Archiv für den Monat: April 2017

Süchtig nach Medien?

Manchmal steigt mein Blutdruck und der Ärger. In der Regel verursacht durch Meldungen, die durch ihre reißerische Aufmachung auf etwas aufmerksam machen wollen, das dann doch „milder“ als die Aufmachung ausfällt. Meist trifft das auf Meldungen zu, die in (uns allen Bekannten) Tageszeitungen oder Magazinen erscheinen. Manchmal trifft es aber auch meine eigene Organisation, die Evangelische Kirche. So auch diese Woche.

Meine Aufmerksamkeit erregte ein Twitter-Feed, in dem „die EKHN“ twitterte, dass mindestens 500.000 Menschen von Internetsucht betroffen sind. In diesem Feed war wiederum ein Link zur Homepage der EKHN, auf dem das entsprechende Thema unter der Überschrift „Klick-klick-klick – Internetsucht könnte bald als Krankheit anerkannt sein“ erörtert wird. Unter der Überschrift dann ein Anreißtext, in dem wiederum steht „Mindestens eine halbe Million Menschen in Deutschland sind von Internetsucht betroffen.“ Kein „sollen von..“ oder „könnten…“. Nein. Sie sind es! Im Text selber wird dann die Quelle benannt: „Als internetabhängig gelten in Deutschland nach Angaben der Bundesdrogenbeauftragten Marlene Mortler (CSU) derzeit rund 560.000 Menschen – mit hoher Dunkelziffer.“ Im Text heißt es dann weiter „Internetsucht ist noch nicht als Krankheit anerkannt“.  Also sind in der Summe über 500.000 Menschen in Deutschland an einer Krankheit erkrankt (ja, Sucht ist eine Krankheit), die aber (noch) nicht als Krankheit anerkannt ist? Eine interessante Konstruktion.

Schaut man dann auf die Homepage der Drogenbeautragten der Bundesregierung, Frau Mortler, ist folgendes zu lesen: „Unter verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ oder „Internetsucht“ werden derzeit internetbezogene bzw. mediennutzungsbezogene Verhaltensweisen zusammengefasst. Während für den Bereich des Computerspielens weitgehende Einigkeit besteht, dass dieses Verhalten deutliche Parallelen zu einem Suchtverhalten aufweist, ist derzeit noch nicht geklärt, ob die Nutzung sozialer Netzwerke, Chatten oder die Informationssuche ebenso den Verhaltenssüchten zuzuordnen sind.“ (Quelle)

Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da werden unterschiedliche Verhaltensweisen im Umgang mit Medien unter verschiedenen Begriffen zusammengefasst und in einen Begriff gegossen: „Sucht“. Wobei ja „nur“ Parallelen festgestellt weden. Ob das auch für die Mediennutzung außerhalb von Computerspielen gilt, ist noch nicht geklärt. Leute, mit einer solchen Rumeierei hätte ich mein Diplom als Soziologe niemans bekommen! Aber es geht noch weiter. Ich habe mir die vorliegende Zusammenfassung der Studie angeschaut. Da ist dann zu lesen, dass in der Altersgruppe der 12 – 17 jährigen 5,8% eine Computerspiel- oder internetbezogene Störung aufweisen. Weibliche Jugendliche sind dabei mit 7,1 % stärker betroffen als männliche Jugendliche (4,5%). Diese Zahlen sind insofern interessant, zählen doch gerade männliche Jugendliche eher zur Gruppe der Computerspieler, weibliche eher zur Gruppe derjenigen, die viel Chatten. „Die deutlichsten Geschlechtsunterschiede bestehen in der Häufigkeit mit der männliche und weibliche 12- bis 17-jährige Jugendliche Computerspiele spielen. Jeder dritte männliche Jugendliche (36,2 %) aber nur jede neunte weibliche Jugendliche (11,3 %) spielt täglich Computerspiele.“ (Studie, S. 22) Gerade für den Bereich des Chattens liegen aber kaum nutzbare Erkenntnisse vor (siehe oben). Was dann noch folgt ist ein Feuerwerk an unterschiedlichen Begriffen. Da wird dann unterschieden zwischen Internetabhängigkeit, internetbezogene Störung, Computerspielsucht, exzessiver Internetgebrauch, problematischer Interntgebrauch und pathologischer Internetgebrauch. Fest steht: „Im aktuellen Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) wird der Begriff der Störung verwendet (American Psychiatric Association, 2013). Das DSM-5 beschränkt sich auf Probleme in Zusammenhang mit Online-Spielen (Internet Gaming Disorder).“ (Studie, S. 10) Da scheint es doch ein starkes Operationalisierungsproblem (wie was nach welchen Kriterien wohin einordnen) zu geben. Zumindest mir als Soziologen drängt sich der Verdacht auf, dass sich die Forschung da noch nicht ganz entschieden hat.

