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Die EKHN und Social Media

Am vergangenen Samstag fand in der Evangelischen Hochschule Darmstadt der zweite Social Media Tag der EKHN statt. Circa 100 Menschen waren mit den unterschiedlichesten Erwartungen gekommen. Da waren diejenigen, die für die Arbeit in ihrer Gemeinde Anregungen suchten, diejenigen, die für sich Klarheit über die Nutzung von Facebook & Co bekommen wollten und diejenigen, die mit dieser Veranstaltung auch ein neues Land betreten haben und grundlegende Fragen mitbrachten.

Der Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, erzählte zu Beginn aus seinen Erfahrungen mit Social Media auf Facebook und gab uns Einblicke in die Reise, die er gemeinsam mit anderen Menschen (siehe Eindrücke des Diakoniepräsidenten) aus der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) nach Silicon Valley unternommen hatte. Einige seiner Erkenntnisse, die ich für Schlüssel zum Verständnis dessen, was im Bereich Social Media momentan vor sich geht, möchte ich hier darstellen und in einen Zusammenhang mit meinen Überlegungen zur strategischen Ausrichtung der Evangelischen Kirche in Fragen der Digitalisierung stellen.

  1. Zu Beginn seiner Ausführungen (siehe Videoaufzeichnung) merkte er an, dass eine Liveübertragung des gesprochenen Wortes etwas anderes ist, als die Rede in „geschützten Räumen“, wo nur intern gesprochen wird. „Geschützte Räume“ und „öffentliche Rede“ schließen einander nicht aus, beides ist wichtig.
  2. Postings auf Facebook, so merkt er an, sind dann besonders erfolgreich, gemessen an der Anzahl derjenigen, die sich das angeschaut haben, wenn dienstlich und privat zusammengehen. Hier, so denke ich, ist ein sehr wichtiger Punkt angesprochen, der so etwas wie ein Schlüssel zum Verständnis der Wirkung von Social Media aunacht: Die Person postet, authentisch, menschlich. Das das nicht immer nur Ereignisse sein müssen, sondern auch mit Verkündigungspostings „klappt“, hat ihn „total überrascht„. Mich nicht, denn auch hier tritt die Person in den Vordergrund. Glaubhaft, eben authentisch. Er merkte auch an, dass es nicht so funktioniert, wenn man ganze Predigten postet. Diese Erfahrungen sind wichtig, denn die Predigt ist in der Regel ein längerer Text, in dem die Person des Predigers verblasst.
  3. Die EKHN hat für die Bewerbung der Veranstaltung auf Facebook Geld bezahlt (unter 20 Euro!) Interessant war, dass Facebook die Werbung nicht bei der ganzen gebuchten Zielgruppe geschaltet hatte, da Bilder zuviel Text beinhalteten. (Zur Überprüfung hat Facebook ein sogenanntes Text-Overlay-Tool, bei dem es heißt: „Wenn der Textanteil im Bild zu hoch ist, erreichen deine Werbeanzeigen möglicherweise nicht die gesamte Zielgruppe.“) Jung führt weiter aus, dass die „organische Reichweite“ (= die Gesamtzahl der Personen, die die Beiträge durch unbezahlte Verbreitung gesehen haben) bei 1661 Personen, die „bezahlte Reichweite“ bei 552 Personen lag. Hier zeigt sich, dass die Bewerbung einer Veranstaltung durchaus auch Personen erreicht (hier knapp 1/4), die sonst wahrscheinlich keine Kenntnis von der Veranstaltung erlangt hätten. Es ist im Einzelfall auf jeden fall eine Überlegung wert, ob bezahlte Werbung einen Sinn macht.
  4. Der Besuch im Silikon Valley sollte gemeinsame Gedanken über eine Digital-Strategie der EKD ermöglichen: Welche Impulse sollen von der EKD ausgehen? Eine erste Erkenntnis: Die Nutzerorientierung steht an erster Stelle. „Es wird überall im Sillikon Valley gefragt: Was brauchen die Menschen, was hilf ihnen, was nutzt ihnen?„. Diese Grundhaltung ist überall anzutreffen. Es wurde geschaut, worin die Schnittmenge besteht. Facebook + Kirche = beide betreiben Communitybuilding! „Die Schnittmenge ist außerordentlich groß!“ Facebook. Google & Co fragen, so Jung „Was können wir tun, um diese Welt zu verbessern?“ Auch das, so Jung, ist eine Grundhaltung. Das damit Geld verdient werden kann, macht diese Grundhaltung nicht kleiner. In vielen Gesprächen, die ich führe wird dies immer angezweifelt. „Denen geht es nur ums Geld, das mit dem „Gutes tun“ ist Teil der (verlogenen) Geschäftspolitik. Ich persönlich glaube das allerdings nicht. Wenn ich die Texte und Statements der bekannteren Leute aus dem Silicon Valley lesen (oder lim Stream anhöre), dann tritt das Motiv immer wieder in den Vordergrund. Als ich einmal das Buch „Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft“ von Eric Schmidt (Chef von Alphabet Inc.) und Jared Cohen (Gründer und Präsident von Jigsaw) las, wurde mir das lebhaft deutlich, wenn ich auch öfter den Kopf schütteln musste. Das sind aber dann auch die Stellen, an denen meine Denkstrukturen nicht ausreichen, um all das nachvollziehen zu können.
  5. Jung zeigte die „Roadmap“ von Facebook (vergleichbar mit Google), die in drei Richtungen geht: A.) Connectivity = Vernetzung weltweit. Alle Menschen soll der Zugang zum Internet ermöglicht werden. B.) Künstliche Inteligenz (AI) und c.) virtuelle und erweiterte Realität (VR/AR). Ein Besuch bei einem StartUp von „Plug and Play“ zeigt exemplarisch, wie im Silicon Valley gearbeitet wird: Was könnten Menschen brauchen und welche Produkte stellen wir zur Befriedigung her? Jung zeigt das am Beispiel eines – ich nenne es mal „Zukunftspiegel“ – wie das beispielsweise mit erweiterter Realität funktioniert. Im Raum wird gelächelt, doch meine Enkel werden das später (wenn es sich durchsetzt) mal als „normal“ betrachten. Brave new world? Im Rückblick erscheint heute vieles als „normal“, was wir vor 10 Jahren belächelt haben!
  6. KP Jung berichtet außerdem von einen Gottesdienst einer Gemeinde, der von vier Kameras aufgezeichnet, anschließend geschnitten und veröffentlicht wird. Selbstverständlich hat die Gemeinde vorher über Social Media den Besuch angekündigt und Helfer*innen organisiert.
  7. Es werden sich Dinge entwickeln, über die wir garnicht richtig entscheiden können„, so rundet Jung seinen kleinen Einblick in zukünftige Entwicklungen ab. Manche Entwicklungen sieht er dabei überaus kritisch, er sieht aber auch unglaubliche Möglichkeiten. Verschiedene Fragen stellen sich. „Wir müssen in der Kirche Räume finden, über die Grundfragen, die damit verbunden sind, zu diskutieren„. Denn, so Jung weiter, „in einer Entwicklung, die voll im Gange ist zu navigieren, zu entscheiden, auszuwählen, ist ziemlich schwierig„.

