Archiv für den Monat: April 2018

Digitalisierung im Blick – Hass

Gestern starteten wir im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung mit einer Reihe von Veranstaltungen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Digitalisierung beschäftigen. Es wird sicherlich auf unserer Homepage kurze Berichte zu den Veranstaltungen geben, ich möchte aber die Möglichkeit nutzen, auf einige Aspekte, die mir wichtig sind, näher einzugehen.

Die Veranstaltung am gestrigen Tag , die Matthias Blöser aus unserem Projekt „Demokratie stärken„, Roland Graßhoff und Torsten Jäger vom Innitiativausschuss für Migrationspolitik und ich gemeinschaftlich organisierten, hatten wir mit „Strategien gegen Hass – Für eine digital-demokratische Streitkultur“ betitelt. Darin kommt schon unser Anliegen zum Ausdruck. Wir stehen für ein streitbares und streitfähiges Miteinander. Eine Gesellschaft, in der nicht öffentlich gestritten weden darf, in der Menschen das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht zugestanden wird, lehnen wir ab. Ich persönlich kenne dabei auch keine Tabuthemen. ALLES muss auf den Prüfstand gehoben werden können. Meinungsfreiheit bedeutet dabei aber nicht, dass jeder das sagen darf, was er möchte. Das Grundgesetzt nennt im Artikel 5, Abs. 2 „… finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Grenzen sind dort, wo aus gutem Grund gesetzliche Schranken aufgebaut sind. Beispielsweise, wenn es um die Einhaltung der Würde eines Menschen geht. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen in seiner Würde zu verletzen, ihm das „Menschsein“ abzusprechen. In unserer jüngeren Vergangenheit haben das Menschen getan – und tun das weiterhin, auch noch heute. Auch Christinnen und Christen. Die „Deutschen Christen“ schürten Hass auf Menschen, die dann auch noch als „minderwertig“ bezeichnet wurden. Auch heute gibt es unter Christ*innen diese – in meinen Augen – unchristliche Haltung.

Was aber genau ist denn Hass, was kommt darin zum Ausdruck? Wir alle kennen wahrscheinlich den Begriff, weil auch wir alltagssprachlich manches hassen. Ich hasse Sauerbraten. Von Kind auf war mir der Sauerbraten zuwider und das hat sich bis heute gehalten. Aber Hass gegen Menschen? Ich muss gestehen, dass ich in meiner Kindheit einen meiner Nachbarn hasste. Wir Kinder nannten ihn „Hinkebein“. Wahrscheinlich hatte er eine Kriegsverletzung und zog daher sein Bein nach. Entscheidend für meinen Hass war aber, dass er mich (uns) ständig am Spielen hindern wollte, weil wir „zu laut“ waren. Er kam dann oft und jagte uns von der Wiese, wobei er sein Bein nachzog und wir uns mit „Hinkebein“-Rufen darüber lustig machten, weil er uns natürlich nicht einholen konnte. Als er starb, waren wir auch ein bisschen traurig, denn er fehlte uns.

Mit dem Hass, dem wir heute – vor allen in den Sozialen Medien – begegnen, hat das wenig zu tun. Hier wird der Hass entpersonalisiert. Gehasst werden die „Ausländer“, die „Homosexuellen“, die „Sozialschmarotzer“, die „<Variable>“. Es geht nicht um den einzelnen Menschen, mit denen wir – wie in meinem Beispiel – konkrete Erfahrungen gesammelt haben. Es geht um Hass gegen Menschen, denen die „Hasser*innen“ nie begegnet sind.

Es gibt nicht DIE Definition von Hass. Wenn ich auf Wikipedia schaue, dann finden sich dort verschiedene Definitionen. Gemeinsam haben sie eines: Etwas bereitet Unwohlsein, mit dem eine Abneigung einhergeht, die dazu führt, dass man „es“ loswerden möchte. Der Hass gegen Menschen kann, mit einer aggressiven Haltung versehen, mit Vernichtungswünschen einhergehen. Nicht im Sinne des NS-Staates (Judenvernichtung), sondern heute oftmals „moderater“. „DIE“ sollen dahin zurück, wo „SIE“ hergekommen sind (Ausländer), oder „SIE“ müssten wieder „NORMAL“ werden, sich wenigstens nicht in der Öffentlichkeit „SO“ zeigen (Homosexuelle) oder von Leistungen der Gemeinschaft ausgeschlossen werden („Sozialschmarotzer“).

