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Social Media überall

Ich oute mich hier einmal als „traditioneller“ ARD/ZDF Morgenmagazinzuschauer, in der Regel ab 5:30 Uhr. Facebook, Twitter und Youtube nutze ich seit Juni 2009, als ich den drei Netzwerken beigetreten bin. Zuvor war ich bei MeinVZ, SchülerVZ und WKW (WerKenntWen). WKW wurde 2014 abgeschaltet, die VZ Netzwerke erwischte es bereits 2013. Alle sozialen Netzwerke, in denen ich mich zuvor einbrachte, waren eher in Newsgroups oder Foren organisiert. Wobei schon der Bezeichnung „soziales Netzwerk“ eine gewisse Definitionsfreiheit innewohnt. „Sozial“ kann sich, angesichts des teilweise haarsträubenden Umgangtons, nur auf den Zugang beziehen. Es handelt sich also um digital basierte Netzwerke, die über eine Software zugänglich sind. Bei den Newsgroups war das über den Browser möglich, in meinem Fall der Netscape Navigator, dessen Entwicklung aber 2008 eingestellt wurde. Foren benutzen eine entsprechende Forensoftware, in meinem Fall war das schon immer phpBB, eine Open Source Software.

Zurück zum Morgenmagazin. Es ist dir sicherlich schon aufgefallen, dass neben den üblichen Kommunikationswegen wie Telefon und Briefadresse in vielen Nachrichtensendungen Social Media Kontaktdaten angegeben werden. Auch die Tagesschau (ARD) oder Heute (ZDF) verweisen immer häufiger auf „weitere Informationen finden Sie unter….“.  Inzwischen werden oftmals Youtube-Videos als Quellen für Bewegtbildmaterial genutzt. Social Media ist aus unserer heutigen Kommunikationskultur nicht mehr wegzudenken. Ich möchte das auch garnicht!

Was aber tun, wie nutzen? Ich erlebe ja verschiedene Nutzer*innen-Typen. Die „Offliner“, diejenigen, die keine dieser Dienste nutzen. Ja, auch wenn viele es sich nicht vorstellen können, aber ein Leben „ohne“ ist möglich. In Teilen meines Umfelds sind Offliner anzutreffen, da gibt es dann das klassische Telefon und die Ansichtskarte. Klappt!

Die „teilaktiven Onliner“ sind eine sehr große Gruppe, hier gibt es den Zugang, der in der Regel nur für das Lesen von Beiträgen anderer Menschen genutzt wird. Wenn es ganz actionreich zugeht, dann ist mal ein „Like“ oder ein „Herzchen“ drin.

Die „aktiven Onliner“ nutzen die Möglichkeiten in beiden Richtungen.Hier wird gelesen, kommentiert, geliked, geteilt und selber Beiträge verfasst. Manchmal sogar mit einem Foto. Zu dieser Gruppe zähle ich mich, wenn auch unterschiedlich aktiv. Twitter nutze ich eher im Rahmen von Veranstaltungen, Facebook häufiger, wobei bei beiden Netzwerken eher das beruflich bedeutsame Netzwerken im Vordergrund steht. Da mag aber auch daran liegen, das im familiären Umfeld kaum jemand zu dieser Gruppe gehört.

Dann gibt es noch die „hyperaktiven Onliner“, Leute, bei denen ich mir ab und an überlege, mich wieder zu „entfreunden“, da sie meine Informationsaufnahmebedürfnis bei weitem überschreiten. Ist aber eine kleine Gruppe und ich habe nur einmal jemanden aus diesem Grund „entfreundet“.

Neben den klassischen Netzwerken gibt es auch noch die, die eher nichtöffentlich sind. Dazu zählen Whatsapp, Hangout und Co. Da es hier keine öffentlichen Postings gibt, dienen sie eher der Kommunikation unter Bekannten.

Nun, als Privatperson steht es mir ja vollkommem frei, welche digitalen Kanäle ich benutze, in der Regel wird das durch die normative Kraft des Faktischen geregelt. Wenn im Bekanntenkreis ein Dienst exklusiv genutzt wird, dann haben „die Neuen“ meist keine andere Wahl.