Welche Fragen das sind, welche sich ihm stellen, ließ er wegen der kürze der Zeit aber offen. Einen Hinweis gibt er am Ende doch noch: Bei der Entwicklung der künstlichen Inteligenz sind wir als Kirche mit unserem christlichen Menschenbild gefragt. Das wird spannend und aufregend!

Hier kann ich mich nur anschließen. Als Kirche sind wir im Prozess der Digitalisierung nicht nur im Bereich Social Media gefragt. Die Entwicklungen zu beobachten, zu erfassen und – dort wo es möglich ist – mitzugestalten, ist unser Auftrag. Als Kirche haben wir die Aufgabe Denkräume zu schaffen, um im geschützten Rahmen unsere Haltungen im Angesicht unseres Menschenbildes zu entwickeln.

Dazu möchte ich im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung als verantwortlicher Referent beitragen. Ihr alle seit eingeladen, eure Ideen einzubringen, denn eine Grundhaltung gilt auch hier: Connectivity ist ein Schlüssel.

Einige Diskussionen in den Workshops, die im Rahmen des Social Media Tages stattfanden, zeigen Fragen und Bedarfe auf:

-> klassische Öffentlichkeitsarbeit im Zeitalter von Social Media muss sich verändern, ohne Erreichtes, das sich bewährt hat, aufzugeben. Wie müssen diese Veränderungen aussehen? Eine Diskussion um die Erweiterung der Kommunikationskompetenzen hinein in Dienste wie Facebook & Co ist notwendig. Was macht mit welcher Zielgruppe Sinn?

-> Öffentlichkeitsarbeit ist nicht nur Auftrag der dafür angestellten Menschen. Social Media lebt von der Beteiligung möglichst vieler Menschen in der Kirche. Diese muss aber auch gefördert und begleitet werden. Wie kann das gelingen?

