Archiv für den Monat: Mai 2017

In Zeiten des Hasses ist Liebe eine Revolution

Letzte Woche hatte ich in meinem Blogbeitrag ja bereits geschrieben, wie mich die Überwältigung erwischt hat. Heute nun inhaltlich zu dem, was ich im Rahmen der re:publica erleben durfte. Ich habe das jetzt mal chronoligisch sortiert nach Sessions sortiert, die ich besucht habe (oder bei denen ich gehindert wurde). Damit das Ganze aber nicht so bruchstückhaft rüberkommt, der Versuch einer Einordnung.

Ich fuhr zur re:publica, um einmal die Stimmung einzufangen, mich mit Leuten zu unterhalten und mich von Inputs inspirieren zu lassen. Dabei spielte das Thema „Manipulation“ für mich ein großes Thema, denn das ist aus meiner Sicht der Hintergrund der Debatte um „Fake-News“, „Social-Bots“ und dem „ehernen Journalismus“, der Fakten und Qualität verspricht.

Ein zweites Thema war die Frage der Grundrechte. Ich hatte mich ja bereits zur Charta geäußert und wollte nun einmal hören, was aus der ganzen Diskussion der letzten Monate geworden ist. Ich wünschte mir also eine Zusammenfassung, markierte aber in meiner Planung, dass ich auch die Sessions „Diskussion der Charta“ und „wie weiter mit der Charta“ besuchen wollte.

Das Sahnehäubchen war dann das Angebot, das für mich nicht unter einem bestimmten Interesse stand.

Ich habe die Titel der verschiedenen Sessions mal den drei Bereichen zugeordnet und bunt eingefärbt. Zum Thema Manipulation = rot, Grundrechte = grün, die Sahnehäubchen = pink. Unter den jeweiligen Veranstaltungen dann eine kurze Kommentierung, wenn vorhanden, dann mit dem zur Verfügung stehenden Session-Video. Wer Lust und Zeit hat, kann ja mal reinschauen, es lohnt sich!

Montag

12:15 – 12:45 Lobby-Schlacht um Brüssel: Ende mit Tracken oder Tracken ohne Ende? (Ingo Dachwitz) https://www.youtube.com/watch?v=l5SwOS5lXTc Ingo Dachwitz erläuterte die Hintergründe der ePrivacy-Verordnung. Erfrischend, kompetent, aber leider zum Ende hin zu knapp. Ich werde mal ein Interview mit ihm organisieren, denn das ist schon eine der zentralen Grundrechtsfragen.

12:45 – 13:15 Make life easy (again)!? Was wollen wir uns von Technologie abnehmen lassen und zu welchem Preis? (Jan Möller, Martin Schallbruch) https://www.youtube.com/watch?v=If7PjzJq7Oo Auf jeden Fall brachten beide mich gut zum Nachdenken. Es geht letzten Endes um die Auseinandersetzung, welche Verantwortung wir Menschen für unser (teils unreflektiertes) Handeln und welche Verantwortung die Anbieter von Technik und Dienstleistungen haben. Sie haben das ganz gut als Zwiegespräch organisiert, in dem beide unterschiedliche Haltungen zeigen.

13:30 – 14:00 Die Lehren von der Reformation bis zur Aufklärung für das Netz von heute (Johanna Haberer, Kai Schächtele) https://www.youtube.com/watch?v=gZIX7HOvOPM Ich hatte ja schon mit Johanna Haberer eine Veranstaltung für Landtagsabgeordnete und ihre Mitarbeiter*innen in Mainz, in der wir beide als Referent*in auftraten, ich habe sie auf dem Medienkonzil gehört und ihr Buch „Digitale Theologie“ gelesen und mit Kolleg*innen besprchen, von daher erwartete ich nichts Neues, wollte aber eine „Auffrischung“. Die mediale Prägung unseres Denken und Handeln kam nochmal schön zum Ausdruck. Nochmal Haberer deutlich aus christlicher Perspektive, die ich teile: Es hat jeder nicht nur das Recht, sich in den Diskurs um das Zusammenleben einzubringen, mit der „Demokratisierung der Kommunikation“ ist auch eine Verantwortung verbunden. Die Verantwortung eine Haltung einzunehmen. Es braucht aber auch eine Ethik der Kommunikation!

14:00 – 14:30 WTF – Katholische Kirche will Netzpolitik mitgestalten?! (Kristin Narr, Saskia Esken, Andreas Büsch) ab 32:12 https://www.youtube.com/watch?v=gja6Ce8_UsE Andreas Büsch, mit dem ich ja ab und zu das Vergnügen des gemeinsamen Kaffeetalks habe (unsere Büros sind 10 Minuten voneinander entfernt), stellte das lesenswerte Papier „Medienbildung und Teilhabegerechtigkeit“ vor, das von Saskia Esken wohlwollend rezensiert wurde. Sie ging dabei nicht auf alle Punkte des Papiers ein, würdigt erst einmal, dass die Kirche sich hier engagiert zeigt, dass sie als Glaubensgemeinschaft sich mit dem gesellschaftlichem Wandel und den Auswirkungen auf unser Gesellschaft beschäftigt und dabei auch die eigenen Hausaufgaben benennt.