Wir hatten gestern in der Veranstaltung mit Gregor Mayer (Deutscher Journalisten Verband-Hessen; Phoenix), Kahtarina Nocun (Netzaktivistin) und Susanne Tannert (#ichbinhier) drei ausgezeichnete Referent*innen, die aus ihren unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in die Zusammenhänge boten.

Gregor Mayer ging in seinem einführenden Vortrag auf die konkreten Mechanismen im Umgang mit Hassbeiträgen in der Social-Media Redaktion bei Phoenix ein und erläuterte grundlegende Fragen. Wer sind die Hater? Was sind deren Motive? Welche Faktoren tragen zu einer Enthemmung in der Onlinekommunikation bei? Er bezog sich beim letzten Punkt vor allem auf die Untersuchungen und Beiträge von Prof. John Suler von der Rider Universität, speziell dessen Hypertextbuch „Psychology of Cyberspace (english!), auf das online zugegriffen werden kann.  Die Jagd nach „Followern“, die den (Online-) Bekanntheitsgrad einer Person ausdrücken, tragen mit den verwendeten Algorithmen, beispielsweise von Facebook, dazu bei, dass Populismus gefördert wird. Wichtig sei,dass es neben der Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen auch eine Organisations-Agenda gibt, die die Rahmenbedingungen für den Umgang mit Kommentaren regelt. Weiterhin ist wichtig, dass ausreichend personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, um die Kommentare zu sichten und moderierend einzugreifen.

Katharina Nocun knüpfte daran an und erläuterte, wie Fake-News nicht nur Populismus fördern, sondern auch eine besondere Herausforderung schaffen, Wahrheitsgehalte herausfiltern zu können. Sie zeigte anhand verschiedener Fake-Bilder, wie damit Stimmungen geschürt werden. Der Algorithmus von Facebook sorgt beispielsweise auch dafür, dass niemand mehr sicher sein kann, dass andere Menschen den gleichen Inhalt sehen, was eine „geteilte Öffentlichkeit faktisch unmöglich macht. Dies ist im politischen Kontext besonders fatal. Sie leitet aus ihren Erfahrungen einige Forderungen ab.

  1. Die Kriterien, nach denen Beiträge sortiert und bereit gestellt werden, müssen offengelegt werden.
  2. Voreingestellte Filter müssen verboten werden
  3. Personalisierte Werbung muss verboten werden, sie trägt ebenso wie Punkt 1 und 2 zu einer fragmentierten Öffentlichkeit bei.
  4. Ein kompetenter Umgang mit Medien erfordert eine breite Qualifizierung der -nicht nur jungen – Menschen, die über konkrete Medienkunde hinausgehen. Wie und Emotionen lenken ist dabei genauso wichtig wie eine richtige Quellenrecherche.
  5. Das Wettbewerbsrecht muss geändert werden, Monopole müssen entkoppelt werden (bsp. Trennung von Facebook, Instagram und WhatsApp). Eine dienstübergreifene Kommunikation muss durch die Verwendung offener Standards gewährleistet werden.

Susanne Tannert von #ichbinhier erläuterte den Grundgedanken von #ichbinhier, dass ein persönliches Eingreifen in die Kommentare bei reichweitenstarken Newsanbietern zur Deeskalation von Diskussionen beitragen kann. Dabei geht es darum, den Hasskommentaren Fakten und sachliche Informationen und Positionen entgegenzusetzen. Das Ziel ist dabei nicht die hartgesottenen Hater zu überzeugen, sondern diejenigen, die Argumentationen zugänglich sind. #ichbinhier arbeitet ehrenamtlich und hat sich in der Tätigkeit Strukturen geschaffen, die es ermöglichen, sich nicht selber kaputt zu machen.

Eine grundsätzliche Aussage aller drei Referent*innen war es, dass es Freiheit nur gibt, wenn wir aktiv dafür eintreten und bereit sind, dafür auch etwas zu tun. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen.

Bis die Tage und liebe Grüße
Michael