-> Wie muss sich die Ausbildung von Pfarrer*innen durch die Digitalisierung und der dadruch aufgeworfenen Herausforderungen verändern? Sollen alle Pfarrer*innen aktiv Social Media Kanäle nutzen? Ein Diskussionspapier bietet Pfarrer Lutz Neumeier.

-> Eine immer wieder diskutierte Frage: In wieweit können und wollen wir unsere Erfahrungen und erarbeiteten Werke teilen? Zwei Beispiele: Brauchen wir eine eigene EKHN Bilddatenbank für die Öffentlichkeitsarbeit oder wollen wir nicht besser unsere Fotos auch auf öffentlich verfügbare (Bild-) Datenbanken, beispielsweise Pixabay, zugänglich machen?

-> Sieht man sich kirchliche Homepages an: Sind sie zeitgemäß? Orientieren sie sich an dem, was Menschen brauchen?

-> Was bedeutet Gemeinde und Gemeinschaft im digitalen Raum? Welche Zugänge zu dem Menschen ermöglicht die Digitalisierung, ohne die bewährten Wege aufzugeben?

Jugendarbeit im digitalen Wandel – Blogparade

Die Zeitschrift merz (Medien und Erziehung) hat zur Blogparade aufgerufen und ich möchte dazu aus meiner Perspektive einen Beitrag leisten. Meine Kollegin Annika Gramoll hat auf diesem Blog bereits einen wunderbaren Beitrag veröffentlicht. Dafür vielen Dank. Gerade unterschiedliche Perspektiven bereichern!

Alle Leserinnen und Leser sind eingeladen, eigene Blogbeiträge zu ihrer Perspektive auf das Thema zu verfassen und diese mit dem Startbeitrag zu verlinken. Die Beiträge werden hier beim Beitrag gelistet, in der kommenden Ausgabe merz 5/2017 erscheint ein Kurzbericht zu den Beiträgen der Blogparade.

Niels Brüggen und Klaus Lutz, die für merz | medien + erziehung dazu aufgerufen haben, haben einige Fragestellungen vorgegeben, die ich gerne aufgreife.

Warum sollte sich Jugendarbeit mit digitalen Medien auseinandersetzen?
Im SGB VIII, auch als Kinder- und Jugendhilfegesetz bekannt, steht im § 1, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Förderung ihrer Persönlichkeit haben. Eingegrenzt wird, dass die Förderung auch ein Ziel verfolgt: Die Entwicklung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Dieser Auftrag bedeutet nicht, dass die Erwachsenenwelt den jungen Leuten zeigt, wo es langgehen muss. Gefördert werden soll eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft. Digitale Medien spielen dabei heute in der Persönlichkeitsentwicklung eine zentrale Rolle. Die Struktur der Angebote trägt beisielsweise über die Profilmasken dazu bei, die eigenen Entwicklungen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Postings in den Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder Facebook, um nur einige zu nennen, zeugen massenhaft davon. Sie dienen dem komplizierten Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung und bilden so gleichzeitig die digitale Visitenkarte der virealen Menschen. Wenn es Aufgabe der Jugendarbeit ist, jüngere Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, so ist gerade im Bereich der digitalen Medien eine professionelle Begleitung notwendig, da viele Vorgänge nicht selbstständig durch Kinder und Jugendliche gesteuert werden, sondern  intransparent, beispielsweise algorithmisch, gesteuert werden.

Welche neuen Methoden, Ansätze oder Inhaltsbereiche für die Jugendarbeit entwickeln sich durch den Einbezug digitaler Medien?
Mit den Medien ändern sich auch die damit verbundenen Themen. Die Foto und Videoarbeit vergangener Tage, wie ich sie im Rahmen meiner medienpädagogischen Arbeit noch anwendete, umfasste kaum bis gar nicht das Thema Datenschutz. Das Recht am eigenen Bild, Bildsprache und Gestaltungsmöglichkeiten für die eigene „Botschaft“ standen im Mittelpunkt. Die Digitalisierung trägt heute aber viele verborgenen Handlungsfelder mit sich. So ist, auch für jüngere Menschen, Datenschutz ein großes Thema, dem in der klassischen Jugendarbeit eher wenig Beachtung geschenkt wird. Wenn, dann in der Regel mit einem „Besserwissertum“, das den Kindern- und Jugendlichen viele – durchaus gute – Ratschläge mit auf den Weg gibt, ohne darauf zu achten, ob die Ratschläge auch Einzug in das Medienhandeln der Jugendlichen halten. Neue Ansätze, die Thematik gemeinsam mit den Jugendlichen zu entwickeln, würden sicherlich zu einer breiteren Akzeptanz der Handlungsoptionen beitragen.

