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Die EKHN und Social Media

Am vergangenen Samstag fand in der Evangelischen Hochschule Darmstadt der zweite Social Media Tag der EKHN statt. Circa 100 Menschen waren mit den unterschiedlichesten Erwartungen gekommen. Da waren diejenigen, die für die Arbeit in ihrer Gemeinde Anregungen suchten, diejenigen, die für sich Klarheit über die Nutzung von Facebook & Co bekommen wollten und diejenigen, die mit dieser Veranstaltung auch ein neues Land betreten haben und grundlegende Fragen mitbrachten.

Der Kirchenpräsident der EKHN, Volker Jung, erzählte zu Beginn aus seinen Erfahrungen mit Social Media auf Facebook und gab uns Einblicke in die Reise, die er gemeinsam mit anderen Menschen (siehe Eindrücke des Diakoniepräsidenten) aus der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) nach Silicon Valley unternommen hatte. Einige seiner Erkenntnisse, die ich für Schlüssel zum Verständnis dessen, was im Bereich Social Media momentan vor sich geht, möchte ich hier darstellen und in einen Zusammenhang mit meinen Überlegungen zur strategischen Ausrichtung der Evangelischen Kirche in Fragen der Digitalisierung stellen.

  1. Zu Beginn seiner Ausführungen (siehe Videoaufzeichnung) merkte er an, dass eine Liveübertragung des gesprochenen Wortes etwas anderes ist, als die Rede in „geschützten Räumen“, wo nur intern gesprochen wird. „Geschützte Räume“ und „öffentliche Rede“ schließen einander nicht aus, beides ist wichtig.
  2. Postings auf Facebook, so merkt er an, sind dann besonders erfolgreich, gemessen an der Anzahl derjenigen, die sich das angeschaut haben, wenn dienstlich und privat zusammengehen. Hier, so denke ich, ist ein sehr wichtiger Punkt angesprochen, der so etwas wie ein Schlüssel zum Verständnis der Wirkung von Social Media aunacht: Die Person postet, authentisch, menschlich. Das das nicht immer nur Ereignisse sein müssen, sondern auch mit Verkündigungspostings „klappt“, hat ihn „total überrascht„. Mich nicht, denn auch hier tritt die Person in den Vordergrund. Glaubhaft, eben authentisch. Er merkte auch an, dass es nicht so funktioniert, wenn man ganze Predigten postet. Diese Erfahrungen sind wichtig, denn die Predigt ist in der Regel ein längerer Text, in dem die Person des Predigers verblasst.
  3. Die EKHN hat für die Bewerbung der Veranstaltung auf Facebook Geld bezahlt (unter 20 Euro!) Interessant war, dass Facebook die Werbung nicht bei der ganzen gebuchten Zielgruppe geschaltet hatte, da Bilder zuviel Text beinhalteten. (Zur Überprüfung hat Facebook ein sogenanntes Text-Overlay-Tool, bei dem es heißt: „Wenn der Textanteil im Bild zu hoch ist, erreichen deine Werbeanzeigen möglicherweise nicht die gesamte Zielgruppe.“) Jung führt weiter aus, dass die „organische Reichweite“ (= die Gesamtzahl der Personen, die die Beiträge durch unbezahlte Verbreitung gesehen haben) bei 1661 Personen, die „bezahlte Reichweite“ bei 552 Personen lag. Hier zeigt sich, dass die Bewerbung einer Veranstaltung durchaus auch Personen erreicht (hier knapp 1/4), die sonst wahrscheinlich keine Kenntnis von der Veranstaltung erlangt hätten. Es ist im Einzelfall auf jeden fall eine Überlegung wert, ob bezahlte Werbung einen Sinn macht.
  4. Der Besuch im Silikon Valley sollte gemeinsame Gedanken über eine Digital-Strategie der EKD ermöglichen: Welche Impulse sollen von der EKD ausgehen? Eine erste Erkenntnis: Die Nutzerorientierung steht an erster Stelle. „Es wird überall im Sillikon Valley gefragt: Was brauchen die Menschen, was hilf ihnen, was nutzt ihnen?„. Diese Grundhaltung ist überall anzutreffen. Es wurde geschaut, worin die Schnittmenge besteht. Facebook + Kirche = beide betreiben Communitybuilding! „Die Schnittmenge ist außerordentlich groß!“ Facebook. Google & Co fragen, so Jung „Was können wir tun, um diese Welt zu verbessern?“ Auch das, so Jung, ist eine Grundhaltung. Das damit Geld verdient werden kann, macht diese Grundhaltung nicht kleiner. In vielen Gesprächen, die ich führe wird dies immer angezweifelt. „Denen geht es nur ums Geld, das mit dem „Gutes tun“ ist Teil der (verlogenen) Geschäftspolitik. Ich persönlich glaube das allerdings nicht. Wenn ich die Texte und Statements der bekannteren Leute aus dem Silicon Valley lesen (oder lim Stream anhöre), dann tritt das Motiv immer wieder in den Vordergrund. Als ich einmal das Buch „Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft“ von Eric Schmidt (Chef von Alphabet Inc.) und Jared Cohen (Gründer und Präsident von Jigsaw) las, wurde mir das lebhaft deutlich, wenn ich auch öfter den Kopf schütteln musste. Das sind aber dann auch die Stellen, an denen meine Denkstrukturen nicht ausreichen, um all das nachvollziehen zu können.
  5. Jung zeigte die „Roadmap“ von Facebook (vergleichbar mit Google), die in drei Richtungen geht: A.) Connectivity = Vernetzung weltweit. Alle Menschen soll der Zugang zum Internet ermöglicht werden. B.) Künstliche Inteligenz (AI) und c.) virtuelle und erweiterte Realität (VR/AR). Ein Besuch bei einem StartUp von „Plug and Play“ zeigt exemplarisch, wie im Silicon Valley gearbeitet wird: Was könnten Menschen brauchen und welche Produkte stellen wir zur Befriedigung her? Jung zeigt das am Beispiel eines – ich nenne es mal „Zukunftspiegel“ – wie das beispielsweise mit erweiterter Realität funktioniert. Im Raum wird gelächelt, doch meine Enkel werden das später (wenn es sich durchsetzt) mal als „normal“ betrachten. Brave new world? Im Rückblick erscheint heute vieles als „normal“, was wir vor 10 Jahren belächelt haben!
  6. KP Jung berichtet außerdem von einen Gottesdienst einer Gemeinde, der von vier Kameras aufgezeichnet, anschließend geschnitten und veröffentlicht wird. Selbstverständlich hat die Gemeinde vorher über Social Media den Besuch angekündigt und Helfer*innen organisiert.
  7. Es werden sich Dinge entwickeln, über die wir garnicht richtig entscheiden können„, so rundet Jung seinen kleinen Einblick in zukünftige Entwicklungen ab. Manche Entwicklungen sieht er dabei überaus kritisch, er sieht aber auch unglaubliche Möglichkeiten. Verschiedene Fragen stellen sich. „Wir müssen in der Kirche Räume finden, über die Grundfragen, die damit verbunden sind, zu diskutieren„. Denn, so Jung weiter, „in einer Entwicklung, die voll im Gange ist zu navigieren, zu entscheiden, auszuwählen, ist ziemlich schwierig„.

