Schlagwort-Archive: Algorithmen

Big Data, Data Mining und die Gesellschaft

Meine erste Begegnung, die ich mit Big Data und der Digitalisierung hatte, war zu Beginn der 80er Jahre. Damals nannte das aber noch niemand Big Data. Ich arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, war der Vorsitzende der Jugendvertretung und damit gewählter Sprecher der über 1.000 Auszubildenden, deren Interessen ich gegenüber der Ausbildungsleitung und Geschäftsleitung zu vertreten hatte. Die Geschäftsleitung wollte für den gesamten Betrieb ein Personalabrechnungs- und informationssystem (PAISY) einführen und dem Betriebsrat (die gewählte Interessenvertretung ALLER Beschäftigter) kein Mitbestimmungsrecht zubilligen, was aber letzten Endes das Bundesarbeitsgericht doch für rechtmäßig erklärte [BAG, Beschluß vom 11. 3. 1986 (1 ABR 12/84) PDF-Datei].

Was hat das aber mit der Digitalisierung zu tun? Nun, ganz einfach. Bis zur Einführung von PAISY wurden Lochkarten verwendet und analoge Abrechnungsakten geführt, in denen natürlich auch Krankheitstage und andere sensible Daten festgehalten wurden. Kann sich jemand vorstellen wie es wäre, bei (damals) 43.000 Beschäftigten nach bestimmten Mustern zu suchen? Leute, die oftmals in gleichen Zeiträumen krank sind? Leute, die wiederholt unentschuldigt fehlen? Für ein Unternehmen sicherlich interessante Zahlen. Durch die Überführung in ein digitales, computergesteuertes Abrechnungssystem hätte diese Wunschvorstellung der Geschäftsleitung Wahrheit werden können, wäre da nicht der Betriebsrat gewesen, der genau diese Möglichkeiten der Datenanalyse – heute würde man das die Anwendung eines „Algorithmus“ nennen -verhinderte.

An diesem alten Beispiel wurden mir schon die Grundzüge der Digitalisierung deutlich. Die Überführung analog vorhandener Daten in „digitale Repräsentanten“ (digitale Abbilder analoger Daten). Das beginnt bereits mit der Erfassung. Welche Daten dürfen erfasst werden? Welche Daten müssen geliefert weden, welche liefern wir  scheinbar freiwillig?

Ein weiterer Erfahrungsschritt war die Volkszählung, ursprünglich für 1983 geplant. Stattfinden konnte sie, wegen zahlreicher Proteste und Prozesse, erst 1987. Hervorzuheben ist das Ereignis, weil es letzten Endes für das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ gesorgt hat. Dieses Recht des einzelnen Menschen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten entscheiden zu können, ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich sicherzustellen und darf nur dort eingeschränkt werden, so das Gericht, wenn es im Sinne des Schutzes öffentlicher Interessen geschieht. Das Bundesverfassungsgericht (BVG) lieferte mit dem „Volkszählungsurteil“( pdf Datei) auch eine lesenswerte Begründung. Hier ein kleiner Auszug:

Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen.

Im Wesentlichen sieht das Gericht – und dem schließe ich mich uneingeschränkt an – dieses Recht als Grundrecht für eine auf Gemeinwesen und Beteiligung angelegte Gesellschaft. Belanglose Daten, so das Gericht, gebe es unter den Bedingungen der digitalen Verarbeitsunsmöglichkeiten nicht mehr. Ein Beispiel dafür ist die Überprüfung aller Mobilfunknummern, die sich in einer bestimmten Zeit (Anti-Nazi-Protest) an einem bestimmten Ort (Dresden) aufgehalten haben, durch Ermittlungsbehörden.  Das Landgericht Dresden attestierte zwar dem als „Handygate“ bekannt gewordene Verhalten die Unrechtmäßigkeit, allerdings aus formalen Gründen! (lesenswert auch der Artikel auf Netzpolitik.org).

Mir gehen diese Worte „belanglose Daten gibt es nicht“ immer wieder durch den Kopf. Big Data und die Anlalyse mittels Algorithmen halte ich an sich nicht für bedenklich. Oftmals sind sie hilfreich,gestalten das Leben angenehmer, können uns gute Hinweise auf Handlungsoptionen geben.

