Schlagwort-Archive: Algorithmen

Süßigkeitenalgorithmen

Auf Spiegel Online wurde am Sonntag eine lesenswerter Meinungsbeitrag von Prof. Christian Stöcker veröffentlicht, der einen genaueren Blick auf den Algorithmus von YouTube zum Inhalt hat. Genauer: Was der Algorithmus  mit uns macht.

Der Hintergrund
Schaut sich jemand ein Youtubevideo an, tauchen auf der Seite neben Werbung auch weitere Videos auf, die – falls Mensch das nicht abstellt – auch automatisch abgespielt werden. Der Kolumnist vergleicht das mit einer Kindheitserinnerung. Er und ein Freund in einem Süßigkeitslager. Sie aßen, bis ihnen schlecht wurde. So funktioniert auch Youtube. Es verleitet zum weiterschauen. Er schreibt:

„Plattformen wie YouTube oder Facebook sind wie skrupellose Nannys, die uns ein Gummibärchen nach dem anderen reichen, ein mundgerechtes Häppchen nach dem anderen servieren. Ihr Ziel ist nicht, dass wir gesünder, fitter, kräftiger werden – sondern dass wir nicht aufhören zu essen. Und darin werden sie immer besser, denn sie lernen.“

Der Algorithmus registiert und verarbeitet dann, was Mensch sich anschaut. Und liefert nach. So passiert folgendes: „Die Wechselwirkung algorithmisch optimierter „Iss weiter!“-Plattformen mit unseren ungesunden Medienvorlieben bringt im Zweifel unsere schlimmsten Abgründe zum Vorschein.“

Ziel von Youtube ist es, uns so lange wie möglich auf der Plattform zu binden. Das ist das Geschäftsmodell. Wir sind nicht die Kunden. Die Kunden sind die Werbetreibenden. Wir sollen nur schauen. Und neues Stoff liefern, damit neugierige Augen sekündlich neue Angebote bekommen. Schauen bis zum Erbrechen.
Die Wechselwirkung zwischen den Sehinteressen der Zuschauer*innen und dem diese verstärkenden Algorithmen führt unweigerlich einer ungesunden Nutzung des Mediums. „Die digitalen Medienkonsum-Nannys der großen Plattformbetreiber füttern uns mit dem, was wir augenscheinlich wollen – und führen uns so die Abgründe der Menschheit vor Augen. Gesund ist das nicht.“

Soweit der Hintergrund.
In mir hat das ebenfalls eine Kindheitserinnerung wachgerufen. Allerdings eine mit meinem Sohn. Süßigkeiten! Lecker lecker…mehr. Unsere typische Elternreaktion: Wegschließen. Feinstens rationieren. Ergebnis: Lecker lecker…mehr. Verweigerung, so eine unserer Erkenntnisse, hat zu keinem kompetenteren Umgang geführt. Also füllten wir ein Einmachglas bis oben mit Süßigkeiten und stellten es hin. Ruckzuck war es leer. Doch nicht auf Dauer. Süßigkeiten verloren ihren besonderen Stellenwert und wurden so in einem – wie ich heute, 30 Jahre später sagen kann – gesunden Maß ins Leben integiert. So beobachte ich es auch in der Nutzung von Medien. Youtube ist in einer bestimmten Altersphase interessant, kann sogar den Alltag neben der Schule bestimmen. Manchmal auch in einer Art und Weise, die sich negativ auf die Schulnoten auswirkt. Wenn die Wahl besteht zwischen „für die Schule lernen oder Youtube schauen“, dann fällt die Wahl manchen Menschen nicht schwer.

Verstärkt wird die Hinwendung durch die Reaktion der Erwachsenenwelt. Äuserungen wir „Du und dein sch*** Computer“, „Du verschwendest deine Zeit“ fördern den Heißhunger aus zwei Quellen. Endlich mal etwas, mit dem ein junger Mensch sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen kann („früher waren das Klamotten, Haare und Musik. Das funktioniert heute nicht mehr.“) und zweitens werden hier peergruppenmäßig Identifikationsflächen geboten. Nicht umsonst sind Musikvideos das am meisten betrachtete Format.