Anders hingegen sieht es bei Organisationen aus. Will eine Organisation im Orchester der öffentlichen Sozialen Medien mitspielen, sind persönliche Vorlieben fehl am Platz. Hier geht es um Reichweite, um Anschlussfähigkeit. Von daher macht es wenig Sinn, beispielsweise eine Soziales Netzwerk wie Google+ für die Kommunikation zu wählen, da es sich hierbei zwar mit 3,2 Milliarden Accounts um das größte Netzwerk handelt, aber bei weitem nicht so vielen aktiven Nutzer*innen hat wie beispielsweise Facebook. (Quelle)

Bei der Nutzung Sozialer Medien als Organisation sollen (besser müssen!) daher strategische Überlegungen im Vordergrund stehen. Wen möche ich erreichen? …und dann schauen, welche Dienste von den Menschen genutzt werden!

Dies ist auch der Hintergrund für eine Veranstaltung, an deren Vorbereitung ich selber mitwirke. Am 23. September gibt es den (zweiten) Social Media Tag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Ziel der Veranstaltung ist es, Menschen miteinander zu vernetzen, die sich als Christ*innen begreifen und in „Digitalien“ zu hause sind. In der Vorbereitung zu diesem Beitrag habe ich mit Leuten darüber gesprochen. „Warum will sich Kirche da einmischen? Ihr habt doch euer Gemeindeblättchen und den Gottesdienst.“ war so eine Reaktion, der ich öfter begegnet bin. Meine Antwort: Die Kirche ist da wo die Menschen sind. Sie ist keine Organisation, deren Zweck sie selber ist. In den Sozialen Medien geht es doch auch darum, im Miteinander den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn beispielsweise über Transhumanismus geredet wird, dann können auch Chist*innen ihre Perspektiven in öffentliche Diskurse einbringen. Wenn über smarte Cities gesprochen wird, berührt das auch die Menschen in den Wohn- und Arbeitsquartieren. Vielleicht ist es sogar im Rahmen der (vielbeschworenen) Vielfalt ein Geschenk, wenn Chist*innen sich als solche an Diskursen beteiligen und sich zu erkennen geben?!

Ich muss ja zugeben, die Kirche als Organisation hat da so ihre Schwierigkeiten. Auf der einen Seite gibt es die Ermutigung, sich einzubringen. Auf der anderen Seite ist der Kommunikationsstil häufig noch auf „Verkündigung“ ausgerichtet. Sich in Diskussionen einzubringen bedeutet aber etwas anderes, als Stellungsnahmen und Positionen zu veröffentlichen und die öffentliche Kommentarfunktion außer Acht zu belassen. Die Frage, der sich auch die Organisation Kirche stellen muss ist, wie es gelingt, die Menschen zum Mitdiskutieren anzuregen. Denn von alleine wird das nicht geschehen, so wie sich demokratisches, soziales Miteinander nicht von alleine ergibt. In desem Sinne sollte auch die Arbeit der Öffentlichkeitsarbeit insgesamt zur Diskussion gestellt werden, denn im Zeitalter von Social Media besteht die bisher beste Möglichkeit, dem „Priestertum aller Getauften“ ein neues Gewicht zu geben.

In diesem Sinne freue ich mich, Leser*innen des Blogs am 23. September begegnen zu können.

Martin Luther trifft Darth Vader

Eines Morgens saß eine kleine Playmobilfigur (Martin Luther) auf meinem Monitor. Beim herunternehmen fiel ihm sein Buch aus der Hand und landete fast neben der kleinen Figur von Darth Vader, die ich einmal für meine Unterstützung eines Kinderfilmprojektes der Kindertagesstätte Feuerwache erhalten habe. Die kleine Figur von Darth Vader verbirgt übrigens einen USB-Speicherchip, auf dem sich der wunderbare Film „STAR WARS VIII – Flucht von Endor“ befindet. (Trailer) Aber das nur am Rande!

