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Süßigkeitenalgorithmen

Auf Spiegel Online wurde am Sonntag eine lesenswerter Meinungsbeitrag von Prof. Christian Stöcker veröffentlicht, der einen genaueren Blick auf den Algorithmus von YouTube zum Inhalt hat. Genauer: Was der Algorithmus  mit uns macht.

Der Hintergrund
Schaut sich jemand ein Youtubevideo an, tauchen auf der Seite neben Werbung auch weitere Videos auf, die – falls Mensch das nicht abstellt – auch automatisch abgespielt werden. Der Kolumnist vergleicht das mit einer Kindheitserinnerung. Er und ein Freund in einem Süßigkeitslager. Sie aßen, bis ihnen schlecht wurde. So funktioniert auch Youtube. Es verleitet zum weiterschauen. Er schreibt:

„Plattformen wie YouTube oder Facebook sind wie skrupellose Nannys, die uns ein Gummibärchen nach dem anderen reichen, ein mundgerechtes Häppchen nach dem anderen servieren. Ihr Ziel ist nicht, dass wir gesünder, fitter, kräftiger werden – sondern dass wir nicht aufhören zu essen. Und darin werden sie immer besser, denn sie lernen.“

Der Algorithmus registiert und verarbeitet dann, was Mensch sich anschaut. Und liefert nach. So passiert folgendes: „Die Wechselwirkung algorithmisch optimierter „Iss weiter!“-Plattformen mit unseren ungesunden Medienvorlieben bringt im Zweifel unsere schlimmsten Abgründe zum Vorschein.“

Ziel von Youtube ist es, uns so lange wie möglich auf der Plattform zu binden. Das ist das Geschäftsmodell. Wir sind nicht die Kunden. Die Kunden sind die Werbetreibenden. Wir sollen nur schauen. Und neues Stoff liefern, damit neugierige Augen sekündlich neue Angebote bekommen. Schauen bis zum Erbrechen.
Die Wechselwirkung zwischen den Sehinteressen der Zuschauer*innen und dem diese verstärkenden Algorithmen führt unweigerlich einer ungesunden Nutzung des Mediums. „Die digitalen Medienkonsum-Nannys der großen Plattformbetreiber füttern uns mit dem, was wir augenscheinlich wollen – und führen uns so die Abgründe der Menschheit vor Augen. Gesund ist das nicht.“

Soweit der Hintergrund.
In mir hat das ebenfalls eine Kindheitserinnerung wachgerufen. Allerdings eine mit meinem Sohn. Süßigkeiten! Lecker lecker…mehr. Unsere typische Elternreaktion: Wegschließen. Feinstens rationieren. Ergebnis: Lecker lecker…mehr. Verweigerung, so eine unserer Erkenntnisse, hat zu keinem kompetenteren Umgang geführt. Also füllten wir ein Einmachglas bis oben mit Süßigkeiten und stellten es hin. Ruckzuck war es leer. Doch nicht auf Dauer. Süßigkeiten verloren ihren besonderen Stellenwert und wurden so in einem – wie ich heute, 30 Jahre später sagen kann – gesunden Maß ins Leben integiert. So beobachte ich es auch in der Nutzung von Medien. Youtube ist in einer bestimmten Altersphase interessant, kann sogar den Alltag neben der Schule bestimmen. Manchmal auch in einer Art und Weise, die sich negativ auf die Schulnoten auswirkt. Wenn die Wahl besteht zwischen „für die Schule lernen oder Youtube schauen“, dann fällt die Wahl manchen Menschen nicht schwer.

Verstärkt wird die Hinwendung durch die Reaktion der Erwachsenenwelt. Äuserungen wir „Du und dein sch*** Computer“, „Du verschwendest deine Zeit“ fördern den Heißhunger aus zwei Quellen. Endlich mal etwas, mit dem ein junger Mensch sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen kann („früher waren das Klamotten, Haare und Musik. Das funktioniert heute nicht mehr.“) und zweitens werden hier peergruppenmäßig Identifikationsflächen geboten. Nicht umsonst sind Musikvideos das am meisten betrachtete Format.