Im Folgenden ein Beispiel, das Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer des CHE [Centrum für Hochschulentwicklung] auf dem Blog www.digitalisierung-bildung.de beschrieben hat. Demnach stieg die Zahl der Studienabsolventen an der Arizona State University von 26% auf 42%, nachdem ein Algorithmus viele Daten der Studierenden unter dem Gesichtspunkt „Was wäre das beste Studienfach für dich?“ analysiert hat. Ich kann das sicherlich nicht beurteilen, ob das das beste Beispiel ist. Aber eines, das sich sicherlich anzuschauen lohnt. Von daher empfehle ich diesen Artikel auf jeden Fall.

Anders bewerte ich Data Mining, das Sammeln unendlich vieler Daten. Die meißten von uns hinterlassen tagtäglich sehr viele Datenspuren und gleichzeitig gibt es digitale Schürfer, meist kleine Programme wie Cookies und Tracker, die diesen Datenkrümeln hinterherlaufen, sie einsammeln und zu einem Profil hinzufügen. Data Mining geschieht mit genau dieser Absicht.

Oftmals müssen Daten erhoben werden, die einem definierten Zweck dienen. Wenn sich Menschen zu einer Veranstaltung, beispielsweise zum Medienpädagogik-Praxiscamp, dass morgen und übermorgen in Mainz stattfindet, anmelden, so benötigen wir neben einem Namen auch eine Kontaktmöglichkeit, in der Regel die Mailadresse, damit wir interagieren können. Für „den Staat“ als Geldgeber müssen weitere Daten gesammelt werden, beispielsweise die Anschrift und das Alter. Es ist schön zu wissen, als welchen Bereichen die Angemeldeten Menschen kommen, es bleibt aber ihnen überlassen, das mitzuteilen. Für die Veranstaltung ist dies nicht wichtig – ein „nice to have“. Wir könnten natürlich auch schauen, welche Daten die Menschen bei ihrer Anmeldung noch hinterlassen haben. Ip-Adresse? Daraus könnte ein ungefährer Standort ermittelöt werden. Eine Abfrage in verschiedenen Suchmaschinen könnte weitere Infos über die Menschen „ans Tageslicht“ fördern. Aber wozu? Ein Zweck im unserem Sinne würde damit nicht erfüllt, also können wir das lassen. Ein Data-Miner hingegen könnte aus den unterschiedlichen Quellen die Datenspuren sammeln und daraus Profile entwickeln.

Der Datenschutzbeauftragte der Hansesast Hamburg, Johannes Caspar, kritisierte aus diesem Grund auch das Vorgehen der Parteien im Bundestagswahlkampf. Facebook bekäme so noch mehr Informationen über die Nutzer*innen, beispielsweise ihre politschen Präferenzen.

Ob, wie Caspar auch anmerkte, die Demokratie beschädigt wird, muss genauer betrachtet und erforscht werden. Ich persönlich glaube nicht, dass durch zielgruppengenaue Werbung die Demokratie Schaden nimmt. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.

Entscheidend finde ich einen Satz, den Caspar einmal in einem Interview gesagt hat. Auf die Frage „Brauchen wir Nachhilfe beim Datenschutz?“ antwortete er:Nicht Nachhilfe. Ich spreche lieber von Information und Aufklärung. Wir müssen vor allem jungen Menschen im Rahmen der Medienkompetenz zugleich Datenschutzkompetenz vermitteln. Dazu haben wir ein Konzept erstellt und Lehrerfortbildungen angeboten. Leider ist das weitgehend eingeschlafen, weil uns personell die Kapazitäten fehlen.“  (Quelle)  Hier – finde ich – hat die Schule sowie die Jugendarbeit einen gesellschaftlichen (Bildungs-) Auftrag. Denn, ohne Kenntnisse über Zusammenhänge, die mit dem digitalen Wandel der Gesellschaft zusammenhängen, können wir unsere Persönlichkeit nicht selbstbestimmt entwickeln.

