Digitale Souveränität – Der Fachtag Medien

Im Oktober 2013 erschien die Studie „Zukunftspfade digitales Deutschland 2020“ (Quelle), die der IT-Planungsrat (verbindliche IT-Koordinierung von Bund und Ländern) in Auftrag gegeben hatte und in der die staatlichen Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung angedacht werden. Der Planungsrat wollte damit Impulse setzen und Vorschläge und Ideen zur Gestaltung des Wandels zur Diskussion stellen. In dieser Studie wird mit dem Begriffspaar „Digitale Souveränität“ gearbeitet. Ich werde darauf in Teil 2  etwas ausführlicher eingehen. Dennoch kann ich den folgenden Text unter diese Überschrift stellen, denn die Veranstaltungen, die ich beschreibe und kommentiere, stehen unter diesem Stern.

In dieser Woche gab es gleich zwei wirklich gute, anregende Veranstaltungen, die ich besuchen konnte und von denen ich meine Eindrücke schlidern möchte. Um beides besser lesbar zu machen, habe ich es in zwei Artikel aufgeteilt.

Die Woche fing mit einem von meiner Arbeitsstelle mitorganisiertem Fachtag an, zu dem wir die Psychologin Prof. Dr. Nicola Döring und den Hirnforscher Prof. Dr. Michael Madeja eingeladen hatten. Ziel des Fachtages war es, das Spannungsfeld, indem sich beide Disziplinen befinden, in Bezug zueinander zu setzen und dadurch zur Diskussion in (Medien-) Fachkreisen, aber auch im beruflichen und familiären Alltag beizutragen.

Michael Madeja, der mit seinem Input „Bits, Bytes and Brains: Wie digitale Medien auf das Gehirn wirken“ den Aufschlag. Er erklärte zu Beginn den Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns. Ohne diese Kenntnisse ist ein Verständnis über die Prozesse, die beim Umgang mit digitalen Medien passieren, kaum möglich. Das Gehirn ist ein sehr plastisches Organ, das sich durch seine Netzwerkstruktur den unglaublichsten Bedingungen anpassen kann. So zeigte uns Michael Madeja einen Hornbläser, der das Blasinstument virtuos spielen kann – mit seinen Füßen! (Beispiel)

Die Verbindungen, die in diesem riesigen Netzwerk bestehen, werden immer wieder den Bedarfen angepasst. „Die Fähigkeit des Gehirns, sich neuen Bedingungen anzupassen, ist unendlichen groß.“ sagte Michael Madeja. Gebrauch und Nicht-Gebrauch der Finger beispielsweise verändert die Anzahl und Vernetzung der für die Aufgabe zuständigen Nervenzellen bei Geigern und auch bei Handybenutzern.

Überhaupt ist die analoge Umgebung von der digitalen für das menschliche Gehirn gar nicht so verschieden. Michael Madeja verwies auf Studien, die genau dies zeigen: Ob der Mensch mit einem Menschen kommuniziert oder mit einer Maschine ist beispielsweise für das Glücksempfinden weniger bedeutsam. Wenn jemand glücklich mit einer Maschine kommuniziert, so kann das Glücksempfinden genauso groß sein, wie Face2Face. Wir weden bei Nicola Döring noch einmal darauf zurückkommen. Das „wirkliche Kommunikation“ also nur Face2Face stattfinden kann, ist eine Annahme, die ich heute als „alternativer Fakt“ einstufen würde. Dennoch macht es einen Unterschied, der aber warscheinlich weniger auf der Ebene der Hirnaktivitäten festzustellen ist. Ich habe mich mit dieser Frage aber noch nicht weiter beschäftigt.

„Die Bildschirmnutzung stellt Anforderungen an das  Gehirn, wie sie grundsätzlich auch bei anderen Aufgaben des Lebens üblich sind“, so Michael Madeja.

Es gibt auch eindseutig negative Erscheinungen bei der Nutzung von digitalen (aber auch analogen) Medien.

