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Digitalisierung im Blick – Hass

Gestern starteten wir im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung mit einer Reihe von Veranstaltungen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Digitalisierung beschäftigen. Es wird sicherlich auf unserer Homepage kurze Berichte zu den Veranstaltungen geben, ich möchte aber die Möglichkeit nutzen, auf einige Aspekte, die mir wichtig sind, näher einzugehen.

Die Veranstaltung am gestrigen Tag , die Matthias Blöser aus unserem Projekt „Demokratie stärken„, Roland Graßhoff und Torsten Jäger vom Innitiativausschuss für Migrationspolitik und ich gemeinschaftlich organisierten, hatten wir mit „Strategien gegen Hass – Für eine digital-demokratische Streitkultur“ betitelt. Darin kommt schon unser Anliegen zum Ausdruck. Wir stehen für ein streitbares und streitfähiges Miteinander. Eine Gesellschaft, in der nicht öffentlich gestritten weden darf, in der Menschen das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht zugestanden wird, lehnen wir ab. Ich persönlich kenne dabei auch keine Tabuthemen. ALLES muss auf den Prüfstand gehoben werden können. Meinungsfreiheit bedeutet dabei aber nicht, dass jeder das sagen darf, was er möchte. Das Grundgesetzt nennt im Artikel 5, Abs. 2 „… finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Grenzen sind dort, wo aus gutem Grund gesetzliche Schranken aufgebaut sind. Beispielsweise, wenn es um die Einhaltung der Würde eines Menschen geht. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen in seiner Würde zu verletzen, ihm das „Menschsein“ abzusprechen. In unserer jüngeren Vergangenheit haben das Menschen getan – und tun das weiterhin, auch noch heute. Auch Christinnen und Christen. Die „Deutschen Christen“ schürten Hass auf Menschen, die dann auch noch als „minderwertig“ bezeichnet wurden. Auch heute gibt es unter Christ*innen diese – in meinen Augen – unchristliche Haltung.

Was aber genau ist denn Hass, was kommt darin zum Ausdruck? Wir alle kennen wahrscheinlich den Begriff, weil auch wir alltagssprachlich manches hassen. Ich hasse Sauerbraten. Von Kind auf war mir der Sauerbraten zuwider und das hat sich bis heute gehalten. Aber Hass gegen Menschen? Ich muss gestehen, dass ich in meiner Kindheit einen meiner Nachbarn hasste. Wir Kinder nannten ihn „Hinkebein“. Wahrscheinlich hatte er eine Kriegsverletzung und zog daher sein Bein nach. Entscheidend für meinen Hass war aber, dass er mich (uns) ständig am Spielen hindern wollte, weil wir „zu laut“ waren. Er kam dann oft und jagte uns von der Wiese, wobei er sein Bein nachzog und wir uns mit „Hinkebein“-Rufen darüber lustig machten, weil er uns natürlich nicht einholen konnte. Als er starb, waren wir auch ein bisschen traurig, denn er fehlte uns.

Mit dem Hass, dem wir heute – vor allen in den Sozialen Medien – begegnen, hat das wenig zu tun. Hier wird der Hass entpersonalisiert. Gehasst werden die „Ausländer“, die „Homosexuellen“, die „Sozialschmarotzer“, die „<Variable>“. Es geht nicht um den einzelnen Menschen, mit denen wir – wie in meinem Beispiel – konkrete Erfahrungen gesammelt haben. Es geht um Hass gegen Menschen, denen die „Hasser*innen“ nie begegnet sind.

Es gibt nicht DIE Definition von Hass. Wenn ich auf Wikipedia schaue, dann finden sich dort verschiedene Definitionen. Gemeinsam haben sie eines: Etwas bereitet Unwohlsein, mit dem eine Abneigung einhergeht, die dazu führt, dass man „es“ loswerden möchte. Der Hass gegen Menschen kann, mit einer aggressiven Haltung versehen, mit Vernichtungswünschen einhergehen. Nicht im Sinne des NS-Staates (Judenvernichtung), sondern heute oftmals „moderater“. „DIE“ sollen dahin zurück, wo „SIE“ hergekommen sind (Ausländer), oder „SIE“ müssten wieder „NORMAL“ werden, sich wenigstens nicht in der Öffentlichkeit „SO“ zeigen (Homosexuelle) oder von Leistungen der Gemeinschaft ausgeschlossen werden („Sozialschmarotzer“).

Wir hatten gestern in der Veranstaltung mit Gregor Mayer (Deutscher Journalisten Verband-Hessen; Phoenix), Kahtarina Nocun (Netzaktivistin) und Susanne Tannert (#ichbinhier) drei ausgezeichnete Referent*innen, die aus ihren unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in die Zusammenhänge boten.