Darth Vader schaute also Martin Luther tief in die Augen (oder war es umgekehrt?) und ich fragte mich, was beide miteinander verbindet. Klar, da sind schon mal äußerliche Gemeinsamkeiten: der schwartze Umhang und beide tragen eine Kopfbedeckung. Beide sind aus Kunststoff, beiden bin ich „real“ nie begegnet. Ich bin ihnen aber virtuell begegnet. Ich möchte ehrlich sein: Für mich macht das nur einen kleinen Unterschied, denn ich teile einen Gedanken, den Dr. Michael Klein, Direktor des Instituts für Neue Medien (INM), mit vireal beschrieben hat. Virtuelle Begegnungen lösen real etwas in mir aus. So wie Darth Vader und Martin Luther. Mit beiden kann ich mich nicht „real“ austauschen. Aber warum auch? Meine Haltung, mein Denken entwickelt sich im Rahmen meiner Möglichkeiten eben in der Auseinandersetzung mit den virtuell-realen Quellen, die beide hinterlassen haben. Auch wenn Darth Vader selber keine hinterlassen hat, er selbst ist ja auch nur ein Kunstprodukt. Aber zurück zum Kern.

Immer wieder begegnet mir im meinem Arbeitsalltag die Unterscheidung von real und virtuell, wobei ersteres als „gut“ und „richtig“, zweiteres als minderwertig, eben „nicht wirklich“ betrachtet wird. Eine „gute“ Kommunikation könne nur von Angesicht zu Angesicht erfolgen, nur dann sei sie „echt“ (kritische Anmerkungen siehe hier und hier). In kirchlichen Kreisen scheint diese Zweiteilung besonders beliebt. Da wird alles hin und her gebogen, bis es passt. Gerade las ich einen Beitrag eines Pastoralreferenten, der – wenn ich ihn richtig vestanden habe – ebenso argumentiert. Natürlich mit Bibelstellen und deren Auslegung (Exergese). Für mich dabei interessant: Kritische Positionen, die ich in vielen Punkten teile, treffen auf – wie ich finde – haarsträubende Positionen. Einerseits wird das Medium „Internet“ stark gemacht. Kirche muss das nutzen, die Chancen wahrnehmen und sich nicht wegducken in der Hoffnung, dass das alles vorbeigehe. Da bin ich in wesentlichen Punkten bei ihm. Dann aber konstruiert er einen Gegensatz, den ich so garnicht wahrnehme. Der mir aber vielerort auch begegnet. Das Internet ist NUR das Medium, eine vermittelnde Instanz!

Wird es denn andes wahrgenommen? Er schreibt an zentraler Stelle „Die mediale Form der Briefe dienen der Ankündigung von Besuchen oder der Beantwortung von Fragen; sie ersetzen aber die konkrete Begegnung nicht.“

Ich frage mich, ob das jemand behauptet? Es geht doch nicht darum, dass Medien konkrete „echte“ Begegnungen ersetzen. Es geht darum zu erkunden, wo der Einsatz von Medien Sinn macht. Eine Chatseelsorge kann wirken, auch wenn keine „reale“ Begegnung (ich persönlich halte Chats doch für ganz schön real!) stattfindet. Auch ein Brief kann diese Wirkung haben. Auch ein Buch. Auch die Bibel. Keiner der Autor*innen muss anwesend sein, wenn ich aus einem Text beispielsweise Erkenntnisse gewinne. Selbst eine Geschichte, die ich lese, kann frei erfunden sein…und trotzdem muss ich weinen, wenn ich sie lese. Wirken Filme nicht dann ganz besonders, wenn wir als Zuschauer*innen uns mit Personen identifizieren können? Wenn Themen angesprochen werde, die uns berühren?

So ist es auch mit Darth Vader. Zuerst übelst böse mit seinem Atemgeräusch, das so umnenschlich, so „virtuell“ wirkt. Dann sein Verhalten. Bekämpft den Sohn, der ihm dann nach 1:48 Minuten Kampf eine Hand abtrennt. Dath Vader stellt sich dann doch noch an die Seite seines Sohnes und wird letzten Endes wieder Mensch mit „richtigem“ Atem. Er wirkt wieder menschlich, so als ob er einer wäre. Bedenke: Wir sehen nur einen Film mit Schauspieler*innen.

