Archiv der Kategorie: Allgemein

Computerspiele und Gesellschaft

Manche von euch da draußen wissen es ja: Ich wurde vom damaligen Vertreter der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) im Beirat der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) vorgeschlagen, die Altersfreigaben von Computerspielen als Sachverständiger mitzugestalten. Seit meiner Berufung 2006 wirke ich nun in dieser Rolle.

Der Anlass, mich heute dem Thema Computerspiele zu widmen ist eine Mail, die ich von einem Kollegen erhalten habe. Darin macht er darauf aufmerksam, dass in der New York Times ein Artikel erschienen ist, in dem über die Einflussnahme eines Interessenverbandes der  Energiepolitik auf die öffentliche Debatte berichtet wird. Die USEA (United States Energy Association) ist eine Vereinigung von öffentlichen und privaten Organisationen, die die Interessen des US-amerikanischen Energiesektors innen- und außenpolitisch vertritt. Deren Chef, Toby Mack, wirft nun  den Macher*innen des Computerspiels „Thunderbird Strike“, vor, Öko-Terrorismus zu befördern. Kurz zum Spiel:

In „Thunderbird Strike“ geht es darum, in der Rolle des Vogels Thunderbird Transporter, Fabrikanlagen, Piplines und am Ende die große Ölschlange zu zerstören oder aber auch tote Tiere und Menschen wieder zum Leben zu erwecken. Dafür gibt es am Ende Punkte. Ich habe das Spiel, ein sogenannter Sidescroller, einmal angeschaut. Gesteuert wird der Vogel „Thunderbird“, der sich in den Gewitterwolken immer wieder Energie aufläd, um die genannten Okjekte wiederzubeleben oder zu zerstören. Hier ist mein knapp zweiminütiger Zusammenschnitt.

Das Spiel wurde von Elizabeth LaPensée entwickelt. Sie ist Assistant Professor of Media & Information and Writing, Rhetoric & American Cultures an der Michigan State University. An ihrer Vita kann man ablesen, dass sie Spiele, analog wie digital, als eine Möglichkeit nutzt, um auf die Situation von Ureinwohnern und den Schutz der Umwelt aufmerksam zu machen. Wer möchte, hier gibt es zu dem Vorgang auch ein Interview (Englisch).

Über die Wirkungsvermutung, in dem Falle könnten ja Menschen laut Mack zu Terrorangriffen motiviert werden, kann ich wiederum nur den Kopf schütteln. Aber dazu mehr, wenn mein Zeitschriftenartikel „Der Einfluss von  digitalen Spiele auf die Gefühlswelt Jugendlicher – Nächstenliebe und Hass“ erschienen ist.

Diese Art solcher Spiele, manchmal unter dem Oberbegriff der „Serious Games“ (ernsthafte Spiele) zusammengefasst, sind der Versuch, Themen zu transportieren. Dabei steht der Unterhaltungswert nicht im Vordergrund, was ich persönlich (leider) den Spielen dann auch schnell anmerke. Von daher bin ich eher dafür, Spiel und Unterhaltung miteinander zu verbinden, was den Macher*innen von Serious Games schwerfällt. Grund dafür ist meist nicht der fehlende Wille sondern die fehlenden finanziellen Mittel. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit Linda Kruse von TheGoodEvil erinnern, in dem sie mir erzählte, dass Auftraggeber – meist werden Serious Games in Auftrag gegeben – häufig Beides erwarten: Ein gutes Spiel, das zusätzlich noch die Idee ansprechend transportiert. Nur nicht so viel Geld soll es kosten. Dazu sollen dann noch Materialien erstellt werden, die das Spiel pädagogisch begleiten. Übrigens: Ein Besuch der Projektseite von TheGoodEvil lohnt sichübrigens! Wenn ich die (geschätzten) Produktionskosten eines Spieles wie „Thunderbird Strike“ (geschätzt ca. 20.000 Dollar) mit denen eines „einfachen“ Spieles wie Braid (200.00 Dollar in der Übersicht) vergleiche, dann prallen Welten aufeinander.

