Martin Luther und die digitale Welt

Was mich am meisten mit Martin Luther verbindet ist wohl seine Leidenschaft, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und ihrer Wirkung auf den Menschen zu beschäftigen. In seinem Fall lag der Schwerpunkt auf dem Gottesbild der damaligen Zeit, mit kirchlichen Strukturen, die sich im Laufe der Zeit durch sein Wirken (gemeinsam mit anderen Mitstreiter*innen) fundamental änderten.

Neben dem inhaltlichen Aspekt fasziniert mich auch die Art und Weise, wie die Inhalte kommuniziert wurden. Davon könnten wir heute noch einiges lernen, denn auch im Zeitalter der Digitalisierung geht es um beides: Inhalt und Form.

In meiner Rolle als Referent für „Digitale Welt“ habe ich es meist mit Vorgängen zu tun, die selber nicht sichtbar sind. Zu sehen sind oftmals nur die Auswirkungen. Zu sehen sind die Auswirkungen von Algorithmen, die unsere Suchergebnisse beim „googeln“ sortieren, die virtuellen Warenhäuser wie eBay oder Amazon, bei denen ich das Kaufhaus aber nicht sehen kann, eben virtuelle Dinge, die mir verborgen sind. So ähnlich muss es Martin Luther ergangen sein. Glauben, Gnade, Gott selbst ist nicht sichtbar, aber wirkmächtig. Sie wirken, obwohl unsichtbar, in den Alltag hinein. Daher nenne ich sie meist „vireal“. Eine Mischung aus virtuell und real.

So ist es für mich auch mit der Betrachtung der Gesellschaft zur Zeit Luthers. Ich sehe sich nicht, sondern rekonstruiere sie und versuche mir vorzustellen, wie Luther in ihr gelebt und gewirkt hat. Dabei entsteht ein vireales Bild. Am beeindrucktesten bin ich von der Wirkmacht, die in seinen Schriften und deren Verbreitung liegt. Aber stellen Sie sich einmal vor, es hätte keine Druckmaschine gegeben, mit der die Schriften massenhaft vervielfältigt werden konnten. Hätten seine Schriften eine so große Resonanz gefunden, wenn nicht Lucas Cranach Illustrationen dazu geliefert hätte, die den Inhalt auch Menschen näher brachten, die nicht lesen konnten? Ich denke nein.

Das sind starke Parallelen zur heutigen Zeit. Die Druckmaschinen heute heißen Blogs, Twitter, Facebook & Co..

Immer wieder mal wird diskutiert, welche Medien Luther heute benutzt hätte, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Ich finde das keine recht einfache Frage und meine Antwort darauf lautet: Die Medien der Zeit, die eine möglichst gute Verbreitung bei gleichzeitiger geringer Kontrolle ermöglichten. Hätte Luther ein Netzwerk wie Diaspora (weltweit aktuell 670.360 Nutzer*innen) genutzt, um seine Ideen zu verbreiten? Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, er hätte ein Netzwerk genutzt, das eine weite Verbreitung ermöglicht hätte. Ein Urheberrecht, wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Auch hier denke ich, es wäre in seinem Sinne gewesen, seine öffentlichen Texte so weit wie möglich zu streuen. Aber letzten Endes, und auch hier eine Parallele zur heutigen Zeit, ging es ihm ja vor allem anderen um den Austausch von Gedanken mit anderen Gelehrten, bevor sie (wenn sie sie gutheißen!) veröffentlicht wurden.

„Allein es war nicht meine Absicht noch Wunsch, daß sie allgemein verbreitet werden sollen. Ich dachte nur sie mit einigen wenigen Gelehrten hier, und in der Nähe herum zu prüfen, um sie, würden sie nach deren Aussprache verworfen, zu unterdrücken, oder sie öffentlich durch den Druck bekannt zu machen, wenn sie sie gutheißen. Nun aber werden sie, was ich nie geglaubt hätte, allenthalben aufgeleget und übersetzet […]“ (Luthers Brief an Christoph Scheurl, vom 5.ten März 1518)

Sein einleitender Satz zu den 95 Thesen verdeutlicht dies in beeindruckender Weise.

„Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.“

In meiner Kirche lassen wir diesen Gedanken leider vielmals außen vor.

Eines sollte uns heute allen bewusst sein: Damals wie heute prägen Auseinandersetzungen die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft. Medien sind ein zentraler Ort, an denen die unterschiedlichen Vorstellungen verhandelt werden. Analog wie digital.