden für die Diagnose von, ich nenne es jetzt mal  wie der entsprechende Verband der Fachleute  „Medienabhängigkeit“, adaptiert. Dazu steht in der Studie:

„Zur Erfassung computerspiel- und internetbezogener Störungen wurde die „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS) eingesetzt (Meerkerk, 2007). Die CIUS besteht aus 14 Fragen, mit denen ermittelt wird, wie häufig bestimmte Probleme in Zusammenhang mit der Nutzung des Internets erlebt werden. Die Problembereiche, die die CIUS erfasst, sind Kontrollverlust (d. h. man verbringt mehr Zeit im Internet als beabsichtigt oder versucht erfolglos, das Internet weniger zu nutzen), starke Eingenommenheit (d. h. man beschäftigt sich gedanklich stark mit dem Internet oder zieht die Internetnutzung anderen Dingen vor), Entzugssymptome (d. h. man fühlt sich unruhig oder gereizt, wenn man das Internet nicht nutzen kann), um Internetnutzung zur Verbesserung der Stimmung und schließlich Konflikte durch die Internetnutzung – entweder mit anderen, mit sich selbst oder mit eigenen Aufgaben und Verpflichtungen. Die 14 Fragen werden im Interview in zufälliger Reihenfolge gestellt. Die  Antwortmöglichkeiten reichen von „nie“ über „selten“, „manchmal“ und „häufig“ bis „sehr häufig“, für die aufsteigend null bis vier Punkte vergeben werden. Der Gesamtwert der CIUS ist die Summe aller Punkte, die in den 14 Fragen erzielt werden. Theoretisch kann er null (14 mal „nie“ genannt) bis 56 Punkte (14 mal „sehr häufig“ genannt) betragen.“

Erhält man so 20-29 Punkte, wird man zu denjenigen gerechnet, die ein problematisches bis riskantes Nutzungsverhalten zeigen, ab 30 Punkte wird von einer internetbezogenen Störung ausgegangen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die in der Studie enthaltene differenzierte Darstellung der Kennzeichen von einzelnen Personengruppen eingehen. Bevor ich zu meiner eigenen Haltung zur Thematik komme, noch einen bezeichnenden Satz aus der Studie: „Bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen Erwachsenen liegt laut CIUS vermutlich eine computersiel- bzw. internetbezogene Störung vor.“

Das Schlüsselwort, dass in mein Soziologenauge sticht ist „vermutlich“. Ich würde mir wünschen, hier wäre die Studie etwas klarer in der Benennung. Scheinbar kann sie das nicht. Auf weitere kleine Schwächen der Studie will ich hier nicht eingehen.
Eine Formulierung wie auf der EKHN Seite oder im eingangs genannten Twitter-Feed „sind von Internetsucht betroffen“ hätte sich mit einem Blick in die Studie aber hoffentlich erübrigt. Es liegt, das sei an dieser Stelle auch gesagt, nicht an der fehlenden Recherche der EKHN, die den Artikel vom Evangelischen Pressedienst übernommen hat (epd Wochenspiegel Nr.17/2017, S.21).

Zum Schluss noch ein paar Amnerkungen in eigener Sache:

Weil ich zur Frage der „Mediensucht“ immer wieder einmal als Referent angefragt werde: Ich bin kein Mediziner und kein Psychologe. Ich beobachte die Entwicklung für meine Dienststelle und bin Mitglied im Fachforum Mediensucht, in dem sich Fachleute aus den unterschiedlichen Proffessionen austauschen. Daher kann ich aus soziologischer Perspektive sozusagen einen Metablick auf die Entwicklung werfen. Dieser wiederum ist sehr differenziert. Zum Abschluss einige Thesen:

  1. Eine Krankheit, die es nicht gibt, kann nicht hieb- und stichfest diagnostiziert werden. Daher sind weitere Forschungen in diesem Bereich sinnvoll. Denn nur, weil etwas nicht klar diagnostizierbar ist, heißt nicht, dass es diese Krankheit nicht gibt. Aber bitte, um Stigmatisierungen zu verhindern: gründlich und nachprüfbar!
  2. Es gibt eindeutige Fälle, in denen die Kriterien ohne wenn und aber zutreffen. Ich persönlich kenne Menschen, die nach diesen Kriterien absolut „krank“ waren, selbst aber wieder aus dem „Strudel des Intenets“ herausgekommen sind. Und andere, die eine therapeutische Unterstützung benötigten.
  3. Es gibt Menschen, die Hilfe erwarten. Ihnen muss geholfen werden, ob sie nun „krank“ sind oder nicht. Im Fachforum Mediensucht vermitteln wir an die entsprechenden Stellen.
  4. Der Begriff der Sucht sollte präziser verwendet werden. Computerspielende Menschen, besonders Jugendliche, sind häufig Ziel von Zuschreibungen, die ihnen in keinster Weise gerecht werden. daher haben wir in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Drogenberatung ein Konzept entwickelt, dass es Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlchen ermöglicht, eine professionelle, differenzierte Haltung einzunehmen. Das tut den Profis und den Kindern und Jugendlichen gut und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

In diesem Sinne: Vertraut nicht der Oberfläche, schaut darunter. Zumindest dann ermöglicht es einen klareren Blick aufs Ganze.

P.S. Die gleiche Studie brachte es beim Deutschlandfunk auf „nur“ 300.000 Internetsüchtige (Quelle), beim Unicum-Magazin waren es laut der gleichgen Studie „etwa 270.000“ (Quelle). Wenn du ein Interesse am Fakten-Check hast, dann versuche doch einmal herauszufinden, wieviel Menschen denn 5,8 % der 12 – 17 jährigen im Jahr 2015 (Jahr der Befragung) faktisch waren. Wer die tatsächliche Zahl herausfindet, kann sie gerne hier in die Kommentare schreiben.

Bilder der Digitalisierung

Als Mensch, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt, werde ich öfter nach meiner Einstellung zur Digitalisierung gefragt. Wird sie uns weiterbringen? Werden unsere Kinder Dinge, die wir Erwachsenen heute noch können, nicht mehr können? Wir wird die Welt in 10 Jahren aussehen, laufen wir dann alle mit einem Chip-Implantat rum?

Meine Standardantwort lautet immer „Die Gesellschaft verändert sich ständig und mit der Digitalisierung verändert sie sich einmal mehr. Schneller. Wer hätte sich vor 30 Jahren, als ich meinen ersten privaten Computer hatte, einmal vorstellen können, dass ein Gerät, das heute in die Hostentasche passt (Smartphone), die Leistung meines ersten PCs um ein vielfaches übertrifft? Inn unserem Haushalt hatten wir in den 60er Jahren kein eigenes Telefon. Wenn ich einmal später nach hause kommen wollte, rief ich bei einer Nachbarin an, die dann meiner Mutter Bescheid sagte. Heute ist faktisch in allen Haushalten mindestens ein Telefon vorhanden, selbst über die Hälfte aller Kinder zwischen 6 und 13 Jahren haben in Deutschland ein eigenes Handy oder Smartphone. (Quelle pdf-Datei)

Wie man Entwicklungen wahrnimmt, ob positiv oder negativ, ist allerdings von Wertehaltungen abhängig. Die Fähigkeit, sich mittels einer analogen Landkarte in der Umgebung zu orientieren, wird sicherlich geringer, wenn das nicht (mehr) erlernt wird. Aber ist das schlimm? Sicher, wir geben Kompetenzen an technische Systeme ab. Diese Abgabe an Kompetenzen ist aber nichts, was mit der Digitalisierung begonnen hat. Die Fähigkeit, sich ohne Karte zu orientieren (beispielsweise anhand von Moosbewuchs an Bäumen oder anhand des Standes von Himmelskörpern), ist im Laufe der gesellschaaftlichen Entwicklung merklich zurückgegangen. Wird das noch in der Schule oder im Elternhaus gelernt? Können Menschen in unserer Gesellschaft noch etwas mit Sätzen wie „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steigt sie hoch hinauf, im Westen wird sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn.“ anfangen? Meine Erfahrung aus ökologischen Seminaren, die ich in den 90er Jahren geleitet habe ist, dass junge Erwachsene fast immer 10 Automarken, aber keine 10 Baumarten benennen können. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Informationen, die für unser alltägliches Leben nicht benötigt werden, können wir abspeichern – müssen dies aber nicht.