Also, letzten endes geht es nicht um „virtuell – künstlich“ und um „real – wirklich“ sondern darum, wie etwas wirkt. Wenn jemand Trost braucht, dann spendet Trost. Wie auch immer. Wenn jemand einen Segen möchte, dann segnet. Wie auch immer. Wenn jemand Hilfe benötigt, dann helft.

Nun gibt es wieder einen lesenswerten Text, der die Überforderung der Menschen durch die Digitalisierung beschreibt. (Quelle)

Die evangelische Theologin Friederike Erichsen-Wendt, die als Pfarrerin in Windecken wirkt, hat ihre Gedanken dazu in ihrem Blog veröffentlicht. Ebenfalls lesenswert! Dieses „Ding“ mit der Digitalisierung

Da bleibt mir, der in theologischen Fragen keine großen Kompetenzen hat, nur den Hut zu ziehen. Als Mensch, der sich mit der Wirkung der Digitalisierung auseinandersetzt, eine Quelle neuer Erkenntnisse.

Vielleicht auch für dich?

Martin Luther und die digitale Welt

Was mich am meisten mit Martin Luther verbindet ist wohl seine Leidenschaft, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und ihrer Wirkung auf den Menschen zu beschäftigen. In seinem Fall lag der Schwerpunkt auf dem Gottesbild der damaligen Zeit, mit kirchlichen Strukturen, die sich im Laufe der Zeit durch sein Wirken (gemeinsam mit anderen Mitstreiter*innen) fundamental änderten.

Neben dem inhaltlichen Aspekt fasziniert mich auch die Art und Weise, wie die Inhalte kommuniziert wurden. Davon könnten wir heute noch einiges lernen, denn auch im Zeitalter der Digitalisierung geht es um beides: Inhalt und Form.

In meiner Rolle als Referent für „Digitale Welt“ habe ich es meist mit Vorgängen zu tun, die selber nicht sichtbar sind. Zu sehen sind oftmals nur die Auswirkungen. Zu sehen sind die Auswirkungen von Algorithmen, die unsere Suchergebnisse beim „googeln“ sortieren, die virtuellen Warenhäuser wie eBay oder Amazon, bei denen ich das Kaufhaus aber nicht sehen kann, eben virtuelle Dinge, die mir verborgen sind. So ähnlich muss es Martin Luther ergangen sein. Glauben, Gnade, Gott selbst ist nicht sichtbar, aber wirkmächtig. Sie wirken, obwohl unsichtbar, in den Alltag hinein. Daher nenne ich sie meist „vireal“. Eine Mischung aus virtuell und real.

So ist es für mich auch mit der Betrachtung der Gesellschaft zur Zeit Luthers. Ich sehe sich nicht, sondern rekonstruiere sie und versuche mir vorzustellen, wie Luther in ihr gelebt und gewirkt hat. Dabei entsteht ein vireales Bild. Am beeindrucktesten bin ich von der Wirkmacht, die in seinen Schriften und deren Verbreitung liegt. Aber stellen Sie sich einmal vor, es hätte keine Druckmaschine gegeben, mit der die Schriften massenhaft vervielfältigt werden konnten. Hätten seine Schriften eine so große Resonanz gefunden, wenn nicht Lucas Cranach Illustrationen dazu geliefert hätte, die den Inhalt auch Menschen näher brachten, die nicht lesen konnten? Ich denke nein.

Das sind starke Parallelen zur heutigen Zeit. Die Druckmaschinen heute heißen Blogs, Twitter, Facebook & Co..

Immer wieder mal wird diskutiert, welche Medien Luther heute benutzt hätte, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Ich finde das keine recht einfache Frage und meine Antwort darauf lautet: Die Medien der Zeit, die eine möglichst gute Verbreitung bei gleichzeitiger geringer Kontrolle ermöglichten. Hätte Luther ein Netzwerk wie Diaspora (weltweit aktuell 670.360 Nutzer*innen) genutzt, um seine Ideen zu verbreiten? Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, er hätte ein Netzwerk genutzt, das eine weite Verbreitung ermöglicht hätte. Ein Urheberrecht, wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Auch hier denke ich, es wäre in seinem Sinne gewesen, seine öffentlichen Texte so weit wie möglich zu streuen. Aber letzten Endes, und auch hier eine Parallele zur heutigen Zeit, ging es ihm ja vor allem anderen um den Austausch von Gedanken mit anderen Gelehrten, bevor sie (wenn sie sie gutheißen!) veröffentlicht wurden.