Gregor Mayer ging in seinem einführenden Vortrag auf die konkreten Mechanismen im Umgang mit Hassbeiträgen in der Social-Media Redaktion bei Phoenix ein und erläuterte grundlegende Fragen. Wer sind die Hater? Was sind deren Motive? Welche Faktoren tragen zu einer Enthemmung in der Onlinekommunikation bei? Er bezog sich beim letzten Punkt vor allem auf die Untersuchungen und Beiträge von Prof. John Suler von der Rider Universität, speziell dessen Hypertextbuch „Psychology of Cyberspace (english!), auf das online zugegriffen werden kann.  Die Jagd nach „Followern“, die den (Online-) Bekanntheitsgrad einer Person ausdrücken, tragen mit den verwendeten Algorithmen, beispielsweise von Facebook, dazu bei, dass Populismus gefördert wird. Wichtig sei,dass es neben der Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen auch eine Organisations-Agenda gibt, die die Rahmenbedingungen für den Umgang mit Kommentaren regelt. Weiterhin ist wichtig, dass ausreichend personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Kommentare zu sichten und moderierend einzugreifen.

Katharina Nocun knüpfte daran an und erläuterte, wie Fake-News nicht nur Populismus fördern, sondern auch eine besondere Herausforderung schaffen, Wahrheitsgehalte herausfiltern zu können. Sie zeigte anhand verschiedener Fake-Bilder, wie damit Stimmungen geschürt werden. Der Algorithmus von Facebook sorgt beispielsweise auch dafür, dass niemand mehr sicher sein kann, dass andere Menschen den gleichen Inhalt sehen, was eine „geteilte Öffentlichkeit faktisch unmöglich macht. Dies ist im politischen Kontext besonders fatal. Sie leitet aus ihren Erfahrungen einige Forderungen ab.

  1. Die Kriterien, nach denen Beiträge sortiert und bereit gestellt werden, müssen offengelegt werden.
  2. Voreingestellte Filter müssen verboten werden
  3. Personalisierte Werbung muss verboten werden, sie trägt ebenso wie Punkt 1 und 2 zu einer fragmentierten Öffentlichkeit bei.
  4. Ein kompetenter Umgang mit Medien erfordert eine breite Qualifizierung der -nicht nur jungen – Menschen, die über konkrete Medienkunde hinausgehen. Wie und Emotionen lenken ist dabei genauso wichtig wie eine richtige Quellenrecherche.
  5. Das Wettbewerbsrecht muss geändert werden, Monopole müssen entkoppelt werden (bsp. Trennung von Facebook, Instagram und WhatsApp). Eine dienstübergreifene Kommunikation muss durch die Verwendung offener Standards gewährleistet werden.

Susanne Tannert von #ichbinhier erläuterte den Grundgedanken von #ichbinhier, dass ein persönliches Eingreifen in die Kommentare bei reichweitenstarken Newsanbietern zur Deeskalation von Diskussionen beitragen kann. Dabei geht es darum, den Hasskommentaren Fakten und sachliche Informationen und Positionen entgegenzusetzen. Das Ziel ist dabei nicht die hartgesottenen Hater zu überzeugen, sondern diejenigen, die Argumentationen zugänglich sind. #ichbinhier arbeitet ehrenamtlich und hat sich in der Tätigkeit Strukturen geschaffen, die es ermöglichen, sich nicht selber kaputt zu machen.

Eine grundsätzliche Aussage aller drei Referent*innen war es, dass es Freiheit nur gibt, wenn wir aktiv dafür eintreten und bereit sind, dafür auch etwas zu tun. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen.

Bis die Tage und liebe Grüße
Michael

Süßigkeitenalgorithmen

Auf Spiegel Online wurde am Sonntag eine lesenswerter Meinungsbeitrag von Prof. Christian Stöcker veröffentlicht, der einen genaueren Blick auf den Algorithmus von YouTube zum Inhalt hat. Genauer: Was der Algorithmus  mit uns macht.

Der Hintergrund
Schaut sich jemand ein Youtubevideo an, tauchen auf der Seite neben Werbung auch weitere Videos auf, die – falls Mensch das nicht abstellt – auch automatisch abgespielt werden. Der Kolumnist vergleicht das mit einer Kindheitserinnerung. Er und ein Freund in einem Süßigkeitslager. Sie aßen, bis ihnen schlecht wurde. So funktioniert auch Youtube. Es verleitet zum weiterschauen. Er schreibt:

„Plattformen wie YouTube oder Facebook sind wie skrupellose Nannys, die uns ein Gummibärchen nach dem anderen reichen, ein mundgerechtes Häppchen nach dem anderen servieren. Ihr Ziel ist nicht, dass wir gesünder, fitter, kräftiger werden – sondern dass wir nicht aufhören zu essen. Und darin werden sie immer besser, denn sie lernen.“

Der Algorithmus registiert und verarbeitet dann, was Mensch sich anschaut. Und liefert nach. So passiert folgendes: „Die Wechselwirkung algorithmisch optimierter „Iss weiter!“-Plattformen mit unseren ungesunden Medienvorlieben bringt im Zweifel unsere schlimmsten Abgründe zum Vorschein.“