Zur Frage der „Jugendarbeit im digitalen Wandel“ dann nächste Woche mehr im Blog. Die Zeitschrift Medien und Erziehung (merz) hat zu einer Blogparade aufgerufen, an der sich dieser Blog auch beteiligt. Damit einher geht eine Neuerung im Blog: Es gibt zukünftig immer wieder einmal „Gastbeiträge“. Nächste Woche von meiner Kollegin Annika Gramoll.

Demokratie und Digitalisierung

Ich meine, jede*r der sich Gedanken über unsere Demokratie macht, kommt an den Herausforderungen, den Möglichkeiten und den Risiken der Digitalisierung nicht vorbei. Das Zeitalter, wo Politiker*innen etwas abgeschottet von der Öffentlichkeit Politik machen konnten, sind FAST vorbei. Ich schreibe hier bewußt „fast“, denn manchmal gelingt es ihnen doch, das ein oder andere Gesetz zu beschließen, ohne das die Öffentlichkeit viel davon erfährt. Gerade letzte Woche passierte das Gesetz den Bundestag, der den „Lauschangriff“ auf mobile Endgeräte und andere Computer ausweitet. Der sogenannte „Staatstrojaner“ wird damit legalisiert. Nun mag man ja inhaltlich unterschiedliche dazu stehen. Eines finde ich jedoch sehr bedenklich: Da wird ein Gesetz, das die Privatssphäre grundlegend einschränkt, still und heimlich beschlossen. Keine öffentliche Debatte, keine Diskussion über die Gestaltung. Das ist aus meiner Sicht sehr bedenklich.

Die Idee des Überwachungsstaates, durch technische Hilfsmittel Zugriff auf die privatesten Ecken unseres Lebens zu bekommen, erfährt hier eine neue Qualität. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich von der ganzen „Wir sind bedroht, wir müssen alles technisch überwachen was geht“ Mentalität nicht viel halte, auch wenn ich die Haltung verstehen kann. Gerade wer sich technisch auskennt wird Mittel und Wege finden, sich dieser Überwachung zu entziehen. In Spielfilmen wird das Thema doch schon immer wieder gezeigt. Da benutzt man eben ein Mobiltelefon nur einen Tag mit einer extra dafür angeschafften SIM-Karte. Kein Download öffnen, das Mobilgerät nicht aus dr Hand geben. Fertig. Alles kein Problem. Gerade in der letzten Woche habe ich beobachten können, wie sich Menschen, die sich zu den „Nationalen“ zählen, aus Kommunikationskanälen verabschieden und auf andere soziale Netzwerke – vor allem ins russische VK-Netzwerk – ausweichen.

Aber ich will ja heute eher über die Frage der Demokratie im Zeitalter der Digitalisierung schreiben. Letze Woche, am 20. Juni fand in Berlin der #digidemos Kongress der Friedrich-Ebert-Striftung statt. Leider gibt es die Beiträge nicht abrufbar, obwohl sie live gestreamt wurden. Eine vertane Chance! Einzig eine kurze Zusammenfassung, die meiner Meinung nach aber diesen Namen nicht verdient hat, gibt es hier zu sehen.  Über die Veranstaltung komplett zu schreiben, fehlt mir die Zeit und es würde dich möglicherweise auch ermüden. Daher konzentriere ich mich mal auf die (für mich) zentralen Fragestellungen:

Ist der „digitale Fortschritt“ tatsächlich ein Fortschritt für die Demokratie?

Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz war nicht die einzige an diesem Tag, die von den vielen Vorteilen , beispielsweise durch direkte Bürger*innenbeteiligung, sprach. Da wären die wunderbaren Kommunikationsmöglichkeiten, die die meisten Maensch, so Dreyer, auch sehr verantwortungsvoll zum Meinungsaustausch nutzen. Die Schwelle zur Beteiligung wurde gesenkt und es sind immer nur wenige, für die Hass und Hetze ein Mittel ihrer Politik ist. Da stimme ich ihr zu.