Laut der aktuellen JIM-Studie nutzen 73% der Jungs und 53% der Mädels die „Videofutterquelle Youtube“ täglich. Schaut Mensch sich das in den Altersgruppen an, so machen die Zahlen sichtbar, dass das Alter es ein Faktor ist. 60% der 12-13 jährigen, 71% der 14-15 jährigen, 64% 16-17 jährigen und 58% der 18-19 jährigen nutzen Youtube täglich. (JIM 2017, S.43)

Die statistischen Daten, Berichte von Kolleg*innen und meine persönlichen Erfahrungen aus Veranstaltungen mit Jugendlichen bestätigen zweierlei: Das klassische Fernsehen verliert als Unterhaltungsmedium an Bedeutung und  Youtube ist für Jugendliche heute ein normales Unterhaltungsmedium, das allerdings mit zunehmendem Alter an Bedeutung verliert. Oder, wie es Jan Karres, der einmal selber Teil der Youtube-Videoproduzenten-Szene war (Link zu seinem Youtubekanal SoBehindert), gestern in einem tollen Beitrag über sein neues Projekt sinngemäß formulierte: Irgendwann hat Mensch nicht mehr die Zeit. Eben eine Frage der Prioritäten. Und die setzt nicht Youtube, sondern das ist ein Prozess, der bei den meisten Menschen in einen „normalen Medientag“ führt. Gesund dürfte auch der nicht sein.

Ich frage mich als pädagogischer Soziologe ja auch immer, welchen Beitrag wir – die Erwachsenenwelt – leisten können, damit Lernprozesse unterstützt werden. Dazu zählt auch die Mediennutzung. Unterstützen wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei diesen Lernprozessen, in dem wir auf unterschiedlichen Ebenen Beiträge leisten. Als Kirche Räume schaffen, wo wir das thematisieren können, ohne den erwachsenen Zeigefinger zu heben, denn wir sind nicht besser! Thematisieren wir altersgemäß Algorithmen, Medienwirkung und Mechanismen der Werbung. Dann werden wir auch resistenter gegen Süßigkeiten. Denn wir sind keine Organismen, die nach einem einfachen Reiz-Reaktionsschema reagieren. Wir sind lernfähig.

In diesem Sinne…

Bildquelle: Pixabay

Wer bewahren will, der muss gestalten.

So lautet ein Satz aus einem Impulstext „Die digitale Revolution gestalten – eine evangelische Perspektive„, den der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU e.V.) in Deutschlad e.V. kürzlich veröffentlicht hat. Dieser Arbeitskreis ist ein von ehrenamtlichem Engagement getragenes Netzwerk protestantischer Unternehmer, Manager und Führungskräfte, die ethische Orientierung und fachlichen Austausch suchen, um sich in ihrem unternehmerischen Entscheiden und Handeln zu bestärken. Sie beteiligen sich an der kirchlichen Meinungsbildung zu wirtschafts- und sozialethischen Fragen, um Kirche und Soziale Marktwirtschaft verantwortlich mitzugestalten und bringen ihre Perspektive auch in die gesellschaftliche Diskussion ein. So wie beispielsweise mit diesem Papier.

Darin wird die Digitalisierung als ein Prozess beschrieben, der aucheinen ethischen und ordnungspolitischen Diskurs benötigt. Wie wollen wir leben, was wollen wir zulassen, was nicht? Wie können wir das ordnen?

Diese Fragen stellen sicherlich zentralen Fragen unserer Zeit dar, nicht nur was die Digitalisierung angeht. Sie sind weder neu, noch besonders prickelnd. Aber wichtig. Der Hinweis darauf, dass die Evangelische Kirche den Diskurs nicht verschlafen darf (wie bei der Industriealisierung!), deutet auf die Zielrichtung hin. Evangelische Kirche, so schreit es aus dem Papier, beschäftigt euch damit! Schnell. Endlich. Ihr Schlafmützen.

Was sind die Leitplanken für die Diskussion? Chancen nutzen, Risiken minimieren. Auch gut, auch schon oft gesagt. Die Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Da bin ich auch dafür. Zwei der Leitplanken scheinen mir zentral zu sein. Einmal der Schutz für diejenigen, die durch die Digitalisierung negativ betroffen sind. Hinzu kommt der Maßstab, das die Digitalisierung der gesamten Menschheit dienlich sein muss. Das teile ich alles. Interessant wird es ja bei der Frage, was ihr dienlich ist. Geburtenkontrolle bei pränataler Diagnostik, die von einem Algorithmus gelenkt wird? Dienlich oder nicht? Oder wirkt hier schon der „Digitalisierungsopferschutz“?

Eines, und da finde ich das Papier klasse und hilfreich, ist folgende Aussage: „Vor jeder Gestaltung steht das Begreifen dessen, was ist.“ Der AEU möchte mit seinem Papier den Funktionsträgern der Evangelischen Kirche wirtschaftliche Zusammenhänge zugänglich machen und eine Beschreibung des Ist-Zustandes liefern. Da bin ich gespannt.

