Archiv für den Monat: Dezember 2017

Ein Rückblick

Das Jahr nähert sich seinem Ende, Zeit auch für mich einen Blick auf die letzten 12 Monate zu werfen.

48 Beiträge, 47 von mir und einen von meiner geschätzten Kollegin Annika Gramoll. Vielen Dank dafür, Annika!

Mit den statistischen Daten ist das ja so ein Ding, wenn ich aus Gründen des Datenschutzes und der Datensparsamkeit keine großen Analysewerkzeuge einsetzte. Da mein Blog aber auf einem angemieteten Server läuft und der Dienstleister mir ein Serverprotokoll für den Blog liefert, kann ich natürlich auch einige Daten auswerten. Zusätzlich nutze ich ein WordPress Zusatzprogramm, das die Zugriffe zählt und mir ausgiebt, wie oft eine Seite direkt aufgerufen wurde. Dazu kommen noch Angaben, die einen allgemeinen Rückschluss auf die Quellen der Zugriffe erlauben. Hier ist sehr deutlich sichtbar, dass die meisten Besucher*innen über Facebook kommen. Eine wichtige Anmerkung: über die Facebook-App auf den mobilen Endgeräten. 66,8% der Aufrufe. Ich halte das für ein wichtiges Signal, zeigt es doch, dass die Aufmerksamkeitsökonomie (ein Thema für 2018!) eines einzigen Konzerns eine marktbeherrschende Rolle einzunehmen scheint. Es gibt auch Menschen, die den Block über eine sehr bekannte Suchmaschine finden, immerhin 13%. Übrigens stammen 1% der Aufrufe über einer Sonderseite bei evangelisch.de, einer  beachtenswerte Zusammenstellung zum Thema #DigitaleKirche.

Nun, 48 Beiträge sind 48 Wochen Ideenfindung, Recherche und schreiben, schreiben, schreiben. Ich muss es gestehen, der Druck, wöchentlich – am Besten Mittwochs – einen Beitrag zu veröffentlichen, ist nicht zu unterschätzen. Aber auch hier die Anmerkung: Den Druck habe ich mir selbst gemacht. Als Experiment. Neben dem „Alltagsgeschäft“ kaum zu schaffen. Erkenntnis: Kommunikative Arbeit im Netz braucht Zeit. Nicht zu wenig! (Merke: 4 Stunden/Woche im Schnitt).

Noch paar staristische Daten für 2017: Insgesammt – bis einschließlich gestern – gab es 24.418 Aufrufe. Da ich keine Artikelaufrufe zähle (merke: das sollte ich vielleicht ändern!), sondern immer 4 Artikel auf der Startseite stehen, kann ich nicht wirklich sagen, welche Artikel wie oft aufgerufen wurden. Die meisten direkten Aufrufe bekam übrigens der Artikel „Der digitalisierte Mensch, die mediale Welt und die reformatorische Freiheit„, was mich sehr freut, da mir das Thema sehr wichtig ist. Nicht weil ich der Gläubigste unter den Gläubigen bin. Der reformatorische Freiheitsbegriff schließt für mich den eigenverantwortlichen, auf die Gemeinschaft hin ausgerichteten (politischen) Menschen zentral mit ein. Wenn ich mir gesellschaftliche Entwicklungen anschaue, dann scheint es mir eher so, dass wir…ich nutze an dieser Stelle gerne einen von Goethe formulierten Gedanken:
„Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden.“

Ja, ich mache mir Sorgen. Auch wenn der Gedanke an Freiheit aus meiner Sicht in unserer Gesellschaft irgendwie mit Konsum verbunden zu sein scheint, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es noch andere tragende Werte gibt, die es hochzuhalten gilt. Aber ich will heute (eigentlich!) nicht mein Gedankenflimmern mit euch teilen.

Einen letzen Einblick in statistische Daten:

Laut meinem Server-Dienstleister hatte ich im Monat November pro Tag durchschnittlich 331 Sessions (ganz vereinfacht gesagt: unterschiedliche Zugangsquellen), laut meinem WordPress Zusatzprogramm waren es 194 Sessions. Das ist halt der Unterschied, wenn Sessions von bekannten Bots rausgerechnet werden. Also ich bin sehr zufrieden, als ich mit dem Blog im Januar begann waren es bereinigt 13 Sessions pro Tag.