Nun, und das zum Schluss, steht ja der die Vergabe des Deutschen Entwicklerpreises an. Der Deutsche Entwicklerpreis ist die wichtigste Auszeichnung für herausragende Leistungen bei der Entwicklung von Videospielen aus den drei deutschsprachigen Ländern. Inspiriert von den Snowden-Enthüllungen haben die Entwickler*innen des Osmotic Studies mit „Orwell“ ein Spiel ins Rennen geschickt, das durchaus zu den Gewinnern zählen kann. Nominiert ist das Spiel in den Kategorien Beste Story, Bestes deutsches Spiel, Bestes Game Design, Bestes Indie Game. Auch wenn das Spiel selber leider nur in englischer Sprache erschienen ist, ich wünsche den Macher*innen viel Glück. Spiel, Spass und Spannung kann auch ein ernstes Thema transoprtieren.

Der digitalisierte Mensch, die mediale Welt und die reformatorische Freiheit

So lautete der Titel der einer Tagung der Karl-Heim-Gesellschaft, an der ich am letzten Wochenende teilgenommen habe. Bei dieser Gesellschaft handelt es sich um einen Verein, der in der Tradition des protestantischen Theologen Karl Heim. Sein Anliegen war es, sich „einer religiösen „Lebensanschauung“, der ein naturwissenschaftliches zeitgemäßes „Weltbild“ zugrundeliegt.“ (Wikipedia) zu widmen. Ein, wie ich finde, interessanter Aspekt. In den Grundsätzen der Stiftung, und das war für mich ein Hauptmotiv, diese Tagung zu besuchen, ist zu lesen:

Der Schöpfungsauftrag (1. Mose 1,28) setzt den Menschen in die Haushalterschaft über das Geschaffene ein. Dies schließt den Auftrag zur verantwortlichen wissenschaftlich-technischen Lebensbewältigung ein.

Ich reiset also nach Bad Urach in der Erwartung, dass sich die Veranstaltung in Bezug auf den „digitalisierten Mensch“ mit Wissenschaft, Technik und theologischen Fragestellungen beschäftigt. Ich sollte (fast) enttäuscht werden.

Im lebendigen Einführungsvortrag von Dr. Christian Herrmann, dem „Hüter der alten Handschriften“ an der Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ging es um die Zeit rund um Luther, um die Nutzung der damals neuen Informationstechnologie des Buchdrucks, um die sozialen Netzwerke, in denen Postings noch Flugschriften hießen. Wie erfuhren einiges über die Entwicklungen im Druckereigewerbe, über die Verbreitung der Schriften – heute würde man sie „Raubdrucke“ nennen – und über eine Art Fanplakate, die in Form von gedruckten Grafiken verkauft wurden.

Das interessanteste an dem Vortrag war aber der Hinweis darauf, dass mit der Drucktechnik un der damit verbundenen Verbreitung von Büchern und Schriften auch Fragen auftauchten, die auch heute aktuell sind: „Wie gehe ich mit der Flut von Informationen um, die dazu zum Teil widersprüchlich oder Fake-News sind?“

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Elke Hemminger, Soziologin an der Evangelische Hochschule Rheinland-Westfahlen-Lippe, die uns zuerst einen Schnellkurs in empirischer Sozialforschung und die Arbeitsweise der Soziologie einführte, um uns dann aufzuzeigen, wie Menschen heute virtuelle Umgebungen (Foren, Computerspiele, Chats etc.) als Teil ihrer Lebenswelt nutzen. Die gemeinsame Nutzung solcher Räume lasse eine „geteilte Wirklichkeit“ entstehen. Geteilt werden dabei verschiedene Aspekte wie z.B. sozialer Status (beispielsweise die iPeople = Community der Apple Nutzer*innen), wobei die damit verbundene Botschaft das Produkt in den Hintergrund treten lassen kann.  Einen Punkt sprach sie dann noch an, der damit verbunden ist und der auch in meiner Weltsicht eine wesentliche Rolle spielt: Die (nicht nur) mit der Digitalisierung verbundene Auflösung „kleinräumlicher Strukturen“ hin zu einer umfassenderen, aber auch schwieriger zu begreifenden, Lebenswelt.

Als Soziologe hat mich das natürlich nicht ganz so mitgerissen, war es doch für mich nix Neues. Wobei auch ich gerne meine Überlegungen bestätigt sehe!

Ein wesentliches Highlight sollte dann für mich der Vortrag von Prof. Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, werden. Ich hatte ja schon zweimal das Vergnügen, mit ihr zuammenzutreffen, allerdings war nie wirklich Zeit, um einmal länger miteinander sprechen zu können. Leider hatte sie kurzfristig abgesagt, so dass wir lediglich ein Audiomitschnitt eines Vortrages hören konnten.

