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Jugendarbeit im digitalen Wandel – Blogparade

Die Zeitschrift merz (Medien und Erziehung) hat zur Blogparade aufgerufen und ich möchte dazu aus meiner Perspektive einen Beitrag leisten. Meine Kollegin Annika Gramoll hat auf diesem Blog bereits einen wunderbaren Beitrag veröffentlicht. Dafür vielen Dank. Gerade unterschiedliche Perspektiven bereichern!

Alle Leserinnen und Leser sind eingeladen, eigene Blogbeiträge zu ihrer Perspektive auf das Thema zu verfassen und diese mit dem Startbeitrag zu verlinken. Die Beiträge werden hier beim Beitrag gelistet, in der kommenden Ausgabe merz 5/2017 erscheint ein Kurzbericht zu den Beiträgen der Blogparade.

Niels Brüggen und Klaus Lutz, die für merz | medien + erziehung dazu aufgerufen haben, haben einige Fragestellungen vorgegeben, die ich gerne aufgreife.

Warum sollte sich Jugendarbeit mit digitalen Medien auseinandersetzen?
Im SGB VIII, auch als Kinder- und Jugendhilfegesetz bekannt, steht im § 1, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Förderung ihrer Persönlichkeit haben. Eingegrenzt wird, dass die Förderung auch ein Ziel verfolgt: Die Entwicklung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Dieser Auftrag bedeutet nicht, dass die Erwachsenenwelt den jungen Leuten zeigt, wo es langgehen muss. Gefördert werden soll eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft. Digitale Medien spielen dabei heute in der Persönlichkeitsentwicklung eine zentrale Rolle. Die Struktur der Angebote trägt beisielsweise über die Profilmasken dazu bei, die eigenen Entwicklungen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Postings in den Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder Facebook, um nur einige zu nennen, zeugen massenhaft davon. Sie dienen dem komplizierten Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung und bilden so gleichzeitig die digitale Visitenkarte der virealen Menschen. Wenn es Aufgabe der Jugendarbeit ist, jüngere Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, so ist gerade im Bereich der digitalen Medien eine professionelle Begleitung notwendig, da viele Vorgänge nicht selbstständig durch Kinder und Jugendliche gesteuert werden, sondern  intransparent, beispielsweise algorithmisch, gesteuert werden.

Welche neuen Methoden, Ansätze oder Inhaltsbereiche für die Jugendarbeit entwickeln sich durch den Einbezug digitaler Medien?
Mit den Medien ändern sich auch die damit verbundenen Themen. Die Foto und Videoarbeit vergangener Tage, wie ich sie im Rahmen meiner medienpädagogischen Arbeit noch anwendete, umfasste kaum bis gar nicht das Thema Datenschutz. Das Recht am eigenen Bild, Bildsprache und Gestaltungsmöglichkeiten für die eigene „Botschaft“ standen im Mittelpunkt. Die Digitalisierung trägt heute aber viele verborgenen Handlungsfelder mit sich. So ist, auch für jüngere Menschen, Datenschutz ein großes Thema, dem in der klassischen Jugendarbeit eher wenig Beachtung geschenkt wird. Wenn, dann in der Regel mit einem „Besserwissertum“, das den Kindern- und Jugendlichen viele – durchaus gute – Ratschläge mit auf den Weg gibt, ohne darauf zu achten, ob die Ratschläge auch Einzug in das Medienhandeln der Jugendlichen halten. Neue Ansätze, die Thematik gemeinsam mit den Jugendlichen zu entwickeln, würden sicherlich zu einer breiteren Akzeptanz der Handlungsoptionen beitragen.

Ein weiteres Feld ist die Gestaltung von Computerprogrammen. In vergangenen Tagen lernten die Kinder- und Jugendlichen, wie beispielsweise Filme, Fotos und Musik entstehen und wie sie sie selbst gestalten können. Fotolabore, Videoschnittplätze und Musikübungsräume waren entsprechende Angebote der Jugendarbeit. Wo können Kinder und Jugendliche heute in der Jugendarbeit lernen, wie Computerprogramme entstehen? Wo lernen sie, diese für eigene Interessen zu erstellen und zu nutzen? In weiten Bereichen der Jugendarbeit finde ich kaum solche Angebote, dabei wären sie für ein umfassenderes Verständnis der Lebenswelt eine sinnvolle Ergänzung zu den klassischen Angeboten, die nicht an Bedeutung verloren haben. Eher im Gegenteil. Die Möglichkeit, Film-, Foto- und Musikproduktionen auf den bekannten Plattformen zu veröffentlichen und damit einem weitem Publikum zugänglich zu machen, trägt zur Relevanz solcher Angebote bei. Ergänzt werden könnten solche Möglichkeiten durch eine kritische Reflexion der Mechanismen viralen Marketings, denn auch dies ist ein Feld, dem sich Menschen heute nicht mehr entziehen können. Daher sind auch hier Rahmungskompetenzen nötig, um eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft zu gewährleisten.

