Archiv für den Monat: November 2017

14 Tage ohne

Auch ich mache mal Arbeitspause. 14 Tage, genauer 346 Stunden ohne Internet. Keine Mails, keine Postings. Kein Threema, Signal oder Hangout. Offline. Ein seltsames Gefühl. Das Gefühl, etwas zu verpassen. Gleich nach der Landung der Maschine den Zugang zum Internet aktiviert. 190 Nachrichten, Twitter, Facebook und Messenger buhlen um meine Aufmerksamkeit. Ich lösche sie alle. Ungelesen. Fast. Private Nachrichten lösche ich nicht. Wissen, worauf es ankommt. Auswählen. Mich verweigern können. Das will gelernt sein. Ich kann es. Fast.

Die Versuchung, in Ägypten ein Datenvolumen zu kaufen, ist groß. 12 GB für 7 Euro, dazu noch eine SIM-Karte für 5 Euro. 12 Euro für 12 GB mit HSDPA Bandbreite. Wahnsinn! Hier in Deutschland bekomme ich für den Preis gerade mal vergleichbare 2-5 GB.

Die Digitalisierung hat auch in Ägypten weiter Einzug gehalten. In meinem engen Wahrnehmungsfeld, das tiefe Einblicke nicht zulässt, ist eines offensichtlich: Die Kommunikation mit entfernten Freunden und Familienangehörigen hat stark zugenommen. Die meisten der Bediensteten in der Ferienanlage am Roten Meer stammen aus den Regionen Kairo und Alexandria. Kein Wunder, wohnen doch 20 % der 100.000 Millionen Einwohner*innen in den beiden Großregionen.

Zurück im Büro. Auch hier. Eine lange Liste ungelesener eMails. Offensichtlich wichtige raussuchen, den Rest schnell löschen.

Wir haben einen neuen Dienstwagen. Einen Ampera-E. Kein Zündschloss. Das Auto erkennt den Schlüssel auch, wenn er in der Hostentasche ist. Welche Datenübertragung sich dahinter verbirgt? Ich weiß es noch nicht.

Das Auto hat kein eigenes Navi, das Display des eigenen Smartphones wird gespiegelt. Also wird das eigene Smartphone zum Navi für die Fahrt. Dazu braucht es Volumen. Ob Offlinekarten funktionieren? Ich muss es noch testen. Allerdings wären dann die Verkehrsdaten nicht aktuell. Nicht so dolle. Also mal schauen, wieviel Datenvolumen so eine 100 km Fahrt benötigt. Ich werde berichten.

Das Auto ist vollgepackt mit Sensorik, das Licht soll sich entsprechend selbstständig an die Situation anpassen. OnStar, das ist übrigens nicht aktiviert. OnStar? 365 Tage und rund um die Uhr…Beratung – soweit die Netzabdeckung reicht. Ob da auch Seelsorge mit inbegriffen ist? Eher nicht. Aber ein Hotel kann über booking.com gebucht werden, wobei OPEL nicht verantwortlich für die Dienstleistungen ist. Das ist ein General Moters Unternehmen namens OnStar Europe Ltd. Aber eben auch nicht für die Buchung. Also alles ein wenig gewöhnungsbedürftig. Ob ich das brauchen werde? Eher nicht.
Das Smartphone als Fernbedienung? Mit OnStar und der myOPEL App könnte ich das Fahrzeug lokalisieren, die Türen öffnen und schließen, die nächste Aufladestation finden und die Klimaanlage oder Heizung bedienen. Für mich ist da bisher nix brauchbares dabei. Spielerei.
Bei Geschwindigkeiten zwischen 8 und 80 km/h messen Sensoren kontinuierlich den Abstand zu potenziellen Risiken, verbunden mit einer automatischen Gefahrenbremsung. Wenn ich nicht auf die Warnung reagiere, bremst das System für mich. Technik > Mensch? Ich denke ja. Aber schauen wir mal….

In diesem Sinne ein „Willkommen zurück“ auf meinem Wochenblog. Urlaubsende = Blogfortsetzung.

Computerspiele und Gesellschaft

Manche von euch da draußen wissen es ja: Ich wurde vom damaligen Vertreter der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) im Beirat der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) vorgeschlagen, die Altersfreigaben von Computerspielen als Sachverständiger mitzugestalten. Seit meiner Berufung 2006 wirke ich nun in dieser Rolle.