Laut der aktuellen JIM-Studie nutzen 73% der Jungs und 53% der Mädels die „Videofutterquelle Youtube“ täglich. Schaut Mensch sich das in den Altersgruppen an, so machen die Zahlen sichtbar, dass das Alter es ein Faktor ist. 60% der 12-13 jährigen, 71% der 14-15 jährigen, 64% 16-17 jährigen und 58% der 18-19 jährigen nutzen Youtube täglich. (JIM 2017, S.43)

Die statistischen Daten, Berichte von Kolleg*innen und meine persönlichen Erfahrungen aus Veranstaltungen mit Jugendlichen bestätigen zweierlei: Das klassische Fernsehen verliert als Unterhaltungsmedium an Bedeutung und  Youtube ist für Jugendliche heute ein normales Unterhaltungsmedium, das allerdings mit zunehmendem Alter an Bedeutung verliert. Oder, wie es Jan Karres, der einmal selber Teil der Youtube-Videoproduzenten-Szene war (Link zu seinem Youtubekanal SoBehindert), gestern in einem tollen Beitrag über sein neues Projekt sinngemäß formulierte: Irgendwann hat Mensch nicht mehr die Zeit. Eben eine Frage der Prioritäten. Und die setzt nicht Youtube, sondern das ist ein Prozess, der bei den meisten Menschen in einen „normalen Medientag“ führt. Gesund dürfte auch der nicht sein.

Ich frage mich als pädagogischer Soziologe ja auch immer, welchen Beitrag wir – die Erwachsenenwelt – leisten können, damit Lernprozesse unterstützt werden. Dazu zählt auch die Mediennutzung. Unterstützen wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei diesen Lernprozessen, in dem wir auf unterschiedlichen Ebenen Beiträge leisten. Als Kirche Räume schaffen, wo wir das thematisieren können, ohne den erwachsenen Zeigefinger zu heben, denn wir sind nicht besser! Thematisieren wir altersgemäß Algorithmen, Medienwirkung und Mechanismen der Werbung. Dann werden wir auch resistenter gegen Süßigkeiten. Denn wir sind keine Organismen, die nach einem einfachen Reiz-Reaktionsschema reagieren. Wir sind lernfähig.

In diesem Sinne…

Bildquelle: Pixabay

Wer bewahren will, der muss gestalten.

So lautet ein Satz aus einem Impulstext „Die digitale Revolution gestalten – eine evangelische Perspektive„, den der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU e.V.) in Deutschlad e.V. kürzlich veröffentlicht hat. Dieser Arbeitskreis ist ein von ehrenamtlichem Engagement getragenes Netzwerk protestantischer Unternehmer, Manager und Führungskräfte, die ethische Orientierung und fachlichen Austausch suchen, um sich in ihrem unternehmerischen Entscheiden und Handeln zu bestärken. Sie beteiligen sich an der kirchlichen Meinungsbildung zu wirtschafts- und sozialethischen Fragen, um Kirche und Soziale Marktwirtschaft verantwortlich mitzugestalten und bringen ihre Perspektive auch in die gesellschaftliche Diskussion ein. So wie beispielsweise mit diesem Papier.

Darin wird die Digitalisierung als ein Prozess beschrieben, der aucheinen ethischen und ordnungspolitischen Diskurs benötigt. Wie wollen wir leben, was wollen wir zulassen, was nicht? Wie können wir das ordnen?

Diese Fragen stellen sicherlich zentralen Fragen unserer Zeit dar, nicht nur was die Digitalisierung angeht. Sie sind weder neu, noch besonders prickelnd. Aber wichtig. Der Hinweis darauf, dass die Evangelische Kirche den Diskurs nicht verschlafen darf (wie bei der Industriealisierung!), deutet auf die Zielrichtung hin. Evangelische Kirche, so schreit es aus dem Papier, beschäftigt euch damit! Schnell. Endlich. Ihr Schlafmützen.

Was sind die Leitplanken für die Diskussion? Chancen nutzen, Risiken minimieren. Auch gut, auch schon oft gesagt. Die Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Da bin ich auch dafür. Zwei der Leitplanken scheinen mir zentral zu sein. Einmal der Schutz für diejenigen, die durch die Digitalisierung negativ betroffen sind. Hinzu kommt der Maßstab, das die Digitalisierung der gesamten Menschheit dienlich sein muss. Das teile ich alles. Interessant wird es ja bei der Frage, was ihr dienlich ist. Geburtenkontrolle bei pränataler Diagnostik, die von einem Algorithmus gelenkt wird? Dienlich oder nicht? Oder wirkt hier schon der „Digitalisierungsopferschutz“?

