Eine (fast) unglaubliche Geschichte

Tag 1: Der 28.09.2017

Begonnen hatte alles mit der Vorbereitung einer Veranstaltung zum Thema VR/AR (Virtuelle Realität/ Erweiterte Realität) in der Jugendarbeit. Als Jugendmedienschutzsachverständiger bei der USK habe ich ja ab und an Spieletitel zu prüfen, die mit den entsprechenden VR-Brillen gespielt werden. Die Entwicklung der Technologie hat in den letzten Jahren deutliche Sprünge nach vorne gemacht, wobei ich immer im Hinterkopf die Frage habe, wie sie (subjektiv) sinnvoll  in meiner Arbeit eingesetzt werden kann. Mit dem Oculus Rift Developer-Kid und dem Cardboard habe ich 2014 erste Eindrücke sammeln können und muss gestehen, dass mir die Technologie schon mächtig gefällt. Wie schnell sich mein Körpergefühl der virtuellen Welt anpasst, ist für mich immer noch erstaunlich. Achterbahnfahren ist auch virtuell nichts für mich, wohl wissend, dass ich auf einem Bürostuhl sitze.

Im Kontext meines Arbeitsauftrages ist natürlich von Bedeutung, die Einsatzmöglichkeiten nicht nur zu erläutern, sondern auch erfahrbar zu machen und Anwendungsmöglichkeiten zu testen. Da die Anschaffung einer solchen aktuellen technischen Ausstattung für eine Testveranstaltung doch recht teuer ist (Oculus + PC = 2.500 €/ HTC Vive + PC = 2.700 €/ PlayStation VR = 400 €/ Microsoft Mixed Reality Headset = 450 €) haben meine Kollegin und ich entschieden, eine Verleihfirma anzufragen.

Tag 2: Der 7.10.2017 um 8:14 Uhr

Die Firma GROVER, die ich am Tag 1 über deren Homepage angefragt habe, schickte mir eine Mail, dass die von mir angefragten Geräte nun bereitstehen. Dazu muss man wissen, dass man bei Grover nicht für einen bestimmten Zeitpunktanfragen kann, sondern das man dann informiert wird, wenn das angefragte Gerät verfügbar ist. Dann hat man 48 Stunden Zeit sich zu entscheiden.

Tag 3: Der 9.10 um 7:45 Uhr

Die 48 Stunden sind fast vorbei. Ich sitze im Büro, öffne die Mail und drücke auf den knallig lilanen „JETZT BESTELLEN“ Button. Darunter noch die ermutigenden Worte „Folge dem ganz normalen Bestellprozess und es dauert nicht mehr lange, bis der Paketbote an deine Tür klopft.
Ok, jetzt muss ich mich einloggen und siehe da, die Daten meines Kontos verifizieren. Eine Telefonnummer wird verlangt. Ok, die Büronummer eingegeben, die aber abgelehnt wird, weil an diese Nummer keine SMS versendet werden kann. Dann halt die Mobilfunknummer. Eine SMS erscheint mit einem vierstelligen Code, den ich allerdings nicht eingeben kann, da in dem Eingabefeld bereits eine 0 eingetragen ist und eine weitere Eingabe nicht angenommen wird. Also schnell ausloggen, wieder einloggen und das gleiche Spiel wie zuvor. Es ist bereits 8:01 Uhr, noch 13 Minuten bis zum Ablauf der Frist. Computer neu starten, neu einloggen, eine neue SMS anfordern – diesmal geht es.

Der gleiche Tag: 8:10 Uhr

Nochmal schnell den Button „JETZT BESTELLEN“ drücken. Es ist vollbracht. Genau um 8:13 kommt die Antwort in fetten Buchstaben:
Danke, wir haben deine Bestellung erhalten!
Kleiner geschrieben, aber dennoch wirksam: „Wir freuen uns sehr über deine Bestellung bei Grover und sind gerade dabei, sie zu bearbeiten. Alle Mietanfragen durchlaufen bei uns erst einmal einen automatischen Check. Das kann bis zu einem Werktag dauern.“

Na sollen sie mal machen.

Der gleiche Tag: 8:29 Uhr

„Hallo Michael, vielen Dank für dein Interesse an Grover.
Wie du weißt, führen wir im Rahmen des Bestellprozesses einen automatisierten Personen und Bonitätscheck durch, um uns (und dich) gegen alle Eventualitäten abzusichern. Leider hat dieser Check ergeben, dass wir dir zum jetzigen Zeitpunkt kein Mietgerät anbieten können.
Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.

Der gleiche Tag: Wenige Sekunden später

Was soll ich sagen? Ich bin durchgefallen. Endlich hat es mich mal erwischt. Bisher kannte ich das nur von anderen Leuten. Dazu muss ich natürlich sagen, dass meine Bonität „eigentlich“ recht gut sein müsste (Selbstbild), zumal ich Paypal als Gelddurchleiter gewählt hatte. Das sollte als Zahlungsgarantiereichen. Also eine Mail mit „WARUM?“ zu Grover geschickt…ohne Antwort.

