Digitalisierung und frühkindliche Bildung

Die Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft -Sektion Medienpädagogik in Mainz am 9./10.3.2017 beschäftigt sich mit dem Thema „‚Digitale Bildung‘. Medienbezogene Bildungskonzepte für die nächste Gesellschaft.“. Dabei greift sie ein Thema auf, das schon seit einiger Zeit diskutiert wird.

Welche (formale) Bildung brauchen Menschen, die jetzt in unsere Gesellschaft hineingeboren werden?

In unserem föderalen System ist formale Bildung Sache der Bundesländer, für manche nicht immer leicht verständlich und mitunter für interessante Aussagen über die Wertigkeit einzelner Abschlüsse in einzelnen Bundesländern verantwortlich. (Quelle) Dieses Thema soll aber an dieser Stelle nicht vertieft werden.

Die Kultusministerkonferenz hatte sich dieses Themas angenommen und am 8. Dezember 2016 ein Strategiepapier beschlossen, das die wesentlichen Eckpunkte für konkrete Handlungen beinhaltet. In der Präambel heißt es:

„Die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche führt zu einem stetigen Wandel des Alltags der Menschen. Der Prozess betrifft nicht nur die sich zum Teil in hoher Dynamik verändernden beruflichen Anforderungen, sondern prägt in zunehmendem Maße auch den privaten Lebensbereich: Smartphones und Tablets sind mit ihrer jederzeitigen Verfügbarkeit des Internets und mobiler Anwendungssoftware zum allgegenwärtigen Begleiter geworden.“

…und im Vorwort heißt es:

„Über welche Kompetenzen müssen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verfügen, um künftigen Anforderungen der digitalen Welt zu genügen?“ (Quelle)

Das sich die Gesellschaft darüber Gedanken machen muss, steht außer Frage. Spannend ist aus meiner Sicht die Frage, wer welche Verantwortung für welche Bildungsbereiche trägt? Heute stehen – meiner Meinung nach – vielmals unterschiedliche Ebenen alleine da und schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Eltern zeigen auf die Schulen, die Schulen auf die Eltern, manche fordern bereits Bildung mit digitalen Medien im Kindergarten. Der Spannungsbogen reicht dabei bis hin zu der Position, digitale Geräte bis zum 12. Lebensjahr nicht in der Schule zu nutzen.

Wessen Aufgabe ist es aber, die Kinder auf die gesellschaftlichen Bedingungen vorzubereiten, die sie selber nicht geschaffen haben und die heute unwiederruflich von digitalen Kommunikationssystemen geprägt wird?

Zuerst einmal sind es die Eltern, die mit ihrem Erziehungsauftrag den Kindern die Grundlagen mitgeben sollen. Medienerziehung ist ein wichtiger Bestandteil elterlicher Erziehungsaufgaben. Dies war in den vergangenen Jahrzehnten auch kein großes Thema, denn die jeweils neuen Medien wuchsen langsam in den Alltag hinein. Wir bekamen in unserer Familie den ersten Fernseher gegen 1968, dann in schwarz/weiß und in einem abschließbaren Fernsehschrank. Bewegtbild war aber kein wirklich neues Medium und das Angebot, dass in unser Wohnzimmer flimmerte, war sehr überschaubar.

Mit der Veränderung der Medienlandschaft hat sich, vor allem durch das Privatfernsehn und das Internet sowie die Hosentaschencomputer (die auch noch telefonieren können), sehr viel verändert.Geschäftsmodelle haben sich ebenfalls sehr stark ausdifferenziert.

Durch Filmabschnittene unterbrochene Werbeblöcke, „Reality-TV-Sendungen“, Castingshows und Kinderfernsehn von sechs Uhr morgens bis Abends und unendlich viele Angebote im Internet ist die Medienerziehungsaufgabe schwieriger geworden. Ganz wichtig zu beachten ist auch, dass wir Erwachsene den Kindern ein Mediennutzungsverhalten vorleben, das den Alltag der Kinder von Geburt an mit prägt und das in vielen Fällen auch unreflektiert an den tag gelegt wird.

Um Eltern zu helfen, ihre Erziehungsverantwortung auch im digitalen Zeitalter wahrzunehmen, stehen heute unterstützend Seiten wie beispielsweise https://www.schau-hin.info oder https://www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de und unendlich viele andere Quellen bereit. Gerne gesehen sind immer (Medien-) Erziehungsratgeber und auch auf Elternabenden in Kindertagesstätten und Schulen werden häufig Unsicherheiten benannt.

Die Eltern für die Medienerziehung alleine verantwortlich zu machen, halte ich desshalb für falsch. In einer Gesellschaft wie der unseren, die von Medien durchdrungen ist, ist es eine Gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch ein auftrag für alle Bereiche der Bildung.

Mit Bildung, das sei an dieser Stelle auch noch einmal deutlich gesagt, meine ich nicht nur die formale schulische Bildung!

Hier aber taucht schon eine erste Problematik auf: Immer wieder wird festgestellt, dass gerade in Deutschland der Bildungserfolg auch mit dem (Bildung-)Status der Eltern zusammenhängt. Forschungen deuten ebenfalls darauf hin, dass das Mediennutzungsverhalten auch mit dem sozialen Status der Eltern in Verbindung steht. (Quelle – englisch!)

Da die Erziehung in den ersten Jahren alleine den Eltern obliegt und der Besuch einer Kindertagesstätte nicht allgemein vorausgesetzt werden kann, ist für die Kinder der erste Ort der gemeinsamen Bildungserfahrung die Grundschule.

Wenn ich mit Lehrkräften aus dem Grundschulbereich und mit Erzieher’innen aus Kindertagesstätten spreche wird deutlich, dass die Kinder in der Regel schon ausgeprägte Medienkonsummuster mitbringen. Es gibt Grundschulkinder, die keine Schuhe binden und nicht auf einem Bein hüpfen können, aber alle Pokemons kennen.

Dies alleine den Eltern anzulasten und ihnen Versagen vorzuwerfen, halte ich für zu einfach. Wo bekommen die Eltern einfache Unterstützung, wenn es um Medienerziehung geht? Die vorhandenen Kommstrukturen – Eltern müssen sich selber um Unterstützung bemühen – bedarfen einer Ergänzung durch Bringstrukturen. Medienerziehung sollte meiner Meinung nach eine Querschnittsaufgabe aller Einrichtungen sein, die mit Kindern und Jugedlichen arbeiten. Ganz wichigt dabei ist, dass dies einer Gundlage bedarf, die Personalschlüssel und aus- und Fortbildungen berücksichtigt.

In einer alters- und erfahrungsgerechten Art und Weise ist es möglich, Medienerziehung und Medienbildung so zu leisten, dass ein allgemeiner Kompetenzerwerb ermöglicht wird, der als Grundlage auf weitere, übrigens lebenslange, Lernprozesse vorbereitet.

Positionen, wie die von Prof. Dr. Gerald Lembke, der da schreibt:

„Die Nutzung digitaler Medien im privaten und familiären Umfeld kann und soll nicht verboten werden. Sie muss aber von einem Elternteil limitiert und begleitet werden bis zum 12 Lebensjahr. Für die Schule hingegen fordern wir tatsächlich die Nichtnutzung von Computern bis zur achten Klasse und fordern mehr digitalfreie Räume an den Grundschulen und ein grundsätzliches Verbot in Kindergärten“.(Quelle)

teile ich daher  überhaupt nicht. Und welche Meinung hast du?