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Smartphones machen Säuglinge und Kinder krank

Zu viele Bücher Comics Walkmans Fernsehen Smartphones machen Kinder krank. Hinter Überschriften wieWie Smartphones schon Säuglinge und Kinder krank machen“ (Augsburger Allgemeine) und „Smartphones machen Kinder krank“ (Neue Züricher Zeitung und diagnose-funk.org) stehen Meldungen über die Ergebnisse der sogenannten BLIKK-Studie. Dabei handelt es sich um eine Studie im Rahmen eines Projektes, das sich auf der Homepage folgendermaßen beschreibt:

„Das Institut für Medizinökonomie und Medizinische Versorgungsforschung der RFH Köln (iMöV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben gemeinsam das Projekt „BLIKK-Medien – Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz und Krankheiten – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien“ entwickelt. Der Deutschen Kinderschutzbund und die Deutsche Sportjugend wurden als Kooperationspartner in das Projekt integriert. Mit der Übernahme der Schirmherrschaft durch die Drogenbeauftragte des Bundes bekundet auch die Politik den hohen Stellenwert des Projektes. Es soll nach nachweisbaren Zusammenhängen zwischen den Mediennutzungszeiten und möglichen psychischen sowie physischen Auffälligkeiten im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen U3-J1 gesucht werden.“

Als Forschungsfragen werden an gleicher Stelle definiert:

  1. Wie lässt sich ein normaler oder ein erhöhter Mediengebrauch definieren?
  2. Welche Auswirkungen hat ein erhöhter Mediengebrauch auf die körperliche, geistige, soziale und schulische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen?
  3. Haben frühzeitige Beratungs- und Informationsgespräche einen positiven Einfluss auf das Medienverhalten von Familien, Kindern- und Jugendlichen?
  4. Welche Auswirkungen haben ein erhöhtes Medienverhalten und deren gesundheitlichen Folgen auf die Gesundheitsausgaben von morgen?

Eine wichtige Fragestellung, wie ich als Sozialwissenschaftler, Fachreferent, Vater und Opa finde.

Bevor ich zu einer Einordnung der ersten Ergebnisse was Form und Inhalt angeht eingehe, einige grundlegende Erläuterungen zu wissenschaftlichen Methoden empirischer Sozialforschung. Wichtig ist mir dies wegen der Bedeutung, die Forschung und deren Ergebnisse für die öffentliche Debatten und das politisches Handeln haben. Studienergebnisse werden (vor allem hier in Deutschland) gerne genutzt, um politische Handlungen zu begründen.

Forschung besteht aus mindestens drei Schritten, dem Forschungsinteresse sowie der Erhebung und Bewertung von Daten. Beides, die Erhebung wie die Bewertung (Intrerpretation) sind geleitet von einem Erkenntnisinteresse. Das dient sozusagen als „Katalysator“. Ein kleines Beispiel:

Ich zähle die Neugeburten in einem Dorf. Seit drei Jahren steigend! Ich zähle die im Dorf nistenden Störche. Steigend. Bewertung: Weil im Dorf mehr Störche nisten, gibt es mehr Kinder. Das Ganze wird, natürlich mit einer schönen Grafik versehen, veröffentlicht. Die Daten stimmen. Der „Katalysator“ ist dabei die verschiedenen Vorannahmen, die in die Forschung einfließen:

  1. Störche und Kinder haben etwas miteinander zu tun.
  2. Es sind nicht die Anzahl der Wühlmäuse, die im gleichen Zeitraum auch gestiegen ist

Stephen Toulmin hat für die Analyse von Argumenten in seinem Werk The Use of Argument, 1958 ein Schema entwickelt, das hier (ein OER Bildungsserver!) sehr gut dargestellt ist und das ich als Grundlage meiner Bewertungen von Forschungsergebnissen nutze. Im Falle unseres Storch-Kinder-Beispiels ist es nicht logisch begründet, dass Störche und Kinder etwas miteinander zu tun haben. Dieses „Wissen“ basiert auf alten Erzählungen, nach denen die Störche die Kinder bringen. Das Wühlmäuse (oder andere Dinge) keine Bedeutung für die Interpretation der Zahlen haben ist damit begründet, dass das ja nix damit zu tun hat. Oder hast du davon schon mal was gehört?

Toulmin nennt dies nicht „Katalysator“, sondern „Schlussregel“. Die sollte, muss aber nicht, immer begründet sein. Oftmals werden Schlussregeln verwendet, die nicht dargestellt werden, sondern auf – beispielsweise – gemeinsamen Verständnis beruhen. Ja, Störche bringen eben die Kinder, das ist schon seit Generationen bekannt.
Es gibt auch immer etwas, Toulmin nennt dies „rebuttal“, also Gegenrede, die gegen die Argumentation, gegen die Anwendung der Schlussregeln steht. „Im Nachbardorf sind auch vermehrt Störche, ohne dass es zu einer Steigerung der Geburtenrate kam. Ach, das lassen wir mal weg, hat ja für unsere Forschung keine Bedeutung.“ Soweit meine kleine Grundlage, die aber für das Verständnis der empierischen Sozialforschung nach meiner Ansicht (und nach der meines damaligen Professors Dr. Dr. Mans) immens wichtig ist.

