Jugendarbeit im digitalen Wandel – Blogparade

Die Zeitschrift merz (Medien und Erziehung) hat zur Blogparade aufgerufen und ich möchte dazu aus meiner Perspektive einen Beitrag leisten. Meine Kollegin Annika Gramoll hat auf diesem Blog bereits einen wunderbaren Beitrag veröffentlicht. Dafür vielen Dank. Gerade unterschiedliche Perspektiven bereichern!

Alle Leserinnen und Leser sind eingeladen, eigene Blogbeiträge zu ihrer Perspektive auf das Thema zu verfassen und diese mit dem Startbeitrag zu verlinken. Die Beiträge werden hier beim Beitrag gelistet, in der kommenden Ausgabe merz 5/2017 erscheint ein Kurzbericht zu den Beiträgen der Blogparade.

Niels Brüggen und Klaus Lutz, die für merz | medien + erziehung dazu aufgerufen haben, haben einige Fragestellungen vorgegeben, die ich gerne aufgreife.

Warum sollte sich Jugendarbeit mit digitalen Medien auseinandersetzen?
Im SGB VIII, auch als Kinder- und Jugendhilfegesetz bekannt, steht im § 1, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Förderung ihrer Persönlichkeit haben. Eingegrenzt wird, dass die Förderung auch ein Ziel verfolgt: Die Entwicklung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Dieser Auftrag bedeutet nicht, dass die Erwachsenenwelt den jungen Leuten zeigt, wo es langgehen muss. Gefördert werden soll eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft. Digitale Medien spielen dabei heute in der Persönlichkeitsentwicklung eine zentrale Rolle. Die Struktur der Angebote trägt beisielsweise über die Profilmasken dazu bei, die eigenen Entwicklungen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Postings in den Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder Facebook, um nur einige zu nennen, zeugen massenhaft davon. Sie dienen dem komplizierten Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung und bilden so gleichzeitig die digitale Visitenkarte der virealen Menschen. Wenn es Aufgabe der Jugendarbeit ist, jüngere Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, so ist gerade im Bereich der digitalen Medien eine professionelle Begleitung notwendig, da viele Vorgänge nicht selbstständig durch Kinder und Jugendliche gesteuert werden, sondern  intransparent, beispielsweise algorithmisch, gesteuert werden.

Welche neuen Methoden, Ansätze oder Inhaltsbereiche für die Jugendarbeit entwickeln sich durch den Einbezug digitaler Medien?
Mit den Medien ändern sich auch die damit verbundenen Themen. Die Foto und Videoarbeit vergangener Tage, wie ich sie im Rahmen meiner medienpädagogischen Arbeit noch anwendete, umfasste kaum bis gar nicht das Thema Datenschutz. Das Recht am eigenen Bild, Bildsprache und Gestaltungsmöglichkeiten für die eigene „Botschaft“ standen im Mittelpunkt. Die Digitalisierung trägt heute aber viele verborgenen Handlungsfelder mit sich. So ist, auch für jüngere Menschen, Datenschutz ein großes Thema, dem in der klassischen Jugendarbeit eher wenig Beachtung geschenkt wird. Wenn, dann in der Regel mit einem „Besserwissertum“, das den Kindern- und Jugendlichen viele – durchaus gute – Ratschläge mit auf den Weg gibt, ohne darauf zu achten, ob die Ratschläge auch Einzug in das Medienhandeln der Jugendlichen halten. Neue Ansätze, die Thematik gemeinsam mit den Jugendlichen zu entwickeln, würden sicherlich zu einer breiteren Akzeptanz der Handlungsoptionen beitragen.

Ein weiteres Feld ist die Gestaltung von Computerprogrammen. In vergangenen Tagen lernten die Kinder- und Jugendlichen, wie beispielsweise Filme, Fotos und Musik entstehen und wie sie sie selbst gestalten können. Fotolabore, Videoschnittplätze und Musikübungsräume waren entsprechende Angebote der Jugendarbeit. Wo können Kinder und Jugendliche heute in der Jugendarbeit lernen, wie Computerprogramme entstehen? Wo lernen sie, diese für eigene Interessen zu erstellen und zu nutzen? In weiten Bereichen der Jugendarbeit finde ich kaum solche Angebote, dabei wären sie für ein umfassenderes Verständnis der Lebenswelt eine sinnvolle Ergänzung zu den klassischen Angeboten, die nicht an Bedeutung verloren haben. Eher im Gegenteil. Die Möglichkeit, Film-, Foto- und Musikproduktionen auf den bekannten Plattformen zu veröffentlichen und damit einem weitem Publikum zugänglich zu machen, trägt zur Relevanz solcher Angebote bei. Ergänzt werden könnten solche Möglichkeiten durch eine kritische Reflexion der Mechanismen viralen Marketings, denn auch dies ist ein Feld, dem sich Menschen heute nicht mehr entziehen können. Daher sind auch hier Rahmungskompetenzen nötig, um eine eigenständige Entwicklung in Gemeinschaft zu gewährleisten.