Welche Fragen das sind, welche sich ihm stellen, ließ er wegen der kürze der Zeit aber offen. Einen Hinweis gibt er am Ende doch noch: Bei der Entwicklung der künstlichen Inteligenz sind wir als Kirche mit unserem christlichen Menschenbild gefragt. Das wird spannend und aufregend!

Hier kann ich mich nur anschließen. Als Kirche sind wir im Prozess der Digitalisierung nicht nur im Bereich Social Media gefragt. Die Entwicklungen zu beobachten, zu erfassen und – dort wo es möglich ist – mitzugestalten, ist unser Auftrag. Als Kirche haben wir die Aufgabe Denkräume zu schaffen, um im geschützten Rahmen unsere Haltungen im Angesicht unseres Menschenbildes zu entwickeln.

Dazu möchte ich im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung als verantwortlicher Referent beitragen. Ihr alle seit eingeladen, eure Ideen einzubringen, denn eine Grundhaltung gilt auch hier: Connectivity ist ein Schlüssel.

Einige Diskussionen in den Workshops, die im Rahmen des Social Media Tages stattfanden, zeigen Fragen und Bedarfe auf:

-> klassische Öffentlichkeitsarbeit im Zeitalter von Social Media muss sich verändern, ohne Erreichtes, das sich bewährt hat, aufzugeben. Wie müssen diese Veränderungen aussehen? Eine Diskussion um die Erweiterung der Kommunikationskompetenzen hinein in Dienste wie Facebook & Co ist notwendig. Was macht mit welcher Zielgruppe Sinn?

-> Öffentlichkeitsarbeit ist nicht nur Auftrag der dafür angestellten Menschen. Social Media lebt von der Beteiligung möglichst vieler Menschen in der Kirche. Diese muss aber auch gefördert und begleitet werden. Wie kann das gelingen?

-> Wie muss sich die Ausbildung von Pfarrer*innen durch die Digitalisierung und der dadruch aufgeworfenen Herausforderungen verändern? Sollen alle Pfarrer*innen aktiv Social Media Kanäle nutzen? Ein Diskussionspapier bietet Pfarrer Lutz Neumeier.

-> Eine immer wieder diskutierte Frage: In wieweit können und wollen wir unsere Erfahrungen und erarbeiteten Werke teilen? Zwei Beispiele: Brauchen wir eine eigene EKHN Bilddatenbank für die Öffentlichkeitsarbeit oder wollen wir nicht besser unsere Fotos auch auf öffentlich verfügbare (Bild-) Datenbanken, beispielsweise Pixabay, zugänglich machen?

-> Sieht man sich kirchliche Homepages an: Sind sie zeitgemäß? Orientieren sie sich an dem, was Menschen brauchen?

-> Was bedeutet Gemeinde und Gemeinschaft im digitalen Raum? Welche Zugänge zu dem Menschen ermöglicht die Digitalisierung, ohne die bewährten Wege aufzugeben?