An dieser Stelle sei all denjenigen Menschen gedankt, die Beiträge gelesen haben. Ein besonderer Dank geht an diejenigen, die eine Rückmeldung gegeben haben. Auch das ist eine Erkenntnis: Die Rückmeldungen kommen in den seltesten Fällen auf dem Blog selber, die meisten Rückmeldungen kamen über persönliche Ansprache und eMail. Und noch eine Erkenntnis: Manchmal kommt zu einem Artikel nichts. Garnichts. Aber wie gesagt, das Schreiben der Beiträge hilft Gedanken zu formulieren und ist daher für mich persönlich ein Gewinn.

Der Blog wird sich im nächsten Jahr verändern, von wöchentlichen Beiträgen möchte ich auf monatliche Beiträge umstellen. Neu hinzukommen sollen kurze Filmbeiträge und Buchbesprechungen zum Thema. Ich bin selber gespannt, wie er sich entwickeln wird.

In diesem Sinne wünsche ich eine frohe Weihnachtszeit und eineen wunderbaren Beginn des neuen Jahres.

Bildvorlage von Pixabay

Zwischen sexualisierter Gewalt und RFID

Ich haber eine ereignisreiche Woche hinter mir, die gestern mit der Jahresfortbildung bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) einen Höhepunkt hatte. Die USK, bei der ich als als Jugendmedienschutzsachverständiger so ca. 4x im Jahr gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Altersfreigaben von Computerspielen berate und empfehle, die dann der Staat in Form der Oberste Landesjugendbehörde übernehmen kann (oder auch nicht, das kommt auch vor).

Ein durchaus strittiges Thema war in diesem Jahr die Bewertung von Computerspielen, in denen sexualisierte Gewalt in fernöstlichem Animestil gezeigt wird. Ein Thema, das reichlich Diskussionsstoff bot, denn – wie so oft im Recht – wird mit undefinierten Rechtsbegriffen gearbeitet, die es in konkreten Situationen mit Leben zu füllen sind. Hier zeigte sich, das die Bewertungen sehr unterschiedlich ausfallen können, was Anlass genug ist, das Thema anhand konkreter Fälle weiter zu bearbeiten.

Eine Diskussion über die rechtlichen Rahmenbedingungen, wenn in der außerschulischen Jugendarbeit begleitend und lebensweltbezogen mit Computerspielen gearbeitet werden soll, war ebenfalls eine spannende Diskussion.

Eine für mich ganz besondere Veranstaltung war diese Woche eine Tagesveranstaltung des Fachbereichs Physik der Uni Mainz zum Thema RFID Chip, an der ich teilnehmen durfte.

Wir haben nicht nur einen Transponder selber gebaut, sondern auch Einblicke in die Technik bekommen, die die Verwendung erst ermöglicht. Einen kleinen Film dazu gibt es hier. Gesellschaftliche Themen wie Datenschutz und Missbrauch rundeten den Tag ab, wobei nicht nur den Teilnehmenden, sondern auch den Studierenden der Physik, die die Veranstaltung leiteten, etwas mulmig wurde. Es handelt sich ja hier um eine Technologie, die zunehmend eingesetzt wird. RFID Chips befinden sich im Personalausweis, im Reisepass und in vielen anderen Karten mit Datenspeicher, so auch der Gesundheitskarte, die mit der Möglichkeit, ab nächstem Jahr zusätzliche notfallrelevanten Daten auf dem Chip speichern zu lassen, an Bedeutung gewinnen wird. Einen kleinen, kritischen Beitrag gab es hier.

Die „Keyless go“ Technik, bei der der RFID Chip zur Entriegelung des Autos und zur Freigabe des Startknopes genutzt wird, gilt als unsicher. Immer wieder gibt es aktuelle Meldungen über Diebstähle, die die Schwachstellen der Hard- und Software nutzen. Bsp.1  Bsp.2

Das Thema Microchip und Überwachung wird auch in einem lesensweten Beitrag von Diego Fusaro aufgegriffen. Er lehrt Philosophie an der Mailänder Universität.

Angst essen Seele auf

In seinem im Jahr 1974 erschienenen (sehenswerten) gleichnamigen Film beschreibt der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder das Zusammentreffen und die sich entwickelnde Beziehung zweiter fremder Menschen (verkörpert durch die deutsche Frau Emmi und den Marokkaner Ali) in einer Umgebung, die dieser Beziehung gegenüber feindlich eingestellt ist. So manches Mal erscheint mir das auch auf Phänomene der Digitalisierung übertragbar.

Emmi verkörpert die Welt, so wie wir älteren Menschen (Generation 50+) sie kennen. Ali verkörpert die Digitalisierung. In vielen Gesprächen, die ich im Rahmen meiner Arbeit führe, begegnet mir die Angst vor dem Fremden. Was will das Fremde? Was macht es mit uns? Wie sehr greift es in unser Leben ein?

