Bilder der Digitalisierung

Als Mensch, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt, werde ich öfter nach meiner Einstellung zur Digitalisierung gefragt. Wird sie uns weiterbringen? Werden unsere Kinder Dinge, die wir Erwachsenen heute noch können, nicht mehr können? Wir wird die Welt in 10 Jahren aussehen, laufen wir dann alle mit einem Chip-Implantat rum?

Meine Standardantwort lautet immer „Die Gesellschaft verändert sich ständig und mit der Digitalisierung verändert sie sich einmal mehr. Schneller. Wer hätte sich vor 30 Jahren, als ich meinen ersten privaten Computer hatte, einmal vorstellen können, dass ein Gerät, das heute in die Hostentasche passt (Smartphone), die Leistung meines ersten PCs um ein vielfaches übertrifft? Inn unserem Haushalt hatten wir in den 60er Jahren kein eigenes Telefon. Wenn ich einmal später nach hause kommen wollte, rief ich bei einer Nachbarin an, die dann meiner Mutter Bescheid sagte. Heute ist faktisch in allen Haushalten mindestens ein Telefon vorhanden, selbst über die Hälfte aller Kinder zwischen 6 und 13 Jahren haben in Deutschland ein eigenes Handy oder Smartphone. (Quelle pdf-Datei)

Wie man Entwicklungen wahrnimmt, ob positiv oder negativ, ist allerdings von Wertehaltungen abhängig. Die Fähigkeit, sich mittels einer analogen Landkarte in der Umgebung zu orientieren, wird sicherlich geringer, wenn das nicht (mehr) erlernt wird. Aber ist das schlimm? Sicher, wir geben Kompetenzen an technische Systeme ab. Diese Abgabe an Kompetenzen ist aber nichts, was mit der Digitalisierung begonnen hat. Die Fähigkeit, sich ohne Karte zu orientieren (beispielsweise anhand von Moosbewuchs an Bäumen oder anhand des Standes von Himmelskörpern), ist im Laufe der gesellschaaftlichen Entwicklung merklich zurückgegangen. Wird das noch in der Schule oder im Elternhaus gelernt? Können Menschen in unserer Gesellschaft noch etwas mit Sätzen wie „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steigt sie hoch hinauf, im Westen wird sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn.“ anfangen? Meine Erfahrung aus ökologischen Seminaren, die ich in den 90er Jahren geleitet habe ist, dass junge Erwachsene fast immer 10 Automarken, aber keine 10 Baumarten benennen können. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Informationen, die für unser alltägliches Leben nicht benötigt werden, können wir abspeichern – müssen dies aber nicht.

Das innere Bild, das über die Digitalisierung in uns entsteht, wird einerseits von der öffentlichen Berichterstattung und andererseits von persönlichen Beobachtungen geprägt. Die Berichterstattung in den Medien ist dabei häufig von negativen Auffälligkeiten gekennzeichnet, denn diese verkaufen sich besser als der normale, ereignisarme Alltag. „Mein Kind, ein Smartphonejunkie“, wird eher beachtet als „Psychologen warnen Eltern und Lehrer, alarmistische Thesen zu verinnerlichen.“, eine Zeile aus dem selben Artikel. Solche Bilder verinnerlichen wir aber dann gerne, wenn es mit unserer Beobachtung „Wenn das Handy zur Droge wird“ kombinierbar ist.

Daher ist es von Vorteil, wenn wir unsere Beobachtungen immer wieder durch Ergebnisse der Sozialforschung ergänzen. So gelingt es mir, Einstellungen und innere Bilder mit einschlägigen Studien abzugleichen und – falls erforderlich – zu korrigieren.

In Deutschland gibt es verschiedene Studien, die die Entwicklung der Digitalisierung in Teilbereichen nachzeichnen. Drei Studien sind besonders bekannt: Die KIM und die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest die den Medienbesitz und das Medienhandlen von 6-19 jährigen nachzeichnen, sowie die ARD/ZDF Onlinestudie, die Aussagen zum Medienbesitz und zur Mediennutzung der Gesamtbevölkerung bereithält. Bekannt ist auch der D21-Digital-Index (früher mal unter dem Namen (N)Onliner-Studie bekannt), der nicht nur Zahlen und Aussagen zur Internetnutzung, sondern auch zu Kompetenzen bereitstellt. Das Hans-Bredow-Institut, 1950 als gemeinnützige Stiftung gegründet, liefert auch immer wieder belastbare, gut recherchierte Forschungsergebnisse und ist thematisch breit gefächert. So finden sich hier beispielsweise das Forschungs-Monitoring „Aufwachsen mit digitalen Medien“, Projekte wie „Analyzing Governance Structures of Social Media“ und „Soziale Medien und vernetzte Öffentlichkeiten“ oder auch „Mobile Internetnutzung im Alltag von Kindern und Jugendlichen„. Für die Schweiz gibt es eine der JIM-Studie vergleichbare Datenerhebung und Interpretation, die JAMES- Studie.

Neben diesen Studien, die keine komerziellen Interessen verfolgen, gibt es eine Reihe von Studien, die bestimmte Personengruppen in den (komerziellen) Blick nehmen. Der Branchenverband BITCOM, als Zusammenschluss mehrerer Verbände der Digitalwirtschaft, in denen Unternehmen aus dem Digitalbereich organisiert sind, veröffentlicht auch immer wieder interessante Studien und Nachrichten zum Thema Digitalisierung. Sechs Verlagshäuser, die Printmedien herausgeben, lassen die „Begeisterung für Printmedien“ untersuchen, vor allen Dingen für die Marketing- und Werbeplanung.

Einen umfassenden Überblick über Studien, die das mediale Leben von Kindern und Jugendlichen beleuchten, findet ihr hier.

Mit Hilfe der Sozialforschung kann es gelingen, die inneren Bilder abzugleichen, damit wir nachher nicht eine solche Vorstellung von der Zukunft (Youtube) haben. 2014 habe ich in einem Videoprtojekt mit Jugendlichen einmal ihre Vorstellungen vom Internet der Dinge (IoT) thematisiert und es wurden interessante Einblicke (Bsp. Playstation sperrt Freundin aus (Youtube) in die Gedankenwelt der Jugendlichen ermöglicht.

Das gute Leben in der digitalen Welt (Youtube) wartet auf uns.