Was kann Medienpädagogik zur positiven Gestaltung des „digitalen Wandels“ beitragen?
Die Mitgestaltung des Wandels an sich ist schon ein positiver Beitrag, denn hier fließt das Interesse einer Zielgruppe ein, die gesellschaftlich eher eine untergeordnete Rolle spielt. Während sich die (politische) Erwachsenenwelt vornehmlich um die Chancen und Risiken des Wandels sorgt, können im Umfeld der Jugendarbeit experimentell digitale Gestaltungsmöglichkeiten ausprobiert werden. Kreative Ansätze der Aneignung digitaler Welten können so zur Gestaltung des gesellschaftlichen Diskurses beitragen.

Was sollte im Zuge der sogenannten Digitalisierung nicht passieren?
Oftmals wird der Digitalisierung von Seiten der Erwachsenenwelt entweder mit großer Begeisterung oder mit großer Ablehnung begegnet. Die Versuchung beider „Lager“, Kinder und Jugendliche in dieser Weltenteilung zu instrumentalisieren. ist groß, zumal jungen Menschen auch eine Naivität zugeschrieben wird, die oftmals gleichzeitig kritisch kommentiert wird.  Die Erwachsenenalter trägt wenig bis nichts dazu bei, die oftmals technikbegeisterte Aneignungspaxis zu begleiten. Stülpen wir den jungen Menschen nicht unsere „Wahrheiten“ über!

Wie mit dem Dilemma umgehen, dass wir für unsere Arbeit kommerzielle Produkte nutzen, die Jugendlichen nicht ermöglichen, ihre privaten Daten ausreichend zu schützen? ggf. ­Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie/siehst du?
Daten zu schützen, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Im Volkszählungsurteil ist dies festgehalten. Die Kommerzialisierung von Daten hat dazu geführt, dass auch Jugendliche heute für das Thema sensibilisiert sind. Dies ist eine Chance, die Rahmenbedingungen unserer Arbeit auch mit den Jugendlichen zu thematisieren. Ein wichtiges Zeichen der Medienpädagogik wäre es demnach, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren und Angebote auch danach auszurichten, in wieweit die Kinder und Jugendlichen mit den verwendeten Gerätschaften und Programmen – ganz im Sinne der Eigenständigkeit – auch einverstanden sind. Oftmals werden Hard- und Software nach Kriterien ausgewählt, die zwar gut für den praktischen Ablauf sind, aber wichtige thematische Felder ausblenden. Zudem ist durchaus kritisch zu sehen, dass in der Medienpädagogik gerne Geräte und Programme verwendet werden, die nicht Lebenswelt nah sind. Wo in der Jugendarbeit können Jugendliche, die in der Mehrzahl beispielsweise Android-Smartphones nutzen, diese Hardware in die pädagogische Settings einbringen? Oftmals, auch auf dem Medienpädagogik-Praxisblog, werden Projekte beschrieben, die auf der Nutzung von Apple-Hardware beruhen. Als Begründung wird in Gesprächen dann die reibungsloser Handhabung und die besseren Möglichkeiten genannt. Das ist oft richtig. Dennoch sehe ich es für eine lebensweltnahe Medienpädagogik als geboten an, sich mit der Thematik zu befassen.

Sind medienfreie Angebote für Jugendliche in einer von Medien dominierten Welt notwendig? Warum?
Auch wenn Medien eine sehr wichtige Rolle in der Sozialisation spielen sind auch medienfreie Angebote wichtig. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, also vor allem emotional besetzte Themen schreien nahezu nach direkter, nicht medial vermittelter Kommunikation. Ein Lagerfeuer, dass die Körper der Jugendlichen mit einbezieht (Holz sammeln, hacken, die Hitze des Feuers spüren usw.), fühlt sich nun anders an, als ein flackernden Feuer am Bildschirm. Und hat auch eine andere Wirkung. Die Selbstwahrnehmung, das Fühlen des eigenen Körpers beim Fussball, beim Tischtennis, beim Schwimmen ist neben den gruppendynamischen Elementen (soziales Lernen) gerade im Zeitalter der Digitalisierung ein wichtiges Moment. Das Eine schließt das Andere ja auch nicht aus.

Wie sieht der Arbeitsalltag in der Jugendarbeit in fünf Jahren aus? Welche neuen Qualifikationen brauchen Fachkräfte in der Jugendarbeit und Medienpädagoginnen und Medienpädagogen dann?
Am wichtigsten finde ich, dass viel mehr interdisziplinär gedacht und gearbeitet wird. Die Digitalisierung ist mehr als das, was in vielen Angeboten der Medienpädagogik enthalten ist. Daher plädiere ich für eine breitere Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ökonomische, ökologische und soziale Fragen werden in medienpädagogischen Settings nur unzureichend thematisiert. Unter welchen Bedingungen werden die Dinge produziert, die wir einsetzen? Blutige Rohstoffe, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ressourcenverbrauch, ökonomische Interessen der Vermarkter, all das spielt kaum eine Rolle. Da müssen wir besser werden, denn ohne diese Kenntnisse und Thematisierung der „Randbedingungen“ können wir dauerhaft dem Anspruch nicht gerecht werden. Auch Medienpädagog*innen haben den Auftrag: Begleitung der Kinder und Jugendlichen hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

Big Data, Data Mining und die Gesellschaft

Meine erste Begegnung, die ich mit Big Data und der Digitalisierung hatte, war zu Beginn der 80er Jahre. Damals nannte das aber noch niemand Big Data. Ich arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, war der Vorsitzende der Jugendvertretung und damit gewählter Sprecher der über 1.000 Auszubildenden, deren Interessen ich gegenüber der Ausbildungsleitung und Geschäftsleitung zu vertreten hatte. Die Geschäftsleitung wollte für den gesamten Betrieb ein Personalabrechnungs- und informationssystem (PAISY) einführen und dem Betriebsrat (die gewählte Interessenvertretung ALLER Beschäftigter) kein Mitbestimmungsrecht zubilligen, was aber letzten Endes das Bundesarbeitsgericht doch für rechtmäßig erklärte [BAG, Beschluß vom 11. 3. 1986 (1 ABR 12/84) PDF-Datei].