Der Anlass, mich heute dem Thema Computerspiele zu widmen ist eine Mail, die ich von einem Kollegen erhalten habe. Darin macht er darauf aufmerksam, dass in der New York Times ein Artikel erschienen ist, in dem über die Einflussnahme eines Interessenverbandes der  Energiepolitik auf die öffentliche Debatte berichtet wird. Die USEA (United States Energy Association) ist eine Vereinigung von öffentlichen und privaten Organisationen, die die Interessen des US-amerikanischen Energiesektors innen- und außenpolitisch vertritt. Deren Chef, Toby Mack, wirft nun  den Macher*innen des Computerspiels „Thunderbird Strike“, vor, Öko-Terrorismus zu befördern. Kurz zum Spiel:

In „Thunderbird Strike“ geht es darum, in der Rolle des Vogels Thunderbird Transporter, Fabrikanlagen, Piplines und am Ende die große Ölschlange zu zerstören oder aber auch tote Tiere und Menschen wieder zum Leben zu erwecken. Dafür gibt es am Ende Punkte. Ich habe das Spiel, ein sogenannter Sidescroller, einmal angeschaut. Gesteuert wird der Vogel „Thunderbird“, der sich in den Gewitterwolken immer wieder Energie aufläd, um die genannten Okjekte wiederzubeleben oder zu zerstören. Hier ist mein knapp zweiminütiger Zusammenschnitt.

Das Spiel wurde von Elizabeth LaPensée entwickelt. Sie ist Assistant Professor of Media & Information and Writing, Rhetoric & American Cultures an der Michigan State University. An ihrer Vita kann man ablesen, dass sie Spiele, analog wie digital, als eine Möglichkeit nutzt, um auf die Situation von Ureinwohnern und den Schutz der Umwelt aufmerksam zu machen. Wer möchte, hier gibt es zu dem Vorgang auch ein Interview (Englisch).

Über die Wirkungsvermutung, in dem Falle könnten ja Menschen laut Mack zu Terrorangriffen motiviert werden, kann ich wiederum nur den Kopf schütteln. Aber dazu mehr, wenn mein Zeitschriftenartikel „Der Einfluss von  digitalen Spiele auf die Gefühlswelt Jugendlicher – Nächstenliebe und Hass“ erschienen ist.

Diese Art solcher Spiele, manchmal unter dem Oberbegriff der „Serious Games“ (ernsthafte Spiele) zusammengefasst, sind der Versuch, Themen zu transportieren. Dabei steht der Unterhaltungswert nicht im Vordergrund, was ich persönlich (leider) den Spielen dann auch schnell anmerke. Von daher bin ich eher dafür, Spiel und Unterhaltung miteinander zu verbinden, was den Macher*innen von Serious Games schwerfällt. Grund dafür ist meist nicht der fehlende Wille sondern die fehlenden finanziellen Mittel. Ich kann mich noch gut an ein Gespräch mit Linda Kruse von TheGoodEvil erinnern, in dem sie mir erzählte, dass Auftraggeber – meist werden Serious Games in Auftrag gegeben – häufig Beides erwarten: Ein gutes Spiel, das zusätzlich noch die Idee ansprechend transportiert. Nur nicht so viel Geld soll es kosten. Dazu sollen dann noch Materialien erstellt werden, die das Spiel pädagogisch begleiten. Übrigens: Ein Besuch der Projektseite von TheGoodEvil lohnt sichübrigens! Wenn ich die (geschätzten) Produktionskosten eines Spieles wie „Thunderbird Strike“ (geschätzt ca. 20.000 Dollar) mit denen eines „einfachen“ Spieles wie Braid (200.00 Dollar in der Übersicht) vergleiche, dann prallen Welten aufeinander.

Nun, und das zum Schluss, steht ja der die Vergabe des Deutschen Entwicklerpreises an. Der Deutsche Entwicklerpreis ist die wichtigste Auszeichnung für herausragende Leistungen bei der Entwicklung von Videospielen aus den drei deutschsprachigen Ländern. Inspiriert von den Snowden-Enthüllungen haben die Entwickler*innen des Osmotic Studies mit „Orwell“ ein Spiel ins Rennen geschickt, das durchaus zu den Gewinnern zählen kann. Nominiert ist das Spiel in den Kategorien Beste Story, Bestes deutsches Spiel, Bestes Game Design, Bestes Indie Game. Auch wenn das Spiel selber leider nur in englischer Sprache erschienen ist, ich wünsche den Macher*innen viel Glück. Spiel, Spass und Spannung kann auch ein ernstes Thema transoprtieren.

Der digitalisierte Mensch, die mediale Welt und die reformatorische Freiheit

So lautete der Titel der einer Tagung der Karl-Heim-Gesellschaft, an der ich am letzten Wochenende teilgenommen habe. Bei dieser Gesellschaft handelt es sich um einen Verein, der in der Tradition des protestantischen Theologen Karl Heim. Sein Anliegen war es, sich „einer religiösen „Lebensanschauung“, der ein naturwissenschaftliches zeitgemäßes „Weltbild“ zugrundeliegt.“ (Wikipedia) zu widmen. Ein, wie ich finde, interessanter Aspekt. In den Grundsätzen der Stiftung, und das war für mich ein Hauptmotiv, diese Tagung zu besuchen, ist zu lesen:

Der Schöpfungsauftrag (1. Mose 1,28) setzt den Menschen in die Haushalterschaft über das Geschaffene ein. Dies schließt den Auftrag zur verantwortlichen wissenschaftlich-technischen Lebensbewältigung ein.