Eines, und da finde ich das Papier klasse und hilfreich, ist folgende Aussage: „Vor jeder Gestaltung steht das Begreifen dessen, was ist.“ Der AEU möchte mit seinem Papier den Funktionsträgern der Evangelischen Kirche wirtschaftliche Zusammenhänge zugänglich machen und eine Beschreibung des Ist-Zustandes liefern. Da bin ich gespannt.

1. Punkt: Herausforderungen für die Wirtschaft. Die Macht- und Kapitalkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen, nach den vier Großen Google, Amazon, Facebook und Apple auch GAFA-Ökonomie genannt, ist bedenklich. Die schleichende Monopolisierung bzw. Oligopolisierung widerspricht grundsätzlich der Idee des freien Wettbewerbes in der Sozialen Marktwirtschaft. Wichtig sei nun, die zweite Welle der Digitalisierung nicht zu verschlafen, nämlich die Digitalisierung der Industrie. Im Text ist dies mit horizontaler und vertikaler Vernetzung von industriellen Prozessen umschrieben. Es geht um die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu analysieren und zu verarbeiten. An dieser Stelle weist der Text in eine Richtung, die beschreibt, dass die Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft als entscheidenden Produktionsfaktor schwinden wird, aber auch „sinnvolle und erfüllende Beschäftigung für den Menschen bestehen und neu entstehen werden, insbesondere in der Mensch-zu-Mensch-Interaktion, wie zum Beispiel im diakonischen Bereich, der durch den demografischen Wandel immer weiter an Bedeutung gewinnen wird.“

An dieser Stelle finde ich den Hinweis doch sehr schwach. Eine Verlagerung von menschlicher Arbeitskraft in den (i.d.R. schlecht bezahlten) diakonischen Bereich kann nicht die Zukunft sein. Zumindest wenn es neben Sinn und Erfüllung auch noch darum geht, eine Familie in einem bezahlbaren Wohnumfeld zu ernähren.

Ein zweiter Punkt ist mir noch wichtig.  Den Wandel hin zu einer zunehmenden Relevanz von Daten und deren Vverarbeitung mittels Algorithmen sehe ich auch. Dass Algortihmen von Menschen gemacht weden und so  Rahmenbedingungen unterliegen, da kann ich auch gut mitgehen. Was dann aber folgt ist eine Konstruktion, mit der ich so meine Probleme habe. Die nächsten beiden Sätze möchte ich hier zitieren.

„Eine Diskussion über den digitalen Wandel, die ausschließlich die Lage, Wünsche, Befindlichkeiten und Perspektiven der deutschen Gesellschaft zum Kern hat, läuft entsprechend an den Treibern der Digitalisierung vorbei und somit ins Leere. Vielmehr gilt es, zumindest eine asiatische und eine nordamerikanische Perspektive in den Diskurs einzubinden und die dortigen religiösen Voraussetzungen miteinzubeziehen, da die sozialen Prozessstrukturen, die sich durch die Digitalisierung verändern, erheblich von den individuellen Denkmustern der Programmierer und Softwareentwickler beeinflusst sind, die qua Herkunft religiös und ethisch nicht christlich geprägt sind.“

Eine Diskussion über den digitalen Wandel muss natürlich mehr sein als eine Diskussion über die deutsche Gesellschaft. Hier geht es um einnen globalen Prozess, der weltweite Wirkungsmacht entfaltet. Dennoch gibt es auch eine deutsche Perspektive, nämlich die eingangs aufgeworfene Frage, wie wir hier leben wollen, welche Regelungen bei uns gelten sollen. Es geht also um beides. Um die große weite  Welt und um unseren kleinräumige Sozialraum. Nationale und hoffentlich europäische Regelungen, die entspechende Rahmenbedingungen festlegen, die sich durchaus von asiatischen oder nordamerikanischen Regelungen unterscheiden dürfen, werden benötigt. Eine Weltregierung gibt es nicht. Noch befremdlicher aber ist der zweite Satz des zitierten Abschnittes. Es geht hier um die „individuellen Denkmuster der Programmierer und Softwareentwickler“ die, so der Text, die „qua Herkunft“ nicht christlich geprägt sind. Da ist für mich eine rote Linie überschritten, da hier möglicherweise nicht nur eine Bildung von Stereotypen möglich ist (was unterscheidet einen christlich geprägten Softwareentwickler aus Deutschland von einem Softwarentwickler aus Asien?), sondern auch schon mit einer Wertung einhergeht. Die Herkunft. Wir hier, die mit (guten) christlich geprägten und die Nordamerikaner oder die Asiaten, die mit nicht christlich geprägten Programmierern und Softwareentwickler arbeiten.