Was hat das aber mit der Digitalisierung zu tun? Nun, ganz einfach. Bis zur Einführung von PAISY wurden Lochkarten verwendet und analoge Abrechnungsakten geführt, in denen natürlich auch Krankheitstage und andere sensible Daten festgehalten wurden. Kann sich jemand vorstellen wie es wäre, bei (damals) 43.000 Beschäftigten nach bestimmten Mustern zu suchen? Leute, die oftmals in gleichen Zeiträumen krank sind? Leute, die wiederholt unentschuldigt fehlen? Für ein Unternehmen sicherlich interessante Zahlen. Durch die Überführung in ein digitales, computergesteuertes Abrechnungssystem hätte diese Wunschvorstellung der Geschäftsleitung Wahrheit werden können, wäre da nicht der Betriebsrat gewesen, der genau diese Möglichkeiten der Datenanalyse – heute würde man das die Anwendung eines „Algorithmus“ nennen -verhinderte.

An diesem alten Beispiel wurden mir schon die Grundzüge der Digitalisierung deutlich. Die Überführung analog vorhandener Daten in „digitale Repräsentanten“ (digitale Abbilder analoger Daten). Das beginnt bereits mit der Erfassung. Welche Daten dürfen erfasst werden? Welche Daten müssen geliefert weden, welche liefern wir  scheinbar freiwillig?

Ein weiterer Erfahrungsschritt war die Volkszählung, ursprünglich für 1983 geplant. Stattfinden konnte sie, wegen zahlreicher Proteste und Prozesse, erst 1987. Hervorzuheben ist das Ereignis, weil es letzten Endes für das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ gesorgt hat. Dieses Recht des einzelnen Menschen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten entscheiden zu können, ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich sicherzustellen und darf nur dort eingeschränkt werden, so das Gericht, wenn es im Sinne des Schutzes öffentlicher Interessen geschieht. Das Bundesverfassungsgericht (BVG) lieferte mit dem „Volkszählungsurteil“( pdf Datei) auch eine lesenswerte Begründung. Hier ein kleiner Auszug:

Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen.

Im Wesentlichen sieht das Gericht – und dem schließe ich mich uneingeschränkt an – dieses Recht als Grundrecht für eine auf Gemeinwesen und Beteiligung angelegte Gesellschaft. Belanglose Daten, so das Gericht, gebe es unter den Bedingungen der digitalen Verarbeitsunsmöglichkeiten nicht mehr. Ein Beispiel dafür ist die Überprüfung aller Mobilfunknummern, die sich in einer bestimmten Zeit (Anti-Nazi-Protest) an einem bestimmten Ort (Dresden) aufgehalten haben, durch Ermittlungsbehörden.  Das Landgericht Dresden attestierte zwar dem als „Handygate“ bekannt gewordene Verhalten die Unrechtmäßigkeit, allerdings aus formalen Gründen! (lesenswert auch der Artikel auf Netzpolitik.org).

Mir gehen diese Worte „belanglose Daten gibt es nicht“ immer wieder durch den Kopf. Big Data und die Anlalyse mittels Algorithmen halte ich an sich nicht für bedenklich. Oftmals sind sie hilfreich,gestalten das Leben angenehmer, können uns gute Hinweise auf Handlungsoptionen geben.

Im Folgenden ein Beispiel, das Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer des CHE [Centrum für Hochschulentwicklung] auf dem Blog www.digitalisierung-bildung.de beschrieben hat. Demnach stieg die Zahl der Studienabsolventen an der Arizona State University von 26% auf 42%, nachdem ein Algorithmus viele Daten der Studierenden unter dem Gesichtspunkt „Was wäre das beste Studienfach für dich?“ analysiert hat. Ich kann das sicherlich nicht beurteilen, ob das das beste Beispiel ist. Aber eines, das sich sicherlich anzuschauen lohnt. Von daher empfehle ich diesen Artikel auf jeden Fall.

Anders bewerte ich Data Mining, das Sammeln unendlich vieler Daten. Die meißten von uns hinterlassen tagtäglich sehr viele Datenspuren und gleichzeitig gibt es digitale Schürfer, meist kleine Programme wie Cookies und Tracker, die diesen Datenkrümeln hinterherlaufen, sie einsammeln und zu einem Profil hinzufügen. Data Mining geschieht mit genau dieser Absicht.