Nun aber zur BLIKK Studie. Zur Form. Ich kann hier nur sagen, dass ich es in letzter Zeit ziemlich unerträglich finde, wenn Studienergebnisse der medialen Öffentlichkeit präsentiert werden, ohne die Studie als Grundlage für eine Bewertung der Ergebnisse zugänglich zu machen. Aber hier scheint der Zweck die Mittel zu heiligen (Redensarten-Index). Am 29. Mai 2017 war es soweit. Die Ergebnisse wurden der Öffentlichkeit vorgestellt. In der Pressemeldung heißt es: „Diese Studie ist ein absolutes Novum. Sie zeigt, welche gesundheitlichen Folgen Kinder erleiden können, wenn sie im digitalen Kosmos in der Entwicklung eigener Medienkompetenz allein gelassen werden, ohne die Hilfe von Eltern, Pädagogen sowie Kinder- und Jugendärzten.“ (Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung)

Dazu wurden zwei Häppchen gereicht: Ein Faktenblatt und eine Präsentation, die (wegen Überarbeitung) im Moment nicht abrufbar ist (soll im August wieder online sein). Da mir nur die Präsentation vom 29.Mai 2017 (pdf) vorliegt und ich davon ausgehe, dass die Ergebnisse dort der Wahrheit entsprechen, gehe ich nun auch auf diese Präsentation ein. Leider gibt es von der Pressekonferenz keine Audio- oder Video-Aufzeichnung. Das wäre sicherlich spannend. Falls es abweichende Ergebnisse in den Präsentationen gibt, werde ich ein Update der Bewertung veröffentlichen.

Es wurden in die Befragung 5.573 Kinder und Jugendliche im Rahmen der kinderärztlichen Untersuchungen U3 – U11 einbezogen. Methodisch wurden Eltern befragt und in 79 Praxen Untersuchung durch Kinder-/Jugendärzte durchgeführt. So ganz klar ist es nicht erkennbar, scheinbar wurden mit den Eltern (mit einem/mit beiden? Unklar!) standartisierte Befragungen mit Fragebogen durchgeführt (Fragebogen zum Lebensumfeld, Medienfragebogen, Eltern-/Jugendfragebogen (Papousek/Mannheimer), Untersuchungsbogen). Da die Fragebögen, bis auf den von Mannheimer, mir nicht vorliegen und ich sie auch nirgends gefunden habe, kann ich hier auch leider nicht darauf eingehen. Die Jugendlichen wurden mittels eines standardisierten Evaluationsbogens befragt. Die Schlüsselergebnisse im Wirkung – Ursache Vergleich:

  1. bei Säuglingen (U3 – U6) Fütter- und Einschlafstörungen … wenn die Mutter während der Säuglings-Betreuung parallel digitale Medien nutzt.
  2. bei 2-5 jährigen (U7 – U9) Motorische Hyperaktivität / Konzentrationsstörungen …bei täglicher Smartphone-Nutzung > 30 Min.
  3. Sprachentwicklungs-Störungen in Verbindung mit täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  4. 69,5% können sich weniger als zwei Stunden selbständig beschäftigen ohne die Nutzung von digitalen Medien
  5. bei 8-13 jährigen (U10 – J1 ) …motorische Hyperaktivität/ Konzentrationsschwäche in Verbindung mit einer erhöhten digitalen medialen Nutzungsdauer von > 60 Minuten
  6. Erhöhter Genuss von Süßgetränken und Süßigkeiten sowie ein erhöhter BMI bei täglicher digitaler Bildschirmnutzung
  7. bei 13-14 jährigen... Selbstauskunft der Jugendlichen (J1)…Ein nennenswerter Teil der befragten Jugendlichen gab an, Probleme zu haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren und berichtet von negativen Konsequenzen ihrer Internetnutzung im Alltag…. erhöhtes Gefährdungspotential für die Entwicklung einer digitalen Mediensucht für Jugendliche

Die Elternbefragung ergab weitere berichtenswerte Ergebnisse: Auf die Frage…
Haben Sie sich schon einmal über Mediennutzung informiert ? sagten 41% der Eltern NEIN.
Besteht Beratungsbedarf für den Umgang Ihres Kindes/Jugendlichen mit Internet- oder Smartphone-Nutzung? antworten 90% mit NEIN.

Die Autor*innen der Studie führen die Entwicklungs-Auffälligkeiten bei auf eine beschränkte „Digitaler Medien-Nutzungs-Kompetenz“ zurück. Der Stellenwert des Informationsbedarfes zur optimalen Nutzung “Digitaler Medien” wird unterschätzt. Es liegt eine Fehlsteuerung (Dysregulierung) des Medien-Nutzungsverhaltens vor.