Ziel von Youtube ist es, uns so lange wie möglich auf der Plattform zu binden. Das ist das Geschäftsmodell. Wir sind nicht die Kunden. Die Kunden sind die Werbetreibenden. Wir sollen nur schauen. Und neues Stoff liefern, damit neugierige Augen sekündlich neue Angebote bekommen. Schauen bis zum Erbrechen.
Die Wechselwirkung zwischen den Sehinteressen der Zuschauer*innen und dem diese verstärkenden Algorithmen führt unweigerlich einer ungesunden Nutzung des Mediums. „Die digitalen Medienkonsum-Nannys der großen Plattformbetreiber füttern uns mit dem, was wir augenscheinlich wollen – und führen uns so die Abgründe der Menschheit vor Augen. Gesund ist das nicht.“

Soweit der Hintergrund.
In mir hat das ebenfalls eine Kindheitserinnerung wachgerufen. Allerdings eine mit meinem Sohn. Süßigkeiten! Lecker lecker…mehr. Unsere typische Elternreaktion: Wegschließen. Feinstens rationieren. Ergebnis: Lecker lecker…mehr. Verweigerung, so eine unserer Erkenntnisse, hat zu keinem kompetenteren Umgang geführt. Also füllten wir ein Einmachglas bis oben mit Süßigkeiten und stellten es hin. Ruckzuck war es leer. Doch nicht auf Dauer. Süßigkeiten verloren ihren besonderen Stellenwert und wurden so in einem – wie ich heute, 30 Jahre später sagen kann – gesunden Maß ins Leben integiert. So beobachte ich es auch in der Nutzung von Medien. Youtube ist in einer bestimmten Altersphase interessant, kann sogar den Alltag neben der Schule bestimmen. Manchmal auch in einer Art und Weise, die sich negativ auf die Schulnoten auswirkt. Wenn die Wahl besteht zwischen „für die Schule lernen oder Youtube schauen“, dann fällt die Wahl manchen Menschen nicht schwer.

Verstärkt wird die Hinwendung durch die Reaktion der Erwachsenenwelt. Äuserungen wir „Du und dein sch*** Computer“, „Du verschwendest deine Zeit“ fördern den Heißhunger aus zwei Quellen. Endlich mal etwas, mit dem ein junger Mensch sich von der Erwachsenenwelt abgrenzen kann („früher waren das Klamotten, Haare und Musik. Das funktioniert heute nicht mehr.“) und zweitens werden hier peergruppenmäßig Identifikationsflächen geboten. Nicht umsonst sind Musikvideos das am meisten betrachtete Format.

Laut der aktuellen JIM-Studie nutzen 73% der Jungs und 53% der Mädels die „Videofutterquelle Youtube“ täglich. Schaut Mensch sich das in den Altersgruppen an, so machen die Zahlen sichtbar, dass das Alter es ein Faktor ist. 60% der 12-13 jährigen, 71% der 14-15 jährigen, 64% 16-17 jährigen und 58% der 18-19 jährigen nutzen Youtube täglich. (JIM 2017, S.43)

Die statistischen Daten, Berichte von Kolleg*innen und meine persönlichen Erfahrungen aus Veranstaltungen mit Jugendlichen bestätigen zweierlei: Das klassische Fernsehen verliert als Unterhaltungsmedium an Bedeutung und  Youtube ist für Jugendliche heute ein normales Unterhaltungsmedium, das allerdings mit zunehmendem Alter an Bedeutung verliert. Oder, wie es Jan Karres, der einmal selber Teil der Youtube-Videoproduzenten-Szene war (Link zu seinem Youtubekanal SoBehindert), gestern in einem tollen Beitrag über sein neues Projekt sinngemäß formulierte: Irgendwann hat Mensch nicht mehr die Zeit. Eben eine Frage der Prioritäten. Und die setzt nicht Youtube, sondern das ist ein Prozess, der bei den meisten Menschen in einen „normalen Medientag“ führt. Gesund dürfte auch der nicht sein.

Ich frage mich als pädagogischer Soziologe ja auch immer, welchen Beitrag wir – die Erwachsenenwelt – leisten können, damit Lernprozesse unterstützt werden. Dazu zählt auch die Mediennutzung. Unterstützen wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei diesen Lernprozessen, in dem wir auf unterschiedlichen Ebenen Beiträge leisten. Als Kirche Räume schaffen, wo wir das thematisieren können, ohne den erwachsenen Zeigefinger zu heben, denn wir sind nicht besser! Thematisieren wir altersgemäß Algorithmen, Medienwirkung und Mechanismen der Werbung. Dann werden wir auch resistenter gegen Süßigkeiten. Denn wir sind keine Organismen, die nach einem einfachen Reiz-Reaktionsschema reagieren. Wir sind lernfähig.

In diesem Sinne…

Bildquelle: Pixabay