Ein weiteres Feld ist die Gestaltung von Computerprogrammen. In vergangenen Tagen lernten die Kinder- und Jugendlichen, wie beispielsweise Filme, Fotos und Musik entstehen und wie sie sie selbst gestalten können. Fotolabore, Videoschnittplätze und Musikübungsräume waren entsprechende Angebote der Jugendarbeit. Wo können Kinder und Jugendliche heute in der Jugendarbeit lernen, wie Computerprogramme entstehen? Wo lernen sie, diese für eigene Interessen zu erstellen und zu nutzen? In weiten Bereichen der Jugendarbeit finde ich kaum solche Angebote, dabei wären sie für ein umfassenderes Verständnis der Lebenswelt eine sinnvolle Ergänzung zu den klassischen Angeboten, die nicht an Bedeutung verloren haben. Eher im Gegenteil. Die Möglichkeit, Film-, Foto- und Musikproduktionen auf den bekannten Plattformen zu veröffentlichen und damit einem weitem Publikum zugänglich zu machen, trägt zur Relevanz solcher Angebote bei. Ergänzt werden könnten solche Möglichkeiten durch eine kritische Reflexion der Mechanismen viralen Marketings, denn auch dies ist ein Feld, dem sich Menschen heute nicht mehr entziehen können. Daher sind auch hier Rahmungskompetenzen nötig, um eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft zu gewährleisten.

Was kann Medienpädagogik zur positiven Gestaltung des „digitalen Wandels“ beitragen?
Die Mitgestaltung des Wandels an sich ist schon ein positiver Beitrag, denn hier fließt das Interesse einer Zielgruppe ein, die gesellschaftlich eher eine untergeordnete Rolle spielt. Während sich die (politische) Erwachsenenwelt vornehmlich um die Chancen und Risiken des Wandels sorgt, können im Umfeld der Jugendarbeit experimentell digitale Gestaltungsmöglichkeiten ausprobiert werden. Kreative Ansätze der Aneignung digitaler Welten können so zur Gestaltung des gesellschaftlichen Diskurses beitragen.

Was sollte im Zuge der sogenannten Digitalisierung nicht passieren?
Oftmals wird der Digitalisierung von Seiten der Erwachsenenwelt entweder mit großer Begeisterung oder mit großer Ablehnung begegnet. Die Versuchung beider „Lager“, Kinder und Jugendliche in dieser Weltenteilung zu instrumentalisieren. ist groß, zumal jungen Menschen auch eine Naivität zugeschrieben wird, die oftmals gleichzeitig kritisch kommentiert wird.  Die Erwachsenenalter trägt wenig bis nichts dazu bei, die oftmals technikbegeisterte Aneignungspaxis zu begleiten. Stülpen wir den jungen Menschen nicht unsere „Wahrheiten“ über!

Wie mit dem Dilemma umgehen, dass wir für unsere Arbeit kommerzielle Produkte nutzen, die Jugendlichen nicht ermöglichen, ihre privaten Daten ausreichend zu schützen? ggf. ­Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie/siehst du?
Daten zu schützen, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Im Volkszählungsurteil ist dies festgehalten. Die Kommerzialisierung von Daten hat dazu geführt, dass auch Jugendliche heute für das Thema sensibilisiert sind. Dies ist eine Chance, die Rahmenbedingungen unserer Arbeit auch mit den Jugendlichen zu thematisieren. Ein wichtiges Zeichen der Medienpädagogik wäre es demnach, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren und Angebote auch danach auszurichten, in wieweit die Kinder und Jugendlichen mit den verwendeten Gerätschaften und Programmen – ganz im Sinne der Eigenständigkeit – auch einverstanden sind. Oftmals werden Hard- und Software nach Kriterien ausgewählt, die zwar gut für den praktischen Ablauf sind, aber wichtige thematische Felder ausblenden. Zudem ist durchaus kritisch zu sehen, dass in der Medienpädagogik gerne Geräte und Programme verwendet werden, die nicht Lebenswelt nah sind. Wo in der Jugendarbeit können Jugendliche, die in der Mehrzahl beispielsweise Android-Smartphones nutzen, diese Hardware in die pädagogische Settings einbringen? Oftmals, auch auf dem Medienpädagogik-Praxisblog, werden Projekte beschrieben, die auf der Nutzung von Apple-Hardware beruhen. Als Begründung wird in Gesprächen dann die reibungsloser Handhabung und die besseren Möglichkeiten genannt. Das ist oft richtig. Dennoch sehe ich es für eine lebensweltnahe Medienpädagogik als geboten an, sich mit der Thematik zu befassen.