Die Forschungsgruppe macht folgende Vorschläge:

  1. Handyfreie Zonen (beispielsweise der Essentisch) und einen digitalen Führerschein. Für wen?
  2. Digitale Mediennutzung ja! Aber mal Pause machen mit …auf Bäume klettern, …kreativ sein, ….Vorbilder
    erleben, …ins Schwimmbad gehen. Mal mit Freundschaft, Abenteuer, Vertrauen, Ausdauer…KICKEN statt
    „Klicken“, BIKEN statt „Liken“ und PADDELN, statt „Daddeln“
  3. Überführung der Studie in eine Langzeitstudie

Soweit die Ergebnisse. Wie beschrieben, eine fundierte Bewertung ist erst dann möglich, wenn die ganze Studie mit ihrem Methodenteil vorliegt. Was die Ergebnisse angeht, so ist hier offen, wie die Forscher*innen zum Ergebnis kamen. Aber, und davon kann ausgegangen werden, die Ergebnisse reproduzieren gesellschaftliche Erwartungen. Leider ist nicht gesagt, welche digitalen Medien die Mütter während des Stillens genutzt haben. Ein Hörbuch? Video on Demand? Haben sie paralell ein Computerspiel gespielt? Was passierte während des Stillens in der Umgebung? Waren die Mütter alleine oder in Gesellschaft? Was ist mit den Vätern? Wichtige, leider unbeantwortete Fragen. Julia Schönborn wählte für ihren Blog-Beitrag zur BLIKK-Studie die Überschrift „Die Mütter sind Schuld. Und die Smartphones. Aber am meisten die Mütter.“

Über die Empfehlungen möchte ich mich an dieser Stelle auch nicht groß auslassen. Sie führten schon im Netz zu Lachanfällen. Handyfreie Zohnen? Bestimmt meinen sie Smartphones, denn wer hat heute noch ein Handy? Für wen soll der digitale Führerschein sein? Die Eltern? Die Mütter? Die Kinder? Die Großeltern? Welche Inhalte? Wo weden die Punkte eingetragen. In Flensburg? Bei der NAS?

Digitale Nutzung mit Pause. Eine Selbstverständlichkeit. Kreativ sein, auf Bäume klettern, ins Schwimmbad gehen…Super. Ich würde das noch erweitern. Reiten gehen, Doppelkopf spielen (ok, beides nicht für Säuglinge!).  Für die Kleinen ab 2 Jahren würde ich sogar schon „Tempo – Kleine Schnecke“ empfehlen. dann können sie auch gleich erste Regelspiele spielen und gewöhnen sich so an das spätere Regelwerk, dass bestimmt mit digitalen F+ührerschein festgeschrieben ist. Führerschein-Klasse 5 (Bildschirmzeit bis 15 Minuten am Tag), Klasse 4 (Bildschirmzeit bis 30 Minuten/Tag)…bis hin zur Klasse 0 (Pech gehabt, heute nix Bildschirm!).

Das das Forscher*innenteam gerne weiterforschen würde war ja absehbar.

So endet die kleine Zusammenfassung mit dem Statement von Institutsleiter Prof. Dr. Riedel (Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fachhochschule Köln) dazu: „Als Fazit der Studie ergibt sich, dass der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen haben, frühzeitig kontrolliert geübt werden soll. Dabei müssen  soziale und ethische Werte wie Verantwortung, reale Kommunikation, Teamgeist und Freundschaft auf allen Ebenen  der Erziehung gefördert werden. Kinder und junge Menschen sollen lernen, die Vorteile einer inzwischen globalen digitalen Welt zu nutzen, ohne dabei auf die Erlebnisse mit Freunden im Alltag zu verzichten.“

Da können wir uns doch alle anschließen. Einen lesenswerten, kritischen Artikel zur Studie ist in der TAZ erschienen.

Zu guter Letzt: Ergebnisse von Studien zu veröffentlichen, die politisch wirkmächtig sein wollen und sollen, ohne dass die Studie vorliegt, ist unseriös und dient einzig eigenen Interessen. Denen der Forscher*innen, denen der Drogenbeauftragten. Denen der Presse, die es schon immer gewußt haben. Den Menschen, denen einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge gerade recht kommen. Aber nicht dem öffentlichen Interesse oder gar einer kritischen gesellschaftlichen Würdigung. Hier ist eine soche Vorgehensweise eher kontraproduktiv. Aber vielleicht will sie das ja auch sein.

Beitragsbild: Pixabay

In Zeiten des Hasses ist Liebe eine Revolution

Letzte Woche hatte ich in meinem Blogbeitrag ja bereits geschrieben, wie mich die Überwältigung erwischt hat. Heute nun inhaltlich zu dem, was ich im Rahmen der re:publica erleben durfte. Ich habe das jetzt mal chronoligisch sortiert nach Sessions sortiert, die ich besucht habe (oder bei denen ich gehindert wurde). Damit das Ganze aber nicht so bruchstückhaft rüberkommt, der Versuch einer Einordnung.

Ich fuhr zur re:publica, um einmal die Stimmung einzufangen, mich mit Leuten zu unterhalten und mich von Inputs inspirieren zu lassen. Dabei spielte das Thema „Manipulation“ für mich ein großes Thema, denn das ist aus meiner Sicht der Hintergrund der Debatte um „Fake-News“, „Social-Bots“ und dem „ehernen Journalismus“, der Fakten und Qualität verspricht.