Social Media überall

Ich oute mich hier einmal als „traditioneller“ ARD/ZDF Morgenmagazinzuschauer, in der Regel ab 5:30 Uhr. Facebook, Twitter und Youtube nutze ich seit Juni 2009, als ich den drei Netzwerken beigetreten bin. Zuvor war ich bei MeinVZ, SchülerVZ und WKW (WerKenntWen). WKW wurde 2014 abgeschaltet, die VZ Netzwerke erwischte es bereits 2013. Alle sozialen Netzwerke, in denen ich mich zuvor einbrachte, waren eher in Newsgroups oder Foren organisiert. Wobei schon der Bezeichnung „soziales Netzwerk“ eine gewisse Definitionsfreiheit innewohnt. „Sozial“ kann sich, angesichts des teilweise haarsträubenden Umgangtons, nur auf den Zugang beziehen. Es handelt sich also um digital basierte Netzwerke, die über eine Software zugänglich sind. Bei den Newsgroups war das über den Browser möglich, in meinem Fall der Netscape Navigator, dessen Entwicklung aber 2008 eingestellt wurde. Foren benutzen eine entsprechende Forensoftware, in meinem Fall war das schon immer phpBB, eine Open Source Software.

Zurück zum Morgenmagazin. Es ist dir sicherlich schon aufgefallen, dass neben den üblichen Kommunikationswegen wie Telefon und Briefadresse in vielen Nachrichtensendungen Social Media Kontaktdaten angegeben werden. Auch die Tagesschau (ARD) oder Heute (ZDF) verweisen immer häufiger auf „weitere Informationen finden Sie unter….“.  Inzwischen werden oftmals Youtube-Videos als Quellen für Bewegtbildmaterial genutzt. Social Media ist aus unserer heutigen Kommunikationskultur nicht mehr wegzudenken. Ich möchte das auch garnicht!

Was aber tun, wie nutzen? Ich erlebe ja verschiedene Nutzer*innen-Typen. Die „Offliner“, diejenigen, die keine dieser Dienste nutzen. Ja, auch wenn viele es sich nicht vorstellen können, aber ein Leben „ohne“ ist möglich. In Teilen meines Umfelds sind Offliner anzutreffen, da gibt es dann das klassische Telefon und die Ansichtskarte. Klappt!

Die „teilaktiven Onliner“ sind eine sehr große Gruppe, hier gibt es den Zugang, der in der Regel nur für das Lesen von Beiträgen anderer Menschen genutzt wird. Wenn es ganz actionreich zugeht, dann ist mal ein „Like“ oder ein „Herzchen“ drin.

Die „aktiven Onliner“ nutzen die Möglichkeiten in beiden Richtungen.Hier wird gelesen, kommentiert, geliked, geteilt und selber Beiträge verfasst. Manchmal sogar mit einem Foto. Zu dieser Gruppe zähle ich mich, wenn auch unterschiedlich aktiv. Twitter nutze ich eher im Rahmen von Veranstaltungen, Facebook häufiger, wobei bei beiden Netzwerken eher das beruflich bedeutsame Netzwerken im Vordergrund steht. Da mag aber auch daran liegen, das im familiären Umfeld kaum jemand zu dieser Gruppe gehört.

Dann gibt es noch die „hyperaktiven Onliner“, Leute, bei denen ich mir ab und an überlege, mich wieder zu „entfreunden“, da sie meine Informationsaufnahmebedürfnis bei weitem überschreiten. Ist aber eine kleine Gruppe und ich habe nur einmal jemanden aus diesem Grund „entfreundet“.

Neben den klassischen Netzwerken gibt es auch noch die, die eher nichtöffentlich sind. Dazu zählen Whatsapp, Hangout und Co. Da es hier keine öffentlichen Postings gibt, dienen sie eher der Kommunikation unter Bekannten.

Nun, als Privatperson steht es mir ja vollkommem frei, welche digitalen Kanäle ich benutze, in der Regel wird das durch die normative Kraft des Faktischen geregelt. Wenn im Bekanntenkreis ein Dienst exklusiv genutzt wird, dann haben „die Neuen“ meist keine andere Wahl.

Anders hingegen sieht es bei Organisationen aus. Will eine Organisation im Orchester der öffentlichen Sozialen Medien mitspielen, sind persönliche Vorlieben fehl am Platz. Hier geht es um Reichweite, um Anschlussfähigkeit. Von daher macht es wenig Sinn, beispielsweise eine Soziales Netzwerk wie Google+ für die Kommunikation zu wählen, da es sich hierbei zwar mit 3,2 Milliarden Accounts um das größte Netzwerk handelt, aber bei weitem nicht so vielen aktiven Nutzer*innen hat wie beispielsweise Facebook. (Quelle)

Bei der Nutzung Sozialer Medien als Organisation sollen (besser müssen!) daher strategische Überlegungen im Vordergrund stehen. Wen möche ich erreichen? …und dann schauen, welche Dienste von den Menschen genutzt werden!

Dies ist auch der Hintergrund für eine Veranstaltung, an deren Vorbereitung ich selber mitwirke. Am 23. September gibt es den (zweiten) Social Media Tag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Ziel der Veranstaltung ist es, Menschen miteinander zu vernetzen, die sich als Christ*innen begreifen und in „Digitalien“ zu hause sind. In der Vorbereitung zu diesem Beitrag habe ich mit Leuten darüber gesprochen. „Warum will sich Kirche da einmischen? Ihr habt doch euer Gemeindeblättchen und den Gottesdienst.“ war so eine Reaktion, der ich öfter begegnet bin. Meine Antwort: Die Kirche ist da wo die Menschen sind. Sie ist keine Organisation, deren Zweck sie selber ist. In den Sozialen Medien geht es doch auch darum, im Miteinander den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn beispielsweise über Transhumanismus geredet wird, dann können auch Chist*innen ihre Perspektiven in öffentliche Diskurse einbringen. Wenn über smarte Cities gesprochen wird, berührt das auch die Menschen in den Wohn- und Arbeitsquartieren. Vielleicht ist es sogar im Rahmen der (vielbeschworenen) Vielfalt ein Geschenk, wenn Chist*innen sich als solche an Diskursen beteiligen und sich zu erkennen geben?!