Was sie aber auch betonte, und da stimme ich ihr ebenfalls zu, ist, dass die Digitalisierung selber in Bildungsprozessen mehr in den Blick genommen werden muss. Die Förderung eines kompetenten Umgangs ist eben nichts, was sich „von selber“ ergibt. Viele Fragen, die es zu erörtern gibt, müssen auch mehr Raum an Schulen und Universitäten bekommen. Wie sind wirtschaftliche Zusammenhänge? Wie verändern sich Arbeitsbedingungen und Wirtschaftsbranchen beispielsweise durch Plattformen wie Uber oder AirBnB?  Mit welchen Wirkungen auf die Menschen? Welche Grenzen brauchen Konzerne? „Die Digitalisierung muss dem Menschen dienen.“ Der Aussage von Dreyer habe ich nicht mehr hinzuzufügen, als dass sie ja an den entscheidenden  – zumindest was Bildung in Rheinland-Pfalz angeht – politischen Hebeln sitzt. Wenn Bildung Angelegenheit der Länder ist, dann kann hier gehandelt werden. Ich bin kein Freund eines eigenen Faches „Medienbildung/Medienkompetenz“. Das Thema aber als Querschnittsthema in allen Unterrichtsfächern zu verorten, das wäre mein Weg und im Grundsatz finde ich das auch so in den Lehrplänen in RLP wieder. Da taucht natürlich die Frage auf, warum Malu Dreyer zu wenig von diesem Wissen um Zusammenhänge an den Schulen und Universitäten wiederfindet? Vielleicht hat ja jemand eine Antwort (-idee).

Paul Nemitz, Justiziar bei der Europäischen Kommission und zuständig für Grundrechte und Datenschutz, stellte klar, dass das Grundprinzip der Verantwortung auch im Digitalen gilt. Demnach gibt es auch einen staatlichen Anspruch auf Regulierung des Internets im Sinne der Menschen. Monopolstrukturen, die sich in der Digitalwirtschaft abzeichnen, wird man beispielsweise durch Datenportabilität einschränken können. (siehe hier)

Auf eine Problematik der öffentlichen Berichterstattung macht er zurcht aufmerksam: „Soziale Netzwerke sind Freiheitsgebilde und die haben nicht nur in Krisengebieten ihre Berechtigung. Aber es muss auch festgestellt werden, dass mit deren Einzug in unser Leben auch Zeitungen ökonomisch leiden. Viele Werbeeinnahmen, die früher in die private Presse gingen (wo gute Journalisten bezahlt werden müssen) fließen nun in Google und Co. Dadurch wird der vierten Gewalt, dem Journalismus, Geld entzogen.“

Auch dessen müssen wir uns bewußt sein. Die klassische vierte Gewalt (Presse) hat an Bedeutung etwas verloren. Entscheidend ist aber auch, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Zeitungsredaktionen verändert haben. Ich hatte mal die Freude einen Journalisten der FAZ kennenzulernen, der mit Zahnbürste, Zahnpasta und Smartphone nach Winnenden (Amoklauf!) gefahren ist, um zu berichten. Er sagte mir damals, dass die Story schon fast fertig war, bevor er eingetroffen sei. Zusammengesetzt aus Schilderungen, Nachrichten und Mitteilungen aus den sozialen Netzwerken.

Ein Fortschritt also – ja! Die Schwelle der Beteiligungsmöglichkeiten ist gesunken. Aber es gilt Rahmenbedingungen zu gestalten, was wir (die Bürger*innen) nicht den Unternehmen überlassen dürfen.

Mein zentrales Interesse galt dann dem Panel „Öffentlichkeit“ mit Dr. Ralf Bremer (PR Google), Saskia Esken (MdB), Prof. Dr. Wolfgang Schulz (Direktion Hans-Bredow Institut) und Dunja Mijatovic (Menschenrechtlerin, „Internet Expertin“). Schulz führte dann auch in die Runde mit 5 Thesen ein:

  1. Soziale Netzwerke wir Facebook und Twitter haben eine neue Funktion übernommen. Sie speichern das „Weltwissen“ und machen es zugänglich. Wie trägt dies zur Meinungsbildung bei?
  2. Die Finanzierung des Journalismus. Das Informationsmanagement hat sich verändert. Genutzt werden vermehrt einzelne Informationen statt ganzer Bündel.
  3. Kommunikation ist heute durch Dritte leichter beobachtbarer. Petitionen, Bewertungen, Protokolle von Stammtischgesprächen. Eine neue Öffentlichkeit.
  4. Es gibt zunehmend eine „persönliche Öffentlichkeit“, in der eigene Themen gesetzt weden können. In der eigenen Community.
  5. Die Kommunikation ist beweglicher. Das Verbreitungstempo, die Masse. Und: Wer steckt dahinter?