Ein zweites Thema war die Frage der Grundrechte. Ich hatte mich ja bereits zur Charta geäußert und wollte nun einmal hören, was aus der ganzen Diskussion der letzten Monate geworden ist. Ich wünschte mir also eine Zusammenfassung, markierte aber in meiner Planung, dass ich auch die Sessions „Diskussion der Charta“ und „wie weiter mit der Charta“ besuchen wollte.

Das Sahnehäubchen war dann das Angebot, das für mich nicht unter einem bestimmten Interesse stand.

Ich habe die Titel der verschiedenen Sessions mal den drei Bereichen zugeordnet und bunt eingefärbt. Zum Thema Manipulation = rot, Grundrechte = grün, die Sahnehäubchen = pink. Unter den jeweiligen Veranstaltungen dann eine kurze Kommentierung, wenn vorhanden, dann mit dem zur Verfügung stehenden Session-Video. Wer Lust und Zeit hat, kann ja mal reinschauen, es lohnt sich!

Montag

12:15 – 12:45 Lobby-Schlacht um Brüssel: Ende mit Tracken oder Tracken ohne Ende? (Ingo Dachwitz) https://www.youtube.com/watch?v=l5SwOS5lXTc Ingo Dachwitz erläuterte die Hintergründe der ePrivacy-Verordnung. Erfrischend, kompetent, aber leider zum Ende hin zu knapp. Ich werde mal ein Interview mit ihm organisieren, denn das ist schon eine der zentralen Grundrechtsfragen.

12:45 – 13:15 Make life easy (again)!? Was wollen wir uns von Technologie abnehmen lassen und zu welchem Preis? (Jan Möller, Martin Schallbruch) https://www.youtube.com/watch?v=If7PjzJq7Oo Auf jeden Fall brachten beide mich gut zum Nachdenken. Es geht letzten Endes um die Auseinandersetzung, welche Verantwortung wir Menschen für unser (teils unreflektiertes) Handeln und welche Verantwortung die Anbieter von Technik und Dienstleistungen haben. Sie haben das ganz gut als Zwiegespräch organisiert, in dem beide unterschiedliche Haltungen zeigen.

13:30 – 14:00 Die Lehren von der Reformation bis zur Aufklärung für das Netz von heute (Johanna Haberer, Kai Schächtele) https://www.youtube.com/watch?v=gZIX7HOvOPM Ich hatte ja schon mit Johanna Haberer eine Veranstaltung für Landtagsabgeordnete und ihre Mitarbeiter*innen in Mainz, in der wir beide als Referent*in auftraten, ich habe sie auf dem Medienkonzil gehört und ihr Buch „Digitale Theologie“ gelesen und mit Kolleg*innen besprchen, von daher erwartete ich nichts Neues, wollte aber eine „Auffrischung“. Die mediale Prägung unseres Denken und Handeln kam nochmal schön zum Ausdruck. Nochmal Haberer deutlich aus christlicher Perspektive, die ich teile: Es hat jeder nicht nur das Recht, sich in den Diskurs um das Zusammenleben einzubringen, mit der „Demokratisierung der Kommunikation“ ist auch eine Verantwortung verbunden. Die Verantwortung eine Haltung einzunehmen. Es braucht aber auch eine Ethik der Kommunikation!

14:00 – 14:30 WTF – Katholische Kirche will Netzpolitik mitgestalten?! (Kristin Narr, Saskia Esken, Andreas Büsch) ab 32:12 https://www.youtube.com/watch?v=gja6Ce8_UsE Andreas Büsch, mit dem ich ja ab und zu das Vergnügen des gemeinsamen Kaffeetalks habe (unsere Büros sind 10 Minuten voneinander entfernt), stellte das lesenswerte Papier „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit“ vor, das von Saskia Esken wohlwollend rezensiert wurde. Sie ging dabei nicht auf alle Punkte des Papiers ein, würdigt erst einmal, dass die Kirche sich hier engagiert zeigt, dass sie als Glaubensgemeinschaft sich mit dem gesellschaftlichem Wandel und den Auswirkungen auf unser Gesellschaft beschäftigt und dabei auch die eigenen Hausaufgaben benennt.

16:00 – 17:00 Netzgemeindefest (Ingo Dachwitz) (kein Video) Ein Treffen von netzaffinen Leuten aus „der Kirche“. Christ*innen, aus welchen Bereichen auch immer, die gemeinsam ins Gespräch kamen. Jede*r sollte sich Leute suchen, die nicht schon zu den Bekannten gehörten. Das war ein sehr lebendiger Austausch, leider unter keinen so guten räumlichen Bedingungen. Die offene Sitzgruppe waren nicht auf Kommunikation in größeren Gruppen angelegt, dazu waren die Umgebungsgeräusche zu laut. Aber für einen ersten Austausch in der Runde war es ok. Unter den Twitter-Hashtag #DigitaleKirche zeigten wir schon mal das Interesse, gemeinsam weiter am Austausch über das Thema „Digitalisierung aus unterschiedlichen Blickwinkeln“ zu bleiben. Vielleicht gibt es ja auch bald ein bundesweites Treffen? Hier ist für die Evangelische Kirche die EKD gefragt.