Sind medienfreie Angebote für Jugendliche in einer von Medien dominierten Welt notwendig? Warum?
Auch wenn Medien eine sehr wichtige Rolle in der Sozialisation spielen sind auch medienfreie Angebote wichtig. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, also vor allem emotional besetzte Themen schreien nahezu nach direkter, nicht medial vermittelter Kommunikation. Ein Lagerfeuer, dass die Körper der Jugendlichen mit einbezieht (Holz sammeln, hacken, die Hitze des Feuers spüren usw.), fühlt sich nun anders an, als ein flackernden Feuer am Bildschirm. Und hat auch eine andere Wirkung. Die Selbstwahrnehmung, das Fühlen des eigenen Körpers beim Fussball, beim Tischtennis, beim Schwimmen ist neben den gruppendynamischen Elementen (soziales Lernen) gerade im Zeitalter der Digitalisierung ein wichtiges Moment. Das Eine schließt das Andere ja auch nicht aus.

Wie sieht der Arbeitsalltag in der Jugendarbeit in fünf Jahren aus? Welche neuen Qualifikationen brauchen Fachkräfte in der Jugendarbeit und Medienpädagoginnen und Medienpädagogen dann?
Am wichtigsten finde ich, dass viel mehr interdisziplinär gedacht und gearbeitet wird. Die Digitalisierung ist mehr als das, was in vielen Angeboten der Medienpädagogik enthalten ist. Daher plädiere ich für eine breitere Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ökonomische, ökologische und soziale Fragen werden in medienpädagogischen Settings nur unzureichend thematisiert. Unter welchen Bedingungen werden die Dinge produziert, die wir einsetzen? Blutige Rohstoffe, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ressourcenverbrauch, ökonomische Interessen der Vermarkter, all das spielt kaum eine Rolle. Da müssen wir besser werden, denn ohne diese Kenntnisse und Thematisierung der „Randbedingungen“ können wir dauerhaft dem Anspruch nicht gerecht werden. Auch Medienpädagog*innen haben den Auftrag: Begleitung der Kinder und Jugendlichen hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

Big Data, Data Mining und die Gesellschaft

Meine erste Begegnung, die ich mit Big Data und der Digitalisierung hatte, war zu Beginn der 80er Jahre. Damals nannte das aber noch niemand Big Data. Ich arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, war der Vorsitzende der Jugendvertretung und damit gewählter Sprecher der über 1.000 Auszubildenden, deren Interessen ich gegenüber der Ausbildungsleitung und Geschäftsleitung zu vertreten hatte. Die Geschäftsleitung wollte für den gesamten Betrieb ein Personalabrechnungs- und informationssystem (PAISY) einführen und dem Betriebsrat (die gewählte Interessenvertretung ALLER Beschäftigter) kein Mitbestimmungsrecht zubilligen, was aber letzten Endes das Bundesarbeitsgericht doch für rechtmäßig erklärte [BAG, Beschluß vom 11. 3. 1986 (1 ABR 12/84) PDF-Datei].

Was hat das aber mit der Digitalisierung zu tun? Nun, ganz einfach. Bis zur Einführung von PAISY wurden Lochkarten verwendet und analoge Abrechnungsakten geführt, in denen natürlich auch Krankheitstage und andere sensible Daten festgehalten wurden. Kann sich jemand vorstellen wie es wäre, bei (damals) 43.000 Beschäftigten nach bestimmten Mustern zu suchen? Leute, die oftmals in gleichen Zeiträumen krank sind? Leute, die wiederholt unentschuldigt fehlen? Für ein Unternehmen sicherlich interessante Zahlen. Durch die Überführung in ein digitales, computergesteuertes Abrechnungssystem hätte diese Wunschvorstellung der Geschäftsleitung Wahrheit werden können, wäre da nicht der Betriebsrat gewesen, der genau diese Möglichkeiten der Datenanalyse – heute würde man das die Anwendung eines „Algorithmus“ nennen -verhinderte.

An diesem alten Beispiel wurden mir schon die Grundzüge der Digitalisierung deutlich. Die Überführung analog vorhandener Daten in „digitale Repräsentanten“ (digitale Abbilder analoger Daten). Das beginnt bereits mit der Erfassung. Welche Daten dürfen erfasst werden? Welche Daten müssen geliefert weden, welche liefern wir  scheinbar freiwillig?