Im Folgenden wurde sich allerdings nur wenig auf die Thesen bezogen. Saskia Esken, übrigens eine der beidsen SPD Abgeordneten, die gegen das „Dein trojanischer Freund und Helfer – Gesetz“ gestimmt haben (Gründe),  schildert, wie es ihr geht: „Wenn ich abends die Tagesschau schaue, ist da fast nichts, was ich nicht tageüber schon bei verschieden Onlinediensten gelesen habe.“ Ok, ich schaue in der Regel das Heute-Journal, der Erkenntnisgewinn ist aber auch hier aus gleichen Gründen eher mager.

Schulz wies darauf hin, dass die Sozialen Medien nur für einige erhebliche Bedeutung habe, viele nutzen den klassischen Medienmix (Zeitung, Social Media, Fernsehn/Radio).  Die Abwanderung aus klassichen Medienwelten hin zu Social Media ist minimal. Auch das ist eine Sichtweise, die mir schon öfter begegnet ist und an der wahrscheinlich viel dran ist. Dann ist auch die Frage nach der Manipulierbarkeit zu stellen.

Manipulation: Laut Bremer (Google) ist es heute leicht möglich, „Fake-News“ zu enttarnen. Dem widersprach Saskia Esken nicht, lies sich aber den Hinweis nicht entgehen, dass Google selber durch sein Geschäftsmodell Meinungen steuert. Der Algorithmus zeigt eben die Meldungen in einer Reihung, die Google ordnet. Wer schaut schon bei der Suchmaschine auf Seite 2 der Suchtreffer? Hinzu komme noch Ranking gegen Geld. Entweder in Form von Werbung (gekennzeichnet) oder durch Suchmaschinenoptimierung (gegen Geld). Bremer wies darauf hin, dass es etliche Seiten gebe, auf denen der Suchalgorythmus von Google beschrieben wird. Jeder kann demnach optimieren.

Also die zentrale Frage: Manipulation durch digitale Medien?

Meine Antwort: Steuerungsversuche lassen sich nicht verhindern, durch eine „Multiquellennutzung“ und „Pluralität der Stimmen“ kann aber jede*r dazu beitragen, dass das auch anders sein kann. Vor allen Dingen: Es gibt auch mehr als Google, Facebook und Co..

Die Selbstregulation der Nutzer*innen, so meine Meinung, ist dabei der Regulation von Seite des Staates vorzuziehen. Dazu bedarf es der angesprochenen Kompetenz, die nicht von alleine kommt. Von daher der Auftrag an zivilgesellschaftliche Akteure: Sorgt dort für die Schärfung eines kritischen Geistes, wo ihr könnt. Für die Schulen gilt das sowieso! Vielleicht auch, das muss ich mir aber erst noch genauer anschauen, für Kindergärten.

Prof. Dr. Dr. Ingolf Pernice, Direktor des Humbold-Instituts für Internet und Gesellschaft zeigte dann in seinem Beitrag im Rahmen des Oanels „Staat 2.0“, dass auch hier Bürger*innenbeteiligung zugenommen habe. Gerade durch neuere Entwicklungen sei es möglich, Einblicke in die „Black-Box Verwaltungshandeln“ zu bekommen. Hier gibt es noch viel Luft anch oben.  Hier schließt sich wieder der Kreis zu den einleitenden Worten von Malu Dreyer, die beschrieben hatte, dass Verwaltung kein einheitliches Datensystem zu Grunde liegt. „Hier liegen noch riesige Aufgaben vor uns.“

Ich würde mir wünschen, dass wir uns insgesammt an den Prozessen beteiligen und dabei nicht vergessen, dass wir es sein müssen, die die Rahmenbedingungen festlegen. Sei es mit Regelungen, die in Gesetzen und Verordnungen ihren Ausdruck finden, oder durch die „normative Kraft des Faktischen“. Wenn wir einen kompetenten Umgang mit der Digitalisierung leben und uns darüber austauschen, dann bin ich sehr optimistisch, dass Demokratie und Digitalisierung Hand in Hand gehen.