Ich muss ja zugeben, die Kirche als Organisation hat da so ihre Schwierigkeiten. Auf der einen Seite gibt es die Ermutigung, sich einzubringen. Auf der anderen Seite ist der Kommunikationsstil häufig noch auf „Verkündigung“ ausgerichtet. Sich in Diskussionen einzubringen bedeutet aber etwas anderes, als Stellungsnahmen und Positionen zu veröffentlichen und die öffentliche Kommentarfunktion außer Acht zu belassen. Die Frage, der sich auch die Organisation Kirche stellen muss ist, wie es gelingt, die Menschen zum Mitdiskutieren anzuregen. Denn von alleine wird das nicht geschehen, so wie sich demokratisches, soziales Miteinander nicht von alleine ergibt. In desem Sinne sollte auch die Arbeit der Öffentlichkeitsarbeit insgesamt zur Diskussion gestellt werden, denn im Zeitalter von Social Media besteht die bisher beste Möglichkeit, dem „Priestertum aller Getauften“ ein neues Gewicht zu geben.

In diesem Sinne freue ich mich, Leser*innen des Blogs am 23. September begegnen zu können.

Smartphones machen Säuglinge und Kinder krank

Zu viele Bücher Comics Walkmans Fernsehen Smartphones machen Kinder krank. Hinter Überschriften wieWie Smartphones schon Säuglinge und Kinder krank machen“ (Augsburger Allgemeine) und „Smartphones machen Kinder krank“ (Neue Züricher Zeitung und diagnose-funk.org) stehen Meldungen über die Ergebnisse der sogenannten BLIKK-Studie. Dabei handelt es sich um eine Studie im Rahmen eines Projektes, das sich auf der Homepage folgendermaßen beschreibt:

„Das Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der RFH Köln (iMöV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben gemeinsam das Projekt „BLIKK-Medien – Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Krankheiten – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien“ entwickelt. Der Deutschen Kinderschutzbund und die Deutsche Sportjugend wurden als Kooperationspartner in das Projekt integriert. Mit der Übernahme der Schirmherrschaft durch die Drogenbeauftragte des Bundes bekundet auch die Politik den hohen Stellenwert des Projektes. Es soll nach nachweisbaren Zusammenhängen zwischen den Mediennutzungszeiten und möglichen psychischen sowie physischen Auffälligkeiten im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3-J1 gesucht werden.“

Als Forschungsfragen werden an gleicher Stelle definiert:

  1. Wie lässt sich ein normaler oder ein erhöhter Mediengebrauch definieren?
  2. Welche Auswirkungen hat ein erhöhter Mediengebrauch auf die körperliche, geistige, soziale und schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
  3. Haben frühzeitige Beratungs- und Informationsgespräche einen positiven Einfluss auf das Medienverhalten von Familien, Kindern- und Jugendlichen?
  4. Welche Auswirkungen haben ein erhöhtes Medienverhalten und deren gesundheitlichen Folgen auf die Gesundheitsausgaben von morgen?

Eine wichtige Fragestellung, wie ich als Sozialwissenschaftler, Fachreferent, Vater und Opa finde.

Bevor ich zu einer Einordnung der ersten Ergebnisse was Form und Inhalt angeht eingehe, einige grundlegende Erläuterungen zu wissenschaftlichen Methoden empirischer Sozialforschung. Wichtig ist mir dies wegen der Bedeutung, die Forschung und deren Ergebnisse für die öffentliche Debatten und das politisches Handeln haben. Studienergebnisse werden (vor allem hier in Deutschland) gerne genutzt, um politische Handlungen zu begründen.

Forschung besteht aus mindestens drei Schritten, dem Forschungsinteresse sowie der Erhebung und Bewertung von Daten. Beides, die Erhebung wie die Bewertung (Intrerpretation) sind geleitet von einem Erkenntnisinteresse. Das dient sozusagen als „Katalysator“. Ein kleines Beispiel:

Ich zähle die Neugeburten in einem Dorf. Seit drei Jahren steigend! Ich zähle die im Dorf nistenden Störche. Steigend. Bewertung: Weil im Dorf mehr Störche nisten, gibt es mehr Kinder. Das Ganze wird, natürlich mit einer schönen Grafik versehen, veröffentlicht. Die Daten stimmen. Der „Katalysator“ ist dabei die verschiedenen Vorannahmen, die in die Forschung einfließen:

  1. Störche und Kinder haben etwas miteinander zu tun.
  2. Es sind nicht die Anzahl der Wühlmäuse, die im gleichen Zeitraum auch gestiegen ist

Stephen Toulmin hat für die Analyse von Argumenten in seinem Werk The Use of Argument, 1958 ein Schema entwickelt, das hier (ein OER Bildungsserver!) sehr gut dargestellt ist und das ich als Grundlage meiner Bewertungen von Forschungsergebnissen nutze. Im Falle unseres Storch-Kinder-Beispiels ist es nicht logisch begründet, dass Störche und Kinder etwas miteinander zu tun haben. Dieses „Wissen“ basiert auf alten Erzählungen, nach denen die Störche die Kinder bringen. Das Wühlmäuse (oder andere Dinge) keine Bedeutung für die Interpretation der Zahlen haben ist damit begründet, dass das ja nix damit zu tun hat. Oder hast du davon schon mal was gehört?