Ein weiterer Erfahrungsschritt war die Volkszählung, ursprünglich für 1983 geplant. Stattfinden konnte sie, wegen zahlreicher Proteste und Prozesse, erst 1987. Hervorzuheben ist das Ereignis, weil es letzten Endes für das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ gesorgt hat. Dieses Recht des einzelnen Menschen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten entscheiden zu können, ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich sicherzustellen und darf nur dort eingeschränkt werden, so das Gericht, wenn es im Sinne des Schutzes öffentlicher Interessen geschieht. Das Bundesverfassungsgericht (BVG) lieferte mit dem „Volkszählungsurteil“( pdf Datei) auch eine lesenswerte Begründung. Hier ein kleiner Auszug:

Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen.

Im Wesentlichen sieht das Gericht – und dem schließe ich mich uneingeschränkt an – dieses Recht als Grundrecht für eine auf Gemeinwesen und Beteiligung angelegte Gesellschaft. Belanglose Daten, so das Gericht, gebe es unter den Bedingungen der digitalen Verarbeitsunsmöglichkeiten nicht mehr. Ein Beispiel dafür ist die Überprüfung aller Mobilfunknummern, die sich in einer bestimmten Zeit (Anti-Nazi-Protest) an einem bestimmten Ort (Dresden) aufgehalten haben, durch Ermittlungsbehörden.  Das Landgericht Dresden attestierte zwar dem als „Handygate“ bekannt gewordene Verhalten die Unrechtmäßigkeit, allerdings aus formalen Gründen! (lesenswert auch der Artikel auf Netzpolitik.org).

Mir gehen diese Worte „belanglose Daten gibt es nicht“ immer wieder durch den Kopf. Big Data und die Anlalyse mittels Algorithmen halte ich an sich nicht für bedenklich. Oftmals sind sie hilfreich,gestalten das Leben angenehmer, können uns gute Hinweise auf Handlungsoptionen geben.

Im Folgenden ein Beispiel, das Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer des CHE [Centrum für Hochschulentwicklung] auf dem Blog www.digitalisierung-bildung.de beschrieben hat. Demnach stieg die Zahl der Studienabsolventen an der Arizona State University von 26% auf 42%, nachdem ein Algorithmus viele Daten der Studierenden unter dem Gesichtspunkt „Was wäre das beste Studienfach für dich?“ analysiert hat. Ich kann das sicherlich nicht beurteilen, ob das das beste Beispiel ist. Aber eines, das sich sicherlich anzuschauen lohnt. Von daher empfehle ich diesen Artikel auf jeden Fall.

Anders bewerte ich Data Mining, das Sammeln unendlich vieler Daten. Die meißten von uns hinterlassen tagtäglich sehr viele Datenspuren und gleichzeitig gibt es digitale Schürfer, meist kleine Programme wie Cookies und Tracker, die diesen Datenkrümeln hinterherlaufen, sie einsammeln und zu einem Profil hinzufügen. Data Mining geschieht mit genau dieser Absicht.

Oftmals müssen Daten erhoben werden, die einem definierten Zweck dienen. Wenn sich Menschen zu einer Veranstaltung, beispielsweise zum Medienpädagogik-Praxiscamp, dass morgen und übermorgen in Mainz stattfindet, anmelden, so benötigen wir neben einem Namen auch eine Kontaktmöglichkeit, in der Regel die Mailadresse, damit wir interagieren können. Für „den Staat“ als Geldgeber müssen weitere Daten gesammelt werden, beispielsweise die Anschrift und das Alter. Es ist schön zu wissen, als welchen Bereichen die Angemeldeten Menschen kommen, es bleibt aber ihnen überlassen, das mitzuteilen. Für die Veranstaltung ist dies nicht wichtig – ein „nice to have“. Wir könnten natürlich auch schauen, welche Daten die Menschen bei ihrer Anmeldung noch hinterlassen haben. Ip-Adresse? Daraus könnte ein ungefährer Standort ermittelöt werden. Eine Abfrage in verschiedenen Suchmaschinen könnte weitere Infos über die Menschen „ans Tageslicht“ fördern. Aber wozu? Ein Zweck im unserem Sinne würde damit nicht erfüllt, also können wir das lassen. Ein Data-Miner hingegen könnte aus den unterschiedlichen Quellen die Datenspuren sammeln und daraus Profile entwickeln.

Der Datenschutzbeauftragte der Hansesast Hamburg, Johannes Caspar, kritisierte aus diesem Grund auch das Vorgehen der Parteien im Bundestagswahlkampf. Facebook bekäme so noch mehr Informationen über die Nutzer*innen, beispielsweise ihre politschen Präferenzen.