An dieser Stelle möchte ich die Kommentierung beenden, da noch viel zu sagen wäre und mein Text aus meiner Überzeugung heraus zu lang für einen Blogbeitrag wäre.

Es gibt noch weitere, sehr interessante Punkte in dem Papier, das es nicht nur lesenswert macht, sondern auch eine kritische kirchliche wie nichtkirchliche Öffentlichkeit interessieren dürfte.

In diesem Sinne…

Bildhinweis: Von der Homepage des AEU e.V. „geliehen“

Das gute (digitale) Leben – eGovernment

Wenn ich verschiedene Leute frage, was sie unter dem „guten Leben“ verstehen, so erhalte ich sehr unterschiedliche Antworten. Folglich ist es auch kein Wunder, dass es keine allgemeine Definition eines „guten Lebens“ gibt. Schaut man bei Wikipedia nach, so steht der Begriff „gutes Leben“ für das Hauptziel der Sozialethik. Dort wird gefragt, wie eine Gesellschaft verfasst sein muss, damit ein „gutes Leben“ möglich ist. Diese Frage stellt sich mir auch, wenn ich den Stand und die Richtung der Digitalisierung der Gesellschaft betrachte. Ich möchte in loser Folge – ausgehend von externen Anreizen – beschreiben, was für mich ein „gutes (digitales) Leben“ ausmacht. Im Beitrag „Digitale Patientenakte“ hatte ich das schon mal angerissen, ohne es so zu benennen. Heute greife ich die Diskussion um „E-Government“ auf, da gerade auch die Kommunikation mit der Verwaltung ein ständiges Dauerthema ist.

Im Wahlkampf haben wir von allen im Bundestag vertretenen Parteien erfahren, dass die Digitalisierung vorangetrieben werden soll.  Heute möchte ich über einen Teilbereich schreiben, der uns als Bürger*in direkt betrifft. Unter dem Schlagwort „E-Government“ wird –  sehr grob gesprochen – die Vereinfachung der Kommunikation von Verwaltung und Bürger*innen sowie der Verwaltung untereinander verstanden. Immer wieder wird hervorgehoben, dass die Kommunikation einfacher werden muss.

Ich wohne in einer Fußgängerzone, die glücklicherweise nur zwischen 6 und 10 Uhr morgens mit dem Auto befahren werden darf. Ab und zu, die Renovierung meines Hauses erfordert es, benötige ich eine Sondergenehmigung, die es mir erlaubt, auch nach 10 Uhr die An- und Abfahrt zum Materialtransport durchzuführen. Anfangs musste ich dafür zum Ordnungsamt, einen Antrag stellen, zur Kasse gehen, bezahlen, dann mit der Quittung die Genehmigung abholen. Das war eine gute Stunde meines Lebens. Heute reicht eine Mail ans Ordnungsamt. Ich erhalte eine Ausnahmegenehmigung und überweise den geforderten Betrag auf das Konto. Einfacher und für mich wesentlich zeitsparender, das ist in 10 Minuten erledigt. Wobei ich auch gemerkt habe, dass „Zeit sparen“ an sich kein Wert ist. „Verschwendet“ ist für mich die Zeit dann, wenn ich das Gefühl habe, das die Zeit für mich nicht zum „guten Leben“ dazugehört. Aber das nur am Rande.

Veranstaltung „Kommune 5.0: Wenn Algorithmen regieren und verwalten“

Im Rahmen der Hannah-Arendt-Tage fand am 19.10. die Veranstaltung „Kommune 5.0: Wenn Algorithmen regieren und verwalten“ statt (Youtube-Video), in der zum einen Herr Dr. Weber vom Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme und zum anderen Frau Dr. Kurz in ihren Vorträgen ihre Gedanken erläuterten. Das Fraunhofer-Institut hatte sich schon in den vergangenen Jahren öffentlich zu Wort gemeldet (pdf) und angemahnt:

„Zu viele öffentliche Entscheider verstehen IT immer noch als reines Hilfsmittel zur Unterstützung bisheriger Strukturen und Prozesse und haben die Rolle der IT als maßgeblicher Treiber für grundsätzlich neue, teils disruptive Strukturen und Prozesse noch nicht voll erkannt.“

