Mein (digitaler) Alltag

Am Ende jede Woche mache ich mir Gedanken darüber, welches Thema ich in der nächsten Woche aufgreifen werde. Die Liste der Themen, die ich mir vorgenommen habe, umfasst momentan sieben Einträge, angefangen von „Barbie, Siri, Echo & Co“ bis hin zu „Wahlbeeinflussung durch Camebridge Analytics“. Heute morgen (13. März) jedoch war ich so in der Beobachterrolle, dass ich einmal meine Wahrnehmung der Verändung im Alltag thematisieren möchte – so wie ich sie erlebe.

Angefangen hat mein Tag heute um 4:40, aufstehen, waschen, anziehen. Mein erster Blick auf das Smartphone und die App, die mir zeigen soll, ob meine Nahverkehrssystem heute „läuft“. Ok, Bus fährt, Bahn fährt, S-Bahn fährt und den Rest gehe ich zu Fuß, falls die Straßenbahn nicht innerhalb von 5 Minuten kommt, nachdem ich in Mainz eingetroffen bin.

Bevor meine Reise ins Büro beginnt, kaufe ich mir über meine Smartphone App erst einmal eine Fahrkarte. Das erspart mir die Kleingeldsucherei, denn meinen 50 Euro-Schein muss der Busfahrer nicht annehmen und genügend Kleingeld habe ich nicht. Dem Busfahrer zeige ich meinen digitalen Fahrschein und setze mich. Neben mir zwei junge Frauen, Smartphone in der Hand, Kopfhörer im Ohr und am Messenger (beide Whatsapp) checken. Ich erinnere mich an die Zeit meiner Jugend und daran, wie wichtig Musik für mich war und welches Glück es bedeutete, einen Walkman mein eigen zu nennen. In dem tragbaren Cassettenrekorder war selbstverständlich eine Musikzusammenstellung nach meinem Geschmack. Liebevoll in Handarbeit zusammengeschnitten aus einer Mischung vom Schallplattenspieler und Radio. Heute braucht es sowas nicht mehr. Das Smartphone oder der MP3 Spieler bieten die Möglichkeit, sehr viele Musikstücke zu speichern und sich daraus das jeweils passende auszusuchen. Ohne Vor- oder zurückspulen. Vielleicht kommt auch ein Streamingdienst zum Einsatz, bei dem die Musikstücke garnicht mehr auf dem eigenen Gerät gespeichert sind, sondern von einem entfernten Server über das Internet auf das Smartphone übertragen werden. Eines der Hauptmerkmale der Digitalisierung, die schier endlose Kopierbarkeit von Daten bei gleichbleibender Qualität und die Möglichkeit, die Daten in Sekundenbruchteilen von jedem beliebigen Ort zu einem anderen Ort zu senden, kommen hier zum Einsatz.

Der Wechsel vom Bus in den Zug geht problemloser als gedacht, denn meine App zeigte eine Verspätung des Zuges um drei Minuten. Die hatte er aber nicht, was mir (wieder einmal) bestätigte, dass die Zeitangaben nicht immer stimmen. Im Zug angekommen sitzen drei Frauen mit mir in der 4er-Sitzecke. Alle sind ungefähr in meinem Alter, alle haben ein Smartphone. Zwei der drei Frauen beginnen die digitale Ausgabe ihrer Tageszeitung zu lesen, sie unterhalten sich über die gelesenen Nachrichten. Auch hier wird ein Trend sichtbar, denn die „E-Paper-Auflagen“ sind nach Angaben des Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) von 2005 bis 2016″ von 21.121 auf 977.156 verkaufte Exemplare gestiegen. (Quelle pdf-Datei) Mein Eindruck: Dieser Trend wird sich noch verstärken, mit jeder Generation „Onlineleser*innen“ wird das gedruckte Exemplar hinfälliger. Die dritte Frau ist am Chatten (Google Hangout).

Zwei gehörlose Jungs gebärden miteinander, beide haben ein Smartphone und sind auch am chatten. Hier ist die Technik eine Befreiung. denn eine solche Möglichkeit miteinander zu kommunizieren, gab es vorher so nicht. Die analoge Technik und zu Beginn auch die digitale Version der Videotelefonie war durch die geringen Übertragungsraten einfach grauenhaft.

In Frankfurt angekommen bewege ich mich erst einmal in die DB-Lounge, denn ich habe 15 Minuten Zeit. Das reicht für einen Kaffee. Im Eingangsbereich der DB-Lounge muss ich meine Bahncard durch ein Lesegerät ziehen, das durch ein grünes Licht signalisiert, dass ich berechtigt bin, die DB-Lounge kostenfrei zu nutzen. Als das System 2016 eingeführt wurde, fragte ich mich, welcher Zweck damit erfüllt werden sollte und welche Daten von mir gespeichert werden. Der Scanner kann ja erfassen, welche Bahncard zu welchem Zeitpunkt durch die Öffnung geführt wird. Ich werde hier nach § 34 Bundesdatenschutzgesetzes einmal Auskunft verlangen, welche personenbezogenen Daten von mir gespeichert werden. Laut Aussagen keine.