Was kann Medienpädagogik zur positiven Gestaltung des „digitalen Wandels“ beitragen?
Die Mitgestaltung des Wandels an sich ist schon ein positiver Beitrag, denn hier fließt das Interesse einer Zielgruppe ein, die gesellschaftlich eher eine untergeordnete Rolle spielt. Während sich die (politische) Erwachsenenwelt vornehmlich um die Chancen und Risiken des Wandels sorgt, können im Umfeld der Jugendarbeit experimentell digitale Gestaltungsmöglichkeiten ausprobiert werden. Kreative Ansätze der Aneignung digitaler Welten können so zur Gestaltung des gesellschaftlichen Diskurses beitragen.

Was sollte im Zuge der sogenannten Digitalisierung nicht passieren?
Oftmals wird der Digitalisierung von Seiten der Erwachsenenwelt entweder mit großer Begeisterung oder mit großer Ablehnung begegnet. Die Versuchung beider „Lager“, Kinder und Jugendliche in dieser Weltenteilung zu instrumentalisieren. ist groß, zumal jungen Menschen auch eine Naivität zugeschrieben wird, die oftmals gleichzeitig kritisch kommentiert wird.  Die Erwachsenenalter trägt wenig bis nichts dazu bei, die oftmals technikbegeisterte Aneignungspaxis zu begleiten. Stülpen wir den jungen Menschen nicht unsere „Wahrheiten“ über!

Wie mit dem Dilemma umgehen, dass wir für unsere Arbeit kommerzielle Produkte nutzen, die Jugendlichen nicht ermöglichen, ihre privaten Daten ausreichend zu schützen? ggf. ­Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie/siehst du?
Daten zu schützen, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft. Im Volkszählungsurteil ist dies festgehalten. Die Kommerzialisierung von Daten hat dazu geführt, dass auch Jugendliche heute für das Thema sensibilisiert sind. Dies ist eine Chance, die Rahmenbedingungen unserer Arbeit auch mit den Jugendlichen zu thematisieren. Ein wichtiges Zeichen der Medienpädagogik wäre es demnach, die eigene Arbeit kritisch zu reflektieren und Angebote auch danach auszurichten, in wieweit die Kinder und Jugendlichen mit den verwendeten Gerätschaften und Programmen – ganz im Sinne der Eigenständigkeit – auch einverstanden sind. Oftmals werden Hard- und Software nach Kriterien ausgewählt, die zwar gut für den praktischen Ablauf sind, aber wichtige thematische Felder ausblenden. Zudem ist durchaus kritisch zu sehen, dass in der Medienpädagogik gerne Geräte und Programme verwendet werden, die nicht Lebenswelt nah sind. Wo in der Jugendarbeit können Jugendliche, die in der Mehrzahl beispielsweise Android-Smartphones nutzen, diese Hardware in die pädagogische Settings einbringen? Oftmals, auch auf dem Medienpädagogik-Praxisblog, werden Projekte beschrieben, die auf der Nutzung von Apple-Hardware beruhen. Als Begründung wird in Gesprächen dann die reibungsloser Handhabung und die besseren Möglichkeiten genannt. Das ist oft richtig. Dennoch sehe ich es für eine lebensweltnahe Medienpädagogik als geboten an, sich mit der Thematik zu befassen.

Sind medienfreie Angebote für Jugendliche in einer von Medien dominierten Welt notwendig? Warum?
Auch wenn Medien eine sehr wichtige Rolle in der Sozialisation spielen sind auch medienfreie Angebote wichtig. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, also vor allem emotional besetzte Themen schreien nahezu nach direkter, nicht medial vermittelter Kommunikation. Ein Lagerfeuer, dass die Körper der Jugendlichen mit einbezieht (Holz sammeln, hacken, die Hitze des Feuers spüren usw.), fühlt sich nun anders an, als ein flackernden Feuer am Bildschirm. Und hat auch eine andere Wirkung. Die Selbstwahrnehmung, das Fühlen des eigenen Körpers beim Fussball, beim Tischtennis, beim Schwimmen ist neben den gruppendynamischen Elementen (soziales Lernen) gerade im Zeitalter der Digitalisierung ein wichtiges Moment. Das Eine schließt das Andere ja auch nicht aus.

Wie sieht der Arbeitsalltag in der Jugendarbeit in fünf Jahren aus? Welche neuen Qualifikationen brauchen Fachkräfte in der Jugendarbeit und Medienpädagoginnen und Medienpädagogen dann?
Am wichtigsten finde ich, dass viel mehr interdisziplinär gedacht und gearbeitet wird. Die Digitalisierung ist mehr als das, was in vielen Angeboten der Medienpädagogik enthalten ist. Daher plädiere ich für eine breitere Sicht auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ökonomische, ökologische und soziale Fragen werden in medienpädagogischen Settings nur unzureichend thematisiert. Unter welchen Bedingungen werden die Dinge produziert, die wir einsetzen? Blutige Rohstoffe, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ressourcenverbrauch, ökonomische Interessen der Vermarkter, all das spielt kaum eine Rolle. Da müssen wir besser werden, denn ohne diese Kenntnisse und Thematisierung der „Randbedingungen“ können wir dauerhaft dem Anspruch nicht gerecht werden. Auch Medienpädagog*innen haben den Auftrag: Begleitung der Kinder und Jugendlichen hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

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