Oftmals müssen Daten erhoben werden, die einem definierten Zweck dienen. Wenn sich Menschen zu einer Veranstaltung, beispielsweise zum Medienpädagogik-Praxiscamp, dass morgen und übermorgen in Mainz stattfindet, anmelden, so benötigen wir neben einem Namen auch eine Kontaktmöglichkeit, in der Regel die Mailadresse, damit wir interagieren können. Für „den Staat“ als Geldgeber müssen weitere Daten gesammelt werden, beispielsweise die Anschrift und das Alter. Es ist schön zu wissen, als welchen Bereichen die Angemeldeten Menschen kommen, es bleibt aber ihnen überlassen, das mitzuteilen. Für die Veranstaltung ist dies nicht wichtig – ein „nice to have“. Wir könnten natürlich auch schauen, welche Daten die Menschen bei ihrer Anmeldung noch hinterlassen haben. Ip-Adresse? Daraus könnte ein ungefährer Standort ermittelöt werden. Eine Abfrage in verschiedenen Suchmaschinen könnte weitere Infos über die Menschen „ans Tageslicht“ fördern. Aber wozu? Ein Zweck im unserem Sinne würde damit nicht erfüllt, also können wir das lassen. Ein Data-Miner hingegen könnte aus den unterschiedlichen Quellen die Datenspuren sammeln und daraus Profile entwickeln.

Der Datenschutzbeauftragte der Hansesast Hamburg, Johannes Caspar, kritisierte aus diesem Grund auch das Vorgehen der Parteien im Bundestagswahlkampf. Facebook bekäme so noch mehr Informationen über die Nutzer*innen, beispielsweise ihre politschen Präferenzen.

Ob, wie Caspar auch anmerkte, die Demokratie beschädigt wird, muss genauer betrachtet und erforscht werden. Ich persönlich glaube nicht, dass durch zielgruppengenaue Werbung die Demokratie Schaden nimmt. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.

Entscheidend finde ich einen Satz, den Caspar einmal in einem Interview gesagt hat. Auf die Frage „Brauchen wir Nachhilfe beim Datenschutz?“ antwortete er:Nicht Nachhilfe. Ich spreche lieber von Information und Aufklärung. Wir müssen vor allem jungen Menschen im Rahmen der Medienkompetenz zugleich Datenschutzkompetenz vermitteln. Dazu haben wir ein Konzept erstellt und Lehrerfortbildungen angeboten. Leider ist das weitgehend eingeschlafen, weil uns personell die Kapazitäten fehlen.“  (Quelle)  Hier – finde ich – hat die Schule sowie die Jugendarbeit einen gesellschaftlichen (Bildungs-) Auftrag. Denn, ohne Kenntnisse über Zusammenhänge, die mit dem digitalen Wandel der Gesellschaft zusammenhängen, können wir unsere Persönlichkeit nicht selbstbestimmt entwickeln.

Zur Frage der „Jugendarbeit im digitalen Wandel“ dann nächste Woche mehr im Blog. Die Zeitschrift Medien und Erziehung (merz) hat zu einer Blogparade aufgerufen, an der sich dieser Blog auch beteiligt. Damit einher geht eine Neuerung im Blog: Es gibt zukünftig immer wieder einmal „Gastbeiträge“. Nächste Woche von meiner Kollegin Annika Gramoll.

Demokratie und Digitalisierung

Ich meine, jede*r der sich Gedanken über unsere Demokratie macht, kommt an den Herausforderungen, den Möglichkeiten und den Risiken der Digitalisierung nicht vorbei. Das Zeitalter, wo Politiker*innen etwas abgeschottet von der Öffentlichkeit Politik machen konnten, sind FAST vorbei. Ich schreibe hier bewußt „fast“, denn manchmal gelingt es ihnen doch, das ein oder andere Gesetz zu beschließen, ohne das die Öffentlichkeit viel davon erfährt. Gerade letzte Woche passierte das Gesetz den Bundestag, der den „Lauschangriff“ auf mobile Endgeräte und andere Computer ausweitet. Der sogenannte „Staatstrojaner“ wird damit legalisiert. Nun mag man ja inhaltlich unterschiedliche dazu stehen. Eines finde ich jedoch sehr bedenklich: Da wird ein Gesetz, das die Privatssphäre grundlegend einschränkt, still und heimlich beschlossen. Keine öffentliche Debatte, keine Diskussion über die Gestaltung. Das ist aus meiner Sicht sehr bedenklich.

Die Idee des Überwachungsstaates, durch technische Hilfsmittel Zugriff auf die privatesten Ecken unseres Lebens zu bekommen, erfährt hier eine neue Qualität. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich von der ganzen „Wir sind bedroht, wir müssen alles technisch überwachen was geht“ Mentalität nicht viel halte, auch wenn ich die Haltung verstehen kann. Gerade wer sich technisch auskennt wird Mittel und Wege finden, sich dieser Überwachung zu entziehen. In Spielfilmen wird das Thema doch schon immer wieder gezeigt. Da benutzt man eben ein Mobiltelefon nur einen Tag mit einer extra dafür angeschafften SIM-Karte. Kein Download öffnen, das Mobilgerät nicht aus dr Hand geben. Fertig. Alles kein Problem. Gerade in der letzten Woche habe ich beobachten können, wie sich Menschen, die sich zu den „Nationalen“ zählen, aus Kommunikationskanälen verabschieden und auf andere soziale Netzwerke – vor allem ins russische VK-Netzwerk – ausweichen.