Die Fahrt in der kameraüberwachten S-Bahn bis Mainz verlief dann wie gewohnt. Die digitale Zeitanzeige, die die Abfahrtszeiten der Busse und Straßenbahnen in Mainz anzeigt, funktionierte heute. Manchmal ist diese Anzeige ein Zeugnis digitalen Grauens, wenn der angeblich in einer Minute kommende Bus, auf den ich warte, plötzlich von der Anzeige verschwindet um dann Sekundenbruchteile später als „in 12 Minuten ankommend“ wieder zu erscheinen. Tatsächlich kommt dann der Bus drei Minuten später. Diese Erfahrung mache ich glücklicherweise nur 2-3 Mal im Jahr.

In der Straßenbahn hoch zur Uni ein interesantes Gespräch mit zwei Studentinnen, die „Opfer“ eines Prankerteams (Prank = Verarschung) geworden sind. Eines der beiden Frauen wurde von einem Typ angesprochen, was denn das ILY in einer SMS zu bedeuten hätte, er kenne das nicht. Daraufhin die korrekte Antwort der Studentin „Ich liebe dich“ (I Love You). Der Typ „ging dann voll ab, umarmte mich und sagte, dass bei ihm auch das gleiche Gefühl kam, als er mich erblickte“. Es ging hin und her, indem beide Studentinnen ihm erklären wollten, dass das nur die Übersetzung und nicht Ausdruck ihres Gefühles sei, was er partout nicht wahrhaben wollte. Kurzum, zwei Freunde haben das ganze gefilmt und fragten dann anstandsweise, ob die Studentinnen einer Veröffentlichung auf Youtube zustimmen würden, was sie verneinten. Beide hoffen, dass es auf dem Kanal nicht zu sehen sein wird. Interessant war, dass beide davon sprachen, dass sie das total doof finden, selbst aber doch gerne auf Youtube so Videos ansehen. „Wir sind voll krank“ waren ihre abschließenden Worte.

Im Büro angekommen iMehls checken, von 10 – 11 Uhr Videokonferenz mit dem #mppb17 Team über die gemeinsame Veranstaltung am 7/8. September 2017 in Mainz über die Plattform appear.in und den Rest des Tages wieder mit Mails und Themen-Recherche verbracht, hauptsächlich für ein Actionbound-Projekt im Rahmen des #mppb17. Bei dem Projekt soll es um die Universität Mainz und die NS-Zeit gehen. Einige Recherchen haben interessantes zu Tage gebracht, obwohl es in dieser Zeit keine Mainzer Uni gab! Bei diesen Recherchen war über das Internet wenig zu erfahren, allerdinges wurden Kontakte aufgezeigt, die dann auch über iMehl eine Menge interessanter Informationen lieferten.

Dazwischen noch einen theologischen Arbeitskreis zu „Luther und die Reformation“, in dessen Rahmen wir uns zur Zeit über die Bedeutung der Reformation für unser Arbeitsfeld austauschen.
Auf einem Projektrechner habe ich dann noch Ubuntu installiert. Läuft!

Noch ein schneller Blick auf den aktuellen Stand der finanziellen Unterstützung des Aula-Projektes, das ich ebenfalls unterstütze:
aula Projekt Hamburg: 675 von 1650 Euro
aula Projekt Jena: 1565 von 1650 Euro
aula Projekt Nottuln: 893 von 1650 Euro
aula Projekt Freiburg: 1250 von 1650 Euro

Crowdfunding ist auch eine schöne Sache, die ohne die digitalen Plattformen des Internets zwar auch möglich, aber wesentlich schwieriger umzusetzen sind. Man muss ja mit dem Projekt, für das man Unterstützer*innen sucht, erstmal bekannt werden. In der Regel geschah dies analog im näheren sozialen Umfeld, heute hat sich der Kreis erweitern.

Der vorletzte Teil des Arbeitstages bestand noch aus einer Recherche über die http://www.webgrrls.de/, die am 14.3 eine auch für Männer offene Veranstaltung in Frankfurt anbieten, die ich besucht werde. Ich hoffe dort auf zwei Kolleginnen zu treffen, mit denen ich Projekte besprechen möchte. Auch hier hat das Internet mit seiner HypertextArchitektur vieles einfacher gemacht.

Ein Blick in die veröffentlichten Ergebnisse einer neuen Drogenaffinitätsstudie (Teilband Computerspiele und Internet) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der DAK-Gesundheit am Ende meines Arbeitstages zeigt mir, dass ich mir die komplette Studie anschauen muss, um darüber eine fachliche Einschätzung abgeben zu können. Das muss daher noch ein bisschen warten, mir wurde aber von einem Kollegen aus dem Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters zugesagt, dass ich nach der Freigabe der Publikation in einer Fachzeitschrift ein Exemplar erhalten werde. Dann werde ich auch hier darüber berichten.

Kurz vor Ende meines Arbeitstages erreichte mich noch der Hinweis über eine Langzeitstudie, die den Zusammenhang zwischen dem Spielen von Computerspielen mit gewalthaltigen Spielhandlungen und realer Gewaltbereitschaft oder Gewaltakzeptanz untersucht hat. (Quelle) Auch dieser Studie werde ich mich zwischendurch widmen, denn als Jugendmedienschutzsachverständiger muss ich auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte sein. Zudem ist das ein Thema, das in vielen Zusammenhängen der Nutzung der digitalen Welt durch Jugendliche auftaucht.

Wer Fragen, Kritik oder Anregungen hat, kann dies gerne in den Kommentaren veröffentlichen.