An anderer Stelle heißt es im gleichen Papier:

„Die Digitalisierung erfordert für ihre Bewältigung qualitativ und quantitativ neue Kompetenzen, die in der öffentlichen Verwaltung und in der Politik noch unzureichend ausgeprägt sind. Für eine Digitale Governance sind dies nicht in erster Linie technische Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern insbesondere interdisziplinäre Kompetenzen, die technische, soziale, politische, kulturelle, wirtschaftliche und organisatorische Aspekte ganzheitlich miteinander verbinden.“

Mit den Versionsnummern (im Veranstaltungstitel die 5.0) wird immer der Versuch unternommen, wirklich neue Schritte zu beziffern. 5.0 steht dabei möglicherweise für die vollautomatische, durch Algorithmen gelenkte Verwaltung, ist aber letzten Endes nur ein inhaltsleerer Marketingbegriff. Von einer solchen Verwaltung sind wir noch weit entfernt. Wo dies im Sinne eines „guten Lebens“ ist, muss ja noch erörtert werden. Wie in den Papieren des Fraunhofer-Instituts beschrieben, fehlt es jedenfalls noch an allen Ecken und Enden.

In seinem Vortrag erläutert Herr Dr. Weber am Beispiel eines Straßenbahnbauprojektes, wie ein vollautomatisches „Stadtmanagement-Informationssystem“ arbeiten könnte und er zeigt an verschiedenen Beispielen, wo vollautomatisches Verwaltungshandeln schon Alltag ist. Dies ist dann praktikabel, wenn der Prozess nicht mit einem Ermessensspielraum behaftet ist. Die Regelungen und Daten, die zu einer Entscheidung führen, sind hier eindeutig und nachvollziehbar (Transparenz).

In meinem Fall der Zufahrt zum Haus außerhalb der erlaubten Zeit wäre das:
1. Antragsteller wohnt dort und 2. es liegen keine Einschränkungen (z.B. Straßenfest) vor -> 3. Genehmigung wird automatisch erteilt.

Natürlich hängt ein solches System von den Regeln ab, die die Entscheidung begründen, und die sind letzten Endes von Menschen festgelegt. Ein Negativbeispiel ist für mich folgendes: Ich bin zum 30.12.2009 in mein Haus eingezogen und habe mich am gleichen Tag noch auf dem Einwohnermeldeamt angemeldet. Fast ein Jahr später bekam ich die Aufforderung, für das Jahr 2009 Müllgebühren zu zahlen, da diese nach §5 der Satzung jährlich berechnet werden und ich 2009 dort gewohnt habe. Pech gehabt, denn hätte ich mich erst am 2.1.2010 gemeldet…

Ich habe dann die Müllgebühren aber protestlos gezahlt. Kommt ja irgendwie der Gemeinde zugute. Es kommt also bei diesen Regelungen auch darauf an, ob sie allgemein (mehrheitlich) akzeptiert werden. Hier ist weiterhin die Politik gefragt, die diese Regelungen im Sinne der Allgemeinheit festlegt.

Wie aber sieht das in einer Verwaltung aus, in der die Software selbstlernend ist, die Entscheidungen also von Computerprogrammen getroffen werden? Hier wird das Rechensystem in einem ersten Schritt mit Fällen (massenhaften Daten) „gefüttert“ (BigData) und in einem nächsten Schritt schaut sich die Software an, wie die Fälle entschieden wurden. Das System erstellt daraus Regeln, die es für zukünftige Entscheidungen nutzen wird. Hier sind wir auf dem Weg zu einem selbstlernenden System, das im „Endstadium“ den Einsatz von Menschen überflüssig macht. Ich würde behaupten, im Grunde finden wir das auch gut so. Auf dem Beitragsbild oben siehst du eine Telefonvermittlungsstelle, in der Verwaltungshandeln nicht automatisiert abläuft. Wünscht sich jemand „das Fräulein vom Amt (Youtube)“ zurück? Den Schilderungen nach zu urteilen war es eine anstrengende Akkordarbeit.

Frau Dr. Kurz gibt aber auch gleich in der anschließenden Diskussionsrunde ein Negativbeispiel: Wenn die Software „Gefährder“ identifizieren soll und dafür die bisherigen Fälle genutzt werden, diese aber beispielsweise „rassistisch aufgeladen“ sind, dann setzt der selbsterlernte Algorithmus (deep learning) diese Praxis fort.