Aber ich will ja heute eher über die Frage der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung schreiben. Letze Woche, am 20. Juni fand in Berlin der #digidemos Kongress der Friedrich-Ebert-Striftung statt. Leider gibt es die Beiträge nicht abrufbar, obwohl sie live gestreamt wurden. Eine vertane Chance! Einzig eine kurze Zusammenfassung, die meiner Meinung nach aber diesen Namen nicht verdient hat, gibt es hier zu sehen.  Über die Veranstaltung komplett zu schreiben, fehlt mir die Zeit und es würde dich möglicherweise auch ermüden. Daher konzentriere ich mich mal auf die (für mich) zentralen Fragestellungen:

Ist der „digitale Fortschritt“ tatsächlich ein Fortschritt für die Demokratie?

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz war nicht die einzige an diesem Tag, die von den vielen Vorteilen , beispielsweise durch direkte Bürger*innenbeteiligung, sprach. Da wären die wunderbaren Kommunikationsmöglichkeiten, die die meisten Maensch, so Dreyer, auch sehr verantwortungsvoll zum Meinungsaustausch nutzen. Die Schwelle zur Beteiligung wurde gesenkt und es sind immer nur wenige, für die Hass und Hetze ein Mittel ihrer Politik ist. Da stimme ich ihr zu.

Was sie aber auch betonte, und da stimme ich ihr ebenfalls zu, ist, dass die Digitalisierung selber in Bildungsprozessen mehr in den Blick genommen werden muss. Die Förderung eines kompetenten Umgangs ist eben nichts, was sich „von selber“ ergibt. Viele Fragen, die es zu erörtern gibt, müssen auch mehr Raum an Schulen und Universitäten bekommen. Wie sind wirtschaftliche Zusammenhänge? Wie verändern sich Arbeitsbedingungen und Wirtschaftsbranchen beispielsweise durch Plattformen wie Uber oder AirBnB?  Mit welchen Wirkungen auf die Menschen? Welche Grenzen brauchen Konzerne? „Die Digitalisierung muss dem Menschen dienen.“ Der Aussage von Dreyer habe ich nicht mehr hinzuzufügen, als dass sie ja an den entscheidenden  – zumindest was Bildung in Rheinland-Pfalz angeht – politischen Hebeln sitzt. Wenn Bildung Angelegenheit der Länder ist, dann kann hier gehandelt werden. Ich bin kein Freund eines eigenen Faches „Medienbildung/Medienkompetenz“. Das Thema aber als Querschnittsthema in allen Unterrichtsfächern zu verorten, das wäre mein Weg und im Grundsatz finde ich das auch so in den Lehrplänen in RLP wieder. Da taucht natürlich die Frage auf, warum Malu Dreyer zu wenig von diesem Wissen um Zusammenhänge an den Schulen und Universitäten wiederfindet? Vielleicht hat ja jemand eine Antwort (-idee).

Paul Nemitz, Justiziar bei der Europäischen Kommission und zuständig für Grundrechte und Datenschutz, stellte klar, dass das Grundprinzip der Verantwortung auch im Digitalen gilt. Demnach gibt es auch einen staatlichen Anspruch auf Regulierung des Internets im Sinne der Menschen. Monopolstrukturen, die sich in der Digitalwirtschaft abzeichnen, wird man beispielsweise durch Datenportabilität einschränken können. (siehe hier)

Auf eine Problematik der öffentlichen Berichterstattung macht er zurcht aufmerksam: „Soziale Netzwerke sind Freiheitsgebilde und die haben nicht nur in Krisengebieten ihre Berechtigung. Aber es muss auch festgestellt werden, dass mit deren Einzug in unser Leben auch Zeitungen ökonomisch leiden. Viele Werbeeinnahmen, die früher in die private Presse gingen (wo gute Journalisten bezahlt werden müssen) fließen nun in Google und Co. Dadurch wird der vierten Gewalt, dem Journalismus, Geld entzogen.“

Auch dessen müssen wir uns bewußt sein. Die klassische vierte Gewalt (Presse) hat an Bedeutung etwas verloren. Entscheidend ist aber auch, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Zeitungsredaktionen verändert haben. Ich hatte mal die Freude einen Journalisten der FAZ kennenzulernen, der mit Zahnbürste, Zahnpasta und Smartphone nach Winnenden (Amoklauf!) gefahren ist, um zu berichten. Er sagte mir damals, dass die Story schon fast fertig war, bevor er eingetroffen sei. Zusammengesetzt aus Schilderungen, Nachrichten und Mitteilungen aus den sozialen Netzwerken.

Ein Fortschritt also – ja! Die Schwelle der Beteiligungsmöglichkeiten ist gesunken. Aber es gilt Rahmenbedingungen zu gestalten, was wir (die Bürger*innen) nicht den Unternehmen überlassen dürfen.