Je mehr Stunden ein Kind vor dem Fernseher verbringt, desto  schlechter ist seine Sprachfähigkeit. Aber: Die Sprachentwicklung ist abhängig vom jeweiligen Programm. Die Teletubbies beispielsweise haben negative Effekte auf die Entwicklung. Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit leiden! Bei der Sesamstrasse ist es genau andersrum. Wortschatz, Zahlen und Ausdruck verbessern sich. Es kommt also sehr auf die Nutzung eines Mediums an, wobei die Häufung ein grundsätzliches Problem darstellt. Michael Madeja dazu „Die Bildschirmnutzung  führt vor allem bei intensivem Gebrauch überwiegend zu negativen Effekten auf die Entwicklung und Fähigkeiten von Kindern. Einige ausgewählte Angebote führen bei dosiertem Gebrauch zu Verbesserungen.“ Seine abschließenden Empfehlungen:

  • Nicht mehr als 1 Stunde Fernsehen pro Tag bei Grundschülern
  • Nicht mehr als 1 Stunde Computerspiele pro Tag bei Grundschülern
  • Kein Fernsehen bei Kleinkindern
  • Kontrolle dessen, was die Kinder sehen und spielen, durch die Eltern
  • gemeinsames Anschauen und Computerspielen
  • Aktive Auswahl von qualitätvollen, pädagogisch guten Sendungen und Computerspielen  durch die Eltern
  • Keine Fernseher und Computerspiele im Kinderzimmer
  • Motivierung der Kinder für alternative Aktivitäten

Die Bildsschirmnutzung sollte kontrolliert sein d.h. dosiert und ausgewählt. Ein  komplettes Verbot von Bildschirmnutzung ist nicht angezeigt.

Wie du hier lesen kannst, liegt bei seinen Empfehlungen ein besonderes Augenmerk Kindern und deren Eltern. Seine Empfehlungen, die ich für die Altersgruppe uneingeschränkt teile, helfen aber relativ wenig in der Arbeit mit Jugendlichen. Da sind andere Dinge gefragt, zumal die Kontrolle über die Mediennutzung mit zunehmendem Alter und zunehmender Selbstständigkeit geringer wird. Hier liegt dann auch eine wichtige Aufgabe der Jugendarbeit, wi9e sie Nicola Döring in ihrem Input in den Vordergrund gestellt hat: Begleitung statt Bevormundung, Reflexion statt Reaktion.

Ich persönlich kenne Nicola Döring schon ein gutes Jahrzehnt, habe auch einige ihrer Publikationen gelesen und schätze sie sehr. So hat sie die für mich wesentlichen Elemente wunderbar zusammengefasst: Wer professionell mit Kindern und Jugendlichen arbeitet (das gilt auch für allen anderen Altersgruppen!) sollte über diese digitalen Medien, vor allem der interaktiven wie Youtube, Instagram usw., Bescheid wissen, sie kennen und reflektieren lernen. Das „echte“ Kommunikation nur Face2Face stattfindet, ist ein Vorurteil, das ausgeräumt gehört. Die digitalen Medien ermöglichen eben auch Kommunikation, die ansonsten durch visuelle Eindrücke oder strukturelle Bedingungen erschwert oder garnicht stattfinden würde. Ähnliche Gedanken äußerte auch Michael Madeja. Vielfach, so Nicola Döring, projezierten Menschen ihre negativen Erfahrungen auf das Medium, dabei „braucht man die digitale Kommunikation nicht, um schlechte Beziehungen zu führen“. Wenn diejenigen, die über (digitale) Medien kommunizieren sich verstehen möchten, dann klappt das auch mit Youtube, Mail oder SMS. Wichtiger als das Medium ist demnach die Intention.