Ob, wie Caspar auch anmerkte, die Demokratie beschädigt wird, muss genauer betrachtet und erforscht werden. Ich persönlich glaube nicht, dass durch zielgruppengenaue Werbung die Demokratie Schaden nimmt. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.

Entscheidend finde ich einen Satz, den Caspar einmal in einem Interview gesagt hat. Auf die Frage „Brauchen wir Nachhilfe beim Datenschutz?“ antwortete er:Nicht Nachhilfe. Ich spreche lieber von Information und Aufklärung. Wir müssen vor allem jungen Menschen im Rahmen der Medienkompetenz zugleich Datenschutzkompetenz vermitteln. Dazu haben wir ein Konzept erstellt und Lehrerfortbildungen angeboten. Leider ist das weitgehend eingeschlafen, weil uns personell die Kapazitäten fehlen.“  (Quelle)  Hier – finde ich – hat die Schule sowie die Jugendarbeit einen gesellschaftlichen (Bildungs-) Auftrag. Denn, ohne Kenntnisse über Zusammenhänge, die mit dem digitalen Wandel der Gesellschaft zusammenhängen, können wir unsere Persönlichkeit nicht selbstbestimmt entwickeln.

Zur Frage der „Jugendarbeit im digitalen Wandel“ dann nächste Woche mehr im Blog. Die Zeitschrift Medien und Erziehung (merz) hat zu einer Blogparade aufgerufen, an der sich dieser Blog auch beteiligt. Damit einher geht eine Neuerung im Blog: Es gibt zukünftig immer wieder einmal „Gastbeiträge“. Nächste Woche von meiner Kollegin Annika Gramoll.

Social Media überall

Ich oute mich hier einmal als „traditioneller“ ARD/ZDF Morgenmagazinzuschauer, in der Regel ab 5:30 Uhr. Facebook, Twitter und Youtube nutze ich seit Juni 2009, als ich den drei Netzwerken beigetreten bin. Zuvor war ich bei MeinVZ, SchülerVZ und WKW (WerKenntWen). WKW wurde 2014 abgeschaltet, die VZ Netzwerke erwischte es bereits 2013. Alle sozialen Netzwerke, in denen ich mich zuvor einbrachte, waren eher in Newsgroups oder Foren organisiert. Wobei schon der Bezeichnung „soziales Netzwerk“ eine gewisse Definitionsfreiheit innewohnt. „Sozial“ kann sich, angesichts des teilweise haarsträubenden Umgangtons, nur auf den Zugang beziehen. Es handelt sich also um digital basierte Netzwerke, die über eine Software zugänglich sind. Bei den Newsgroups war das über den Browser möglich, in meinem Fall der Netscape Navigator, dessen Entwicklung aber 2008 eingestellt wurde. Foren benutzen eine entsprechende Forensoftware, in meinem Fall war das schon immer phpBB, eine Open Source Software.

Zurück zum Morgenmagazin. Es ist dir sicherlich schon aufgefallen, dass neben den üblichen Kommunikationswegen wie Telefon und Briefadresse in vielen Nachrichtensendungen Social Media Kontaktdaten angegeben werden. Auch die Tagesschau (ARD) oder Heute (ZDF) verweisen immer häufiger auf „weitere Informationen finden Sie unter….“.  Inzwischen werden oftmals Youtube-Videos als Quellen für Bewegtbildmaterial genutzt. Social Media ist aus unserer heutigen Kommunikationskultur nicht mehr wegzudenken. Ich möchte das auch garnicht!

Was aber tun, wie nutzen? Ich erlebe ja verschiedene Nutzer*innen-Typen. Die „Offliner“, diejenigen, die keine dieser Dienste nutzen. Ja, auch wenn viele es sich nicht vorstellen können, aber ein Leben „ohne“ ist möglich. In Teilen meines Umfelds sind Offliner anzutreffen, da gibt es dann das klassische Telefon und die Ansichtskarte. Klappt!

Die „teilaktiven Onliner“ sind eine sehr große Gruppe, hier gibt es den Zugang, der in der Regel nur für das Lesen von Beiträgen anderer Menschen genutzt wird. Wenn es ganz actionreich zugeht, dann ist mal ein „Like“ oder ein „Herzchen“ drin.

