Das Gautinger Internettreffen

Seit 2000 trifft sich ein Teil der mit der Jugendarbeit und dem Internet verbundenen Community für zwei Tage in Gauting, wo der Bayrische Jugendring seine zentrale Bildungsstätte, das Institut für Jugendarbeit, betreibt.

In diesem Jahr war das Thema „Die neue Vermessung der Welt. Digitale Selbstverteidigung oder Feudalismus 3.0?“. In diesem Titel klingt das Spannungsfeld an, in dem sich die Gesellschaft, weit über die Jugendarbeit hinaus, befindet. Eine der Referentinnen, Anke Domscheit-Berg brachte das durch ihre Erläuterungen auf den Punkt. Wir befinden uns, so die Referentin, an einem zentralen Wendepunkt gesellschaftlicher Entwicklung, in der sich die Kommunikationsformen verändern, das Internet das bestimmende Medium sein wird.

In verschiedenen Beiträgen, die es in kurzen Zusammenfassungen hier (pdf) gibt, wurden die zum Teil sehr unterschiedlichen Blicke auf die Entwicklung und die daraus resultierenden Einschätzungen deutlich. So bewegen sich die Einschätzungen und Haltungen der Referent*innen zwischen eher düsteren (Yvonne Hofstetter), wenn auch nicht hoffnungslosen, Einschätzungen bis hin zu einem, wie ich finde, Technikfetischismus (Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Hof).

Die für mich sicherlich spannenste Erkenntnis der Tagung insgesammt war, dass die Einschätzung der Entwicklung geprägt ist von einer gesellschaftspolitischen Betrachtung der Lebensverhältnisse. Irgendwie, so kommt es mir vor, hat die Medienpädagogik einen Schritt in eine politischere Medienpädagogik gemacht. Die Frage „Wie wollen wir zukünftig leben?“ muss inzwischen sehr deutlich berücksichtigen, welche technologischen Entwicklungen die Menschen in der Gesellschaft möchten. Dabei wird der Moment, dass es sehr unterschiedliche Interessen ( wie Ökonomie, Ökologie und Soziales) gibt, mit in die Betrachtungen einbezogen. Denn auch das wurde sehr deutlich: Es sind Menschen, die die Technologien entwickeln und auch über deren Einsatz entscheiden können.

Auch wenn ökonomische Interessen vielfach im Vordergrund stehen, es liegt an den Menschen, die Entwicklung nicht den scheinbar! ökonomischen Zwängen zu überlassen, denn auch in einer globalisierten Weltökonomie gibt es für alles Alternativen.

Das Gautinger Internettreffen hat neben allen Vorträgen und Diskussionen aber auch immer einen praktisch Anregenden Charakter, was medienpädagogisch alles möglich ist. Ich war in drei Praxisworkshops:

  • „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“
  • „Hack your school 2017“ und „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“
  • „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“

Im Workshop „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“ ging es um die Möglichkeiten, mit Steuerungschips praktisch die Funktionsweise des Internet der Dinge sichtbar zu machen. Dazu programmierten wir kleine Programme, die beispielsweise eine Lampe steuerten. An sich ein schönes Experiment, für die nötige Einbettung in Praxisprojekte werden noch Ideen gesammelt. Ganz im Sinne des oben beschriebenen gesellschaftlichen Prozesses geht es ja auch darum, die Technologie zu bewerten, um entscheiden zu können, ob und wie sie genutzt wird. Privat wie gesellschaftlich. Denn das diese Technologie alles andere als unumstritten ist, zeigt die Süddeutsche Zeitung beispielsweise hier.

„Hack your school 2017“ handelte von einem interessanten Experiment in München, bei dem Schüler*innen ein Wochenende lang an Projekten für ein Lernen im digitalen Umfeld arbeiteten. Näheres gibt es hier.

Mit „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“ wurde ein Filmprojekt mit Kindern vorgestellt, das mit Grundschulkindern zum Thema „Datensicherheit in Soziale Medien“ durchgeführt wurde. Anlass war, dass bereits Grundschulkinder aktiv digitale interaktive Medien nutzen und dabei auch Daten hinterlassen. Wie aber können die Kinder altersgerecht sensibilisiert werden? Das Projekt ist hier beschrieben, der entstandene Film wird hier zu sehen.

Im Workshop „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“ wurden verschiedene Spielzeuge gezeigt, die beispielsweise die digitale Welt ins Kinderzimmer bringen, aber ebenso auch Daten aus dem Kinderzimmer senden. Da gibt es neben der Barbie 2.0 auch Puppen wie Cayla und Stofftiere oder die Gutenachtgeschichte kommt für teures Geld aus der Cloud. Es gab aber auch Dinge wie die iPad Töpchenhalterung, die uns wirklich zum schmunzeln brachte, (wenn es nicht so traurig wäre)!

Einen wunderbaren Input lieferte Niels Brüggen vom JFF – Institut für Medienpädagogik am zweiten Tag, der auf der Basis der Erkenntnisse des vorausgegangenen Tages die Aufgaben der Medienpädagogik in Zeitalter von Big Data formulierte

  • Heranwachsene nicht isoliert mit den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft alleine lassen! Sie haben beispielsweise ein Schutzbedürfnis und auch ein Bewustsein für Risiken. Die Einschätzung, was schutzbedürftig oder risikobehaftet ist, variiert dabei stark.
  • Gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren! Auch hier besteht ein Interesse. Es muss nur entsprechend aufgegriffen werden. Wie funktionieren beispielsweise Algorithmen?
  • Visionen entwickeln! „Wie wollen wir leben? Was müssen wir tun, um dahin zu kommen?“

Lesenswert ist ein Beitrag (pdf), der schon 2015 veröffentlicht wurde.

Ich nehme an, dass die einzelnen Beiträge der Veranstaltung – wie in den vergangenen Jahren auch – auch als Video auf dem Youtubekanal des SIN zeitnah erscheinen werden.