#DigitaleKirche

Als Referent für Digitale Welt werde ich natürlich öfter gefragt, was ich denn so mache. Nun, in Grunde besteht meine Kerntätigkeit erstmal darin zu beobachten, wo und wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft insgesammt verändert. Die Beobachtungen fließen dann natürlich in Beratungen ein, wenn jemand die Expertise abruft. Da ich als ausgebildeter Soziologe aber mit einem Hang zur Übertragung in die Lebenswelt ausgestattet bi, frage ich mich auch immer, was nun mit diesen Erkenntnissen geschehen soll. Da fallen mir gleich mehrere Sachen ein:

Erstmal gilt es, ganz im reformatorischen Sinne, die Erkenntnisse mit anderen Menschen zu teilen und festzustellen, ob und wie andere Personen die Veränderungen in der Gesellschaft wahrnehmen. Denn eines dürfte klar sein: Ich habe keine Wahrheit, keine Gewissheit und keine Rezepte. Daher entwickeln sich Haltungen, um die es mir geht, immer im Dialog. MIt Menschen, die dialogbereit sind und ihren Teil beitragen möchten. Wobei ich immer wieder feststelle, dass jedeR einen Beitrag liefern kann, wenn sie/er sie Aufgen und Ohren offen hat. Das Streitgespräch, wenn verschiedene Menschen miteinander unterschiedliche – auch widersprüchliche – Ansichten diskutieren, ist für mich bisher die ergiebigste Methode, mich weiterzuentwickeln.

Mir ist ein Austausch mit Menschen aus der Wissenschaft wichtig, die in anderen Disziplinen unterwegs sind. Hierbei, das merke ich immer wieder, ergänzen und verändern sich meine Bilder, meine Haltungen. Oder werden bestärkt und erfahren so eine zusätzliche Stabilität. Ohne zur Wahrheit zu weden!

Phantasien spielen lassen. Ich bin ja kein gebürtiger Soziologe, sondern komme ursprünglich aus einem (fast) klassischen Arbeiterhaushalt. Nach meiner Ausbildung zum Schlosser und meiner betrieblichen und gewerkschaftlichen Tätigkeit,  entdeckte ich meine Berufung zum Soziologen. Die Publikation „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ von Oskar Negt tat es mir dann auch in den 1970er Jahren an und daraus resultiert sich bis heute auch mein Verständnis von Bildungsprozessen: Sie müssen an der Erfahrung orientiert sein, die – mit soziologischen Erkenntnissen – über die individuelle Erfahrung hinaus die gesellschaftlichen Widersprüche thematisieren sollen. Denn eines ist für mich immer präsent: Die gesellschaftluchen Entwicklungen sind widersprüchlich.

Wenn ich mir nun die Entwicklung der Gesellschaft und die innerkirchlichen Diskussionen anschaue, dann tritt diese Widersprüchlichkeit immer wieder deutlich zu Tage. Ich habe 2012 für die Fachkonferenz des Dezernates 1 der EKHN einmal eine Fortbildung zum Thema „Kirche & Kommunikation 2025“ organisiert (PREZI). Im Rahmen der Veranstaltung wurde deutlich, dass sich zwei Haltungen fast diametral gegenüberstehen:

A.) Wir können und müssen die Chancen digitaler Kommunikation nutzen. Antje Schrupp hat das an dem Tag wunderbar präziese auf den Punkt gebracht (PREZI). Die zweite Haltung

B.) „Ich bin zu alt – ich will nicht!“ bis hin zu „Wir müssen digitalfreie Räume anbieten und verteidigen!“. Eine dritte Haltung, die sich dazwischeneingefunden hätte, war kaum zu entdecken. So erscheint es mir heute, fünf Jahre später, auch noch zu sein. Raoul Löbbert hat das, wie ich finde, schön auf den Punkt gebracht (jpg). Aber die Entwicklung ist, sehr zu meiner Freude, nicht stehengeblieben. Die Jungdelegierten der EKD-Synode (Blog) haben das Thema auf das Tablet der EKD-Synode 2014 gehoben. Ihr folgte 2015 das Medienkonzil in Nürnberg. Seitdem sind einige Landeskrichen aktiver in die Thematik eingestiegen. Die EKHN hat nicht nur Handlungsempfehlungen herausgegeben (Übersicht), sondern  hat auch im Jahr 2016 erstmals einen „Social-Media-Tag“ veranstaltet. Inzwischen konnte ich bereits zweimal an einer Veranstaltung der EKiR teilnehmen, die in ihrer Reihe zur digitalen Nachhaltigkeit verschiedenste Angebote macht (siehe meinen letzten Beitrag) .

In Schwung gekommen ist die Diskussion nun weiter durch einen Artikel in der ZEIT, in dem Hannes Leitlein, Redakteur bei Christ&Welt (Extraseiten der ZEIT) die Haltung „der Evangelischen Kirche“ zur Digitalisierung kritisiert (Artikel).

Er plädiert für einen Haltungswechsel. Es geht darum anzuerkennen, dass sich die Gesellschaft verändert hat und sich damit auch die Kirche als Organisation verändern muss. Grundsätzlich geben ich ihm in weiten Teilen Recht, habe aber auch einige Anmerkungen, die ich in meinem nächsten Beitrag erläutern werde.

Inzwischen haben sich auch verschiedene Akteure aus der Kirche geäußert. So haben die Jungdelegierten einen Beitrag zur Debatte veröffentlicht und unter dem Hashtag kann eine kleine Diskussion verfolgt und mitgestaltet werden. Eine Kommentierung des Artikels findet sich auch auf einem Blog, der von einem Vikar und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Evangelisch-Theologische Fakultät an der LMU München verantwortet wird. Leider nicht mit einem responsiven Design, aber das begegnet mit ja im kirchlichen Bereich öfter.

Ein Ideensammel-Pad wurde in der Zwischenzeit ebenfalls eingerichtet. Es ist hier aufrufbar.

Ansonsten lohnt es sich immer wieder in den Tiefen des WWW zu schürfen, es gibt viele interessante Seiten zum Thema. Leider, leider, leider, gibt es keinen strukturierten Austausch der Akteure, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden!

Ich liste hier nur einige wenige Blogs auf, die ich interessant finde. Ergänzungen gerne in die Kommentare. Natürlich sind auch inhaltliche Beiträge in den Kommentaren ausdrücklich erwünscht!

Pfarrer Christoph Breit, Projektstelle Social Media und Networkmanagment (hier)
Ralf Peter Reimann, Pastor und Diplom-Informatiker, Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland (hier)
Blog des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland (hier)
Philipp Greifenstein, Student (hier)
Austauschplattform www.theologiestudierende.de (hier)
Antje Schrupp, Journalistin & Politikwissenschaftlerin, Evangelisches Frankfurt (hier)
www.evangelisch.de/blogs/altpapier (hier)

Ein Gedanke zu „#DigitaleKirche

  1. Lieber Michael, das ist ein Text, der mir gut gefällt. Insbesondere der Bezug zur Reformation … als alter Wittenberger …Danke, dass Du die Diskussionen auf dem blog so gut zusammenstellst. Das entwickelt sich zu einer profunden Datensammlung für Leute wie mich, die auch in dem Thema unterwegs sind. Übrigens haben wir letztens 5 Jahre Computerspielschule Greifswald gefeiert und alte Bilder angesehen und die Machinimas, die wir gemacht haben. War ein gutes Wochenende mit Dir dort. Grüße aus dem sonnigen Stralsund!

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