Die Horrorbücher, die den Untergang des Abendlandes und die Verdummung der Republik beschreiben, gibt es reichhaltig, vielfach mit der Überspitzung als Stilelement. Dennoch, so Nicola Döring, gibt es auch negative Effekte, die festzustellen sind. Einer davon, in der Soziologie auch als Matthäus-Effekt bekannt („Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Matthäusevangelium  Mt 25,29) beschreibt, dass diejenigen die real viele Freunde haben, dies auch in den sozialen Netzwerken haben und dass diejenigen, die eine gute Bildung hzat, auch von den digitalen Medien mehr profitieren.

Die vermeintliche Übersexualisierung des Internets ist empirisch nicht bedeutsam. Die Studie „Jugendsexualität 2015“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Quelle) zeigt sogar eine Tendenz zum späteren Einstieg in das Sexualleben. Ich persönlich kann nur jedem empfehlen, mal in die Studie reinzuschauen! Das Bild einer durch das Internet übersexualisierten und hemmungsloseren Jugend ist dann nur noch ein „alternativer Fakt“.

Nicola Döring stellte heraus, dass die ambivalente Haltung gegenüber den digitalen Medien bedeutsam ist. „Keine Chancen ohne Risiken!“ Gestärkt werden müsse die Resilienz, die psychischen Widerstandskräfte, die risikominimierend sind und helfen, kriesenhafte Erfahrungen gut zu bewältigen. Besonders bedeutsam sei beispielsweise die Trennungserfahrung im digitalen Zeitalter. Wie umgehen mit dem digital-sozialen Beziehungsgeflecht, mit dem digitalen Bildmaterial?

Eine Herausforderung für die Pädagogik ist auch der Zusammenhang von klassichen Entwicklungsaufgaben und digitaler Lebenswelt. Für heutige Jugendlichen ist YouTube und die Selfiekultur ein wichtiger Teil der Lebenswelt. Die digitale/reale Community ist dabei „die große Schwester, der große Bruder“. Selfies sind nun der Spiegel des digitalen Zeitalters. Medienvorbilder bieten viel klischeehaftes, aber ebenso Ansätze einer Gegenkultur. Gerade in den Bildmedien tummeln sich Identifikationsmodelle, an denen sich die Jugendlichen abarbeiten können. Bei mir war das wohl noch die BRAVO, schoss es mir durch den Kopf. Das Internet und die Plattformen und Dienste, auf denen sich Jugendliche heute tummeln, bieten vielfältige Möglichkeiten der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie möchte ich sein? Wie möchte ich rüberkommen? Was bin ich wert? Nicola Döring wies beispielsweise auf den Youtubekanal von Melina Sophie hin, einer Youtuberin mit über 1,7 Millionen Abos, die im Juli 2015 ihr Comming out (Video) veröffentlichte und über 40.000 Rückmeldungen bekam oder Isoke, eine Youtuberin mit über 85.000 Abos. Sie hat Glasknochen und für sie ist das Internet auch ein Tor zur Welt. Auch in den Kommentaren entstehen Räume, in denen sich ausgetauscht wird, so können Tabuthemen wie Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten öffentlich gemacht und besprochen werden.

Aufgabe für die Erwachsenen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ist es daher, so Nicola Döring,  eine eigene Haltung zu entwickeln, die durch eigenes Ausprobieren und Reflektieren wächst, nicht durch Vorurteile. MIt Jugendlichen lässt sich über diese Sphäre der Lebenswelt ins Gespräch kommen, viele Videos auf YouTube bieten sich thematisch an.

Ich gehe mit Nicola Döring jeder ihrer Schritte mit. Meine eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen zeigen, dass auch die Filmarbeit mit Jugendlichen, die am Interesse für Computerspiele ansetzt, zum Einstieg und zur Vertiefung für Themen genutzt werden kann. Aber das wäre wieder mal einen eigenen Blogbeitrag wert. Vielleicht als kleiner Appetizer: Ein Projekt ist hier dokumentiert. dabei geht es um Stadtentwicklung. Eine Workshop-Dokumentation als Youtubevideo gibt es hier.

Morgen folgt dann der zweite Teil, der Bericht zum Fachtag, der am Mittwoch in Köln stattfand „Offene Daten, freie Lizenzen„.