Toulmin nennt dies nicht „Katalysator“, sondern „Schlussregel“. Die sollte, muss aber nicht, immer begründet sein. Oftmals werden Schlussregeln verwendet, die nicht dargestellt werden, sondern auf – beispielsweise – gemeinsamen Verständnis beruhen. Ja, Störche bringen eben die Kinder, das ist schon seit Generationen bekannt.
Es gibt auch immer etwas, Toulmin nennt dies „rebuttal“, also Gegenrede, die gegen die Argumentation, gegen die Anwendung der Schlussregeln steht. „Im Nachbardorf sind auch vermehrt Störche, ohne dass es zu einer Steigerung der Geburtenrate kam. Ach, das lassen wir mal weg, hat ja für unsere Forschung keine Bedeutung.“ Soweit meine kleine Grundlage, die aber für das Verständnis der empierischen Sozialforschung nach meiner Ansicht (und nach der meines damaligen Professors Dr. Dr. Mans) immens wichtig ist.

Nun aber zur BLIKK Studie. Zur Form. Ich kann hier nur sagen, dass ich es in letzter Zeit ziemlich unerträglich finde, wenn Studienergebnisse der medialen Öffentlichkeit präsentiert werden, ohne die Studie als Grundlage für eine Bewertung der Ergebnisse zugänglich zu machen. Aber hier scheint der Zweck die Mittel zu heiligen (Redensarten-Index). Am 29. Mai 2017 war es soweit. Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Pressemeldung heißt es: „Diese Studie ist ein absolutes Novum. Sie zeigt, welche gesundheitlichen Folgen Kinder erleiden können, wenn sie im digitalen Kosmos in der Entwicklung eigener Medienkompetenz allein gelassen werden, ohne die Hilfe von Eltern, Pädagogen sowie Kinder- und Jugendärzten.“ (Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung)

Dazu wurden zwei Häppchen gereicht: Ein Faktenblatt und eine Präsentation, die (wegen Überarbeitung) im Moment nicht abrufbar ist (soll im August wieder online sein). Da mir nur die Präsentation vom 29.Mai 2017 (pdf) vorliegt und ich davon ausgehe, dass die Ergebnisse dort der Wahrheit entsprechen, gehe ich nun auch auf diese Präsentation ein. Leider gibt es von der Pressekonferenz keine Audio- oder Video-Aufzeichnung. Das wäre sicherlich spannend. Falls es abweichende Ergebnisse in den Präsentationen gibt, werde ich ein Update der Bewertung veröffentlichen.

Es wurden in die Befragung 5.573 Kinder und Jugendliche im Rahmen der kinderärztlichen Untersuchungen U3 – U11 einbezogen. Methodisch wurden Eltern befragt und in 79 Praxen Untersuchung durch Kinder-/Jugendärzte durchgeführt. So ganz klar ist es nicht erkennbar, scheinbar wurden mit den Eltern (mit einem/mit beiden? Unklar!) standartisierte Befragungen mit Fragebogen durchgeführt (Fragebogen zum Lebensumfeld, Medienfragebogen, Eltern-/Jugendfragebogen (Papousek/Mannheimer), Untersuchungsbogen). Da die Fragebögen, bis auf den von Mannheimer, mir nicht vorliegen und ich sie auch nirgends gefunden habe, kann ich hier auch leider nicht darauf eingehen. Die Jugendlichen wurden mittels eines standardisierten Evaluationsbogens befragt. Die Schlüsselergebnisse im Wirkung – Ursache Vergleich:

  1. bei Säuglingen (U3 – U6) Fütter- und Einschlafstörungen … wenn die Mutter während der Säuglings-Betreuung parallel digitale Medien nutzt.
  2. bei 2-5 jährigen (U7 – U9) Motorische Hyperaktivität / Konzentrationsstörungen …bei täglicher Smartphone-Nutzung > 30 Min.
  3. Sprachentwicklungs-Störungen in Verbindung mit täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  4. 69,5% können sich weniger als zwei Stunden selbständig beschäftigen ohne die Nutzung von digitalen Medien
  5. bei 8-13 jährigen (U10 – J1 ) …motorische Hyperaktivität/ Konzentrationsschwäche in Verbindung mit einer erhöhten digitalen medialen Nutzungsdauer von > 60 Minuten
  6. Erhöhter Genuss von Süßgetränken und Süßigkeiten sowie ein erhöhter BMI bei täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  7. bei 13-14 jährigen... Selbstauskunft der Jugendlichen (J1)…Ein nennenswerter Teil der befragten Jugendlichen gab an, Probleme zu haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren und berichtet von negativen Konsequenzen ihrer Internetnutzung im Alltag…. erhöhtes Gefährdungspotential für die Entwicklung einer digitalen Mediensucht für Jugendliche

Die Elternbefragung ergab weitere berichtenswerte Ergebnisse: Auf die Frage…
Haben Sie sich schon einmal über Mediennutzung informiert ? sagten 41% der Eltern NEIN.
Besteht Beratungsbedarf für den Umgang Ihres Kindes/Jugendlichen mit Internet- oder Smartphone-Nutzung? antworten 90% mit NEIN.