16:00 – 17:00 Netzgemeindefest (Ingo Dachwitz) (kein Video) Ein Treffen von netzaffinen Leuten aus „der Kirche“. Christ*innen, aus welchen Bereichen auch immer, die gemeinsam ins Gespräch kamen. Jede*r sollte sich Leute suchen, die nicht schon zu den Bekannten gehörten. Das war ein sehr lebendiger Austausch, leider unter keinen so guten räumlichen Bedingungen. Die offene Sitzgruppe waren nicht auf Kommunikation in größeren Gruppen angelegt, dazu waren die Umgebungsgeräusche zu laut. Aber für einen ersten Austausch in der Runde war es ok. Unter den Twitter-Hashtag #DigitaleKirche zeigten wir schon mal das Interesse, gemeinsam weiter am Austausch über das Thema „Digitalisierung aus unterschiedlichen Blickwinkeln“ zu bleiben. Vielleicht gibt es ja auch bald ein bundesweites Treffen? Hier ist für die Evangelische Kirche die EKD gefragt.

In kleiner Runde erschien uns das Format des Barcamps als ziemlich geeignet, um eben den unterschiedlichen Themen, Fragestellungen und Herausforderungen einen Platz geben zu können.

17:15 – 18:15 Werden Wahlen im Netz entschieden? (Prof. Dr. Birgit Stark, Julius van de Laar, Dr. Ursula Weidenfeld, Robert Heinrich, Martin Hoffmann, Tobias Nehren) https://www.youtube.com/watch?v=qVSyzfp_aR8 Martin Hoffmann erklärt zu Beginn, was Bots sind, dass sie gut oder böse sein können und wie sie sich unterscheiden. Was sie zumindest können? Trends setzen, Diskurse unmöglich machen, sie können Propaganda machen und – zentral – sie können den Eindruck erwecken, dass da ganz viele Leute beispielsweise hinter einer Meinung stehen. Über deren Wirkung wissen wir aber wenig, denn es gibt kaum qualitative Forschung darüber. Die Diskussionsteilnehmer*innen tauschen sich dann auch über die Eingangsfrage aus, mit unterschiedlichen Ansichten.

18:30 – 19:00 Hacking Karlsruhe: Klagen für die Freiheit (Ulf Buermeyer, Nora Markard) https://www.youtube.com/watch?v=xuo95Yr9aZM Beide stellen den Verein „Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V. (GFF)“ vor und erläutern, wie sie auf rechtlicher Ebene für Freiheitsrechte eintreten. Unterstützer*innen sind gerne gesehen. Machen ja auch einen wichtigen Job.

TAG 2

10:00 – 11:00 Anonymous.Kollektiv & Migrantenschreck: Warum wir bei Rechten geklingelt haben (Kai Biermann, Simon Hurtz, Karolin Schwarz, Max Hoppenstedt, Günther Strauß) https://www.youtube.com/watch?v=3r9rbHWbIW4 (ab Minute 5:55) Da gab es doch tatsächlich auf einer Internetseite ein Waffenangebot aus Ungarn, das dazu beitragen sollte, sich in der „Flüchtlingsfrage“ ein wenig sicherer zu fühlen. Kai Biermann hat die Kund*innen besucht. Eine nette Erzählung. Simon Hurtz war mit dabei und berichtet hier in einem Interview. Als Gegenbewegung gegen Hetze und Falschmeldungen/ Fake-News verstehen sich Günther Strauß und Karolin Schwarz. Sie initiierte die Seite www.hoaxmap.org und hat sich damit auf die Seite derer positioniert, die Fake-News mit Richtigstellungen begegnen, die „Watchseitenbewegung“ – hauptsächlich auf Facebook unterwegs – kümmert sich mit gleicher Intention (Aufklärung) um ein breites Themenspektrum und dort beobachtbare Unwahrheiten.

11:15 – 12:15 #DigitalCharta – Brauchen wir Grundrechte für das digitale Zeitalter? (Johnny Haeusler, Heinrich Wefing, Christoph Kucklick, Jeanette Hofmann, Daniel Opper, Jan Philipp Albrecht) https://www.youtube.com/watch?v=GHBND8OUeyw Ich dachte ja, es gäbe etwas Neues. Fehlanzeige. Christoph Kucklick, Chefredakteur der Zeitschrift GEO war als einziger auf der Bühne, der sich an der Charta nicht beteiligte und seine Kritik ab Minute 16 erläutert. Der Verlauf der Debatte spricht für sich.