„Allein es war nicht meine Absicht noch Wunsch, daß sie allgemein verbreitet werden sollen. Ich dachte nur sie mit einigen wenigen Gelehrten hier, und in der Nähe herum zu prüfen, um sie, würden sie nach deren Aussprache verworfen, zu unterdrücken, oder sie öffentlich durch den Druck bekannt zu machen, wenn sie sie gutheißen. Nun aber werden sie, was ich nie geglaubt hätte, allenthalben aufgeleget und übersetzet […]“ (Luthers Brief an Christoph Scheurl, vom 5.ten März 1518)

Sein einleitender Satz zu den 95 Thesen verdeutlicht dies in beeindruckender Weise.

„Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.“

In meiner Kirche lassen wir diesen Gedanken leider vielmals außen vor.

Eines sollte uns heute allen bewusst sein: Damals wie heute prägen Auseinandersetzungen die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft. Medien sind ein zentraler Ort, an denen die unterschiedlichen Vorstellungen verhandelt werden. Analog wie digital.

Social Media Tag der EKHN 2016

Die digitale Gesellschaft…

…gibt es in meinen Augen nicht. Ebenso wie es die analoge Gesellschaft nicht gibt. Es gibt nur die Gesellschaft, die wir konstruieren und der wir gerne Namen geben, um sie greifbarer zu machen. Da leben wir mal in der „aufgeklärten Gesellschaft (Kurt F Flexner )“, in der „Wissensgesellschaft (Bernd Dewe)“, der „nazistischen Gesellschaft (Hans-Joachim Maaz) oder in der „granulare Gesellschaft (Christoph Kucklick), um nur einige Beispiele zu nennen. Die Gesellschaft unterteilt sich nicht in die „analoge und digitale“ Gesellschaft. Ebensowenig wie es die „Digital Natives“ und die „Digital Immigrants“ gibt. Begriffe werden mit Absicht geschaffen und benutzt. Was unterscheidet einen „Native“ von einem „Immigrant“? Soll damit nur ausgesagt werden, dass eine*r in eine Zeit hineingeboren wurde, in der die Digitalisierung der Gesellschaft soweit fortgeschritten war, dass „…es der Menschheit im Jahr 2002 zum ersten Mal möglich war, mehr Information digital als analog zu speichern“? (Quelle). Als ich mir im Jahreswechsel 1986/87 meinen ersten Home-Computer kaufte, begann ich mich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Geboren wurde ich 1959. Also eindeutig ein Immigrant. Mein Sohn, 1987 geboren, wuchs in einem Umfeld auf, in dem digitale Medien bereits einen beachtlichen Raum einnahmen. Immigrant oder Native? Mein jüngster Enkel, 2015 geboren, wächst in diese Gesellschaft hinein. Wird er damit zum Ureinwohner? Drei Menschen, drei unterschiedliche „Aufwachszeiten“. Wie aber ist die Wahrnehmung der Gesellschaft geprägt. Habe ist als Immigrant durch meinen Geburtszeitpunkt weniger Einblicke in die Gesellschaft, verstehe ich weniger von den, was sich tut? Vielleicht, oder eben aber nicht.

„Digital Natives“ ist häufig ein Kampbegriff. Er dient dazu, Verantwortung zu übertragen, häufig von der Generation der Entscheider*innen auf diejenigen, die nichts oder wenig zu entscheiden haben. Übertragung ohne Machtverlust. „Kümmert ihr (Native) euch mal, ich bin schon zu alt (Immigrant)“.

Nun, das alles würde mich nicht wirklich beschäftigen, wenn nicht die „Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen“ denjenigen Steine in den Weg legen würden, die voranschreiten und Gesellschaft weiterentwickeln möchten.

