Angst essen Seele auf

In seinem im Jahr 1974 erschienenen (sehenswerten) gleichnamigen Film beschreibt der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder das Zusammentreffen und die sich entwickelnde Beziehung zweiter fremder Menschen (verkörpert durch die deutsche Frau Emmi und den Marokkaner Ali) in einer Umgebung, die dieser Beziehung gegenüber feindlich eingestellt ist. So manches Mal erscheint mir das auch auf Phänomene der Digitalisierung übertragbar.

Emmi verkörpert die Welt, so wie wir älteren Menschen (Generation 50+) sie kennen. Ali verkörpert die Digitalisierung. In vielen Gesprächen, die ich im Rahmen meiner Arbeit führe, begegnet mir die Angst vor dem Fremden. Was will das Fremde? Was macht es mit uns? Wie sehr greift es in unser Leben ein?

Im kirchlichen Bereich ist das oftmals verbunden mit der Diskussion um Körperlichkeit und Nähe. Ein „richtiges Gespräch“ kann, so die eine Haltung, nur „wirklich“ oder auch „echt“ von Angesicht zu Angesicht geführt werden. Stichwort „leibliche Kommunikation“. Eine medial vermittelte Kommunikation ist da nur Beiwerk, das sich nicht vermeiden lässt.

Einmal, daran kann ich mich noch sehr genau erinnern, berichtete mir mal ein befreundeter Theologe, dass er seine Sekretärin angewiesen habe, eine Reihe von Leuten zu einem Treffen einzuladen. Am nächsten Tag fragte er sie, was daraus geworden sei, worauf hin sie ihm mitteilte, dass noch nicht alle auf die Mail geantwortet haben. Er hat sie daraufhin wegen des „neumodischen Krams“ angepflaumt, es gäbe doch auch Telefon. Ich sagte daraufhin sinngemäß, wozu Telefon, es gäbe doch auch noch die Briefpost.

Ein zweites Beispiel. Als ich einmal bei einem christlichen Jugendverband einen Vortrag über die Zukunft der digitalisierten Kommunikation hielt, wurde deutlich, dass es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen gab, die  Messenger ablehnen, da „der Brief ja eine besondere Wertschätzung bedeutet“, die den Menschen dann auch „wirklich Freude“ macht. Ich meinte ja nur, dass eine Einladung zum Gruppentreff ja auch mal keine Freude machen müsse, aber sie das von mir aus auch gerne mit Briefen machen können. Das ist keine 3 Jahre her!

Jonas Bedford-Strohm hat in einem Interview mit Monika Dittrich vom Deutschlandfunk erläutert, welche Schritte Kirche in der digitalen Kommunikation gehen müsste. Interessanterweise führte das in einer Facebookgruppe genau auf das Thema hin. Ersetzt digitale Kommunikation die analoge, die Leibliche? Scheinbar ist das so eine Angst, die die Menschen umtreibt. Wird das Alte vom neuen verdrängt? Werden wir nur noch digital kommunizieren? Was geht dabei verloren? Einen tieferen Einblick bekomme ich in längeren Gesprächen mit befreundeten Menschen, die keine Angst haben, über ihre Ängste zu sprechen. Kommen die Leute noch in die Gottesdienste, wenn die Predigt online abrufbar ist? Wird Seelsorge möglicherweise über Chatbots möglich? Geht gar „das Gespräch“ verloren? Werde ich überflüssig?

Ich glaube, dass die letzte Frage entscheidend ist. Werde ich, wird das, was ich tue, überflüssig? Diese Angst ist ja nicht unberechtigt. Ein Blick in die Geschichte zeigt ja, das durch Technologisierung traditionelle Tätigkeiten von Maschinen übernommen wurden – bis heute. Gleichzeitig gibt es durch die Entstrukturierung eine immer geringere Bindung der Menschen an die Kirche. Als Soziologe kenne ich die Fallstricke der statistischen Korrelationen: Mit zunehmender Digitalisierung geht eine Entfremdung des Menschen von dem „wahren (analogen)“ Leben einher. Ja, so kann man sich das erklären und so wird auch Jonas gefragt, ob sich der Mitgliederschwund durch die Kommunikation im Netz wird aufhalten lassen.

Diese Ängste vor dem eigenen Bedeutungsverlust – als Mensch und als Organisation – sind verständlich. Eine Strategie, die auf „Verteuflung“ oder „Nichtbeachtung“ setzt, wird scheitern. Bedeutung erlangen kann die Organisation Kirche nur dadurch, dass sie die Stimme erhebt, sich einmischt. Nicht um der Organisation willen, nicht um der Gotteshäuser oder der Steuereinnahmen willen: um der Menschen willen. Wenn wir Menschen nicht alleine lassen wollen im Prozess der Digitalisierung, dann müssen wir mitmischen. Für ein mehr an Gerechtigkeit, für ein mehr an Teilhabe, für ein mehr an Menschlichkeit.

Da sind wir wieder bei Emmi und Ali und der sie umgebenden Gesellschaft. Ali verschwindet ebenso wenig wie die Digitalisierung und auch wenn Emmi letzten Endes keine traumhafte Beziehung zu Ali aufbauen kann, arrangiert sich die Gesellschaft mit der (nach wie vor ungeliebten) Beziehung der beiden, da Emmi und Ali für die Bewältigung des Alltages notwendig sind. Wir können noch einen Schritt weiter gehen. Umarmen wir die Beiden.

Beitragsbild: Pixabay

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