Das bemerkenswerteste an der sich daran anschließenden Diskussion war, dass sie sich nicht um den Vortrag drehte, sondern um die Frage, ob ein Roboter einen Segen erteilen kann. Ich muss gestehen, die Diskussion war für mich eine Zumutung. Ich notierte mir „Die Hüter des wahren Glaubens kämpfen“. Diskurs kann ich das Erlebte nicht nennen.

Der dritte Tag war dann noch ein angenehmer Abschluss. Mit „Die Kirchen und die neuen Medien“ gab Pfarrer Jürgen Kaiser, Geschäftsführer des Evangelichen Medienhauses in Stuttgart, einen Einblick in das – ich nenne es mal – „Botschaften-Vermarktungskonzept“, das die Grundlage der Kommunikationsstrategie des Medienhauses ist. Neben den klassischen Bestandteilen „Aufsehen erregen, negative Publicity ist immer noch besser als gar keine (Beispiel: Seitenbacher Werbung)“, „für Überraschungsmomente sorgen (Beispiel: Cola Werbung)“ waren die Hinweise auf eigens erstellte Medien. Das Verkündigungsformat „Dieser Weg” betrachtet beispielsweise Fragestellungen im alltäglichen Leben und wie man mit diesen umgeht (Beispiel: LebensLauf). Beachtenswert auch die AndachtsApp, die bereits von über 12.000 Menschenheruntergeladen wurde.

All die netten und teilweise interessanten Vorträge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema (mein Lehrer hätte „Thema verfehlt“ geschrieben) und die damit zusammenhängenden Fragen nicht annähernd im Mittelpunkt standen. Es hätte auch eine Veranstaltung einer Werbeagentur sein können.

Beitragsbild: Pixabay

 

Das gute (digitale) Leben – eGovernment

Wenn ich verschiedene Leute frage, was sie unter dem „guten Leben“ verstehen, so erhalte ich sehr unterschiedliche Antworten. Folglich ist es auch kein Wunder, dass es keine allgemeine Definition eines „guten Lebens“ gibt. Schaut man bei Wikipedia nach, so steht der Begriff „gutes Leben“ für das Hauptziel der Sozialethik. Dort wird gefragt, wie eine Gesellschaft verfasst sein muss, damit ein „gutes Leben“ möglich ist. Diese Frage stellt sich mir auch, wenn ich den Stand und die Richtung der Digitalisierung der Gesellschaft betrachte. Ich möchte in loser Folge – ausgehend von externen Anreizen – beschreiben, was für mich ein „gutes (digitales) Leben“ ausmacht. Im Beitrag „Digitale Patientenakte“ hatte ich das schon mal angerissen, ohne es so zu benennen. Heute greife ich die Diskussion um „E-Government“ auf, da gerade auch die Kommunikation mit der Verwaltung ein ständiges Dauerthema ist.

Im Wahlkampf haben wir von allen im Bundestag vertretenen Parteien erfahren, dass die Digitalisierung vorangetrieben werden soll.  Heute möchte ich über einen Teilbereich schreiben, der uns als Bürger*in direkt betrifft. Unter dem Schlagwort „E-Government“ wird –  sehr grob gesprochen – die Vereinfachung der Kommunikation von Verwaltung und Bürger*innen sowie der Verwaltung untereinander verstanden. Immer wieder wird hervorgehoben, dass die Kommunikation einfacher werden muss.

Ich wohne in einer Fußgängerzone, die glücklicherweise nur zwischen 6 und 10 Uhr morgens mit dem Auto befahren werden darf. Ab und zu, die Renovierung meines Hauses erfordert es, benötige ich eine Sondergenehmigung, die es mir erlaubt, auch nach 10 Uhr die An- und Abfahrt zum Materialtransport durchzuführen. Anfangs musste ich dafür zum Ordnungsamt, einen Antrag stellen, zur Kasse gehen, bezahlen, dann mit der Quittung die Genehmigung abholen. Das war eine gute Stunde meines Lebens. Heute reicht eine Mail ans Ordnungsamt. Ich erhalte eine Ausnahmegenehmigung und überweise den geforderten Betrag auf das Konto. Einfacher und für mich wesentlich zeitsparender, das ist in 10 Minuten erledigt. Wobei ich auch gemerkt habe, dass „Zeit sparen“ an sich kein Wert ist. „Verschwendet“ ist für mich die Zeit dann, wenn ich das Gefühl habe, das die Zeit für mich nicht zum „guten Leben“ dazugehört. Aber das nur am Rande.