Andererseits verringert die automatisierte Entscheidung auch willkürliche Entscheidungen, gerade wenn Ermessensspielräume vorhanden sind. Das gilt aber auch dort, wo Regelungen klar sind und das Recht erst nach einer negativen Entscheidung eingeklagt werden muss.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch wieder die Frage, was das „gute Leben“ ausmacht. Den Ersatz eintönigen, stupiden Handelns durch Automatisierung würde ich ebenso wie die Minimierung von Willkürentscheidungen dazu zählen. Gleichzeitig -das sei mir an dieser Stelle erlaubt – ist aber auch danach zu fragen, wie sichergestellt werden kann, dass Menschen in Würde leben können. Denn Arbeitsplätze bedeuten auch Einnahmen, die zum Leben benötigt werden. Dies gilt übrigens nicht nur national. Als Christen ist es uns eine Verpflichtung darauf hinzuwirken, dass Menschlichkeit und ein „gutes Leben„an allen Orten dieser Welt Einzug halten muss. Und auch davon sind wir weit entfernt.

Keine Gegenrede – kritische Anmerkungen

Frau Dr. Kurz hat in ihrem Teil des Vortragabends dann auch darauf hingewiesen, dass beim momentanen Stand der IT-Sicherheit die Sammlung von Bürger*innendaten bei dubiosen Privatanbietern wie Facebook („schreiben Sie uns ihre Meinung über Facebook oder Twitter“) höchst bedenklich ist. Es ist darauf zu achten, dass erhobene Daten in eigenen Systemen verarbeitet werden, wobei jeder Mensch das Recht hat, über die Weitergabe und Verarbeitung seiner Daten selbst zu entscheiden (informationelle Selbstbestimmung). Das Wichtigste, so Frau Dr. Kurz ist aber, dass der gesamte Einsatz digitaler Technologien transparent und allgemein verständlich geschieht. Niemand muss ein technisches Fachwissen benötigen, von daher gilt es, das erforderliche Wissen ehrlich und verständlich weiterzugeben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die „praktische Entrinnbarkeit“: Niemand darf gezwungen werden, die digitalisierten Wege gehen zu müssen. In Anbetracht der Tatsache, dass ca. 1/3 der Bevölkerung nicht permanent online ist, darf keine „praktische Nichtentrinnbarkeit“ geplant werden.

Was bedeutet das alles für ein „gutes Leben„?

Aus den beiden Vorträgen lassen sich einige Punkte ableiten, die es bei der Implementierung von technischen Systemen in Verwaltung (E-Government), auch in der Kirche, zu beachten gilt:

Transparenz: Der Systemaufbau und die Handlungen müssen allgemeinverständlich und nachvollziehbar sein. Prozesse müssen nachvollziehbar sein, damit eine hohe Akzeptanz gewährleistet ist. Nur mit einem hohen Verständnis des Systems und der Prozesse lassen sich Entscheidungen, ob sie genutzt werden oder nicht, bewusst treffen.
Entscheidungsfreiheit: (Für eine Übergangszeit…) Alternative (analoge) Verwaltungswege gewährleisten, dass Menschen nicht die digitale Nutzung aufgezwungen wird.

Zu guter Letzt: Es gilt für ein „gutes Leben“ auch der Grundsatz, dass die Technik  des E-Gouvernments dem Menschen dienen muss, nicht umgekehrt. Wenn dann noch die DIN EN ISO 9241, in der die Ergonomie der Mensch-System-Interaktion niedergelegt ist,  Anwendung findet, dann ginge der Weg in die richtige Richtung.

Eine (fast) unglaubliche Geschichte

Tag 1: Der 28.09.2017

Begonnen hatte alles mit der Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema VR/AR (Virtuelle Realität/ Erweiterte Realität) in der Jugendarbeit. Als Jugendmedienschutzsachverständiger bei der USK habe ich ja ab und an Spieletitel zu prüfen, die mit den entsprechenden VR-Brillen gespielt werden. Die Entwicklung der Technologie hat in den letzten Jahren deutliche Sprünge nach vorne gemacht, wobei ich immer im Hinterkopf die Frage habe, wie sie (subjektiv) sinnvoll  in meiner Arbeit eingesetzt werden kann. Mit dem Oculus Rift Developer-Kid und dem Cardboard habe ich 2014 erste Eindrücke sammeln können und muss gestehen, dass mir die Technologie schon mächtig gefällt. Wie schnell sich mein Körpergefühl der virtuellen Welt anpasst, ist für mich immer noch erstaunlich. Achterbahnfahren ist auch virtuell nichts für mich, wohl wissend, dass ich auf einem Bürostuhl sitze.

