Ein Ausblick

Nachdem 2018 nun schon ganze drei Tage alt ist und mich die Beschäftigung mit dem Thema Digitalisierung wieder voll im Griff hat, einige Vorüberlegungen für das Jahr 2018.

Im großen Teich der Themen, mit denen ich mich in diesem Jahr beschäftigen möchte, gab es ein paar, die besonders herausragen und die ich hier benennen möchte. Verbunden mit einer Einladung an alle Interesent*innen, die sich mit auf die Suche nach Antworten machen möchten. Einfach melden: m.grunewald[ät]zgv.info

Thema Disruption
Es gibt keine allgemeingültige Definition des Begriffes, gemeinsam haben aber die verschiedenen Ansätze, dass sie einen Veränderungsprozess beschreiben, in dem eine Technologie durch eine Neue (fast bis komplett) verdrängt wird und dabei traditionelle Geschäftsmodelle zersetzen. Als Beispiele dienen Postkutsche -> Automobil, Schreibmaschine -> Computer, Kleinbildkamera -> Digitalkamera, Musik CD -> MP3. Ich möchte gerne Beispiele sammeln und eine Vorstellung entwickeln, was uns in Zukunft an Disruptionen erwartet.

Thema SmartLive
Vieles scheint smart zu werden, wir nutzen Smartphones, manche nutzen smarte Uhren, smarte Armbänder und so manches Wohnumfeld wird versmartet. Auch hier beschäftigt mich die Frage, welche Technologien unser Leben durchdringen werden. Darüber hinaus beschäftigt mich die Frage, wo die Durchdringung unser Leben besser macht (ja, das kann durchaus subjektiv sein – da gibt es kein wahr/unwahr) und wo wir zugunsten unseres Lebens Einschränkungen des technisch möglichen möchten.

Thema Algorithmen:
Algorithmen bilden den unsichtbaren Hintergrund so mancher Entscheidung. Bekomme ich einen Kredit? Wieviel wir mich der neue Kühlschrank kosten? Oder der Flug nach Berlin? Aus Gründen der Nachhaltigkeit nutze ich persönlich die Bahn, Algorithmen scheinen aber dafür herhalten zu müssen, wenn Menschen keine Verantwortung übernehmen möchten. Dabei werden sie nicht von Gott geschrieben, wie Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamts, der Süddeutschen Zeitung sagte. Ich möchte der Frage nachgehen, wie Algorithmen unser Leben verbessern und wo sie zum Nachteil (für wen?) eingesetzt werden. Brauchen wir einen Algorithmen-TÜV, wie unter anderem der Bundesverband der Verbraucherzentralen fordert?

Thema Meinungsbildung:
„Fake-News“, „Filterblasen“ sind die wohl am häufigsten genannten Begriffe, wenn es um Meinungsbildung und Digitalisierung geht. Hinzu kommt das seit drei Tagen real anwendbare Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), dass helfen soll, die öffentliche Kommunikation in den sozialen Netzwerken von offensichtlich strafbaren Inhalten „zu säubern“. Ich möchte mich näher mit der Frage beschäftigen, wie es sich mit der Meinungsbildung über das Internet tatsächlich verhält und wie eine Stärkung der kommunikativen Kompetenzen erreicht werden kann. Da ist dann auch ein Blick auf Disruptionstendenzen sinnvoll. Denn eines scheint in der Tendenz eindeutig: die klassische (gedruckte) Zeitung verliert an Bedeutung, während uns die Digitalausgabe die Artikel anders wahrnehmen lässt.

Thema Partizipation:
Die Teilhabe der Menschen an der Gestaltung der Gesellschaft ist für mich eines der höchsten Güter. Nicht die (technische) Teilhabemöglichkeit. Möglichkeiten der Teilhabe gibt es sehr viele, jedoch werden sie meiner Wahrnehmung nach nur von wenigen Menschen genutzt. Das muss kein schlechtes Zeichen sein, denn es gibt verschiedene Wege, an der Gestaltung Anteil zu nehmen. Was mich interessiert ist die Frage, wie die Teilhabe verbessert werden kann, welche technisch-sozialen Konzepte wo zu welchen Ergebnissen führt. Da fallen Stichworte wie OpenData und digitale Beteiligungsplattformen. Dazu gehören aber auch Onlinekurse, Wikis, Blogs und andere Dienste.