Die „aktiven Onliner“ nutzen die Möglichkeiten in beiden Richtungen.Hier wird gelesen, kommentiert, geliked, geteilt und selber Beiträge verfasst. Manchmal sogar mit einem Foto. Zu dieser Gruppe zähle ich mich, wenn auch unterschiedlich aktiv. Twitter nutze ich eher im Rahmen von Veranstaltungen, Facebook häufiger, wobei bei beiden Netzwerken eher das beruflich bedeutsame Netzwerken im Vordergrund steht. Da mag aber auch daran liegen, das im familiären Umfeld kaum jemand zu dieser Gruppe gehört.

Dann gibt es noch die „hyperaktiven Onliner“, Leute, bei denen ich mir ab und an überlege, mich wieder zu „entfreunden“, da sie meine Informationsaufnahmebedürfnis bei weitem überschreiten. Ist aber eine kleine Gruppe und ich habe nur einmal jemanden aus diesem Grund „entfreundet“.

Neben den klassischen Netzwerken gibt es auch noch die, die eher nichtöffentlich sind. Dazu zählen Whatsapp, Hangout und Co. Da es hier keine öffentlichen Postings gibt, dienen sie eher der Kommunikation unter Bekannten.

Nun, als Privatperson steht es mir ja vollkommem frei, welche digitalen Kanäle ich benutze, in der Regel wird das durch die normative Kraft des Faktischen geregelt. Wenn im Bekanntenkreis ein Dienst exklusiv genutzt wird, dann haben „die Neuen“ meist keine andere Wahl.

Anders hingegen sieht es bei Organisationen aus. Will eine Organisation im Orchester der öffentlichen Sozialen Medien mitspielen, sind persönliche Vorlieben fehl am Platz. Hier geht es um Reichweite, um Anschlussfähigkeit. Von daher macht es wenig Sinn, beispielsweise eine Soziales Netzwerk wie Google+ für die Kommunikation zu wählen, da es sich hierbei zwar mit 3,2 Milliarden Accounts um das größte Netzwerk handelt, aber bei weitem nicht so vielen aktiven Nutzer*innen hat wie beispielsweise Facebook. (Quelle)

Bei der Nutzung Sozialer Medien als Organisation sollen (besser müssen!) daher strategische Überlegungen im Vordergrund stehen. Wen möche ich erreichen? …und dann schauen, welche Dienste von den Menschen genutzt werden!

Dies ist auch der Hintergrund für eine Veranstaltung, an deren Vorbereitung ich selber mitwirke. Am 23. September gibt es den (zweiten) Social Media Tag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Ziel der Veranstaltung ist es, Menschen miteinander zu vernetzen, die sich als Christ*innen begreifen und in „Digitalien“ zu hause sind. In der Vorbereitung zu diesem Beitrag habe ich mit Leuten darüber gesprochen. „Warum will sich Kirche da einmischen? Ihr habt doch euer Gemeindeblättchen und den Gottesdienst.“ war so eine Reaktion, der ich öfter begegnet bin. Meine Antwort: Die Kirche ist da wo die Menschen sind. Sie ist keine Organisation, deren Zweck sie selber ist. In den Sozialen Medien geht es doch auch darum, im Miteinander den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn beispielsweise über Transhumanismus geredet wird, dann können auch Chist*innen ihre Perspektiven in öffentliche Diskurse einbringen. Wenn über smarte Cities gesprochen wird, berührt das auch die Menschen in den Wohn- und Arbeitsquartieren. Vielleicht ist es sogar im Rahmen der (vielbeschworenen) Vielfalt ein Geschenk, wenn Chist*innen sich als solche an Diskursen beteiligen und sich zu erkennen geben?!

Ich muss ja zugeben, die Kirche als Organisation hat da so ihre Schwierigkeiten. Auf der einen Seite gibt es die Ermutigung, sich einzubringen. Auf der anderen Seite ist der Kommunikationsstil häufig noch auf „Verkündigung“ ausgerichtet. Sich in Diskussionen einzubringen bedeutet aber etwas anderes, als Stellungsnahmen und Positionen zu veröffentlichen und die öffentliche Kommentarfunktion außer Acht zu belassen. Die Frage, der sich auch die Organisation Kirche stellen muss ist, wie es gelingt, die Menschen zum Mitdiskutieren anzuregen. Denn von alleine wird das nicht geschehen, so wie sich demokratisches, soziales Miteinander nicht von alleine ergibt. In desem Sinne sollte auch die Arbeit der Öffentlichkeitsarbeit insgesamt zur Diskussion gestellt werden, denn im Zeitalter von Social Media besteht die bisher beste Möglichkeit, dem „Priestertum aller Getauften“ ein neues Gewicht zu geben.

In diesem Sinne freue ich mich, Leser*innen des Blogs am 23. September begegnen zu können.