Im Kontext meines Arbeitsauftrages ist natürlich von Bedeutung, die Einsatzmöglichkeiten nicht nur zu erläutern, sondern auch erfahrbar zu machen und Anwendungsmöglichkeiten zu testen. Da die Anschaffung einer solchen aktuellen technischen Ausstattung für eine Testveranstaltung doch recht teuer ist (Oculus + PC = 2.500 €/ HTC Vive + PC = 2.700 €/ PlayStation VR = 400 €/ Microsoft Mixed Reality Headset = 450 €) haben meine Kollegin und ich entschieden, eine Verleihfirma anzufragen.

Tag 2: Der 7.10.2017 um 8:14 Uhr

Die Firma GROVER, die ich am Tag 1 über deren Homepage angefragt habe, schickte mir eine Mail, dass die von mir angefragten Geräte nun bereitstehen. Dazu muss man wissen, dass man bei Grover nicht für einen bestimmten Zeitpunktanfragen kann, sondern das man dann informiert wird, wenn das angefragte Gerät verfügbar ist. Dann hat man 48 Stunden Zeit sich zu entscheiden.

Tag 3: Der 9.10 um 7:45 Uhr

Die 48 Stunden sind fast vorbei. Ich sitze im Büro, öffne die Mail und drücke auf den knallig lilanen „JETZT BESTELLEN“ Button. Darunter noch die ermutigenden Worte „Folge dem ganz normalen Bestellprozess und es dauert nicht mehr lange, bis der Paketbote an deine Tür klopft.
Ok, jetzt muss ich mich einloggen und siehe da, die Daten meines Kontos verifizieren. Eine Telefonnummer wird verlangt. Ok, die Büronummer eingegeben, die aber abgelehnt wird, weil an diese Nummer keine SMS versendet werden kann. Dann halt die Mobilfunknummer. Eine SMS erscheint mit einem vierstelligen Code, den ich allerdings nicht eingeben kann, da in dem Eingabefeld bereits eine 0 eingetragen ist und eine weitere Eingabe nicht angenommen wird. Also schnell ausloggen, wieder einloggen und das gleiche Spiel wie zuvor. Es ist bereits 8:01 Uhr, noch 13 Minuten bis zum Ablauf der Frist. Computer neu starten, neu einloggen, eine neue SMS anfordern – diesmal geht es.

Der gleiche Tag: 8:10 Uhr

Nochmal schnell den Button „JETZT BESTELLEN“ drücken. Es ist vollbracht. Genau um 8:13 kommt die Antwort in fetten Buchstaben:
Danke, wir haben deine Bestellung erhalten!
Kleiner geschrieben, aber dennoch wirksam: „Wir freuen uns sehr über deine Bestellung bei Grover und sind gerade dabei, sie zu bearbeiten. Alle Mietanfragen durchlaufen bei uns erst einmal einen automatischen Check. Das kann bis zu einem Werktag dauern.“

Na sollen sie mal machen.

Der gleiche Tag: 8:29 Uhr

„Hallo Michael, vielen Dank für dein Interesse an Grover.
Wie du weißt, führen wir im Rahmen des Bestellprozesses einen automatisierten Personen und Bonitätscheck durch, um uns (und dich) gegen alle Eventualitäten abzusichern. Leider hat dieser Check ergeben, dass wir dir zum jetzigen Zeitpunkt kein Mietgerät anbieten können.
Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.

Der gleiche Tag: Wenige Sekunden später

Was soll ich sagen? Ich bin durchgefallen. Endlich hat es mich mal erwischt. Bisher kannte ich das nur von anderen Leuten. Dazu muss ich natürlich sagen, dass meine Bonität „eigentlich“ recht gut sein müsste (Selbstbild), zumal ich Paypal als Gelddurchleiter gewählt hatte. Das sollte als Zahlungsgarantiereichen. Also eine Mail mit „WARUM?“ zu Grover geschickt…ohne Antwort.

