Big Data, Data Mining und die Gesellschaft

Meine erste Begegnung, die ich mit Big Data und der Digitalisierung hatte, war zu Beginn der 80er Jahre. Damals nannte das aber noch niemand Big Data. Ich arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, war der Vorsitzende der Jugendvertretung und damit gewählter Sprecher der über 1.000 Auszubildenden, deren Interessen ich gegenüber der Ausbildungsleitung und Geschäftsleitung zu vertreten hatte. Die Geschäftsleitung wollte für den gesamten Betrieb ein Personalabrechnungs- und informationssystem (PAISY) einführen und dem Betriebsrat (die gewählte Interessenvertretung ALLER Beschäftigter) kein Mitbestimmungsrecht zubilligen, was aber letzten Endes das Bundesarbeitsgericht doch für rechtmäßig erklärte [BAG, Beschluß vom 11. 3. 1986 (1 ABR 12/84) PDF-Datei].

Was hat das aber mit der Digitalisierung zu tun? Nun, ganz einfach. Bis zur Einführung von PAISY wurden Lochkarten verwendet und analoge Abrechnungsakten geführt, in denen natürlich auch Krankheitstage und andere sensible Daten festgehalten wurden. Kann sich jemand vorstellen wie es wäre, bei (damals) 43.000 Beschäftigten nach bestimmten Mustern zu suchen? Leute, die oftmals in gleichen Zeiträumen krank sind? Leute, die wiederholt unentschuldigt fehlen? Für ein Unternehmen sicherlich interessante Zahlen. Durch die Überführung in ein digitales, computergesteuertes Abrechnungssystem hätte diese Wunschvorstellung der Geschäftsleitung Wahrheit werden können, wäre da nicht der Betriebsrat gewesen, der genau diese Möglichkeiten der Datenanalyse – heute würde man das die Anwendung eines „Algorithmus“ nennen -verhinderte.

An diesem alten Beispiel wurden mir schon die Grundzüge der Digitalisierung deutlich. Die Überführung analog vorhandener Daten in „digitale Repräsentanten“ (digitale Abbilder analoger Daten). Das beginnt bereits mit der Erfassung. Welche Daten dürfen erfasst werden? Welche Daten müssen geliefert weden, welche liefern wir  scheinbar freiwillig?

Ein weiterer Erfahrungsschritt war die Volkszählung, ursprünglich für 1983 geplant. Stattfinden konnte sie, wegen zahlreicher Proteste und Prozesse, erst 1987. Hervorzuheben ist das Ereignis, weil es letzten Endes für das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ gesorgt hat. Dieses Recht des einzelnen Menschen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner personenbezogenen Daten entscheiden zu können, ist in unserer Gesellschaft grundsätzlich sicherzustellen und darf nur dort eingeschränkt werden, so das Gericht, wenn es im Sinne des Schutzes öffentlicher Interessen geschieht. Das Bundesverfassungsgericht (BVG) lieferte mit dem „Volkszählungsurteil“( pdf Datei) auch eine lesenswerte Begründung. Hier ein kleiner Auszug:

Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß. Wer unsicher ist, ob abweichende Verhaltensweisen jederzeit notiert und als Information dauerhaft gespeichert, verwendet oder weitergegeben werden, wird versuchen, nicht durch solche Verhaltensweisen aufzufallen.

Im Wesentlichen sieht das Gericht – und dem schließe ich mich uneingeschränkt an – dieses Recht als Grundrecht für eine auf Gemeinwesen und Beteiligung angelegte Gesellschaft. Belanglose Daten, so das Gericht, gebe es unter den Bedingungen der digitalen Verarbeitsunsmöglichkeiten nicht mehr. Ein Beispiel dafür ist die Überprüfung aller Mobilfunknummern, die sich in einer bestimmten Zeit (Anti-Nazi-Protest) an einem bestimmten Ort (Dresden) aufgehalten haben, durch Ermittlungsbehörden.  Das Landgericht Dresden attestierte zwar dem als „Handygate“ bekannt gewordene Verhalten die Unrechtmäßigkeit, allerdings aus formalen Gründen! (lesenswert auch der Artikel auf Netzpolitik.org).

Mir gehen diese Worte „belanglose Daten gibt es nicht“ immer wieder durch den Kopf. Big Data und die Anlalyse mittels Algorithmen halte ich an sich nicht für bedenklich. Oftmals sind sie hilfreich,gestalten das Leben angenehmer, können uns gute Hinweise auf Handlungsoptionen geben.