Thema Aufmerksamkeitsökonomie:
Viele Menschen erleben in unserer digitalisierten Welt eine „Informationsflut“, die zur Überforderung führen kann. Noch nie in der Geschichten der Menschheit stand so viel Wissen auf Abruf bereit, bekamen wir so viel Informationsangebote, die um unsere Aufmerksamkeit „kämpfen“. Gleichzeitig „kämpfen“ auch wir: Ich persönlich, meine Kirche, meine Kolleg*innen, meine Mitstreiter*innen um Aufmerksamkeit für unsere Sache. Meine Fragen knüpfen sich daran an: Wie können wir unseren „Aufmerksamkeitswert“ erhöhen? Im Moment geht gerade rum „macht Videos“. Das ist mir zu eng gedacht, es geht auch darum zu schauen, welche Formate für was geeignet erscheinen. Ein Erfahrungsaustausch wirkt hier Wunder.

Thema Digitale Souveränität:
Eines meiner Herzensthemen. Im Zeitalter von gesetzlicher Zwangsdigitalisierung, freiwilligem und unfreiwilligem Tracking, auf dem mir (fast) jede Seite im Internet entgegenschreit: „Erlaube mir Daten zu sammeln, ich tue das nur für dein Bestes!“ ist es in meinen Augen eine Notwendigkeit, sich Gedanken über den Umgang mit den eigenen Daten zu machen. Was will ich von mir aus preisgeben? Welchen Datenschnorrern kann und will ich mich widersetzen? Oft werde ich gefragt: „Wie geht das, was muss ich da tun?“ Edward Snowden hat gerade wieder die Frage nach einem sicheren Messenger angesprochen, ohne eine konkrete Empfehlung zu nennen. Denn das ist nicht so einfach. Das Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat sich in dieser Frage 2015 engagiert. Es ist eine Studie und Handlungsempfehlungen entstanden, die deutlich machte, dass da noch viel zu tun ist. Ich möchte gerne eine aktuelle, online verfügbare Handlungsanregung erstellen, die, mit einer CC0 Lizenz versehen ist.

Ja, das sind eine Menge Themen. Bei jedem dieser Themen geht es mir auch um die individuelle und gesellschaftliche Verantwortung. Die Digitalisierung ist ein Prozess, den es zu gestalten gilt, wobei die Gestaltung nicht ökonomischen Interessen unterzuordnen ist, sondern die Frage im Zentrum steht: Wollen wir (als Gesellschaft) das?

In diesem Sinne wünsche ich ein wundervolles Neues Jahr.

 

Bild: Jahresplanung 2018 live, ZGV, Mainz

2 Gedanken zu „Ein Ausblick

  1. Interessanter Überblick. Mir fiel auf, dass der Nachfolger der CD nicht MP3 ist, sondern Musik-Streaming. Für mich ist das wirklich disruptiv, da mir Musik nicht mehr gehört, sondern ich das Recht auf Musikhören quasi miete.

  2. Lieber Christoph,
    ja, das ist so eine Ermessenssache, was darunter verstanden werden kann. Ich gebe dir da völlig recht, dass sich durch die Streamingdienste vieles verändert hat. Die eigentliche Disruption setze ich allerdings in diesem Fall, da ich mir das mit dem Streaming auch habe durch den Kopf gehen lassen, eher bei dem Geschäftsmodell Datenträgerverkauf an, das ja auch noch nicht verschwunden ist. 2007 wurden 133 Mio. physische Musik-Datenträger in Deutschland verkauft, im Jahr 2016 waren es immerhin noch 81,8 Mio.. Wenn das Verschwinden einer Technologie ein wesentliches Merkmal ist, dann lebt sogar die Schallplatte fort, mit steigenden Zahlen. Die Downloadzahlen von Musik sind nach einer kräftigen Steigerung nun wieder am sinken, aber noch auf hohem Niveau (2007: 42,5 Mio / 2012: 114,6 Mio / 2016: 78,3 Mio). Musikstreaming ist der Renner schlechthin, seit Mai 2012 (ca. 35 Mio Streams/Woche) auf inzwischen 906 Mio Streams/Woche im Dezember 2016. Wie du richtig schreibst, ändern sich die Besitzverhältnisse. Die Grundlage für mich war jedoch die Digitalisierung analoger Schallwellen und damit die Möglichkeit, unendlich viele Kopien zeitgleich anbieten zu können. Das hat zumindest zum Verschwinden der Schallplattenläden geführt, die noch versuchten, auf die CD umzusteigen, letztlich aber auf breiter Fläche scheiterten. Wenn wir Disruption also mit fast vollständiger Verdrängung beschreiben, dann müssen wir noch ein wenig abwarten…

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