Tag 4: Der 10.10. um 10:48 Uhr

Ein Anruf von einem Herrn der Glover Hotline. Es stellt sich heraus, dass die Überprüfung ergeben hatte, dass ich nicht an der angegebenen Adresse wohne. Das ist glücklicherweise bei meiner Dienstanschrift  auch nicht der Fall. Auf Anraten des netten Herren also alles nochmal von vorne, zuvor aber die Privatanschrift eintragen. Das Warten beginnt erneut…

Tag 4: der 10.10. um 18:20 CEST 

In meinem Postfach eine Mail, in der es heißt:

„Wir führen eine personenbezogene Abfrage durch. Bitte hinterlegen Sie als Rechnungsadresse Ihre Wohnanschrift, damit wir Ihre Bestellung noch einmal überprüfen können. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“

Ich muss gestehen, mein Verständnis bewegt sich in den negativen Bereich. Diese Änderung meiner Daten  hatte ich schon erledigt…siehe 10:48 Uhr

Fazit:
Es war jetzt das zweite Mal, dass mich ein Algorithmus „rausgeschmissen“. Einer, der bei der damaligen <Bank für Gemeinwirtschaft (BfG)> auf dem System lief, zog mir mal Freitags mittags, kurz vor der Filialschließung, meine EC-Karte ein. Grund: BAFÖG wurde nicht als „Einkommen“ gewertet, also hatte ich kein festes, regelmäßiges Einkommen. Das war aber nach der neuen Software eine Voraussetzung für die Ausgabe einer EC-Karte. Da hat der Automat sie gefuttert und ich anschließend die Bank gewechselt.
Die Fehler machen nicht die Maschinen, auch wenn das immer als erste „Entschuldigung“ dient. „Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.“ heißt es bei Grover, die Kollegin der BfG meinte damals, sie könne nichts dafür, schuld sei der Computer.

Damit nähern wir uns einer grundsätzlichen Frage in unserer Gesellschaft. Gelingt es, die Verantwortung auf die Technik zu schieben? Ich hoffe nicht, denn es sind die Vorgaben der Menschen, die die Programmierung in Auftrag geben und das Ergebnis akzeptieren. Die Bonitätsprüfung hat also im aktuellen Fall nichts mal annähernd was mit Geld zu tun. Die Firma Crifbürgel, die das Bonitätsprogramm für Grover bereitstellt, schreibt auf ihrer Homepage: „Mit unseren Bonitätsauskünften über Konsumenten erhalten Sie eine Einschätzung des Zahlungsausfallrisikos Ihrer bestehenden und potenziellen Kunden – je nach Bedarf auch voll integriert in Ihr Bestellsystem.“

Als ich die Geschichte jemandem erzählte, kam gleich die Reaktion „Online ist sowieso schlecht. Mach das doch lieber offline und regional.“ Grundsätzlich stimme ich dem zu, allerdings würde dies in meinem Fall bedeuten, dass ich zu meinem lokalen Media-Markt müsste, der nicht unbedingt ein gutes Beispiel für Regionalität ist. Diese Großmarktkette bedient sich beim Geräteverleih einer Fremdfirma. Da schließt sich der Kreis wieder. Es ist Grover.

Ich persönlich verspreche mir von der Digitalisierung eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Entwicklung, zu der auch dringend die gemeinsame Nutzung von nur temporär genutzten Waren gehört. Das sowas gut funktioniert, zeigen auch die Carsharingdienste. Als Mitglied von gleich drei regionalen Diensten kann ich das nur loben.

Eine Möglichkeit, mit solchen negativen Erfahrungen umzugehen ist es natürlich, sich nicht auf diese digitalisierte Welt einzulassen. Funktionieren wird das nicht.  Zudem hat Abstinenz noch nie zu einem kompetenteren Umgang geführt. Dieser ist meiner Meinung nach aber dringend nötig, um überhaupt einigermaßen kompetent in den gesellschaftlichen Diskurs eintreten zu können. Eine Auseinandersetzung mit den Bedingungen der Digitalisierung ist aber nicht nur wichtig, sondern überlebensnotwendig – wenn einem die Opferrolle nicht gefällt. Ich muss gestehen: Besonders „gefallen“ hat mir der Satz: „Bitte habe Verständnis dafür, das wir diese Entscheidung nicht beeinflussen können.“ Wer daran glaubt, hat schon verloren. Wie die Geschichte weitergeht? Ich bin gespannt. In diesem Sinne wünsche ich einen angenehmen Tag!

Ein Gedanke zu „Eine (fast) unglaubliche Geschichte

  1. Diese Situation ist mir gerade passiert bei Grover! Sehr enttäuscht. Was ich nicht verstehen kann, ist warum eine Lieferung zu einer anderen Adresse nicht möglich ist (bei mir war es auch so – ich habe es versucht, mit meiner (persönlichen) Karte zu bezahlen, und zu meinem Büro zu liefern). Geht es um Schutz vor Kreditkarten-Diebstahl oder was? Aber bei z.B. Amazon oder so gibt es keine Frage oder Probleme dazu.

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