Wer bewahren will, der muss gestalten.

So lautet ein Satz aus einem Impulstext „Die digitale Revolution gestalten – eine evangelische Perspektive„, den der Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU e.V.) in Deutschlad e.V. kürzlich veröffentlicht hat. Dieser Arbeitskreis ist ein von ehrenamtlichem Engagement getragenes Netzwerk protestantischer Unternehmer, Manager und Führungskräfte, die ethische Orientierung und fachlichen Austausch suchen, um sich in ihrem unternehmerischen Entscheiden und Handeln zu bestärken. Sie beteiligen sich an der kirchlichen Meinungsbildung zu wirtschafts- und sozialethischen Fragen, um Kirche und Soziale Marktwirtschaft verantwortlich mitzugestalten und bringen ihre Perspektive auch in die gesellschaftliche Diskussion ein. So wie beispielsweise mit diesem Papier.

Darin wird die Digitalisierung als ein Prozess beschrieben, der aucheinen ethischen und ordnungspolitischen Diskurs benötigt. Wie wollen wir leben, was wollen wir zulassen, was nicht? Wie können wir das ordnen?

Diese Fragen stellen sicherlich zentralen Fragen unserer Zeit dar, nicht nur was die Digitalisierung angeht. Sie sind weder neu, noch besonders prickelnd. Aber wichtig. Der Hinweis darauf, dass die Evangelische Kirche den Diskurs nicht verschlafen darf (wie bei der Industriealisierung!), deutet auf die Zielrichtung hin. Evangelische Kirche, so schreit es aus dem Papier, beschäftigt euch damit! Schnell. Endlich. Ihr Schlafmützen.

Was sind die Leitplanken für die Diskussion? Chancen nutzen, Risiken minimieren. Auch gut, auch schon oft gesagt. Die Gestaltungsmöglichkeiten nutzen. Da bin ich auch dafür. Zwei der Leitplanken scheinen mir zentral zu sein. Einmal der Schutz für diejenigen, die durch die Digitalisierung negativ betroffen sind. Hinzu kommt der Maßstab, das die Digitalisierung der gesamten Menschheit dienlich sein muss. Das teile ich alles. Interessant wird es ja bei der Frage, was ihr dienlich ist. Geburtenkontrolle bei pränataler Diagnostik, die von einem Algorithmus gelenkt wird? Dienlich oder nicht? Oder wirkt hier schon der „Digitalisierungsopferschutz“?

Eines, und da finde ich das Papier klasse und hilfreich, ist folgende Aussage: „Vor jeder Gestaltung steht das Begreifen dessen, was ist.“ Der AEU möchte mit seinem Papier den Funktionsträgern der Evangelischen Kirche wirtschaftliche Zusammenhänge zugänglich machen und eine Beschreibung des Ist-Zustandes liefern. Da bin ich gespannt.

1. Punkt: Herausforderungen für die Wirtschaft. Die Macht- und Kapitalkonzentration bei einigen wenigen Unternehmen, nach den vier Großen Google, Amazon, Facebook und Apple auch GAFA-Ökonomie genannt, ist bedenklich. Die schleichende Monopolisierung bzw. Oligopolisierung widerspricht grundsätzlich der Idee des freien Wettbewerbes in der Sozialen Marktwirtschaft. Wichtig sei nun, die zweite Welle der Digitalisierung nicht zu verschlafen, nämlich die Digitalisierung der Industrie. Im Text ist dies mit horizontaler und vertikaler Vernetzung von industriellen Prozessen umschrieben. Es geht um die Fähigkeit, riesige Datenmengen zu analysieren und zu verarbeiten. An dieser Stelle weist der Text in eine Richtung, die beschreibt, dass die Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft als entscheidenden Produktionsfaktor schwinden wird, aber auch „sinnvolle und erfüllende Beschäftigung für den Menschen bestehen und neu entstehen werden, insbesondere in der Mensch-zu-Mensch-Interaktion, wie zum Beispiel im diakonischen Bereich, der durch den demografischen Wandel immer weiter an Bedeutung gewinnen wird.“

An dieser Stelle finde ich den Hinweis doch sehr schwach. Eine Verlagerung von menschlicher Arbeitskraft in den (i.d.R. schlecht bezahlten) diakonischen Bereich kann nicht die Zukunft sein. Zumindest wenn es neben Sinn und Erfüllung auch noch darum geht, eine Familie in einem bezahlbaren Wohnumfeld zu ernähren.

Ein zweiter Punkt ist mir noch wichtig.  Den Wandel hin zu einer zunehmenden Relevanz von Daten und deren Vverarbeitung mittels Algorithmen sehe ich auch. Dass Algortihmen von Menschen gemacht weden und so  Rahmenbedingungen unterliegen, da kann ich auch gut mitgehen. Was dann aber folgt ist eine Konstruktion, mit der ich so meine Probleme habe. Die nächsten beiden Sätze möchte ich hier zitieren.