Schätzt du das auch so ein?

Das Gautinger Internettreffen

Seit 2000 trifft sich ein Teil der mit der Jugendarbeit und dem Internet verbundenen Community für zwei Tage in Gauting, wo der Bayrische Jugendring seine zentrale Bildungsstätte, das Institut für Jugendarbeit, betreibt.

In diesem Jahr war das Thema „Die neue Vermessung der Welt. Digitale Selbstverteidigung oder Feudalismus 3.0?“. In diesem Titel klingt das Spannungsfeld an, in dem sich die Gesellschaft, weit über die Jugendarbeit hinaus, befindet. Eine der Referentinnen, Anke Domscheit-Berg brachte das durch ihre Erläuterungen auf den Punkt. Wir befinden uns, so die Referentin, an einem zentralen Wendepunkt gesellschaftlicher Entwicklung, in der sich die Kommunikationsformen verändern, das Internet das bestimmende Medium sein wird.

In verschiedenen Beiträgen, die es in kurzen Zusammenfassungen hier (pdf) gibt, wurden die zum Teil sehr unterschiedlichen Blicke auf die Entwicklung und die daraus resultierenden Einschätzungen deutlich. So bewegen sich die Einschätzungen und Haltungen der Referent*innen zwischen eher düsteren (Yvonne Hofstetter), wenn auch nicht hoffnungslosen, Einschätzungen bis hin zu einem, wie ich finde, Technikfetischismus (Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Hof).

Die für mich sicherlich spannenste Erkenntnis der Tagung insgesammt war, dass die Einschätzung der Entwicklung geprägt ist von einer gesellschaftspolitischen Betrachtung der Lebensverhältnisse. Irgendwie, so kommt es mir vor, hat die Medienpädagogik einen Schritt in eine politischere Medienpädagogik gemacht. Die Frage „Wie wollen wir zukünftig leben?“ muss inzwischen sehr deutlich berücksichtigen, welche technologischen Entwicklungen die Menschen in der Gesellschaft möchten. Dabei wird der Moment, dass es sehr unterschiedliche Interessen ( wie Ökonomie, Ökologie und Soziales) gibt, mit in die Betrachtungen einbezogen. Denn auch das wurde sehr deutlich: Es sind Menschen, die die Technologien entwickeln und auch über deren Einsatz entscheiden können.

Auch wenn ökonomische Interessen vielfach im Vordergrund stehen, es liegt an den Menschen, die Entwicklung nicht den scheinbar! ökonomischen Zwängen zu überlassen, denn auch in einer globalisierten Weltökonomie gibt es für alles Alternativen.

Das Gautinger Internettreffen hat neben allen Vorträgen und Diskussionen aber auch immer einen praktisch Anregenden Charakter, was medienpädagogisch alles möglich ist. Ich war in drei Praxisworkshops:

  • „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“
  • „Hack your school 2017“ und „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“
  • „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“

Im Workshop „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“ ging es um die Möglichkeiten, mit Steuerungschips praktisch die Funktionsweise des Internet der Dinge sichtbar zu machen. Dazu programmierten wir kleine Programme, die beispielsweise eine Lampe steuerten. An sich ein schönes Experiment, für die nötige Einbettung in Praxisprojekte werden noch Ideen gesammelt. Ganz im Sinne des oben beschriebenen gesellschaftlichen Prozesses geht es ja auch darum, die Technologie zu bewerten, um entscheiden zu können, ob und wie sie genutzt wird. Privat wie gesellschaftlich. Denn das diese Technologie alles andere als unumstritten ist, zeigt die Süddeutsche Zeitung beispielsweise hier.