1. Punkt: Herausforderungen für die Wirtschaft. Die Macht- und Kapitalkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen, nach den vier Großen Google, Amazon, Facebook und Apple auch GAFA-Ökonomie genannt, ist bedenklich. Die schleichende Monopolisierung bzw. Oligopolisierung widerspricht grundsätzlich der Idee des freien Wettbewerbes in der Sozialen Marktwirtschaft. Wichtig sei nun, die zweite Welle der Digitalisierung nicht zu verschlafen, nämlich die Digitalisierung der Industrie. Im Text ist dies mit horizontaler und vertikaler Vernetzung von industriellen Prozessen umschrieben. Es geht um die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu analysieren und zu verarbeiten. An dieser Stelle weist der Text in eine Richtung, die beschreibt, dass die Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft als entscheidenden Produktionsfaktor schwinden wird, aber auch „sinnvolle und erfüllende Beschäftigung für den Menschen bestehen und neu entstehen werden, insbesondere in der Mensch-zu-Mensch-Interaktion, wie zum Beispiel im diakonischen Bereich, der durch den demografischen Wandel immer weiter an Bedeutung gewinnen wird.“

An dieser Stelle finde ich den Hinweis doch sehr schwach. Eine Verlagerung von menschlicher Arbeitskraft in den (i.d.R. schlecht bezahlten) diakonischen Bereich kann nicht die Zukunft sein. Zumindest wenn es neben Sinn und Erfüllung auch noch darum geht, eine Familie in einem bezahlbaren Wohnumfeld zu ernähren.

Ein zweiter Punkt ist mir noch wichtig.  Den Wandel hin zu einer zunehmenden Relevanz von Daten und deren Vverarbeitung mittels Algorithmen sehe ich auch. Dass Algortihmen von Menschen gemacht weden und so  Rahmenbedingungen unterliegen, da kann ich auch gut mitgehen. Was dann aber folgt ist eine Konstruktion, mit der ich so meine Probleme habe. Die nächsten beiden Sätze möchte ich hier zitieren.

„Eine Diskussion über den digitalen Wandel, die ausschließlich die Lage, Wünsche, Befindlichkeiten und Perspektiven der deutschen Gesellschaft zum Kern hat, läuft entsprechend an den Treibern der Digitalisierung vorbei und somit ins Leere. Vielmehr gilt es, zumindest eine asiatische und eine nordamerikanische Perspektive in den Diskurs einzubinden und die dortigen religiösen Voraussetzungen miteinzubeziehen, da die sozialen Prozessstrukturen, die sich durch die Digitalisierung verändern, erheblich von den individuellen Denkmustern der Programmierer und Softwareentwickler beeinflusst sind, die qua Herkunft religiös und ethisch nicht christlich geprägt sind.“

Eine Diskussion über den digitalen Wandel muss natürlich mehr sein als eine Diskussion über die deutsche Gesellschaft. Hier geht es um einnen globalen Prozess, der weltweite Wirkungsmacht entfaltet. Dennoch gibt es auch eine deutsche Perspektive, nämlich die eingangs aufgeworfene Frage, wie wir hier leben wollen, welche Regelungen bei uns gelten sollen. Es geht also um beides. Um die große weite  Welt und um unseren kleinräumige Sozialraum. Nationale und hoffentlich europäische Regelungen, die entspechende Rahmenbedingungen festlegen, die sich durchaus von asiatischen oder nordamerikanischen Regelungen unterscheiden dürfen, werden benötigt. Eine Weltregierung gibt es nicht. Noch befremdlicher aber ist der zweite Satz des zitierten Abschnittes. Es geht hier um die „individuellen Denkmuster der Programmierer und Softwareentwickler“ die, so der Text, die „qua Herkunft“ nicht christlich geprägt sind. Da ist für mich eine rote Linie überschritten, da hier möglicherweise nicht nur eine Bildung von Stereotypen möglich ist (was unterscheidet einen christlich geprägten Softwareentwickler aus Deutschland von einem Softwarentwickler aus Asien?), sondern auch schon mit einer Wertung einhergeht. Die Herkunft. Wir hier, die mit (guten) christlich geprägten und die Nordamerikaner oder die Asiaten, die mit nicht christlich geprägten Programmierern und Softwareentwickler arbeiten.

An dieser Stelle möchte ich die Kommentierung beenden, da noch viel zu sagen wäre und mein Text aus meiner Überzeugung heraus zu lang für einen Blogbeitrag wäre.

Es gibt noch weitere, sehr interessante Punkte in dem Papier, das es nicht nur lesenswert macht, sondern auch eine kritische kirchliche wie nichtkirchliche Öffentlichkeit interessieren dürfte.

In diesem Sinne…

Bildhinweis: Von der Homepage des AEU e.V. „geliehen“