In kleiner Runde erschien uns das Format des Barcamps als ziemlich geeignet, um eben den unterschiedlichen Themen, Fragestellungen und Herausforderungen einen Platz geben zu können.

17:15 – 18:15 Werden Wahlen im Netz entschieden? (Prof. Dr. Birgit Stark, Julius van de Laar, Dr. Ursula Weidenfeld, Robert Heinrich, Martin Hoffmann, Tobias Nehren) https://www.youtube.com/watch?v=qVSyzfp_aR8 Martin Hoffmann erklärt zu Beginn, was Bots sind, dass sie gut oder böse sein können und wie sie sich unterscheiden. Was sie zumindest können? Trends setzen, Diskurse unmöglich machen, sie können Propaganda machen und – zentral – sie können den Eindruck erwecken, dass da ganz viele Leute beispielsweise hinter einer Meinung stehen. Über deren Wirkung wissen wir aber wenig, denn es gibt kaum qualitative Forschung darüber. Die Diskussionsteilnehmer*innen tauschen sich dann auch über die Eingangsfrage aus, mit unterschiedlichen Ansichten.

18:30 – 19:00 Hacking Karlsruhe: Klagen für die Freiheit (Ulf Buermeyer, Nora Markard) https://www.youtube.com/watch?v=xuo95Yr9aZM Beide stellen den Verein „Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. (GFF)“ vor und erläutern, wie sie auf rechtlicher Ebene für Freiheitsrechte eintreten. Unterstützer*innen sind gerne gesehen. Machen ja auch einen wichtigen Job.

TAG 2

10:00 – 11:00 Anonymous.Kollektiv & Migrantenschreck: Warum wir bei Rechten geklingelt haben (Kai Biermann, Simon Hurtz, Karolin Schwarz, Max Hoppenstedt, Günther Strauß) https://www.youtube.com/watch?v=3r9rbHWbIW4 (ab Minute 5:55) Da gab es doch tatsächlich auf einer Internetseite ein Waffenangebot aus Ungarn, das dazu beitragen sollte, sich in der „Flüchtlingsfrage“ ein wenig sicherer zu fühlen. Kai Biermann hat die Kund*innen besucht. Eine nette Erzählung. Simon Hurtz war mit dabei und berichtet hier in einem Interview. Als Gegenbewegung gegen Hetze und Falschmeldungen/ Fake-News verstehen sich Günther Strauß und Karolin Schwarz. Sie initiierte die Seite www.hoaxmap.org und hat sich damit auf die Seite derer positioniert, die Fake-News mit Richtigstellungen begegnen, die „Watchseitenbewegung“ – hauptsächlich auf Facebook unterwegs – kümmert sich mit gleicher Intention (Aufklärung) um ein breites Themenspektrum und dort beobachtbare Unwahrheiten.

11:15 – 12:15 #DigitalCharta – Brauchen wir Grundrechte für das digitale Zeitalter? (Johnny Haeusler, Heinrich Wefing, Christoph Kucklick, Jeanette Hofmann, Daniel Opper, Jan Philipp Albrecht) https://www.youtube.com/watch?v=GHBND8OUeyw Ich dachte ja, es gäbe etwas Neues. Fehlanzeige. Christoph Kucklick, Chefredakteur der Zeitschrift GEO war als einziger auf der Bühne, der sich an der Charta nicht beteiligte und seine Kritik ab Minute 16 erläutert. Der Verlauf der Debatte spricht für sich.

12:30 – 13:30 „Lügenpresse™“ meets Hydraulikpresse: Eine Gameshow über Fake News (Max Hoppenstedt, Theresa Locker) (kein Video) Einfach ein nettes Quiz, in dem es galt, Meldungen als „Irreführend“ oder „Falsch“ zu bestimmen.

13:45 – 14:45 Die Hälfte aller Spieler ist weiblich. Doch wie vielfältig ist die deutsche Spieleindustrie? (Sabine Hahn) (kein Video)

15:00 – 16:00 Will there be a shared vineyard in the smart city? (Bettina Ludolf, Ralf Lamberti) (kein Video) Eine Veranstaltung der Daimler AG, in der beide ein städtisches Zukunftsszenario (Mobilität) vorstellten. Ein eigenes Thema, das ich bald in einem eigenen Blogbeitrag beleuchten werde.

16:45 – 17:15 Die Anachronistin – mehr als nur Geschichte (Nora Hespers) (kein Video) Bemerkenswert. Da hört die Enkelin eines Widerstandskämpfers gegen den NS Staat seine Geschichte und fängt an zu recherchieren. Sie macht daraus einen Blog und einen Podcast. Toll!

17:30 – 18:00 Die Emanzipation der Gutmenschen (Kübra Gümüşay) ab 7:34:40! Einfach nur sehenswert. Prädikat „besonders wertvoll“!