Im kirchlichen Bereich ist das oftmals verbunden mit der Diskussion um Körperlichkeit und Nähe. Ein „richtiges Gespräch“ kann, so die eine Haltung, nur „wirklich“ oder auch „echt“ von Angesicht zu Angesicht geführt werden. Stichwort „leibliche Kommunikation“. Eine medial vermittelte Kommunikation ist da nur Beiwerk, das sich nicht vermeiden lässt.

Einmal, daran kann ich mich noch sehr genau erinnern, berichtete mir mal ein befreundeter Theologe, dass er seine Sekretärin angewiesen habe, eine Reihe von Leuten zu einem Treffen einzuladen. Am nächsten Tag fragte er sie, was daraus geworden sei, worauf hin sie ihm mitteilte, dass noch nicht alle auf die Mail geantwortet haben. Er hat sie daraufhin wegen des „neumodischen Krams“ angepflaumt, es gäbe doch auch Telefon. Ich sagte daraufhin sinngemäß, wozu Telefon, es gäbe doch auch noch die Briefpost.

Ein zweites Beispiel. Als ich einmal bei einem christlichen Jugendverband einen Vortrag über die Zukunft der digitalisierten Kommunikation hielt, wurde deutlich, dass es eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen gab, die  Messenger ablehnen, da „der Brief ja eine besondere Wertschätzung bedeutet“, die den Menschen dann auch „wirklich Freude“ macht. Ich meinte ja nur, dass eine Einladung zum Gruppentreff ja auch mal keine Freude machen müsse, aber sie das von mir aus auch gerne mit Briefen machen können. Das ist keine 3 Jahre her!

Jonas Bedford-Strohm hat in einem Interview mit Monika Dittrich vom Deutschlandfunk erläutert, welche Schritte Kirche in der digitalen Kommunikation gehen müsste. Interessanterweise führte das in einer Facebookgruppe genau auf das Thema hin. Ersetzt digitale Kommunikation die analoge, die Leibliche? Scheinbar ist das so eine Angst, die die Menschen umtreibt. Wird das Alte vom neuen verdrängt? Werden wir nur noch digital kommunizieren? Was geht dabei verloren? Einen tieferen Einblick bekomme ich in längeren Gesprächen mit befreundeten Menschen, die keine Angst haben, über ihre Ängste zu sprechen. Kommen die Leute noch in die Gottesdienste, wenn die Predigt online abrufbar ist? Wird Seelsorge möglicherweise über Chatbots möglich? Geht gar „das Gespräch“ verloren? Werde ich überflüssig?

Ich glaube, dass die letzte Frage entscheidend ist. Werde ich, wird das, was ich tue, überflüssig? Diese Angst ist ja nicht unberechtigt. Ein Blick in die Geschichte zeigt ja, das durch Technologisierung traditionelle Tätigkeiten von Maschinen übernommen wurden – bis heute. Gleichzeitig gibt es durch die Entstrukturierung eine immer geringere Bindung der Menschen an die Kirche. Als Soziologe kenne ich die Fallstricke der statistischen Korrelationen: Mit zunehmender Digitalisierung geht eine Entfremdung des Menschen von dem „wahren (analogen)“ Leben einher. Ja, so kann man sich das erklären und so wird auch Jonas gefragt, ob sich der Mitgliederschwund durch die Kommunikation im Netz wird aufhalten lassen.

Diese Ängste vor dem eigenen Bedeutungsverlust – als Mensch und als Organisation – sind verständlich. Eine Strategie, die auf „Verteuflung“ oder „Nichtbeachtung“ setzt, wird scheitern. Bedeutung erlangen kann die Organisation Kirche nur dadurch, dass sie die Stimme erhebt, sich einmischt. Nicht um der Organisation willen, nicht um der Gotteshäuser oder der Steuereinnahmen willen: um der Menschen willen. Wenn wir Menschen nicht alleine lassen wollen im Prozess der Digitalisierung, dann müssen wir mitmischen. Für ein mehr an Gerechtigkeit, für ein mehr an Teilhabe, für ein mehr an Menschlichkeit.

Da sind wir wieder bei Emmi und Ali und der sie umgebenden Gesellschaft. Ali verschwindet ebenso wenig wie die Digitalisierung und auch wenn Emmi letzten Endes keine traumhafte Beziehung zu Ali aufbauen kann, arrangiert sich die Gesellschaft mit der (nach wie vor ungeliebten) Beziehung der beiden, da Emmi und Ali für die Bewältigung des Alltages notwendig sind. Wir können noch einen Schritt weiter gehen. Umarmen wir die Beiden.

Beitragsbild: Pixabay