Tag 4: Der 10.10. um 10:48 Uhr

Ein Anruf von einem Herrn der Glover Hotline. Es stellt sich heraus, dass die Überprüfung ergeben hatte, dass ich nicht an der angegebenen Adresse wohne. Das ist glücklicherweise bei meiner Dienstanschrift  auch nicht der Fall. Auf Anraten des netten Herren also alles nochmal von vorne, zuvor aber die Privatanschrift eintragen. Das Warten beginnt erneut…

Tag 4: der 10.10. um 18:20 CEST 

In meinem Postfach eine Mail, in der es heißt:

„Wir führen eine personenbezogene Abfrage durch. Bitte hinterlegen Sie als Rechnungsadresse Ihre Wohnanschrift, damit wir Ihre Bestellung noch einmal überprüfen können. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

Ich muss gestehen, mein Verständnis bewegt sich in den negativen Bereich. Diese Änderung meiner Daten  hatte ich schon erledigt…siehe 10:48 Uhr

Fazit:
Es war jetzt das zweite Mal, dass mich ein Algorithmus „rausgeschmissen“. Einer, der bei der damaligen <Bank für Gemeinwirtschaft (BfG)> auf dem System lief, zog mir mal Freitags mittags, kurz vor der Filialschließung, meine EC-Karte ein. Grund: BAFÖG wurde nicht als „Einkommen“ gewertet, also hatte ich kein festes, regelmäßiges Einkommen. Das war aber nach der neuen Software eine Voraussetzung für die Ausgabe einer EC-Karte. Da hat der Automat sie gefuttert und ich anschließend die Bank gewechselt.
Die Fehler machen nicht die Maschinen, auch wenn das immer als erste „Entschuldigung“ dient. „Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.“ heißt es bei Grover, die Kollegin der BfG meinte damals, sie könne nichts dafür, schuld sei der Computer.

Damit nähern wir uns einer grundsätzlichen Frage in unserer Gesellschaft. Gelingt es, die Verantwortung auf die Technik zu schieben? Ich hoffe nicht, denn es sind die Vorgaben der Menschen, die die Programmierung in Auftrag geben und das Ergebnis akzeptieren. Die Bonitätsprüfung hat also im aktuellen Fall nichts mal annähernd was mit Geld zu tun. Die Firma Crifbürgel, die das Bonitätsprogramm für Grover bereitstellt, schreibt auf ihrer Homepage: „Mit unseren Bonitätsauskünften über Konsumenten erhalten Sie eine Einschätzung des Zahlungsausfallrisikos Ihrer bestehenden und potenziellen Kunden – je nach Bedarf auch voll integriert in Ihr Bestellsystem.“

Als ich die Geschichte jemandem erzählte, kam gleich die Reaktion „Online ist sowieso schlecht. Mach das doch lieber offline und regional.“ Grundsätzlich stimme ich dem zu, allerdings würde dies in meinem Fall bedeuten, dass ich zu meinem lokalen Media-Markt müsste, der nicht unbedingt ein gutes Beispiel für Regionalität ist. Diese Großmarktkette bedient sich beim Geräteverleih einer Fremdfirma. Da schließt sich der Kreis wieder. Es ist Grover.

Ich persönlich verspreche mir von der Digitalisierung eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Entwicklung, zu der auch dringend die gemeinsame Nutzung von nur temporär genutzten Waren gehört. Das sowas gut funktioniert, zeigen auch die Carsharingdienste. Als Mitglied von gleich drei regionalen Diensten kann ich das nur loben.

Eine Möglichkeit, mit solchen negativen Erfahrungen umzugehen ist es natürlich, sich nicht auf diese digitalisierte Welt einzulassen. Funktionieren wird das nicht.  Zudem hat Abstinenz noch nie zu einem kompetenteren Umgang geführt. Dieser ist meiner Meinung nach aber dringend nötig, um überhaupt einigermaßen kompetent in den gesellschaftlichen Diskurs eintreten zu können. Eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Digitalisierung ist aber nicht nur wichtig, sondern überlebensnotwendig – wenn einem die Opferrolle nicht gefällt. Ich muss gestehen: Besonders „gefallen“ hat mir der Satz: „Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.“ Wer daran glaubt, hat schon verloren. Wie die Geschichte weitergeht? Ich bin gespannt. In diesem Sinne wünsche ich einen angenehmen Tag!