Veranstaltung „Kommune 5.0: Wenn Algorithmen regieren und verwalten“

Im Rahmen der Hannah-Arendt-Tage fand am 19.10. die Veranstaltung „Kommune 5.0: Wenn Algorithmen regieren und verwalten“ statt (Youtube-Video), in der zum einen Herr Dr. Weber vom Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme und zum anderen Frau Dr. Kurz in ihren Vorträgen ihre Gedanken erläuterten. Das Fraunhofer-Institut hatte sich schon in den vergangenen Jahren öffentlich zu Wort gemeldet (pdf) und angemahnt:

„Zu viele öffentliche Entscheider verstehen IT immer noch als reines Hilfsmittel zur Unterstützung bisheriger Strukturen und Prozesse und haben die Rolle der IT als maßgeblicher Treiber für grundsätzlich neue, teils disruptive Strukturen und Prozesse noch nicht voll erkannt.“

An anderer Stelle heißt es im gleichen Papier:

„Die Digitalisierung erfordert für ihre Bewältigung qualitativ und quantitativ neue Kompetenzen, die in der öffentlichen Verwaltung und in der Politik noch unzureichend ausgeprägt sind. Für eine Digitale Governance sind dies nicht in erster Linie technische Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern insbesondere interdisziplinäre Kompetenzen, die technische, soziale, politische, kulturelle, wirtschaftliche und organisatorische Aspekte ganzheitlich miteinander verbinden.“

Mit den Versionsnummern (im Veranstaltungstitel die 5.0) wird immer der Versuch unternommen, wirklich neue Schritte zu beziffern. 5.0 steht dabei möglicherweise für die vollautomatische, durch Algorithmen gelenkte Verwaltung, ist aber letzten Endes nur ein inhaltsleerer Marketingbegriff. Von einer solchen Verwaltung sind wir noch weit entfernt. Wo dies im Sinne eines „guten Lebens“ ist, muss ja noch erörtert werden. Wie in den Papieren des Fraunhofer-Instituts beschrieben, fehlt es jedenfalls noch an allen Ecken und Enden.

In seinem Vortrag erläutert Herr Dr. Weber am Beispiel eines Straßenbahnbauprojektes, wie ein vollautomatisches „Stadtmanagement-Informationssystem“ arbeiten könnte und er zeigt an verschiedenen Beispielen, wo vollautomatisches Verwaltungshandeln schon Alltag ist. Dies ist dann praktikabel, wenn der Prozess nicht mit einem Ermessensspielraum behaftet ist. Die Regelungen und Daten, die zu einer Entscheidung führen, sind hier eindeutig und nachvollziehbar (Transparenz).

In meinem Fall der Zufahrt zum Haus außerhalb der erlaubten Zeit wäre das:
1. Antragsteller wohnt dort und 2. es liegen keine Einschränkungen (z.B. Straßenfest) vor -> 3. Genehmigung wird automatisch erteilt.

Natürlich hängt ein solches System von den Regeln ab, die die Entscheidung begründen, und die sind letzten Endes von Menschen festgelegt. Ein Negativbeispiel ist für mich folgendes: Ich bin zum 30.12.2009 in mein Haus eingezogen und habe mich am gleichen Tag noch auf dem Einwohnermeldeamt angemeldet. Fast ein Jahr später bekam ich die Aufforderung, für das Jahr 2009 Müllgebühren zu zahlen, da diese nach §5 der Satzung jährlich berechnet werden und ich 2009 dort gewohnt habe. Pech gehabt, denn hätte ich mich erst am 2.1.2010 gemeldet…

Ich habe dann die Müllgebühren aber protestlos gezahlt. Kommt ja irgendwie der Gemeinde zugute. Es kommt also bei diesen Regelungen auch darauf an, ob sie allgemein (mehrheitlich) akzeptiert werden. Hier ist weiterhin die Politik gefragt, die diese Regelungen im Sinne der Allgemeinheit festlegt.