Ich reiset also nach Bad Urach in der Erwartung, dass sich die Veranstaltung in Bezug auf den „digitalisierten Mensch“ mit Wissenschaft, Technik und theologischen Fragestellungen beschäftigt. Ich sollte (fast) enttäuscht werden.

Im lebendigen Einführungsvortrag von Dr. Christian Herrmann, dem „Hüter der alten Handschriften“ an der Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, ging es um die Zeit rund um Luther, um die Nutzung der damals neuen Informationstechnologie des Buchdrucks, um die sozialen Netzwerke, in denen Postings noch Flugschriften hießen. Wie erfuhren einiges über die Entwicklungen im Druckereigewerbe, über die Verbreitung der Schriften – heute würde man sie „Raubdrucke“ nennen – und über eine Art Fanplakate, die in Form von gedruckten Grafiken verkauft wurden.

Das interessanteste an dem Vortrag war aber der Hinweis darauf, dass mit der Drucktechnik un der damit verbundenen Verbreitung von Büchern und Schriften auch Fragen auftauchten, die auch heute aktuell sind: „Wie gehe ich mit der Flut von Informationen um, die dazu zum Teil widersprüchlich oder Fake-News sind?“

Der zweite Tag begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Elke Hemminger, Soziologin an der Evangelische Hochschule Rheinland-Westfahlen-Lippe, die uns zuerst einen Schnellkurs in empirischer Sozialforschung und die Arbeitsweise der Soziologie einführte, um uns dann aufzuzeigen, wie Menschen heute virtuelle Umgebungen (Foren, Computerspiele, Chats etc.) als Teil ihrer Lebenswelt nutzen. Die gemeinsame Nutzung solcher Räume lasse eine „geteilte Wirklichkeit“ entstehen. Geteilt werden dabei verschiedene Aspekte wie z.B. sozialer Status (beispielsweise die iPeople = Community der Apple Nutzer*innen), wobei die damit verbundene Botschaft das Produkt in den Hintergrund treten lassen kann.  Einen Punkt sprach sie dann noch an, der damit verbunden ist und der auch in meiner Weltsicht eine wesentliche Rolle spielt: Die (nicht nur) mit der Digitalisierung verbundene Auflösung „kleinräumlicher Strukturen“ hin zu einer umfassenderen, aber auch schwieriger zu begreifenden, Lebenswelt.

Als Soziologe hat mich das natürlich nicht ganz so mitgerissen, war es doch für mich nix Neues. Wobei auch ich gerne meine Überlegungen bestätigt sehe!

Ein wesentliches Highlight sollte dann für mich der Vortrag von Prof. Johanna Haberer, Professorin für Christliche Publizistik an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, werden. Ich hatte ja schon zweimal das Vergnügen, mit ihr zuammenzutreffen, allerdings war nie wirklich Zeit, um einmal länger miteinander sprechen zu können. Leider hatte sie kurzfristig abgesagt, so dass wir lediglich ein Audiomitschnitt eines Vortrages hören konnten.

Das bemerkenswerteste an der sich daran anschließenden Diskussion war, dass sie sich nicht um den Vortrag drehte, sondern um die Frage, ob ein Roboter einen Segen erteilen kann. Ich muss gestehen, die Diskussion war für mich eine Zumutung. Ich notierte mir „Die Hüter des wahren Glaubens kämpfen“. Diskurs kann ich das Erlebte nicht nennen.

Der dritte Tag war dann noch ein angenehmer Abschluss. Mit „Die Kirchen und die neuen Medien“ gab Pfarrer Jürgen Kaiser, Geschäftsführer des Evangelichen Medienhauses in Stuttgart, einen Einblick in das – ich nenne es mal – „Botschaften-Vermarktungskonzept“, das die Grundlage der Kommunikationsstrategie des Medienhauses ist. Neben den klassischen Bestandteilen „Aufsehen erregen, negative Publicity ist immer noch besser als gar keine (Beispiel: Seitenbacher Werbung)“, „für Überraschungsmomente sorgen (Beispiel: Cola Werbung)“ waren die Hinweise auf eigens erstellte Medien. Das Verkündigungsformat „Dieser Weg” betrachtet beispielsweise Fragestellungen im alltäglichen Leben und wie man mit diesen umgeht (Beispiel: LebensLauf). Beachtenswert auch die AndachtsApp, die bereits von über 12.000 Menschenheruntergeladen wurde.

All die netten und teilweise interessanten Vorträge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Thema (mein Lehrer hätte „Thema verfehlt“ geschrieben) und die damit zusammenhängenden Fragen nicht annähernd im Mittelpunkt standen. Es hätte auch eine Veranstaltung einer Werbeagentur sein können.

Beitragsbild: Pixabay