Gesche Joost, Professorin für Design an der Universität der Künste Berlin, hat in ihrem Beitrag „Kirche in der digitalen Gesellschaft“ ein paar Thesen aufgestellt und erläutert, die ich im ersten Teil, auf dem Hintergrund meiner anfänglichen Ausführungen, besprechen möchte. Ich hoffe, den Sinn ihrer Aussagen nicht allzusehr zu verkürtzen. Der Orgialtext ist ja verlinkt, so dass jede*r sich selber ein Bild machen kann

  1. Sie beschreibt, dass die Euphorie der 1990er Jahre (neue Formen der Teilhabe und der Meinungsbildung erschienen am Horizont, die unser Verständnis von Gemeinschaft neu definieren sollten) sei verflogen.

Meine eigene Wahrnehmung sagt mir, diese Euphroie gab es in der Breite der Gesellschaft nicht. Ich wählte mich „damals“ (1990!) über mein 2.400 Modem in Newsgroups ein und bemühte mich als Mitarbeiter in der offenen Jugendarbeit mit den mir anvertrauten Kindern und Jugendlichen einen angemessenen Umgang mit dieser neuen Technologie zu erlernen. Dafür besprach ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschieldichen Arbeitsfeldern (Gewerkschaften, Kirchen, Jugendarbeit). Ja, eine gewissen Neugiuer und Euphorie gab es. Was würde alles möglich sein? Uns war schon klar, dass sich Meinungsbildung und Teilhabe verändern würde – positiv. Gleichzeitig machten wir jedoch die ersten Erfahrungen mit negativen Begleiterscheinungen. Datenschutz? Umgang mit anderen Menschen, von denen nichts als ein digitaler Nickname bekannt war? Wie oft mussten wir die Kinder und Jugendlichen daran hindern, alles von sich preiszugeben, wenn sie sich mit ihrer virealen Identität in Chatcity (ja, die gibt es immer noch ) aufhielten?

Was bis heute bleibt sind die neuen Formen der Teihabe, die neuen Wege der Meinungsbildung! Ja, von mir aus positiv bewertet. Denn die Teilhabemöglichkeiten sind in der Tat gewachsen. Fragt einmal meine ehemalige gehörlose Mitbewohnerin, welche neuen Kommunikationswege sich ergeben haben (ja, Bildtelefon gab es – in schlimmster Qualität!). Eines  meiner Projekte aus dem Jahr 1998 (Projektbericht als pdf-Datei) , in desssen Verlauf sich Besucher*innen eines Jugendtreffs ihre eigenen Rechner zusammenbauen konnten, wäre ohne die Newsgroups nicht möglich gewesen (wir bekamen wiederverwertbare Rechnerteile aus allen Teilen der Republik -privat über unbekannte Menschen aus den Newsgroups!). Bis heute sind „unzählige“ (warscheinlich lassen sie sich zählen) Projekte gestartet und beendet worden, die die Teilhabemöglichkeiten ausloteten. Hier seinen nur einige wenige „große“ aufgeführt:

https://www.ijab.de/youthpart     https://jugend.beteiligen.jetzt/        https://www.jugendforum.rlp.de

Aktuell werden weitere Teilhabemöglichkeiten ausgelotet. Das Aula-Projekt, das ich unterstütze (siehe hier) , zählt auch dazu. Also verflogen ist bei mir nichts. Möglicherweise die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche mehr beteiligt werden sollen. Diese offene Frage stellt sich mir immer wieder: Wo möchte man die Beteiligung – und unter welchen Bedingungen? Oder, wie es die die im digital-analogen Partizipationsprojekt beteiligten Jugendlichen 2012 in ihrem Jugendmanifest ausdrückten: „Wir Jugendliche werden in Entscheidungen, die uns betreffen, nicht gut genug eingebunden. So entgehen uns Chancen,  unsere Zukunft mitzugestalten.“ (Quelle)

Mein Fazit: Möglichkeiten und Wege, Meinungsbildung und Kommunikation auf eine breitere Ebene zu stellen, gibt es. Allein der Wille ist scheinbar schwach.