Die Autor*innen der Studie führen die Entwicklungs-Auffälligkeiten bei auf eine beschränkte „Digitaler Medien-Nutzungs-Kompetenz“ zurück. Der Stellenwert des Informationsbedarfes zur optimalen Nutzung “Digitaler Medien” wird unterschätzt. Es liegt eine Fehlsteuerung (Dysregulierung) des Medien-Nutzungsverhaltens vor.

Die Forschungsgruppe macht folgende Vorschläge:

  1. Handyfreie Zonen (beispielsweise der Essentisch) und einen digitalen Führerschein. Für wen?
  2. Digitale Mediennutzung ja! Aber mal Pause machen mit …auf Bäume klettern, …kreativ sein, ….Vorbilder
    erleben, …ins Schwimmbad gehen. Mal mit Freundschaft, Abenteuer, Vertrauen, Ausdauer…KICKEN statt
    „Klicken“, BIKEN statt „Liken“ und PADDELN, statt „Daddeln“
  3. Überführung der Studie in eine Langzeitstudie

Soweit die Ergebnisse. Wie beschrieben, eine fundierte Bewertung ist erst dann möglich, wenn die ganze Studie mit ihrem Methodenteil vorliegt. Was die Ergebnisse angeht, so ist hier offen, wie die Forscher*innen zum Ergebnis kamen. Aber, und davon kann ausgegangen werden, die Ergebnisse reproduzieren gesellschaftliche Erwartungen. Leider ist nicht gesagt, welche digitalen Medien die Mütter während des Stillens genutzt haben. Ein Hörbuch? Video on Demand? Haben sie paralell ein Computerspiel gespielt? Was passierte während des Stillens in der Umgebung? Waren die Mütter alleine oder in Gesellschaft? Was ist mit den Vätern? Wichtige, leider unbeantwortete Fragen. Julia Schönborn wählte für ihren Blog-Beitrag zur BLIKK-Studie die Überschrift „Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter.“

Über die Empfehlungen möchte ich mich an dieser Stelle auch nicht groß auslassen. Sie führten schon im Netz zu Lachanfällen. Handyfreie Zohnen? Bestimmt meinen sie Smartphones, denn wer hat heute noch ein Handy? Für wen soll der digitale Führerschein sein? Die Eltern? Die Mütter? Die Kinder? Die Großeltern? Welche Inhalte? Wo weden die Punkte eingetragen. In Flensburg? Bei der NAS?

Digitale Nutzung mit Pause. Eine Selbstverständlichkeit. Kreativ sein, auf Bäume klettern, ins Schwimmbad gehen…Super. Ich würde das noch erweitern. Reiten gehen, Doppelkopf spielen (ok, beides nicht für Säuglinge!).  Für die Kleinen ab 2 Jahren würde ich sogar schon „Tempo – Kleine Schnecke“ empfehlen. dann können sie auch gleich erste Regelspiele spielen und gewöhnen sich so an das spätere Regelwerk, dass bestimmt mit digitalen F+ührerschein festgeschrieben ist. Führerschein-Klasse 5 (Bildschirmzeit bis 15 Minuten am Tag), Klasse 4 (Bildschirmzeit bis 30 Minuten/Tag)…bis hin zur Klasse 0 (Pech gehabt, heute nix Bildschirm!).

Das das Forscher*innenteam gerne weiterforschen würde war ja absehbar.

So endet die kleine Zusammenfassung mit dem Statement von Institutsleiter Prof. Dr. Riedel (Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln) dazu: „Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Da können wir uns doch alle anschließen. Einen lesenswerten, kritischen Artikel zur Studie ist in der TAZ erschienen.

Zu guter Letzt: Ergebnisse von Studien zu veröffentlichen, die politisch wirkmächtig sein wollen und sollen, ohne dass die Studie vorliegt, ist unseriös und dient einzig eigenen Interessen. Denen der Forscher*innen, denen der Drogenbeauftragten. Denen der Presse, die es schon immer gewußt haben. Den Menschen, denen einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge gerade recht kommen. Aber nicht dem öffentlichen Interesse oder gar einer kritischen gesellschaftlichen Würdigung. Hier ist eine soche Vorgehensweise eher kontraproduktiv. Aber vielleicht will sie das ja auch sein.

Beitragsbild: Pixabay

Digitale Patientenakte

Nachdem ich in den letzten Woche verschiedene Arztbesuche erledigen musste, ist mir wieder aufgefallen, wie sehr mich manche Dinge ärgern. Nach den Gesprächen im Wartezimmer und den Gesprächen mit den Ärzten habe ich mich nochmal schlau gemacht, welche Entwicklungen es gesellschaftlich gibt.

Der Hintergrund: Immer wieder, diese Erfahrungen musste ich auch jetzt wieder machen, muss ich meine nicht allzu umfangreiche Krankengeschichte in den wesentlichen Punkten erläutern: Wegen welcher Krankheiten werden oder wurden Sie behandelt? Welche Operationen hatten sie? Haben Sie Allergien und Unverträglichkeiten? Nehmen Sie regelmäßig Medikamente, wenn ja, welche? Gibt es familiäre Vorerkrankungen? Mir ist bewusst, dass die Beantwortung der Fragen unter Umständen für die behandelnden Mediziner*innen von Bedeutung sein können. Ich würde mir ja wünschen, ich müsste nicht immer wieder in meinem Gedächtnis nachforschen, welche Antworten ich geben soll. War 1979 die Hoden- und Leistenbruch-OP? 1985 Nasenpolypen-OP. Oder war das 1986? 1988? Ich weiß es nicht mehr.