Mein zentrales Interesse galt dann dem Panel „Öffentlichkeit“ mit Dr. Ralf Bremer (PR Google), Saskia Esken (MdB), Prof. Dr. Wolfgang Schulz (Direktion Hans-Bredow Institut) und Dunja Mijatovic (Menschenrechtlerin, „Internet Expertin“). Schulz führte dann auch in die Runde mit 5 Thesen ein:

  1. Soziale Netzwerke wir Facebook und Twitter haben eine neue Funktion übernommen. Sie speichern das „Weltwissen“ und machen es zugänglich. Wie trägt dies zur Meinungsbildung bei?
  2. Die Finanzierung des Journalismus. Das Informationsmanagement hat sich verändert. Genutzt werden vermehrt einzelne Informationen statt ganzer Bündel.
  3. Kommunikation ist heute durch Dritte leichter beobachtbarer. Petitionen, Bewertungen, Protokolle von Stammtischgesprächen. Eine neue Öffentlichkeit.
  4. Es gibt zunehmend eine „persönliche Öffentlichkeit“, in der eigene Themen gesetzt weden können. In der eigenen Community.
  5. Die Kommunikation ist beweglicher. Das Verbreitungstempo, die Masse. Und: Wer steckt dahinter?

Im Folgenden wurde sich allerdings nur wenig auf die Thesen bezogen. Saskia Esken, übrigens eine der beidsen SPD Abgeordneten, die gegen das „Dein trojanischer Freund und Helfer – Gesetz“ gestimmt haben (Gründe),  schildert, wie es ihr geht: „Wenn ich abends die Tagesschau schaue, ist da fast nichts, was ich nicht tageüber schon bei verschieden Onlinediensten gelesen habe.“ Ok, ich schaue in der Regel das Heute-Journal, der Erkenntnisgewinn ist aber auch hier aus gleichen Gründen eher mager.

Schulz wies darauf hin, dass die Sozialen Medien nur für einige erhebliche Bedeutung habe, viele nutzen den klassischen Medienmix (Zeitung, Social Media, Fernsehn/Radio).  Die Abwanderung aus klassichen Medienwelten hin zu Social Media ist minimal. Auch das ist eine Sichtweise, die mir schon öfter begegnet ist und an der wahrscheinlich viel dran ist. Dann ist auch die Frage nach der Manipulierbarkeit zu stellen.

Manipulation: Laut Bremer (Google) ist es heute leicht möglich, „Fake-News“ zu enttarnen. Dem widersprach Saskia Esken nicht, lies sich aber den Hinweis nicht entgehen, dass Google selber durch sein Geschäftsmodell Meinungen steuert. Der Algorithmus zeigt eben die Meldungen in einer Reihung, die Google ordnet. Wer schaut schon bei der Suchmaschine auf Seite 2 der Suchtreffer? Hinzu komme noch Ranking gegen Geld. Entweder in Form von Werbung (gekennzeichnet) oder durch Suchmaschinenoptimierung (gegen Geld). Bremer wies darauf hin, dass es etliche Seiten gebe, auf denen der Suchalgorythmus von Google beschrieben wird. Jeder kann demnach optimieren.

Also die zentrale Frage: Manipulation durch digitale Medien?

Meine Antwort: Steuerungsversuche lassen sich nicht verhindern, durch eine „Multiquellennutzung“ und „Pluralität der Stimmen“ kann aber jede*r dazu beitragen, dass das auch anders sein kann. Vor allen Dingen: Es gibt auch mehr als Google, Facebook und Co..

Die Selbstregulation der Nutzer*innen, so meine Meinung, ist dabei der Regulation von Seite des Staates vorzuziehen. Dazu bedarf es der angesprochenen Kompetenz, die nicht von alleine kommt. Von daher der Auftrag an zivilgesellschaftliche Akteure: Sorgt dort für die Schärfung eines kritischen Geistes, wo ihr könnt. Für die Schulen gilt das sowieso! Vielleicht auch, das muss ich mir aber erst noch genauer anschauen, für Kindergärten.

Prof. Dr. Dr. Ingolf Pernice, Direktor des Humbold-Instituts für Internet und Gesellschaft zeigte dann in seinem Beitrag im Rahmen des Oanels „Staat 2.0“, dass auch hier Bürger*innenbeteiligung zugenommen habe. Gerade durch neuere Entwicklungen sei es möglich, Einblicke in die „Black-Box Verwaltungshandeln“ zu bekommen. Hier gibt es noch viel Luft anch oben.  Hier schließt sich wieder der Kreis zu den einleitenden Worten von Malu Dreyer, die beschrieben hatte, dass Verwaltung kein einheitliches Datensystem zu Grunde liegt. „Hier liegen noch riesige Aufgaben vor uns.“

Ich würde mir wünschen, dass wir uns insgesammt an den Prozessen beteiligen und dabei nicht vergessen, dass wir es sein müssen, die die Rahmenbedingungen festlegen. Sei es mit Regelungen, die in Gesetzen und Verordnungen ihren Ausdruck finden, oder durch die „normative Kraft des Faktischen“. Wenn wir einen kompetenten Umgang mit der Digitalisierung leben und uns darüber austauschen, dann bin ich sehr optimistisch, dass Demokratie und Digitalisierung Hand in Hand gehen.

Schätzt du das auch so ein?