12:30 – 13:30 „Lügenpresse™“ meets Hydraulikpresse: Eine Gameshow über Fake News (Max Hoppenstedt, Theresa Locker) (kein Video) Einfach ein nettes Quiz, in dem es galt, Meldungen als „Irreführend“ oder „Falsch“ zu bestimmen.

13:45 – 14:45 Die Hälfte aller Spieler ist weiblich. Doch wie vielfältig ist die deutsche Spieleindustrie? (Sabine Hahn) (kein Video)

15:00 – 16:00 Will there be a shared vineyard in the smart city? (Bettina Ludolf, Ralf Lamberti) (kein Video) Eine Veranstaltung der Daimler AG, in der beide ein städtisches Zukunftsszenario (Mobilität) vorstellten. Ein eigenes Thema, das ich bald in einem eigenen Blogbeitrag beleuchten werde.

16:45 – 17:15 Die Anachronistin – mehr als nur Geschichte (Nora Hespers) (kein Video) Bemerkenswert. Da hört die Enkelin eines Widerstandskämpfers gegen den NS Staat seine Geschichte und fängt an zu recherchieren. Sie macht daraus einen Blog und einen Podcast. Toll!

17:30 – 18:00 Die Emanzipation der Gutmenschen (Kübra Gümüşay) ab 7:34:40! Einfach nur sehenswert. Prädikat „besonders wertvoll“!

TAG 3

10:00 – 11:00 Leider zu spät angemeldet: Feinstaubsensor basteln – der einfache Bausatz, Daten messen und zeigen (Frank Riedel, Jan Lutz)

10:00 – 10:30 Macht Algorithmus Staat (Mike Weber) https://www.youtube.com/watch?v=8A1hQGRaj2k

10:30 – 11:00 Der Source Code der AfD (Katharina Nocun) https://www.youtube.com/watch?v=ttAjkEu-CYE Gut anzusehen, geht auch schön runter wie Öl, mir aber doch etwas (methodisch) zu billiges „bashing“. Das ist mal einen eigenen Blogartikel wert, gerade wenn es darum geht, Menschen die anders sind, zu verstehen. Das hier trägt dazu nicht bei.

11:15 – 12:15 (leider zu voll!) Das Auge liest mit: Multimediales Storytelling ohne Code und Kohle (Daniela Späth, Michel Penke)

12:30 – 13:30 Hands-on Verifikation: Social-Media-Inhalte überprüfen (Fiete Stegers, Wolfgang Wichmann) (kein Video) Super! Ein toller Workshop, der Lust gemacht hat, einfach mal was methodisch auszuprobieren. Das werde ich auf jeden Fall mal als Veranstaltung anbieten. Nicht für Menschen aus der Öffentlichkeitsarbeit, die sollten das schon können. Für Menschen, die ein Interesse daran haben, wie Menschen Meldungen/Bilder verifizieren können. Von Hand!

13:45 – 14:45 Etwas Empirie: Was wir wirklich über Filterblasen, Fake-News und die digitale Öffentlichkeit wissen (Konrad Lischka, Christian Stöcker) ab 3:50:08 https://www.youtube.com/watch?v=VXB0zhaCiN0

16:45 – 17:15 Loving Mondays since 1817 (Jörn Hendrik Ast) https://www.youtube.com/watch?v=4CCcAUM8zoM

17:30 – 18:30 Leider ausgefallen: Glück und Geld: Zeichne dein Leben – mit Marina Weisband (Jana Gioia Baurmann, Marina Weisband , Jens Tönnesmann)

Somit endete für mich die re:publica mit interessanten Inputs, anregenden Gesprächen und Ideen für zukünftige Projekte und Themen. Auf jeden Fall ist das Thema „Kommunikation“ bei mir ganz oben auf der ToDo-Liste. Als Mitarbeiter der Kirche sehen ich mich auch in der Rolle, meine Haltung nach außen darzustellen, als christ, als Mensch. Denn eines haben mir die Sessions und Gespräche der re:publica 2017 auch gezeigt. Wir sind keine Opfer einer Kommunikationsindustrie, eines Staates. Wir sind handelnde Menschen, die ihre Handlungsspielräume in gesellschaftlichen Diskursprozessen bestimmen. Die das Miteinander, das sich nicht „automatisch“ regelt, aushandeln.

Wichtig auch die Trennung von Mensch als Mensch und die Meinung, die jemand vertritt. Der Mensch ist mehr als seine Meinung.

In Zeiten des Hasses ist Liebe eine Revolution, schrieb Edward Snowden. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!