Der digitalisierte Mensch, die mediale Welt und die reformatorische Freiheit

So lautete der Titel der einer Tagung der Karl-Heim-Gesellschaft, an der ich am letzten Wochenende teilgenommen habe. Bei dieser Gesellschaft handelt es sich um einen Verein, der in der Tradition des protestantischen Theologen Karl Heim. Sein Anliegen war es, sich „einer religiösen „Lebensanschauung“, der ein naturwissenschaftliches zeitgemäßes „Weltbild“ zugrundeliegt.“ (Wikipedia) zu widmen. Ein, wie ich finde, interessanter Aspekt. In den Grundsätzen der Stiftung, und das war für mich ein Hauptmotiv, diese Tagung zu besuchen, ist zu lesen:

Der Schöpfungsauftrag (1. Mose 1,28) setzt den Menschen in die Haushalterschaft über das Geschaffene ein. Dies schließt den Auftrag zur verantwortlichen wissenschaftlich-technischen Lebensbewältigung ein.

Ich reiset also nach Bad Urach in der Erwartung, dass sich die Veranstaltung in Bezug auf den „digitalisierten Mensch“ mit Wissenschaft, Technik und theologischen Fragestellungen beschäftigt. Ich sollte (fast) enttäuscht werden.

Im lebendigen Einführungsvortrag von Dr. Christian Herrmann, dem „Hüter der alten Handschriften“ an der Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ging es um die Zeit rund um Luther, um die Nutzung der damals neuen Informationstechnologie des Buchdrucks, um die sozialen Netzwerke, in denen Postings noch Flugschriften hießen. Wie erfuhren einiges über die Entwicklungen im Druckereigewerbe, über die Verbreitung der Schriften – heute würde man sie „Raubdrucke“ nennen – und über eine Art Fanplakate, die in Form von gedruckten Grafiken verkauft wurden.

Das interessanteste an dem Vortrag war aber der Hinweis darauf, dass mit der Drucktechnik un der damit verbundenen Verbreitung von Büchern und Schriften auch Fragen auftauchten, die auch heute aktuell sind: „Wie gehe ich mit der Flut von Informationen um, die dazu zum Teil widersprüchlich oder Fake-News sind?“

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Elke Hemminger, Soziologin an der Evangelische Hochschule Rheinland-Westfahlen-Lippe, die uns zuerst einen Schnellkurs in empirischer Sozialforschung und die Arbeitsweise der Soziologie einführte, um uns dann aufzuzeigen, wie Menschen heute virtuelle Umgebungen (Foren, Computerspiele, Chats etc.) als Teil ihrer Lebenswelt nutzen. Die gemeinsame Nutzung solcher Räume lasse eine „geteilte Wirklichkeit“ entstehen. Geteilt werden dabei verschiedene Aspekte wie z.B. sozialer Status (beispielsweise die iPeople = Community der Apple Nutzer*innen), wobei die damit verbundene Botschaft das Produkt in den Hintergrund treten lassen kann.  Einen Punkt sprach sie dann noch an, der damit verbunden ist und der auch in meiner Weltsicht eine wesentliche Rolle spielt: Die (nicht nur) mit der Digitalisierung verbundene Auflösung „kleinräumlicher Strukturen“ hin zu einer umfassenderen, aber auch schwieriger zu begreifenden, Lebenswelt.

Als Soziologe hat mich das natürlich nicht ganz so mitgerissen, war es doch für mich nix Neues. Wobei auch ich gerne meine Überlegungen bestätigt sehe!

Ein wesentliches Highlight sollte dann für mich der Vortrag von Prof. Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, werden. Ich hatte ja schon zweimal das Vergnügen, mit ihr zuammenzutreffen, allerdings war nie wirklich Zeit, um einmal länger miteinander sprechen zu können. Leider hatte sie kurzfristig abgesagt, so dass wir lediglich ein Audiomitschnitt eines Vortrages hören konnten.

Das bemerkenswerteste an der sich daran anschließenden Diskussion war, dass sie sich nicht um den Vortrag drehte, sondern um die Frage, ob ein Roboter einen Segen erteilen kann. Ich muss gestehen, die Diskussion war für mich eine Zumutung. Ich notierte mir „Die Hüter des wahren Glaubens kämpfen“. Diskurs kann ich das Erlebte nicht nennen.

Der dritte Tag war dann noch ein angenehmer Abschluss. Mit „Die Kirchen und die neuen Medien“ gab Pfarrer Jürgen Kaiser, Geschäftsführer des Evangelichen Medienhauses in Stuttgart, einen Einblick in das – ich nenne es mal – „Botschaften-Vermarktungskonzept“, das die Grundlage der Kommunikationsstrategie des Medienhauses ist. Neben den klassischen Bestandteilen „Aufsehen erregen, negative Publicity ist immer noch besser als gar keine (Beispiel: Seitenbacher Werbung)“, „für Überraschungsmomente sorgen (Beispiel: Cola Werbung)“ waren die Hinweise auf eigens erstellte Medien. Das Verkündigungsformat „Dieser Weg” betrachtet beispielsweise Fragestellungen im alltäglichen Leben und wie man mit diesen umgeht (Beispiel: LebensLauf). Beachtenswert auch die AndachtsApp, die bereits von über 12.000 Menschenheruntergeladen wurde.

All die netten und teilweise interessanten Vorträge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema (mein Lehrer hätte „Thema verfehlt“ geschrieben) und die damit zusammenhängenden Fragen nicht annähernd im Mittelpunkt standen. Es hätte auch eine Veranstaltung einer Werbeagentur sein können.

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