Warum gibt es bis heute im Zeitalter digitaler Technologien keine elektronische Patient*innenakte, in der diese wesentlichen (oder unwesentlichen?) Daten für die registrierten Ärzte abrufbar sind?

Auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums heißt es: „Es gibt kaum eine Innovation, die unser Leben in den letzten 20 Jahren so verändert hat wie das Internet und die damit verbundene Digitalisierung unserer Gesellschaft. Auch im Gesundheitswesen ist die digitale Revolution angekommen. Fast alle Praxen und Krankenhäuser nutzen umfassend digitale Datenverarbeitung. Bei der Übermittlung dieser Daten stecken wir aber noch im analogen Zeitalter von Brief und Fax. Jetzt wollen wir die Chancen der Digitalisierung für eine bessere medizinische Versorgung endlich nutzen.“

Das mit den Briefen, die ich zwischen des Arztpraxen hin und her transportiter habe, kann ich nur so bestätigen. Aber was ist in der Bundespolitik geschehen, um das zu verbessern?

Mein erster Besuch galt der Homepage des Bundestages. Im Legislaturbericht Digitale Agenda 2014 bis 2017 (pdf) heißt es: „Mit dem Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sowie zur Änderung weiterer Gesetze (E-Health-Gesetz) wurden die Rahmenbedingungen für die Nutzung moderner, digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien für die medizinische Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten nachhaltig verbessert.“ (Seite 23)

Der Besuch der entsprechenden Seite auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums brachte folgende Erkenntnis: „Ein modernes Stammdatenmanagement (Online-Prüfung und Aktualisierung von Versi­chertenstammdaten) sorgt für aktuelle Daten in der Arztpraxis und schützt vor Leis­tungsmissbrauch zu Lasten der Beitragszahler. Diese erste Online-Anwendung der elekt­ronischen Gesundheitskarte soll nach erfolgreichem Probelauf bis Mitte 2018 flächende­ckend eingeführt werden.“

OK, dache ich mir. Da wird es möglicherweise 2018 soweit sein, dass meine Versichertenstammdaten elektronisch auf dem neusten Stand abrufbar sind. Dabei scheint es aber garnicht so sehr um mich zu gehen, sondern um die Eindämmung eines missbräuchlichen Verhaltens. Laut einer Schätzung des statistischen Bundesamtes waren in Deutschland im Jahr 2015 ca. 80.000 Menschen nicht krankenversichert.

Weiter heißt es: „Die Versicherten erwarten zu Recht, dass medizinische Daten immer dann zur Verfügung stehen, wenn sie für ihre Behandlung benötigt werden. Und das unter Beachtung von Datensicherheit und Datenschutz.“

Na da kann ich nur voll zustimmen. Weiter im Text: „Voraussetzung hierfür ist die Einführung einer digitalen Datenautobahn, die Telematikinfrastruktur. (…) Zuständig für die Einführung der Datenautobahn sind die Organisationen der Selbstverwaltung.“ Ohje, denke ich mir, digitale Datenautobahn hört sich ja super an und ein Blick auf den Breitbandatals des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur zeigt mir, das kann noch dauern! Wenn das also eine Voraussetzung ist, dann gute Nacht. Denke ich mir so.

Aber möglicherweise geht das ja auch fix (*ungläubiges Kopfschütteln*). Nun gut, also 2018 können die aktuellen Stammdaten digital abgeglichen werden. Und dann? „Das E-Health-Gesetz enthält einen Fahrplan zur digitalen Vernetzung für die Selbstverwaltung und für die weiteren Schritte mit nutzbringenden Anwendungen.“ Na den Fahrplan im E-Health-Gesetz schaue ich mir mal genauer an. In meinen Worten:

  1. 1. Januar 2015: Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) gilt als alleiniges Einlassticket in die Krankenversorgung.
  2. 1. Oktober 2016: Wer mindestens drei verordnete Medikamente anwendet, hat Anspruch auf einen Medikationsplan in Papierform. Darin wird dokumentiert, welche Arzeneimittel verordnet wurden sowie solche, die ohne Verschreinbung angewendet werden. Papierform?
  3. 31. Dezember 2016: Bis zu diesem Tag hat die GEMATIK (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH – eine Firma, die das ganze Vorhaben managen soll und die von den Krankenkassenverbänden und den Ärzteverbänden gegründet wurde) zu prüfen, inwieweit Patient*innen mit Smartphones, die heute zur Standardausstattung gehören, auf die Daten der eGesundheitskarte zugreifen können.
  4. 1. Juli 2017: Videosprechstunden werden nun vergütet. Hier wird die sicherlich sinnvolle telemedizinisch gestützte Betreuung von Patienten, mit der die ansonsten
    wiederholte persönliche Vorstellung in der Arztpraxis ersetzt werden kann, gefördert.
  5. 01. Januar 2018: Allen Versicherten soll die Möglichkeit eingeräumt werden, notfallrelevante Informationen (Diagnosen, Medikation, Allergien, Unverträglichkeiten etc.) freiwillig auf ihre eGK eintragen zu lassen.
  6. 1. Juli 2018: Alle Vertragsärzte müssen an die Infrastruktur angeschlossen sein und das Versichertenstammdatenmanagement durchführen, sonst droht ihnen eine Honorarabzug von 1%.
  7. 01.01.2019. Die Versicherten haben Anspruch auf eine ePatientenakte, in der wichtige elektronische Dokumente wie Arztbriefe, Medikationsplan, Notfalldatensatz, Impfausweis etc. aufbewahrt werden können. Zugriff haben Ärzte mit einem eArztausweis. Der Inhalt wird in ein sogenanntes elektronisches Patientenfach gespiegelt (kopiert), auf das ich als Patient dann Zugriff haben soll. Über die Daten der ePatientenakte hinaus, soll ich auch die Möglichkeit erhalten, persönliche Gesundheitsdaten einzutragen (Ernährung, Bewegung, Daten von „Fitnesstrackern“ etc.).