Im Folgenden ein Beispiel, das Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung und Geschäftsführer des CHE [Centrum für Hochschulentwicklung] auf dem Blog www.digitalisierung-bildung.de beschrieben hat. Demnach stieg die Zahl der Studienabsolventen an der Arizona State University von 26% auf 42%, nachdem ein Algorithmus viele Daten der Studierenden unter dem Gesichtspunkt „Was wäre das beste Studienfach für dich?“ analysiert hat. Ich kann das sicherlich nicht beurteilen, ob das das beste Beispiel ist. Aber eines, das sich sicherlich anzuschauen lohnt. Von daher empfehle ich diesen Artikel auf jeden Fall.

Anders bewerte ich Data Mining, das Sammeln unendlich vieler Daten. Die meißten von uns hinterlassen tagtäglich sehr viele Datenspuren und gleichzeitig gibt es digitale Schürfer, meist kleine Programme wie Cookies und Tracker, die diesen Datenkrümeln hinterherlaufen, sie einsammeln und zu einem Profil hinzufügen. Data Mining geschieht mit genau dieser Absicht.

Oftmals müssen Daten erhoben werden, die einem definierten Zweck dienen. Wenn sich Menschen zu einer Veranstaltung, beispielsweise zum Medienpädagogik-Praxiscamp, dass morgen und übermorgen in Mainz stattfindet, anmelden, so benötigen wir neben einem Namen auch eine Kontaktmöglichkeit, in der Regel die Mailadresse, damit wir interagieren können. Für „den Staat“ als Geldgeber müssen weitere Daten gesammelt werden, beispielsweise die Anschrift und das Alter. Es ist schön zu wissen, als welchen Bereichen die Angemeldeten Menschen kommen, es bleibt aber ihnen überlassen, das mitzuteilen. Für die Veranstaltung ist dies nicht wichtig – ein „nice to have“. Wir könnten natürlich auch schauen, welche Daten die Menschen bei ihrer Anmeldung noch hinterlassen haben. Ip-Adresse? Daraus könnte ein ungefährer Standort ermittelöt werden. Eine Abfrage in verschiedenen Suchmaschinen könnte weitere Infos über die Menschen „ans Tageslicht“ fördern. Aber wozu? Ein Zweck im unserem Sinne würde damit nicht erfüllt, also können wir das lassen. Ein Data-Miner hingegen könnte aus den unterschiedlichen Quellen die Datenspuren sammeln und daraus Profile entwickeln.

Der Datenschutzbeauftragte der Hansesast Hamburg, Johannes Caspar, kritisierte aus diesem Grund auch das Vorgehen der Parteien im Bundestagswahlkampf. Facebook bekäme so noch mehr Informationen über die Nutzer*innen, beispielsweise ihre politschen Präferenzen.

Ob, wie Caspar auch anmerkte, die Demokratie beschädigt wird, muss genauer betrachtet und erforscht werden. Ich persönlich glaube nicht, dass durch zielgruppengenaue Werbung die Demokratie Schaden nimmt. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren überzeugen.

Entscheidend finde ich einen Satz, den Caspar einmal in einem Interview gesagt hat. Auf die Frage „Brauchen wir Nachhilfe beim Datenschutz?“ antwortete er:Nicht Nachhilfe. Ich spreche lieber von Information und Aufklärung. Wir müssen vor allem jungen Menschen im Rahmen der Medienkompetenz zugleich Datenschutzkompetenz vermitteln. Dazu haben wir ein Konzept erstellt und Lehrerfortbildungen angeboten. Leider ist das weitgehend eingeschlafen, weil uns personell die Kapazitäten fehlen.“  (Quelle)  Hier – finde ich – hat die Schule sowie die Jugendarbeit einen gesellschaftlichen (Bildungs-) Auftrag. Denn, ohne Kenntnisse über Zusammenhänge, die mit dem digitalen Wandel der Gesellschaft zusammenhängen, können wir unsere Persönlichkeit nicht selbstbestimmt entwickeln.

Zur Frage der „Jugendarbeit im digitalen Wandel“ dann nächste Woche mehr im Blog. Die Zeitschrift Medien und Erziehung (merz) hat zu einer Blogparade aufgerufen, an der sich dieser Blog auch beteiligt. Damit einher geht eine Neuerung im Blog: Es gibt zukünftig immer wieder einmal „Gastbeiträge“. Nächste Woche von meiner Kollegin Annika Gramoll.

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