„Eine Diskussion über den digitalen Wandel, die ausschließlich die Lage, Wünsche, Befindlichkeiten und Perspektiven der deutschen Gesellschaft zum Kern hat, läuft entsprechend an den Treibern der Digitalisierung vorbei und somit ins Leere. Vielmehr gilt es, zumindest eine asiatische und eine nordamerikanische Perspektive in den Diskurs einzubinden und die dortigen religiösen Voraussetzungen miteinzubeziehen, da die sozialen Prozessstrukturen, die sich durch die Digitalisierung verändern, erheblich von den individuellen Denkmustern der Programmierer und Softwareentwickler beeinflusst sind, die qua Herkunft religiös und ethisch nicht christlich geprägt sind.“

Eine Diskussion über den digitalen Wandel muss natürlich mehr sein als eine Diskussion über die deutsche Gesellschaft. Hier geht es um einnen globalen Prozess, der weltweite Wirkungsmacht entfaltet. Dennoch gibt es auch eine deutsche Perspektive, nämlich die eingangs aufgeworfene Frage, wie wir hier leben wollen, welche Regelungen bei uns gelten sollen. Es geht also um beides. Um die große weite  Welt und um unseren kleinräumige Sozialraum. Nationale und hoffentlich europäische Regelungen, die entspechende Rahmenbedingungen festlegen, die sich durchaus von asiatischen oder nordamerikanischen Regelungen unterscheiden dürfen, werden benötigt. Eine Weltregierung gibt es nicht. Noch befremdlicher aber ist der zweite Satz des zitierten Abschnittes. Es geht hier um die „individuellen Denkmuster der Programmierer und Softwareentwickler“ die, so der Text, die „qua Herkunft“ nicht christlich geprägt sind. Da ist für mich eine rote Linie überschritten, da hier möglicherweise nicht nur eine Bildung von Stereotypen möglich ist (was unterscheidet einen christlich geprägten Softwareentwickler aus Deutschland von einem Softwarentwickler aus Asien?), sondern auch schon mit einer Wertung einhergeht. Die Herkunft. Wir hier, die mit (guten) christlich geprägten und die Nordamerikaner oder die Asiaten, die mit nicht christlich geprägten Programmierern und Softwareentwickler arbeiten.

An dieser Stelle möchte ich die Kommentierung beenden, da noch viel zu sagen wäre und mein Text aus meiner Überzeugung heraus zu lang für einen Blogbeitrag wäre.

Es gibt noch weitere, sehr interessante Punkte in dem Papier, das es nicht nur lesenswert macht, sondern auch eine kritische kirchliche wie nichtkirchliche Öffentlichkeit interessieren dürfte.

In diesem Sinne…

Bildhinweis: Von der Homepage des AEU e.V. „geliehen“

Ein Ausblick

Nachdem 2018 nun schon ganze drei Tage alt ist und mich die Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung wieder voll im Griff hat, einige Vorüberlegungen für das Jahr 2018.

Im großen Teich der Themen, mit denen ich mich in diesem Jahr beschäftigen möchte, gab es ein paar, die besonders herausragen und die ich hier benennen möchte. Verbunden mit einer Einladung an alle Interesent*innen, die sich mit auf die Suche nach Antworten machen möchten. Einfach melden: m.grunewald[ät]zgv.info

Thema Disruption
Es gibt keine allgemeingültige Definition des Begriffes, gemeinsam haben aber die verschiedenen Ansätze, dass sie einen Veränderungsprozess beschreiben, in dem eine Technologie durch eine Neue (fast bis komplett) verdrängt wird und dabei traditionelle Geschäftsmodelle zersetzen. Als Beispiele dienen Postkutsche -> Automobil, Schreibmaschine -> Computer, Kleinbildkamera -> Digitalkamera, Musik CD -> MP3. Ich möchte gerne Beispiele sammeln und eine Vorstellung entwickeln, was uns in Zukunft an Disruptionen erwartet.

Thema SmartLive
Vieles scheint smart zu werden, wir nutzen Smartphones, manche nutzen smarte Uhren, smarte Armbänder und so manches Wohnumfeld wird versmartet. Auch hier beschäftigt mich die Frage, welche Technologien unser Leben durchdringen werden. Darüber hinaus beschäftigt mich die Frage, wo die Durchdringung unser Leben besser macht (ja, das kann durchaus subjektiv sein – da gibt es kein wahr/unwahr) und wo wir zugunsten unseres Lebens Einschränkungen des technisch möglichen möchten.