Social Media Tag der EKHN 2016

Die digitale Gesellschaft…

…gibt es in meinen Augen nicht. Ebenso wie es die analoge Gesellschaft nicht gibt. Es gibt nur die Gesellschaft, die wir konstruieren und der wir gerne Namen geben, um sie greifbarer zu machen. Da leben wir mal in der „aufgeklärten Gesellschaft (Kurt F Flexner )“, in der „Wissensgesellschaft (Bernd Dewe)“, der „nazistischen Gesellschaft (Hans-Joachim Maaz) oder in der „granulare Gesellschaft (Christoph Kucklick), um nur einige Beispiele zu nennen. Die Gesellschaft unterteilt sich nicht in die „analoge und digitale“ Gesellschaft. Ebensowenig wie es die „Digital Natives“ und die „Digital Immigrants“ gibt. Begriffe werden mit Absicht geschaffen und benutzt. Was unterscheidet einen „Native“ von einem „Immigrant“? Soll damit nur ausgesagt werden, dass eine*r in eine Zeit hineingeboren wurde, in der die Digitalisierung der Gesellschaft soweit fortgeschritten war, dass „…es der Menschheit im Jahr 2002 zum ersten Mal möglich war, mehr Information digital als analog zu speichern“? (Quelle). Als ich mir im Jahreswechsel 1986/87 meinen ersten Home-Computer kaufte, begann ich mich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Geboren wurde ich 1959. Also eindeutig ein Immigrant. Mein Sohn, 1987 geboren, wuchs in einem Umfeld auf, in dem digitale Medien bereits einen beachtlichen Raum einnahmen. Immigrant oder Native? Mein jüngster Enkel, 2015 geboren, wächst in diese Gesellschaft hinein. Wird er damit zum Ureinwohner? Drei Menschen, drei unterschiedliche „Aufwachszeiten“. Wie aber ist die Wahrnehmung der Gesellschaft geprägt. Habe ist als Immigrant durch meinen Geburtszeitpunkt weniger Einblicke in die Gesellschaft, verstehe ich weniger von den, was sich tut? Vielleicht, oder eben aber nicht.

„Digital Natives“ ist häufig ein Kampbegriff. Er dient dazu, Verantwortung zu übertragen, häufig von der Generation der Entscheider*innen auf diejenigen, die nichts oder wenig zu entscheiden haben. Übertragung ohne Machtverlust. „Kümmert ihr (Native) euch mal, ich bin schon zu alt (Immigrant)“.

Nun, das alles würde mich nicht wirklich beschäftigen, wenn nicht die „Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen“ denjenigen Steine in den Weg legen würden, die voranschreiten und Gesellschaft weiterentwickeln möchten.

Gesche Joost, Professorin für Design an der Universität der Künste Berlin, hat in ihrem Beitrag „Kirche in der digitalen Gesellschaft“ ein paar Thesen aufgestellt und erläutert, die ich im ersten Teil, auf dem Hintergrund meiner anfänglichen Ausführungen, besprechen möchte. Ich hoffe, den Sinn ihrer Aussagen nicht allzusehr zu verkürtzen. Der Orgialtext ist ja verlinkt, so dass jede*r sich selber ein Bild machen kann

  1. Sie beschreibt, dass die Euphorie der 1990er Jahre (neue Formen der Teilhabe und der Meinungsbildung erschienen am Horizont, die unser Verständnis von Gemeinschaft neu definieren sollten) sei verflogen.

Meine eigene Wahrnehmung sagt mir, diese Euphroie gab es in der Breite der Gesellschaft nicht. Ich wählte mich „damals“ (1990!) über mein 2.400 Modem in Newsgroups ein und bemühte mich als Mitarbeiter in der offenen Jugendarbeit mit den mir anvertrauten Kindern und Jugendlichen einen angemessenen Umgang mit dieser neuen Technologie zu erlernen. Dafür besprach ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschieldichen Arbeitsfeldern (Gewerkschaften, Kirchen, Jugendarbeit). Ja, eine gewissen Neugiuer und Euphorie gab es. Was würde alles möglich sein? Uns war schon klar, dass sich Meinungsbildung und Teilhabe verändern würde – positiv. Gleichzeitig machten wir jedoch die ersten Erfahrungen mit negativen Begleiterscheinungen. Datenschutz? Umgang mit anderen Menschen, von denen nichts als ein digitaler Nickname bekannt war? Wie oft mussten wir die Kinder und Jugendlichen daran hindern, alles von sich preiszugeben, wenn sie sich mit ihrer virealen Identität in Chatcity (ja, die gibt es immer noch ) aufhielten?

Was bis heute bleibt sind die neuen Formen der Teihabe, die neuen Wege der Meinungsbildung! Ja, von mir aus positiv bewertet. Denn die Teilhabemöglichkeiten sind in der Tat gewachsen. Fragt einmal meine ehemalige gehörlose Mitbewohnerin, welche neuen Kommunikationswege sich ergeben haben (ja, Bildtelefon gab es – in schlimmster Qualität!). Eines  meiner Projekte aus dem Jahr 1998 (Projektbericht als pdf-Datei) , in desssen Verlauf sich Besucher*innen eines Jugendtreffs ihre eigenen Rechner zusammenbauen konnten, wäre ohne die Newsgroups nicht möglich gewesen (wir bekamen wiederverwertbare Rechnerteile aus allen Teilen der Republik -privat über unbekannte Menschen aus den Newsgroups!). Bis heute sind „unzählige“ (warscheinlich lassen sie sich zählen) Projekte gestartet und beendet worden, die die Teilhabemöglichkeiten ausloteten. Hier seinen nur einige wenige „große“ aufgeführt:

https://www.ijab.de/youthpart     https://jugend.beteiligen.jetzt/        https://www.jugendforum.rlp.de