2. „Wir erleben heute immer mehr auch die Schattenseiten des Netzes – Hate-Speech, Radikalisierung im Netz und Cyber-Mobbing stehen auf der Tagesordnung. So entstehen Echo-Kammern, in denen ungehemmt Meinungen verbreitet werden, die sich gegenseitig verstärken und keine sozialen Filter mehr zu haben scheinen.“

Sicher, hier beschreibt Frau Joost eine Schattenseite, die aber nicht wirklich neu ist. Von daher ist „immer mehr“ auch eine relativierende Umschreibung. Erhöht hat sich mit zunehmender Nutzung auf jeden Fall die Menge. Hate-Speech, Radikalisierung und Cyber-Mobbing waren schon in den 90er Jahren ein Thema, zumindest dort in der Jugendarbeit, wo man sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Medien beschäftigt hat. Das Echo-Kammern-Phänomen ist auch nicht wirklich neu. Als 1978 die taz gegründet wurde, war der Hintergrund doch die Berichterstattung in den klassischen Medien, die in der regel doch auch eine Echokammer-Funktion hatten. Ob Mensch Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine oder Bild las, das Interesse war doch auch immer, Nachrichten zu lesen, die dem eigenen Weltbild eher entsprachen. Dieses Echo-Kammern-Phänomen setzt sich in den Sozialen Netzwerken fort und wird über die Vernetzungsstruktur weiter gefestigt. Ich persönlich habe über einen Kontakt noch Zugang zu einer anderen (Facebook-) Medien-Echokammer. Manchmal erschreckend, aber auch gleichzeitig interessant. Da sehe ich manchmal zwei Arten der Weltwahrnehmung!

Einen letzten Punkt möchte ich noch ansprechen:

3. „Ich vermisse die Kirche im Netz, ich vermisse ihre Stimme in den turbulenten Diskussionen, ihre Leitfunktion für die christlichen Werte unserer Gesellschaft. Wir brauchen die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche, die sich individuell wie auch kollektiv einmischen, wenn Menschen online Orientierung suchen, wenn es um die Aushandlung gesellschaftlicher Fragen geht, aber auch wenn es um technologische Diskussionen geht – um die Ethik von Algorithmen, um die Chancen und Grenzen der Künstlichen Intelligenz, um die Bedeutung und den Wert der eigenen Daten.“

Wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht: „Die Kirche“ hält sich in kritischer Distanz zur Onlinekommunikation! Kritisch in erster Linie wohl – und das ist meine Interpretation – aus zweiterlei Gründen. Den einen benennt Frau Joost treffsicher: „Dieser Raum gehorcht neuen Gesetzen: er ist  dezentral organisiert, unabhängig und offen.“ Damit hat die Institution Kirche ein Problem, denn sie ist in ihrer Kommunikationsstrategie eher zentral, abhängig und nicht offen organisiert. Ob „die Kirche“ sich überhaupt auf die Möglichkeiten der digitalen Kommunikationskanäle einlassen möchte, stelle ich auch einmal in Frage. In der EKD-Mitgliederstudie heißt es: „Der Austausch über religiöse Themen erfolgt nahezu ausschließlich im direkten persönlichen Gespräch. Für den individuellen Austausch über religiöse Themen sind internetbasierte Kommunikationswege und damit auch internetbasierte soziale Netzwerke, sieht man von der Gruppe der Jugendlichen ab, nicht wichtig.“ (Quelle)

Wenn dies aber nicht wichtig ist (mit Ausnahme der Jugendlichen!), warum sollte sich „die Kirche“ dort engagieren? Es gibt ja durchaus einige Ansätze im kirchlichen Bereich. Dies sind aber zarte Pflänzchen. Grundsätzlich stellt sich hier aber auch die Frage, ob “ die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche“ die richtigen einmischer sind, oder ob es auch darum gehen sollte, das „Priestertum aller Getauften“ ernster zu nehmen und denzentraler, unabhängiger und offener die angesprochenen Themen zu kommunizieren, so wie es unter den Hashtag #DigitaleKirche erste zarte Pflänzchen zu bewahren und zu bewässern gilt.

Oder?