Das innere Bild, das über die Digitalisierung in uns entsteht, wird einerseits von der öffentlichen Berichterstattung und andererseits von persönlichen Beobachtungen geprägt. Die Berichterstattung in den Medien ist dabei häufig von negativen Auffälligkeiten gekennzeichnet, denn diese verkaufen sich besser als der normale, ereignisarme Alltag. „Mein Kind, ein Smartphonejunkie“, wird eher beachtet als „Psychologen warnen Eltern und Lehrer, alarmistische Thesen zu verinnerlichen.“, eine Zeile aus dem selben Artikel. Solche Bilder verinnerlichen wir aber dann gerne, wenn es mit unserer Beobachtung „Wenn das Handy zur Droge wird“ kombinierbar ist.

Daher ist es von Vorteil, wenn wir unsere Beobachtungen immer wieder durch Ergebnisse der Sozialforschung ergänzen. So gelingt es mir, Einstellungen und innere Bilder mit einschlägigen Studien abzugleichen und – falls erforderlich – zu korrigieren.

In Deutschland gibt es verschiedene Studien, die die Entwicklung der Digitalisierung in Teilbereichen nachzeichnen. Drei Studien sind besonders bekannt: Die KIM und die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest die den Medienbesitz und das Medienhandlen von 6-19 jährigen nachzeichnen, sowie die ARD/ZDF Onlinestudie, die Aussagen zum Medienbesitz und zur Mediennutzung der Gesamtbevölkerung bereithält. Bekannt ist auch der D21-Digital-Index (früher mal unter dem Namen (N)Onliner-Studie bekannt), der nicht nur Zahlen und Aussagen zur Internetnutzung, sondern auch zu Kompetenzen bereitstellt. Das Hans-Bredow-Institut, 1950 als gemeinnützige Stiftung gegründet, liefert auch immer wieder belastbare, gut recherchierte Forschungsergebnisse und ist thematisch breit gefächert. So finden sich hier beispielsweise das Forschungs-Monitoring „Aufwachsen mit digitalen Medien“, Projekte wie „Analyzing Governance Structures of Social Media“ und „Soziale Medien und vernetzte Öffentlichkeiten“ oder auch „Mobile Internetnutzung im Alltag von Kindern und Jugendlichen„. Für die Schweiz gibt es eine der JIM-Studie vergleichbare Datenerhebung und Interpretation, die JAMES- Studie.

Neben diesen Studien, die keine komerziellen Interessen verfolgen, gibt es eine Reihe von Studien, die bestimmte Personengruppen in den (komerziellen) Blick nehmen. Der Branchenverband BITCOM, als Zusammenschluss mehrerer Verbände der Digitalwirtschaft, in denen Unternehmen aus dem Digitalbereich organisiert sind, veröffentlicht auch immer wieder interessante Studien und Nachrichten zum Thema Digitalisierung. Sechs Verlagshäuser, die Printmedien herausgeben, lassen die „Begeisterung für Printmedien“ untersuchen, vor allen Dingen für die Marketing- und Werbeplanung.

Einen umfassenden Überblick über Studien, die das mediale Leben von Kindern und Jugendlichen beleuchten, findet ihr hier.

Mit Hilfe der Sozialforschung kann es gelingen, die inneren Bilder abzugleichen, damit wir nachher nicht eine solche Vorstellung von der Zukunft (Youtube) haben. 2014 habe ich in einem Videoprtojekt mit Jugendlichen einmal ihre Vorstellungen vom Internet der Dinge (IoT) thematisiert und es wurden interessante Einblicke (Bsp. Playstation sperrt Freundin aus (Youtube) in die Gedankenwelt der Jugendlichen ermöglicht.

Das gute Leben in der digitalen Welt (Youtube) wartet auf uns.