„Hack your school 2017“ handelte von einem interessanten Experiment in München, bei dem Schüler*innen ein Wochenende lang an Projekten für ein Lernen im digitalen Umfeld arbeiteten. Näheres gibt es hier.

Mit „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“ wurde ein Filmprojekt mit Kindern vorgestellt, das mit Grundschulkindern zum Thema „Datensicherheit in Soziale Medien“ durchgeführt wurde. Anlass war, dass bereits Grundschulkinder aktiv digitale interaktive Medien nutzen und dabei auch Daten hinterlassen. Wie aber können die Kinder altersgerecht sensibilisiert werden? Das Projekt ist hier beschrieben, der entstandene Film wird hier zu sehen.

Im Workshop „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“ wurden verschiedene Spielzeuge gezeigt, die beispielsweise die digitale Welt ins Kinderzimmer bringen, aber ebenso auch Daten aus dem Kinderzimmer senden. Da gibt es neben der Barbie 2.0 auch Puppen wie Cayla und Stofftiere oder die Gutenachtgeschichte kommt für teures Geld aus der Cloud. Es gab aber auch Dinge wie die iPad Töpchenhalterung, die uns wirklich zum schmunzeln brachte, (wenn es nicht so traurig wäre)!

Einen wunderbaren Input lieferte Niels Brüggen vom JFF – Institut für Medienpädagogik am zweiten Tag, der auf der Basis der Erkenntnisse des vorausgegangenen Tages die Aufgaben der Medienpädagogik in Zeitalter von Big Data formulierte

  • Heranwachsene nicht isoliert mit den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft alleine lassen! Sie haben beispielsweise ein Schutzbedürfnis und auch ein Bewustsein für Risiken. Die Einschätzung, was schutzbedürftig oder risikobehaftet ist, variiert dabei stark.
  • Gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren! Auch hier besteht ein Interesse. Es muss nur entsprechend aufgegriffen werden. Wie funktionieren beispielsweise Algorithmen?
  • Visionen entwickeln! „Wie wollen wir leben? Was müssen wir tun, um dahin zu kommen?“

Lesenswert ist ein Beitrag (pdf), der schon 2015 veröffentlicht wurde.

Ich nehme an, dass die einzelnen Beiträge der Veranstaltung – wie in den vergangenen Jahren auch – auch als Video auf dem Youtubekanal des SIN zeitnah erscheinen werden.

Allmacht der Algorithmen?

Letzten Samstag war ich den ganzen Tag auf einem Symposium der EKHN-Stiftung mit dem Titel „Allmacht der Algorithmen“ (Homepage). Ausgehend von Impulsvorträgen von Expert*innen sollte mit Teilnehmenden diskutiert werden, worin die Chancen und Risiken der neuen Technologien bestehen. Über 100 Schüler*innen, die zum Thema schon zwei Tage vorher mit Vorträgen und in Workshops gearbeitet hatten, sollten sich mit ihren Erkenntnissen in den Diskussionsprozess einbringen. Das die EKHN-Stiftung sich dieses Themas annimmt und es damit auch ein Stück in die – auch kirchliche – Öffentlichkeit trägt, begrüße ich sehr.

Leider kam es zu keinen wesentlichen Diskussionen, was bei einer 45 Minuten Vortragstaktung wohl auch nicht wirklich beabsichtigt war. Vortrag, kurze Rückfragen, das war es. Die anregenden Arbeiten der Schüler*innen konnten vor dem Hörsaal auf Plakaten bewundert und in einer halbstündigen Mittagspause auch besprochen werden. Mir gelang das in den 30 Minuten gerade mal bei zwei Plakaten, vor denen sich durchaus spannende Diskussionen ergaben.

Eine Gruppe von Schüler*innen, die sich mit „Selbstvermessung und Selbstoptimierung“ und mit der „digitalen Unsterblichkeit“ beschäftigte, feuerte mit ihrem Plakat und dem darin enthaltenen Satz „Chancen liegen in der Überwindung von Sehnsucht und der Trauerbewältigung“ eine Diskussion an, die wegen der zeitlichen Beschränkung leider nicht tiefergehender möglich war.