Wie aber sieht das in einer Verwaltung aus, in der die Software selbstlernend ist, die Entscheidungen also von Computerprogrammen getroffen werden? Hier wird das Rechensystem in einem ersten Schritt mit Fällen (massenhaften Daten) „gefüttert“ (BigData) und in einem nächsten Schritt schaut sich die Software an, wie die Fälle entschieden wurden. Das System erstellt daraus Regeln, die es für zukünftige Entscheidungen nutzen wird. Hier sind wir auf dem Weg zu einem selbstlernenden System, das im „Endstadium“ den Einsatz von Menschen überflüssig macht. Ich würde behaupten, im Grunde finden wir das auch gut so. Auf dem Beitragsbild oben siehst du eine Telefonvermittlungsstelle, in der Verwaltungshandeln nicht automatisiert abläuft. Wünscht sich jemand „das Fräulein vom Amt (Youtube)“ zurück? Den Schilderungen nach zu urteilen war es eine anstrengende Akkordarbeit.

Frau Dr. Kurz gibt aber auch gleich in der anschließenden Diskussionsrunde ein Negativbeispiel: Wenn die Software „Gefährder“ identifizieren soll und dafür die bisherigen Fälle genutzt werden, diese aber beispielsweise „rassistisch aufgeladen“ sind, dann setzt der selbsterlernte Algorithmus (deep learning) diese Praxis fort.

Andererseits verringert die automatisierte Entscheidung auch willkürliche Entscheidungen, gerade wenn Ermessensspielräume vorhanden sind. Das gilt aber auch dort, wo Regelungen klar sind und das Recht erst nach einer negativen Entscheidung eingeklagt werden muss.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang auch wieder die Frage, was das „gute Leben“ ausmacht. Den Ersatz eintönigen, stupiden Handelns durch Automatisierung würde ich ebenso wie die Minimierung von Willkürentscheidungen dazu zählen. Gleichzeitig -das sei mir an dieser Stelle erlaubt – ist aber auch danach zu fragen, wie sichergestellt werden kann, dass Menschen in Würde leben können. Denn Arbeitsplätze bedeuten auch Einnahmen, die zum Leben benötigt werden. Dies gilt übrigens nicht nur national. Als Christen ist es uns eine Verpflichtung darauf hinzuwirken, dass Menschlichkeit und ein „gutes Leben„an allen Orten dieser Welt Einzug halten muss. Und auch davon sind wir weit entfernt.

Keine Gegenrede – kritische Anmerkungen

Frau Dr. Kurz hat in ihrem Teil des Vortragabends dann auch darauf hingewiesen, dass beim momentanen Stand der IT-Sicherheit die Sammlung von Bürger*innendaten bei dubiosen Privatanbietern wie Facebook („schreiben Sie uns ihre Meinung über Facebook oder Twitter“) höchst bedenklich ist. Es ist darauf zu achten, dass erhobene Daten in eigenen Systemen verarbeitet werden, wobei jeder Mensch das Recht hat, über die Weitergabe und Verarbeitung seiner Daten selbst zu entscheiden (informationelle Selbstbestimmung). Das Wichtigste, so Frau Dr. Kurz ist aber, dass der gesamte Einsatz digitaler Technologien transparent und allgemein verständlich geschieht. Niemand muss ein technisches Fachwissen benötigen, von daher gilt es, das erforderliche Wissen ehrlich und verständlich weiterzugeben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die „praktische Entrinnbarkeit“: Niemand darf gezwungen werden, die digitalisierten Wege gehen zu müssen. In Anbetracht der Tatsache, dass ca. 1/3 der Bevölkerung nicht permanent online ist, darf keine „praktische Nichtentrinnbarkeit“ geplant werden.

Was bedeutet das alles für ein „gutes Leben„?

Aus den beiden Vorträgen lassen sich einige Punkte ableiten, die es bei der Implementierung von technischen Systemen in Verwaltung (E-Government), auch in der Kirche, zu beachten gilt:

Transparenz: Der Systemaufbau und die Handlungen müssen allgemeinverständlich und nachvollziehbar sein. Prozesse müssen nachvollziehbar sein, damit eine hohe Akzeptanz gewährleistet ist. Nur mit einem hohen Verständnis des Systems und der Prozesse lassen sich Entscheidungen, ob sie genutzt werden oder nicht, bewusst treffen.
Entscheidungsfreiheit: (Für eine Übergangszeit…) Alternative (analoge) Verwaltungswege gewährleisten, dass Menschen nicht die digitale Nutzung aufgezwungen wird.