TAG 3

10:00 – 11:00 Leider zu spät angemeldet: Feinstaubsensor basteln – der einfache Bausatz, Daten messen und zeigen (Frank Riedel, Jan Lutz)

10:00 – 10:30 Macht Algorithmus Staat (Mike Weber) https://www.youtube.com/watch?v=8A1hQGRaj2k

10:30 – 11:00 Der Source Code der AfD (Katharina Nocun) https://www.youtube.com/watch?v=ttAjkEu-CYE Gut anzusehen, geht auch schön runter wie Öl, mir aber doch etwas (methodisch) zu billiges „bashing“. Das ist mal einen eigenen Blogartikel wert, gerade wenn es darum geht, Menschen die anders sind, zu verstehen. Das hier trägt dazu nicht bei.

11:15 – 12:15 (leider zu voll!) Das Auge liest mit: Multimediales Storytelling ohne Code und Kohle (Daniela Späth, Michel Penke)

12:30 – 13:30 Hands-on Verifikation: Social-Media-Inhalte überprüfen (Fiete Stegers, Wolfgang Wichmann) (kein Video) Super! Ein toller Workshop, der Lust gemacht hat, einfach mal was methodisch auszuprobieren. Das werde ich auf jeden Fall mal als Veranstaltung anbieten. Nicht für Menschen aus der Öffentlichkeitsarbeit, die sollten das schon können. Für Menschen, die ein Interesse daran haben, wie Menschen Meldungen/Bilder verifizieren können. Von Hand!

13:45 – 14:45 Etwas Empirie: Was wir wirklich über Filterblasen, Fake-News und die digitale Öffentlichkeit wissen (Konrad Lischka, Christian Stöcker) ab 3:50:08 https://www.youtube.com/watch?v=VXB0zhaCiN0

16:45 – 17:15 Loving Mondays since 1817 (Jörn Hendrik Ast) https://www.youtube.com/watch?v=4CCcAUM8zoM

17:30 – 18:30 Leider ausgefallen: Glück und Geld: Zeichne dein Leben – mit Marina Weisband (Jana Gioia Baurmann, Marina Weisband , Jens Tönnesmann)

Somit endete für mich die re:publica mit interessanten Inputs, anregenden Gesprächen und Ideen für zukünftige Projekte und Themen. Auf jeden Fall ist das Thema „Kommunikation“ bei mir ganz oben auf der ToDo-Liste. Als Mitarbeiter der Kirche sehen ich mich auch in der Rolle, meine Haltung nach außen darzustellen, als christ, als Mensch. Denn eines haben mir die Sessions und Gespräche der re:publica 2017 auch gezeigt. Wir sind keine Opfer einer Kommunikationsindustrie, eines Staates. Wir sind handelnde Menschen, die ihre Handlungsspielräume in gesellschaftlichen Diskursprozessen bestimmen. Die das Miteinander, das sich nicht „automatisch“ regelt, aushandeln.

Wichtig auch die Trennung von Mensch als Mensch und die Meinung, die jemand vertritt. Der Mensch ist mehr als seine Meinung.

In Zeiten des Hasses ist Liebe eine Revolution, schrieb Edward Snowden. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Süchtig nach Medien?

Manchmal steigt mein Blutdruck und der Ärger. In der Regel verursacht durch Meldungen, die durch ihre reißerische Aufmachung auf etwas aufmerksam machen wollen, das dann doch „milder“ als die Aufmachung ausfällt. Meist trifft das auf Meldungen zu, die in (uns allen Bekannten) Tageszeitungen oder Magazinen erscheinen. Manchmal trifft es aber auch meine eigene Organisation, die Evangelische Kirche. So auch diese Woche.

Meine Aufmerksamkeit erregte ein Twitter-Feed, in dem „die EKHN“ twitterte, dass mindestens 500.000 Menschen von Internetsucht betroffen sind. In diesem Feed war wiederum ein Link zur Homepage der EKHN, auf dem das entsprechende Thema unter der Überschrift „Klick-klick-klick – Internetsucht könnte bald als Krankheit anerkannt sein“ erörtert wird. Unter der Überschrift dann ein Anreißtext, in dem wiederum steht „Mindestens eine halbe Million Menschen in Deutschland sind von Internetsucht betroffen.“ Kein „sollen von..“ oder „könnten…“. Nein. Sie sind es! Im Text selber wird dann die Quelle benannt: „Als internetabhängig gelten in Deutschland nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) derzeit rund 560.000 Menschen – mit hoher Dunkelziffer.“ Im Text heißt es dann weiter „Internetsucht ist noch nicht als Krankheit anerkannt“.  Also sind in der Summe über 500.000 Menschen in Deutschland an einer Krankheit erkrankt (ja, Sucht ist eine Krankheit), die aber (noch) nicht als Krankheit anerkannt ist? Eine interessante Konstruktion.