Thema Algorithmen:
Algorithmen bilden den unsichtbaren Hintergrund so mancher Entscheidung. Bekomme ich einen Kredit? Wieviel wir mich der neue Kühlschrank kosten? Oder der Flug nach Berlin? Aus Gründen der Nachhaltigkeit nutze ich persönlich die Bahn, Algorithmen scheinen aber dafür herhalten zu müssen, wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen möchten. Dabei werden sie nicht von Gott geschrieben, wie Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamts, der Süddeutschen Zeitung sagte. Ich möchte der Frage nachgehen, wie Algorithmen unser Leben verbessern und wo sie zum Nachteil (für wen?) eingesetzt werden. Brauchen wir einen Algorithmen-TÜV, wie unter anderem der Bundesverband der Verbraucherzentralen fordert?

Thema Meinungsbildung:
„Fake-News“, „Filterblasen“ sind die wohl am häufigsten genannten Begriffe, wenn es um Meinungsbildung und Digitalisierung geht. Hinzu kommt das seit drei Tagen real anwendbare Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), dass helfen soll, die öffentliche Kommunikation in den sozialen Netzwerken von offensichtlich strafbaren Inhalten „zu säubern“. Ich möchte mich näher mit der Frage beschäftigen, wie es sich mit der Meinungsbildung über das Internet tatsächlich verhält und wie eine Stärkung der kommunikativen Kompetenzen erreicht werden kann. Da ist dann auch ein Blick auf Disruptionstendenzen sinnvoll. Denn eines scheint in der Tendenz eindeutig: die klassische (gedruckte) Zeitung verliert an Bedeutung, während uns die Digitalausgabe die Artikel anders wahrnehmen lässt.

Thema Partizipation:
Die Teilhabe der Menschen an der Gestaltung der Gesellschaft ist für mich eines der höchsten Güter. Nicht die (technische) Teilhabemöglichkeit. Möglichkeiten der Teilhabe gibt es sehr viele, jedoch werden sie meiner Wahrnehmung nach nur von wenigen Menschen genutzt. Das muss kein schlechtes Zeichen sein, denn es gibt verschiedene Wege, an der Gestaltung Anteil zu nehmen. Was mich interessiert ist die Frage, wie die Teilhabe verbessert werden kann, welche technisch-sozialen Konzepte wo zu welchen Ergebnissen führt. Da fallen Stichworte wie OpenData und digitale Beteiligungsplattformen. Dazu gehören aber auch Onlinekurse, Wikis, Blogs und andere Dienste.

Thema Aufmerksamkeitsökonomie:
Viele Menschen erleben in unserer digitalisierten Welt eine „Informationsflut“, die zur Überforderung führen kann. Noch nie in der Geschichten der Menschheit stand so viel Wissen auf Abruf bereit, bekamen wir so viel Informationsangebote, die um unsere Aufmerksamkeit „kämpfen“. Gleichzeitig „kämpfen“ auch wir: Ich persönlich, meine Kirche, meine Kolleg*innen, meine Mitstreiter*innen um Aufmerksamkeit für unsere Sache. Meine Fragen knüpfen sich daran an: Wie können wir unseren „Aufmerksamkeitswert“ erhöhen? Im Moment geht gerade rum „macht Videos“. Das ist mir zu eng gedacht, es geht auch darum zu schauen, welche Formate für was geeignet erscheinen. Ein Erfahrungsaustausch wirkt hier Wunder.

Thema Digitale Souveränität:
Eines meiner Herzensthemen. Im Zeitalter von gesetzlicher Zwangsdigitalisierung, freiwilligem und unfreiwilligem Tracking, auf dem mir (fast) jede Seite im Internet entgegenschreit: „Erlaube mir Daten zu sammeln, ich tue das nur für dein Bestes!“ ist es in meinen Augen eine Notwendigkeit, sich Gedanken über den Umgang mit den eigenen Daten zu machen. Was will ich von mir aus preisgeben? Welchen Datenschnorrern kann und will ich mich widersetzen? Oft werde ich gefragt: „Wie geht das, was muss ich da tun?“ Edward Snowden hat gerade wieder die Frage nach einem sicheren Messenger angesprochen, ohne eine konkrete Empfehlung zu nennen. Denn das ist nicht so einfach. Das Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat sich in dieser Frage 2015 engagiert. Es ist eine Studie und Handlungsempfehlungen entstanden, die deutlich machte, dass da noch viel zu tun ist. Ich möchte gerne eine aktuelle, online verfügbare Handlungsanregung erstellen, die, mit einer CC0 Lizenz versehen ist.

Ja, das sind eine Menge Themen. Bei jedem dieser Themen geht es mir auch um die individuelle und gesellschaftliche Verantwortung. Die Digitalisierung ist ein Prozess, den es zu gestalten gilt, wobei die Gestaltung nicht ökonomischen Interessen unterzuordnen ist, sondern die Frage im Zentrum steht: Wollen wir (als Gesellschaft) das?

In diesem Sinne wünsche ich ein wundervolles Neues Jahr.

 

Bild: Jahresplanung 2018 live, ZGV, Mainz