Soweit grob der Fahrplan.Wer sich die Bundestagsdebatte der letzten Lesung des Gesetzes anschauen möchte, das Protokoll gibt es hier (pdf). Eine knappe Erklärung ist im Youtube-Video von Dr. Overkamp zu sehen.

Praktisch sind einige Fisten allerdings schon verstrichen. So ist in der Ärzte-Zeitung zu lesen, dass die Frist für den Anschluss der Ärzte an das Versichertenstammdatenmanagement erst zum 1. Januar 2019 endet.

Grund dafür dürften die Probleme bei der Technik sein. Wie die FAZ und andere Quellen berichteten, stehen die Geräte, die einen sicheren Zugang zum System bieten müssen, nicht bereit.

Probleme machet auch die Anbindung der Endgeräte an das System (siehe Fahrplan Punkt 3). Wie die GEMATIK in ihrem Bericht (pdf) formuliert, bestehen Sicherheitsprobleme, die sie nicht lösen können. Im Ergebnis bedeutet dies: „Die Geräte der Versicherten sind keine Geräte der Telematikinfrastruktur. Das bedeutet insbesondere, dass diese Geräte nicht durch die gematik zugelassen werden und damit kein Nachweis ihrer funktionalen und sicherheitstechnischen Eignung erfolgt. Die Versi-cherten tragen notwendigerweise selbst die Verantwortung für diese Geräte. (…) In diesem Zusammenhang kann nur auf allgemeine Verhaltensregeln für die Versicherten im Umgang mit ihren Geräten und eine sichere Konfiguration ihrer Geräte verwiesen wer-den, welche die Wahrscheinlichkeit einer Kompromittierung der Geräte einhergehend mit Verlust des Schutzes der darauf gespeicherten oder verarbeiteten Daten senken. Die Versicherten sind jedoch für eine Einhaltung dieser Verhaltensregeln und die Konfigurati-on ihrer Geräte selbst verantwortlich.“ (Seite 8)

Während die neuen Regelungen in einem Artikel der ZEIT gefeiert wurden, fehlte es an kritischen Anmerkungen nicht.

Eine zentrale Kritik trifft des Datenschutz. Sensible Daten, dazu zählen auf jeden Fall meine Gesundheitsdaten, sind 100% zu sichern. Aber geht das? Der Chaos Computer Club hat so seine Zweifel und hier Stellung bezogen.

Datenschutzgründe und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung führt der Verein Patientenrechte und Datenschutz e.V. ins Feld und macht vor allem auf die wirtschaftlichen Interessen an eben diesen Daten aufmerksam. Ein sehr interessanter Blog!

Das verschiedene Firmen ein Interesse an den Daten haben, dürfte klar sein. Der Gesundheitsbereich ist ein lohnenedes Geschäft. Apple will beispielsweise gerne die Gesundheitsdaten seiner Nutzer*innen sammeln und verwerten. Ein Artikel dazu ist hier. Dazu passend hat Apple ein Startup gekauft, das sich auf die Sammlung  von Gesundheitsdaten spezialisiert hat.

Das auch Versicherungen ein Interesse an den Daten haben, dürfte nicht überraschen. So werden individualisierte Versicherungsprämien noch präziser möglich. Generali, ein Versicherungskonzern, der in einigen Bereichen auf individualisierte Prämienmodelle setzt, ist hier auch am Werk und setzt mit ihrem Angebot auf die digitale Selbstvermessung, ich nenne es auch gerne die „körperliche Buchführung“.

Auch für die Kirche ist dies ein Thema. Der Mensch ist mehr als die Ansammlung von Daten, er ist mehr als ein Objekt, das vermessen und bewertet werden kann. Einen schönen Artikel dazu gibt es auf der Homepage unserer Landeskirche.

Außerdem bin ich ein Anhänger des solidarischen Prinzips. Ich wäre für eine Bürgerversicherung.

Um am Ende auf den Anfang zurück zu kommen: Ja, ich bin ein Befürworter des digitalisierten Gesundheitsmanagements. Ich würde meine Blutgruppe, meine Allergien (Birkenpollen & Salicylate) und meine Medikamente (die ich bisher nicht habe), eintragen. Ich befüworte auch ein ePatientenfach. Allerdings sind meine Sicherheitsvorstellungen schon ziemlich hoch. Ich würde den Zugriff darauf, ebenso wie ich das seit Jahrzehnten mit dem Onlinebanking handhabe, nur über meinen gesicherten PC vornehmen. Zudem müsste die Infrastruktur zwischen meinem Endgerät und dem Datenserver hundertprozentig sicher sein. Ob das im Zeitalter von Sicherheitslücken machbar ist? Ich hoffe es und machbar ist es. Da bin ich mir sicher.