Schaut man dann auf die Homepage der Drogenbeautragten der Bundesregierung, Frau Mortler, ist folgendes zu lesen: „Unter verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ oder „Internetsucht“ werden derzeit internetbezogene bzw. mediennutzungsbezogene Verhaltensweisen zusammengefasst. Während für den Bereich des Computerspielens weitgehende Einigkeit besteht, dass dieses Verhalten deutliche Parallelen zu einem Suchtverhalten aufweist, ist derzeit noch nicht geklärt, ob die Nutzung sozialer Netzwerke, Chatten oder die Informationssuche ebenso den Verhaltenssüchten zuzuordnen sind.“ (Quelle)

Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da werden unterschiedliche Verhaltensweisen im Umgang mit Medien unter verschiedenen Begriffen zusammengefasst und in einen Begriff gegossen: „Sucht“. Wobei ja „nur“ Parallelen festgestellt weden. Ob das auch für die Mediennutzung außerhalb von Computerspielen gilt, ist noch nicht geklärt. Leute, mit einer solchen Rumeierei hätte ich mein Diplom als Soziologe niemans bekommen! Aber es geht noch weiter. Ich habe mir die vorliegende Zusammenfassung der Studie angeschaut. Da ist dann zu lesen, dass in der Altersgruppe der 12 – 17 jährigen 5,8% eine Computerspiel- oder internetbezogene Störung aufweisen. Weibliche Jugendliche sind dabei mit 7,1 % stärker betroffen als männliche Jugendliche (4,5%). Diese Zahlen sind insofern interessant, zählen doch gerade männliche Jugendliche eher zur Gruppe der Computerspieler, weibliche eher zur Gruppe derjenigen, die viel Chatten. „Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede bestehen in der Häufigkeit mit der männliche und weibliche 12- bis 17-jährige Jugendliche Computerspiele spielen. Jeder dritte männliche Jugendliche (36,2 %) aber nur jede neunte weibliche Jugendliche (11,3 %) spielt täglich Computerspiele.“ (Studie, S. 22) Gerade für den Bereich des Chattens liegen aber kaum nutzbare Erkenntnisse vor (siehe oben). Was dann noch folgt ist ein Feuerwerk an unterschiedlichen Begriffen. Da wird dann unterschieden zwischen Internetabhängigkeit, internetbezogene Störung, Computerspielsucht, exzessiver Internetgebrauch, problematischer Interntgebrauch und pathologischer Internetgebrauch. Fest steht: „Im aktuellen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) wird der Begriff der Störung verwendet (American Psychiatric Association, 2013). Das DSM-5 beschränkt sich auf Probleme in Zusammenhang mit Online-Spielen (Internet Gaming Disorder).“ (Studie, S. 10) Da scheint es doch ein starkes Operationalisierungsproblem (wie was nach welchen Kriterien wohin einordnen) zu geben. Zumindest mir als Soziologen drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Forschung da noch nicht ganz entschieden hat.

Was aber ist denn diese Internetsucht? Oder Computerspielsucht? Oder Störung.

Grundlage ist eine Bewertung des Verhaltens, dass aus der Suchtforschung für stoffgebundene Süchte stammt. Auf der Homepage von „Keine Macht den Drogen“ finden sich folgende Kriterien:

Kriterien für Internetsucht

Damit man wirklich von Internetsucht sprechen kann, müssen nach den Psychologen Hahn und Jerusalem von der Humboldt-Universität 5 Kriterien zutreffen:

  • Einengung des Verhaltensraums: Es wird über einen längeren Zeitraum der größte Teil der zur Verfügung stehenden Zeit mit Computer und Internet verbracht. Dies geht nicht nur zulasten von anderen Freizeitbeschäftigungen. Es werden auch weitere wichtige Lebensbereiche wie Familie, Freundschaften, Schule, Arbeit und sogar Essen und Körperhygiene vernachlässigt.
  • Kontrollverlust: Alle Versuche, die Computer- und Internetnutzung einzuschränken oder zu unterbrechen, scheitern. Gute Vorsätze können nicht eingehalten werden.
  • Toleranzentwicklung: Es muss zunehmend mehr Zeit im Internet verbracht werden, um die angestrebte positive Stimmungslage zu erreichen. In Extremfällen sind das täglich bis zu 12 Stunden und mehr.
  • Entzugserscheinungen: Typisch sind allgemeines Unwohlsein, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit und Aggressivität. Es gibt abhängige Jugendliche, die die Einrichtung zerstören und ihre Eltern tätlich angreifen, wenn diese den Zugang sperren.
  • Negative soziale Konsequenzen: Soziale Kontakte werden abgebrochen, es gibt Ärger in der Schule und/oder der Arbeit und die familiären Beziehungen leiden unter der Sucht.

Diese Kriterien nach Hahn/Jerusalem (pdf-Datei) wurden für die Diagnose von, ich nenne es jetzt mal  wie der entsprechende Verband der Fachleute  „Medienabhängigkeit“, adaptiert. Dazu steht in der Studie:

„Zur Erfassung computerspiel- und internetbezogener Störungen wurde die „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS) eingesetzt (Meerkerk, 2007). Die CIUS besteht aus 14 Fragen, mit denen ermittelt wird, wie häufig bestimmte Probleme in Zusammenhang mit der Nutzung des Internets erlebt werden. Die Problembereiche, die die CIUS erfasst, sind Kontrollverlust (d. h. man verbringt mehr Zeit im Internet als beabsichtigt oder versucht erfolglos, das Internet weniger zu nutzen), starke Eingenommenheit (d. h. man beschäftigt sich gedanklich stark mit dem Internet oder zieht die Internetnutzung anderen Dingen vor), Entzugssymptome (d. h. man fühlt sich unruhig oder gereizt, wenn man das Internet nicht nutzen kann), um Internetnutzung zur Verbesserung der Stimmung und schließlich Konflikte durch die Internetnutzung – entweder mit anderen, mit sich selbst oder mit eigenen Aufgaben und Verpflichtungen. Die 14 Fragen werden im Interview in zufälliger Reihenfolge gestellt. Die  Antwortmöglichkeiten reichen von „nie“ über „selten“, „manchmal“ und „häufig“ bis „sehr häufig“, für die aufsteigend null bis vier Punkte vergeben werden. Der Gesamtwert der CIUS ist die Summe aller Punkte, die in den 14 Fragen erzielt werden. Theoretisch kann er null (14 mal „nie“ genannt) bis 56 Punkte (14 mal „sehr häufig“ genannt) betragen.“

Erhält man so 20-29 Punkte, wird man zu denjenigen gerechnet, die ein problematisches bis riskantes Nutzungsverhalten zeigen, ab 30 Punkte wird von einer internetbezogenen Störung ausgegangen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die in der Studie enthaltene differenzierte Darstellung der Kennzeichen von einzelnen Personengruppen eingehen. Bevor ich zu meiner eigenen Haltung zur Thematik komme, noch einen bezeichnenden Satz aus der Studie: „Bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen Erwachsenen liegt laut CIUS vermutlich eine computersiel- bzw. internetbezogene Störung vor.“

Das Schlüsselwort, dass in mein Soziologenauge sticht ist „vermutlich“. Ich würde mir wünschen, hier wäre die Studie etwas klarer in der Benennung. Scheinbar kann sie das nicht. Auf weitere kleine Schwächen der Studie will ich hier nicht eingehen.
Eine Formulierung wie auf der EKHN Seite oder im eingangs genannten Twitter-Feed „sind von Internetsucht betroffen“ hätte sich mit einem Blick in die Studie aber hoffentlich erübrigt. Es liegt, das sei an dieser Stelle auch gesagt, nicht an der fehlenden Recherche der EKHN, die den Artikel vom Evangelischen Pressedienst übernommen hat (epd Wochenspiegel Nr.17/2017, S.21).

Zum Schluss noch ein paar Amnerkungen in eigener Sache:

Weil ich zur Frage der „Mediensucht“ immer wieder einmal als Referent angefragt werde: Ich bin kein Mediziner und kein Psychologe. Ich beobachte die Entwicklung für meine Dienststelle und bin Mitglied im Fachforum Mediensucht, in dem sich Fachleute aus den unterschiedlichen Proffessionen austauschen. Daher kann ich aus soziologischer Perspektive sozusagen einen Metablick auf die Entwicklung werfen. Dieser wiederum ist sehr differenziert. Zum Abschluss einige Thesen:

  1. Eine Krankheit, die es nicht gibt, kann nicht hieb- und stichfest diagnostiziert werden. Daher sind weitere Forschungen in diesem Bereich sinnvoll. Denn nur, weil etwas nicht klar diagnostizierbar ist, heißt nicht, dass es diese Krankheit nicht gibt. Aber bitte, um Stigmatisierungen zu verhindern: gründlich und nachprüfbar!
  2. Es gibt eindeutige Fälle, in denen die Kriterien ohne wenn und aber zutreffen. Ich persönlich kenne Menschen, die nach diesen Kriterien absolut „krank“ waren, selbst aber wieder aus dem „Strudel des Intenets“ herausgekommen sind. Und andere, die eine therapeutische Unterstützung benötigten.
  3. Es gibt Menschen, die Hilfe erwarten. Ihnen muss geholfen werden, ob sie nun „krank“ sind oder nicht. Im Fachforum Mediensucht vermitteln wir an die entsprechenden Stellen.
  4. Der Begriff der Sucht sollte präziser verwendet werden. Computerspielende Menschen, besonders Jugendliche, sind häufig Ziel von Zuschreibungen, die ihnen in keinster Weise gerecht werden. daher haben wir in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Drogenberatung ein Konzept entwickelt, dass es Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlchen ermöglicht, eine professionelle, differenzierte Haltung einzunehmen. Das tut den Profis und den Kindern und Jugendlichen gut und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

In diesem Sinne: Vertraut nicht der Oberfläche, schaut darunter. Zumindest dann ermöglicht es einen klareren Blick aufs Ganze.

P.S. Die gleiche Studie brachte es beim Deutschlandfunk auf „nur“ 300.000 Internetsüchtige (Quelle), beim Unicum-Magazin waren es laut der gleichgen Studie „etwa 270.000“ (Quelle). Wenn du ein Interesse am Fakten-Check hast, dann versuche doch einmal herauszufinden, wieviel Menschen denn 5,8 % der 12 – 17 jährigen im Jahr 2015 (Jahr der Befragung) faktisch waren. Wer die tatsächliche Zahl herausfindet, kann sie gerne hier in die Kommentare schreiben.