Herausforderung Digitalisierung

Die vielen Entwicklungen in der Informationstechnik fordern uns Menschen auf verschiedenen Ebenen grundlegend heraus. Gesellschaftlich sind für mich der Schutz von Grundrechten und die Veränderungen in Diskussionskultur und – dort vor allem die Frage, wie wir Regeln des globalen Zusammenlebens erstellen und leben können – am bedeutensten. Das Recht auf freie Meinungsäußerung hat im Zeitalter von Social Media zu einem bisher unbekanntem Maß an Veröffentlichungen geführt, über deren mehr oder weniger gehaltvollen Inhalt kontroverse Diskussionen geführt werden. So thematisiert nicht nur die Musikgruppe „Von wegen Liesbet“ (am 11.10 in der Jugendkulturkiche St. Peter in Frankfurt/M zu sehen.) in ihrem Song „Sushi“ (Youtube-Video) die Selbstinszenierungen mancher Nutzer*innen. Es ist Dauerthema in vielen Gesprächen, die ich landauf landab führe. „Warum muss ich wissen, was xy heute isst?“ ist so eine gern gestellte retorische Frage. „Triumpf der Belanglosigkeit“ nannte das Ursula Kals in der FAZ . Ich persönlich möchte das ebensowenig bewerten wie unsere „tiefgründige offline-Kommunikation„. Beides, on- sowie offline, dient meißt nur einem: Kommunikation als verbindendes Element.

Das Recht, seine Meinung in Wort und Bild frei äußern zu dürfen, ist, wie in verschiedenen meiner Blogartikel bereits deutlich geworden sein dürfe, ein für mich sehr hohes Gut. Ein sehr gutes Wort zum Sonntag dazu spricht Pfarrer Alfred Buß. Gerade der Blick in andere Gegenden des Planeten zeigt uns, das ein solches Recht nicht selbstverständlich ist und (immer wieder) erkämpft werden muss. Manchmal auch im eigenen Land. Auch über das NetzDG und die Verfassungswidrigkeit (siehe auch wissenschaftlicher Dienst des Bundestages – pdf-Datei) habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Die große Herausforderung für uns als Menschen besteht nun aber darin auszuwählen, welche Relevanz die „Botschaften“ für uns haben. Im gesellschaftspolitischen Kontext kommt zudem vermehrt die Frage hinzu, ob wir der Botschaft überhaupt trauen können (siehe Fake-News). Wir benötigen dementsprechend eine verbreiterte Rahmungskompetenz. Die Kompetenz das, was gelesen wird, auch einordnen zu können und dabei Widersrpüche gegen die eigene Einordnung nicht außer Acht zu lassen.

Individuell sind wir Menschen auch zunehmend mit der Notwendigkeit konfrontiert, abzuwägen, ob die Vorteile der Nutzung digital-vernetzter Dienste selbstbestimmte Handlungsspielräume vergrößern oder nicht. Einerseits ist da das Versprechen, das Leben zu erleichtern, zusätzliches Wissen bereitzustellen und erweiterte Steuerungsmöglichkeiten zu bieten. Andererseits ist die Nutzung meist mit abstrakten Risiken und Problemen verbunden, die augenscheinlich nicht greifbar sind. Aus diesem Abwägungsprozess heraus verzichte ich beispielsweise auf Smart-Home-Dienste wie die Steuerung der Heizungsanlage über das Smartphone (das erledigt ein programmierbarer offline-Computer für mich), die Steuerung der Lichtanlage (ich habe traditionelle Kippschalter). Wie das Wetter wird, erfahre ich am Ende der Nachrichten in Rundfunk und Fernsehn und auch ohne Alexa oder Amazons Dash-Button (Werbeclips auf Youtube) gelingt es mir, Waschmittel einzukaufen und/oder zwei Teelöffel Öl in den Salat zu gießen.

Auf der anderen Seite gibt es Technik-Optimisten wie Prof. Dr. Hans-Joachim Hof (Technische Hochschule Ingolstadt), die bewußt persönlich viele internbetbasierte Dienste (IoT= Internet der Dinge) einsetzen und darin für sich einen Mehrwert erkennen. Der Abwägungsprozess ist aber auch hier Bestandteil (s)einer Entscheidung. So kritisiert er beispielsweise, dass viele der kleinen IoT Geräte nicht sicher gegen unberechtigte Eingriffe geschützt sind, da bei vielen Herstellern die Produkthaftung vom dauerhaften Gebrauch entkoppelt ist. Softwareaktualisierungen sind bei manchen IoT Geräten garnicht zu erhalten, obwohl Sicherheitslücken vorhanden sein können. SmartTVs fürchtet er am meisten.

Hier erscheint mir eine grundlegend neue Kompetenz nötig zu sein: Ein Verständnis davon, was die smarten Geräte machen und WIE sie es machen. Dazu gehört ein Verständnis für Programmierung und Software, immer wieder mal als „coding“ genannt. Da immer mehr Geräte (wie der Abgasskandal überdeutlich zeigt: auch das Auto) von Software gesteuert werden und diese zum Teil unbekannte Nutzungsmöglichkeiten bietet, müssen meiner Meinung nach grundlegende Kenntnisse zum heutigen Allgemeinwissen gehören (Allgemeinwissen 4.0) HbbTV ist so ein Beispiel. In allen Veranstraltungen, die ich zum Thema Datenschutz organisiert habe, war blankes Staunen. HbbTV? Dementsprechend teste ich in meinem Arbeitsbereich auch Möglichkeiten, „unsichtbare“ (besser: unverständliche) Vorgänge besser sichtbar (verständlicher) zu machen.

Einige meiner Leser*innen haben den Wunsch geäußert, auch einmal konkrete Praxisbeispiele zu sehen. Von daher eine Neuerung im Blog. Im zweiten Halbjahr werde ich in diesem Blog verstärkt Initiativen und Projekte präsentieren, die sich im Themenspektrum Digitalisierung bewegen und deren Ansätze und Praxisbeispiele beschreiben.

Die Digitalisierung stellt uns Menschen und Organisationen vor Herausforderungen, ja. Wir können diese aber ruhig annehmen.  Dabei gilt es die Chancen und Riskien gegeneinander abzuwägen und dort einen Grenzstrich zu ziehen, wo der allgemeine Nutzen geringer eingeschätzt wird als das Nutzungsrisiko. Gesellschaftlich wie privat!

In diesem Sinne wünsche ich einen smarten Sommer.

Beitragsbild mit CC0 Lizens: Pixabay