Aktuell werden weitere Teilhabemöglichkeiten ausgelotet. Das Aula-Projekt, das ich unterstütze (siehe hier) , zählt auch dazu. Also verflogen ist bei mir nichts. Möglicherweise die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche mehr beteiligt werden sollen. Diese offene Frage stellt sich mir immer wieder: Wo möchte man die Beteiligung – und unter welchen Bedingungen? Oder, wie es die die im digital-analogen Partizipationsprojekt beteiligten Jugendlichen 2012 in ihrem Jugendmanifest ausdrückten: „Wir Jugendliche werden in Entscheidungen, die uns betreffen, nicht gut genug eingebunden. So entgehen uns Chancen,  unsere Zukunft mitzugestalten.“ (Quelle)

Mein Fazit: Möglichkeiten und Wege, Meinungsbildung und Kommunikation auf eine breitere Ebene zu stellen, gibt es. Allein der Wille ist scheinbar schwach.

2. „Wir erleben heute immer mehr auch die Schattenseiten des Netzes – Hate-Speech, Radikalisierung im Netz und Cyber-Mobbing stehen auf der Tagesordnung. So entstehen Echo-Kammern, in denen ungehemmt Meinungen verbreitet werden, die sich gegenseitig verstärken und keine sozialen Filter mehr zu haben scheinen.“

Sicher, hier beschreibt Frau Joost eine Schattenseite, die aber nicht wirklich neu ist. Von daher ist „immer mehr“ auch eine relativierende Umschreibung. Erhöht hat sich mit zunehmender Nutzung auf jeden Fall die Menge. Hate-Speech, Radikalisierung und Cyber-Mobbing waren schon in den 90er Jahren ein Thema, zumindest dort in der Jugendarbeit, wo man sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Medien beschäftigt hat. Das Echo-Kammern-Phänomen ist auch nicht wirklich neu. Als 1978 die taz gegründet wurde, war der Hintergrund doch die Berichterstattung in den klassischen Medien, die in der regel doch auch eine Echokammer-Funktion hatten. Ob Mensch Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine oder Bild las, das Interesse war doch auch immer, Nachrichten zu lesen, die dem eigenen Weltbild eher entsprachen. Dieses Echo-Kammern-Phänomen setzt sich in den Sozialen Netzwerken fort und wird über die Vernetzungsstruktur weiter gefestigt. Ich persönlich habe über einen Kontakt noch Zugang zu einer anderen (Facebook-) Medien-Echokammer. Manchmal erschreckend, aber auch gleichzeitig interessant. Da sehe ich manchmal zwei Arten der Weltwahrnehmung!

Einen letzten Punkt möchte ich noch ansprechen:

3. „Ich vermisse die Kirche im Netz, ich vermisse ihre Stimme in den turbulenten Diskussionen, ihre Leitfunktion für die christlichen Werte unserer Gesellschaft. Wir brauchen die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche, die sich individuell wie auch kollektiv einmischen, wenn Menschen online Orientierung suchen, wenn es um die Aushandlung gesellschaftlicher Fragen geht, aber auch wenn es um technologische Diskussionen geht – um die Ethik von Algorithmen, um die Chancen und Grenzen der Künstlichen Intelligenz, um die Bedeutung und den Wert der eigenen Daten.“

Wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht: „Die Kirche“ hält sich in kritischer Distanz zur Onlinekommunikation! Kritisch in erster Linie wohl – und das ist meine Interpretation – aus zweiterlei Gründen. Den einen benennt Frau Joost treffsicher: „Dieser Raum gehorcht neuen Gesetzen: er ist  dezentral organisiert, unabhängig und offen.“ Damit hat die Institution Kirche ein Problem, denn sie ist in ihrer Kommunikationsstrategie eher zentral, abhängig und nicht offen organisiert. Ob „die Kirche“ sich überhaupt auf die Möglichkeiten der digitalen Kommunikationskanäle einlassen möchte, stelle ich auch einmal in Frage. In der EKD-Mitgliederstudie heißt es: „Der Austausch über religiöse Themen erfolgt nahezu ausschließlich im direkten persönlichen Gespräch. Für den individuellen Austausch über religiöse Themen sind internetbasierte Kommunikationswege und damit auch internetbasierte soziale Netzwerke, sieht man von der Gruppe der Jugendlichen ab, nicht wichtig.“ (Quelle)

Wenn dies aber nicht wichtig ist (mit Ausnahme der Jugendlichen!), warum sollte sich „die Kirche“ dort engagieren? Es gibt ja durchaus einige Ansätze im kirchlichen Bereich. Dies sind aber zarte Pflänzchen. Grundsätzlich stellt sich hier aber auch die Frage, ob “ die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche“ die richtigen einmischer sind, oder ob es auch darum gehen sollte, das „Priestertum aller Getauften“ ernster zu nehmen und denzentraler, unabhängiger und offener die angesprochenen Themen zu kommunizieren, so wie es unter den Hashtag #DigitaleKirche erste zarte Pflänzchen zu bewahren und zu bewässern gilt.

Oder?