Martin Luther trifft Darth Vader

Eines Morgens saß eine kleine Playmobilfigur (Martin Luther) auf meinem Monitor. Beim herunternehmen fiel ihm sein Buch aus der Hand und landete fast neben der kleinen Figur von Darth Vader, die ich einmal für meine Unterstützung eines Kinderfilmprojektes der Kindertagesstätte Feuerwache erhalten habe. Die kleine Figur von Darth Vader verbirgt übrigens einen USB-Speicherchip, auf dem sich der wunderbare Film „STAR WARS VIII – Flucht von Endor“ befindet. (Trailer) Aber das nur am Rande!

Darth Vader schaute also Martin Luther tief in die Augen (oder war es umgekehrt?) und ich fragte mich, was beide miteinander verbindet. Klar, da sind schon mal äußerliche Gemeinsamkeiten: der schwartze Umhang und beide tragen eine Kopfbedeckung. Beide sind aus Kunststoff, beiden bin ich „real“ nie begegnet. Ich bin ihnen aber virtuell begegnet. Ich möchte ehrlich sein: Für mich macht das nur einen kleinen Unterschied, denn ich teile einen Gedanken, den Dr. Michael Klein, Direktor des Instituts für Neue Medien (INM), mit vireal beschrieben hat. Virtuelle Begegnungen lösen real etwas in mir aus. So wie Darth Vader und Martin Luther. Mit beiden kann ich mich nicht „real“ austauschen. Aber warum auch? Meine Haltung, mein Denken entwickelt sich im Rahmen meiner Möglichkeiten eben in der Auseinandersetzung mit den virtuell-realen Quellen, die beide hinterlassen haben. Auch wenn Darth Vader selber keine hinterlassen hat, er selbst ist ja auch nur ein Kunstprodukt. Aber zurück zum Kern.

Immer wieder begegnet mir im meinem Arbeitsalltag die Unterscheidung von real und virtuell, wobei ersteres als „gut“ und „richtig“, zweiteres als minderwertig, eben „nicht wirklich“ betrachtet wird. Eine „gute“ Kommunikation könne nur von Angesicht zu Angesicht erfolgen, nur dann sei sie „echt“ (kritische Anmerkungen siehe hier und hier). In kirchlichen Kreisen scheint diese Zweiteilung besonders beliebt. Da wird alles hin und her gebogen, bis es passt. Gerade las ich einen Beitrag eines Pastoralreferenten, der – wenn ich ihn richtig vestanden habe – ebenso argumentiert. Natürlich mit Bibelstellen und deren Auslegung (Exergese). Für mich dabei interessant: Kritische Positionen, die ich in vielen Punkten teile, treffen auf – wie ich finde – haarsträubende Positionen. Einerseits wird das Medium „Internet“ stark gemacht. Kirche muss das nutzen, die Chancen wahrnehmen und sich nicht wegducken in der Hoffnung, dass das alles vorbeigehe. Da bin ich in wesentlichen Punkten bei ihm. Dann aber konstruiert er einen Gegensatz, den ich so garnicht wahrnehme. Der mir aber vielerort auch begegnet. Das Internet ist NUR das Medium, eine vermittelnde Instanz!

Wird es denn andes wahrgenommen? Er schreibt an zentraler Stelle „Die mediale Form der Briefe dienen der Ankündigung von Besuchen oder der Beantwortung von Fragen; sie ersetzen aber die konkrete Begegnung nicht.“

Ich frage mich, ob das jemand behauptet? Es geht doch nicht darum, dass Medien konkrete „echte“ Begegnungen ersetzen. Es geht darum zu erkunden, wo der Einsatz von Medien Sinn macht. Eine Chatseelsorge kann wirken, auch wenn keine „reale“ Begegnung (ich persönlich halte Chats doch für ganz schön real!) stattfindet. Auch ein Brief kann diese Wirkung haben. Auch ein Buch. Auch die Bibel. Keiner der Autor*innen muss anwesend sein, wenn ich aus einem Text beispielsweise Erkenntnisse gewinne. Selbst eine Geschichte, die ich lese, kann frei erfunden sein…und trotzdem muss ich weinen, wenn ich sie lese. Wirken Filme nicht dann ganz besonders, wenn wir als Zuschauer*innen uns mit Personen identifizieren können? Wenn Themen angesprochen werde, die uns berühren?

So ist es auch mit Darth Vader. Zuerst übelst böse mit seinem Atemgeräusch, das so umnenschlich, so „virtuell“ wirkt. Dann sein Verhalten. Bekämpft den Sohn, der ihm dann nach 1:48 Minuten Kampf eine Hand abtrennt. Dath Vader stellt sich dann doch noch an die Seite seines Sohnes und wird letzten Endes wieder Mensch mit „richtigem“ Atem. Er wirkt wieder menschlich, so als ob er einer wäre. Bedenke: Wir sehen nur einen Film mit Schauspieler*innen.

Also, letzten endes geht es nicht um „virtuell – künstlich“ und um „real – wirklich“ sondern darum, wie etwas wirkt. Wenn jemand Trost braucht, dann spendet Trost. Wie auch immer. Wenn jemand einen Segen möchte, dann segnet. Wie auch immer. Wenn jemand Hilfe benötigt, dann helft.

Nun gibt es wieder einen lesenswerten Text, der die Überforderung der Menschen durch die Digitalisierung beschreibt. (Quelle)

Die evangelische Theologin Friederike Erichsen-Wendt, die als Pfarrerin in Windecken wirkt, hat ihre Gedanken dazu in ihrem Blog veröffentlicht. Ebenfalls lesenswert! Dieses „Ding“ mit der Digitalisierung

Da bleibt mir, der in theologischen Fragen keine großen Kompetenzen hat, nur den Hut zu ziehen. Als Mensch, der sich mit der Wirkung der Digitalisierung auseinandersetzt, eine Quelle neuer Erkenntnisse.

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