So wurden leider mit der Veranstaltung Chancen vergeben. Es ist schön, die Diskussion beflügeln zu wollen, allerdings muss man dafür auch Räume schaffen. Es waren auch „nur“ Oberstufenschüler*innen zum Schüler*innenworkshop eingeladen. Da frage ich mich natürlich auch, welcher menschliche Algorithmus zu einer solchen Einschränkung gefüht hat.

Denn auch das ist im Rahmen der Veranstaltung deutlich geworden. Wir alle verwenden Algorithmen. Wir schätzen Algorithmen. Tagtäglich. Sie helfen uns zu strukturieren, ein bisschen Ordnung in das (nicht nur digitale) Leben zu bringen. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und damit für uns erst handhabbar zu machen.

Deutlich wurde aber auch, dass es eine breitere gesellschaftliche Diskussion um die Ausrichtungen technologischer Entwicklungen braucht. Denn eine der großen Fragen, die sich hinter der positiven Betrachtung der Entwicklungen verbirgt, ist: Gibt es einen wie auch immer gearteten Kontrollmechanismus, der eine gesellschaftliche Einordnung der Entwicklungen ermöglicht? Algortihmen werden (noch) von Menschen programmiert, sie spiegeln die Interessen der Auftraggeber wieder und sind damit nicht „neutral“.

Frau Prof. Dr. Katharina Zweig sprach sich in ihrem bildhafen und sehr guten Vortrag zu Beginn der Veranstaltung für einen „Algorithmen-TÜV“ aus, der nach gesellschaftlichen (immer wieder neu festzulegenden) Kriterien beurteilt, ob der Algorithmus „dem Menschen dient“. Sie gehört zu den Gründer*innen von https://algorithmwatch.org. Ein grundsätzliches Problem mit dem Algorithmen-TÜV dabei ist, wie sich dies mit ökonomischen Interessen von Firmen, beispielsweise der SCHUFA, verträgt. Der Bundesgerichtshof hatte der SCHUFA ermöglicht, ihren Algorithmus geheim zu halten. (Quelle)

Für mich sehr spannend und erfrischend war der Beitrag von Fiona Krakenbürger, Community Organizerin im Projekt Code for Germany der , in dessen Rahmen sie über 20 Open Knowledge Labs in Deutschland betreut und berät. Sie sprach sich für eine umfassendere Nutzug von Open Data für Gemeinwohlprojekte aus. Beispielhaft sei hier nur mal auf eines verwiesen: Journalist*innen der Berlinder Morgenpost werteten öffentlich verfügbare Daten aus, um soziale Strukturen entlang der Buslinie M29 in Berlin zu skizzieren. Ein Blick auf die Projektseite lohnt sich, nicht nur weil am 4. März der internetionale Open Data Tag ist und viele Veranstaltungen geplant sind.

Diese beiden Vorträge haben mich am ehesten inspiriert.

Auf die anderen Vorträge von Dr. Christoph Kucklick (GEO), Ralph Müller-Eiselt (Bertelsmann Stiftung), Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf (LMU München) und Prof. Dr. Harald Welzer (Europa-Universität Flensburg) gehe ich daher hier nicht ein.

Ich hoffe, dass die EKHN-Stiftung die verschiednenen Beiträge der Referent*innen und Schüler*innen einem größeren Personenkreis zugänglich macht. Ich wünsche mir darüber hinaus, dass das Vorhaben, die Themen öffentlich zu diskutieren, nicht nur eine Absichtserklärung bleibt sondern dass auch virtuelle Diskussionsräume eröffnet werden, in denen Interessierte Menschen miteinander ist Gespräch kommen können. Ein Forum mit den Schüler*innen wäre ein erster Ansatz. Das Veranstaltungsdesign könnte sich etwas mehr einem diskursoffenen System annähern. Wie wäre es bei kommenden Veranstaltungen den Schüler*innengruppen jeweils in einem Raum eine Stunde für die Präsentation und Diskussion zu geben und dafür eine*n Referent*in weniger?

[UPDATE:] Inzwischen ist ein Teil der Vorträge und der von den Schüler*innen erstellten Poster hier online.