Zu guter Letzt: Es gilt für ein „gutes Leben“ auch der Grundsatz, dass die Technik  des E-Gouvernments dem Menschen dienen muss, nicht umgekehrt. Wenn dann noch die DIN EN ISO 9241, in der die Ergonomie der Mensch-System-Interaktion niedergelegt ist,  Anwendung findet, dann ginge der Weg in die richtige Richtung.

Aktuelle Studien

In der etzten Zeit sind einige Studien rund um das Thema „Online“ erschienen, die ich gerne in ihren (subjektiv) wesentlichen Aussagen erläutern und einordnen möchte. Dabei handelt es sich um die aktuelle ARD/ZDF Onlinestudie, die „Connected Life 2018 Studie„, die „Jugend-Internet-Monitor 2017 Studie“ und als kleinen Nachtisch noch die „Meta Studie: „How Online Dating Has Changed The Very Fabric of Society„.

ARD/ZDF Onlinestudie

Die ARD/ZDF Onlinestudie, die nun zum 20sten Mal durchgeführt wurde, offenbart nichts wirklich Unerwartetes. Es wundert nicht, dass die tägliche Internetnutzung nun bei 72% bei den ab 14 jährigen liegt und damit den im Alltag sichtbaren Trend abbildet. Auch das die Nutzungsdauer zunimmt ist keine Überraschung. Überraschend ist für mich eher der Punkt, dass zwischen off- und online immernoch getrennt wird. Aber das ist nur ein Operationalisierungsphänomen. Heute geht in der Regel niemand mehr „ins Internet“ und ist wie Boris Becker drin. Auch wenn Datenvolumen in Deutschland relativ teuer ist, so ist die Verbreitung doch schon weit fortgeschritten. Hatten 2013 23 Mio Menschen eine Flatrate für ihr Handy/Smartphone, so sind es 2016 bereits über 38 Mio. Menschen. Auch hier: Tendenz steigend (Quelle). Auch wenn ich gerade auf die Gruppe der jüngeren Nutzer*innen schaue, so wird es wahrscheinlich in 10 Jahren kaum noch Nonliner mehr geben.

21% nutzen Facebook täglich, das sind umgerechnet 14,6 Millionen Menschen und weitere 12% (8,3 Mio) nutzen es mindetens 1x die Woche. Das bedeutet eine Stagnation, allerdings immernoch auf hohem Niveau. Die Nutzungsspitze hat weiterhin WhatsApp mit einer täglichen Nutzung von 55% der Bevölkerung (38 Mio).

Connected Life 2018

Die Studie „Connected Life 2018“, die von Kantar TNS durchgeführt wurde, zeigt schon überraschendes: Der Schwerpunkt dieser Konsument*innenumfrage war dieses Mal „Vertrauen“. Laut der Pressemeldung (pdf) ergab die Befragung, dass sich 56% der Verbraucher*innen in Deutschland über die Nutzung ihrer persönlichen Daten durch Unternehmen Gedanken machen. Das ist doch schon mal eine erfreuliche Zahl. In der Meldung heißt es weiter:

„Viele Verbraucher haben das Gefühl, dass die über sie gesammelten Daten hauptsächlich zum Nutzen der Unternehmen eingesetzt werden – und nicht zu ihrem Nutzen. Daraus resultiert ein steigendes Misstrauen gegenüber der Datensammlung im Internet und dem Wunsch nach einem größeren Mitspracherecht bei Entscheidungen über ihre Daten, selbst bei negativen Folgen für die Convenience. 58 Prozent der Verbraucher in Deutschland sind dagegen, dass vernetzte Geräte ihre Aktivitäten überwachen, selbst wenn dies ihr Leben einfacher machen würde.“

Da denke ich mir doch, dass schon über die Hälfte der Bevölkerung einen Blick dafür haben, dass nicht alles „zu ihrem Besten“ geschieht. Nicht schlecht, wenn ich bedenke, dass es ja auch Teil meiner Arbeit ist, diese Entwicklungen gemeinsam mit anderen Menschen zu reflektieren. Auch das Vertrauen in „große Marken“ ist mit 21% in Deutschland erfreulich niedrig. In Deutschland „bevorzugen die Konsumenten kleinere oder lokal agierende Marken.“ Ein Satz, der mich immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt, ist dieser hier:

„Die rasante Entwicklung von Technologien ermöglicht es Marken den Verbrauchern bessere und reibungslosere Kundenerlebnisse zu bieten; aber eine schlechte Umsetzung oder die fehlende Beachtung grundlegender Verbraucherbedürfnisse kann das Vertrauen in Marken untergraben.“

Die Verzweiflung macht sich bei mir breit, wenn ich an meine Kirche denke: Viele Internetauftritte sind schlecht gemacht und/oder veraltet, die Kommunikationsstrategieen sind eher dem Web 1.0 angepasst. Denn eines sollte auch deutlich sein: In der Studie sind es Verbraucher*innen, die Kundenerlebnisse haben. Im kirchlichen Kontext sind das dann eben auch Mitglieder, deren Bedürfnissen kaum Beachtung geschenkt wird. Da ist noch viel zu tun.

Auch die anderen Ergebnisse der Studie sollten Beachtung finden, denn sie regen zum Nachdenken an und zeigen gleichzeitig einen ungewohnten Blickwinkel.

Jugend-Internet-Monitor 2017

Der „Jugend-Internet-Monitor 2017“ von saverinternet.at hat nicht nur ein schönes, zentrales Infoblatt, er kann auch in Teilen mit deutschen Untersuchungen vergleichen werden und so Aufschluss darüber geben, welche Trends gerade „am Laufen sind“.

Eine zentrale Frage lautet: „Welche Sozialen Netzwerke nutzen Österreichs Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren 2017?“. In Deutschland sind die Ergebnisse mit der Befragung der 12 – 19 jährigen vergleichbar (JIM-Studie: Zahlen von 2016 in Klammern).

Die Antwort wundert nicht: 95% der Mädchen und 91% der Burschen nutzen WhatsApp (97%/92%) , gefolgt von YouTube mit 92% der Burschen und 88% der Mädchen (89%/81%) . Übrigens: YouTube ist in der Altersaklasse die beliebteste Suchmaschine!
Facebook, so die Studie, nutzen noch 48% (43%) und damit 21% weniger als im Vorjahr. Die stark abnehmende Zahl bei Facebook darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Facebook für Jugendliche nach wie vor ein starkes Nachrichtenmedium ist, aber eher passiv. Die großen Gewinner sind mit je einem Plus von 13% Instagram und Snapchat. Insta nutzen 76% der Mädchen und 60% der Burschen (60%/44%), bei Snap sind es  76% der Mädchen und 60% der Burschen (55%/36%). Die zentrale Aussage lautet:

„Bilder und Videos sind für viele Jugendliche die wichtigsten Medien geworden, um sich untereinander auszutauschen und um mit ihrer digitalen Umwelt zu kommunizieren.“  (Quelle)

Das die Werte dabei in Deutschland niedriger liegen ist wahrscheinlich mit den einem Jahr älteren Daten und der Einbeziehung der älteren Zielgruppe,  In Deutschland ist die Nutzergruppe der 18-19 jährigen in der Untersuchung die Gruppe mit der geringsten Insta/Snap Nutzung, zu erklären.

Erstmals mit dabei: musical.ly
Dabei handelt es sich um ein Unterhaltungsvideo-Netzwerk , in das 15 Sekunden Videos hochgeladen werden können. Anschauen (Youtube-Video) und austesten lohnt sich mal…(lt. Wikipedia 4 Mio. Nutzer*innen in Deutschland).

Hier gilt: Wenn es eine Online-Kommunikation mit der Altersgruppe geben soll lohnt ein Blick in die Studien!

How Online Dating Has Changed The Very Fabric of Society

Alles Wesentliche zur Studie hat Markus von Netzpolitik.org bereits hier geschrieben. Von daher verzichte ich hier auf weitere Ausführungen. Nur eines möchte ich noch mit auf den Weg geben: Tatsächlich ändern sich die Gelegenheiten, andere Menschen kennenzulernen. War das „früher“ eher auf den näheren Sozialraum beschränkt, so bieten sich heute vielfache Möglichkeiten über digitale Kanäle einfach miteinander in Kontakt zu kommen. Dafür kommen nicht nur darauf ausgerichtete Vermittlungsplattformen in Frage, sondern auch klassische Soziale Netzwerke oder Computerspiele, die eine Chatfunktion beinhaten. Eines ändert sich auch durch die Onlinekommunikation nicht: Richtig kennenlernen wird man sich dennoch erst Face to Face, das vireale Gegenüber läd zur vermehrten Projektion ein.

P.S. Meine Freundin lernte ich vor zwölf Jahren in einem Computerspiel kennen, seit elf Jahren sind wir ein Paar 😉

Beitragsbild: Pixabay