Was aber ist denn diese Internetsucht? Oder Computerspielsucht? Oder Störung.

Grundlage ist eine Bewertung des Verhaltens, dass aus der Suchtforschung für stoffgebundene Süchte stammt. Auf der Homepage von „Keine Macht den Drogen“ finden sich folgende Kriterien:

Kriterien für Internetsucht

Damit man wirklich von Internetsucht sprechen kann, müssen nach den Psychologen Hahn und Jerusalem von der Humboldt-Universität 5 Kriterien zutreffen:

  • Einengung des Verhaltensraums: Es wird über einen längeren Zeitraum der größte Teil der zur Verfügung stehenden Zeit mit Computer und Internet verbracht. Dies geht nicht nur zulasten von anderen Freizeitbeschäftigungen. Es werden auch weitere wichtige Lebensbereiche wie Familie, Freundschaften, Schule, Arbeit und sogar Essen und Körperhygiene vernachlässigt.
  • Kontrollverlust: Alle Versuche, die Computer- und Internetnutzung einzuschränken oder zu unterbrechen, scheitern. Gute Vorsätze können nicht eingehalten werden.
  • Toleranzentwicklung: Es muss zunehmend mehr Zeit im Internet verbracht werden, um die angestrebte positive Stimmungslage zu erreichen. In Extremfällen sind das täglich bis zu 12 Stunden und mehr.
  • Entzugserscheinungen: Typisch sind allgemeines Unwohlsein, Unruhe, Nervosität, Gereiztheit und Aggressivität. Es gibt abhängige Jugendliche, die die Einrichtung zerstören und ihre Eltern tätlich angreifen, wenn diese den Zugang sperren.
  • Negative soziale Konsequenzen: Soziale Kontakte werden abgebrochen, es gibt Ärger in der Schule und/oder der Arbeit und die familiären Beziehungen leiden unter der Sucht.

Diese Kriterien nach Hahn/Jerusalem (pdf-Datei) wurden für die Diagnose von, ich nenne es jetzt mal  wie der entsprechende Verband der Fachleute  „Medienabhängigkeit“, adaptiert. Dazu steht in der Studie:

„Zur Erfassung computerspiel- und internetbezogener Störungen wurde die „Compulsive Internet Use Scale“ (CIUS) eingesetzt (Meerkerk, 2007). Die CIUS besteht aus 14 Fragen, mit denen ermittelt wird, wie häufig bestimmte Probleme in Zusammenhang mit der Nutzung des Internets erlebt werden. Die Problembereiche, die die CIUS erfasst, sind Kontrollverlust (d. h. man verbringt mehr Zeit im Internet als beabsichtigt oder versucht erfolglos, das Internet weniger zu nutzen), starke Eingenommenheit (d. h. man beschäftigt sich gedanklich stark mit dem Internet oder zieht die Internetnutzung anderen Dingen vor), Entzugssymptome (d. h. man fühlt sich unruhig oder gereizt, wenn man das Internet nicht nutzen kann), um Internetnutzung zur Verbesserung der Stimmung und schließlich Konflikte durch die Internetnutzung – entweder mit anderen, mit sich selbst oder mit eigenen Aufgaben und Verpflichtungen. Die 14 Fragen werden im Interview in zufälliger Reihenfolge gestellt. Die  Antwortmöglichkeiten reichen von „nie“ über „selten“, „manchmal“ und „häufig“ bis „sehr häufig“, für die aufsteigend null bis vier Punkte vergeben werden. Der Gesamtwert der CIUS ist die Summe aller Punkte, die in den 14 Fragen erzielt werden. Theoretisch kann er null (14 mal „nie“ genannt) bis 56 Punkte (14 mal „sehr häufig“ genannt) betragen.“

Erhält man so 20-29 Punkte, wird man zu denjenigen gerechnet, die ein problematisches bis riskantes Nutzungsverhalten zeigen, ab 30 Punkte wird von einer internetbezogenen Störung ausgegangen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf die in der Studie enthaltene differenzierte Darstellung der Kennzeichen von einzelnen Personengruppen eingehen. Bevor ich zu meiner eigenen Haltung zur Thematik komme, noch einen bezeichnenden Satz aus der Studie: „Bei 5,8 % der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen und 2,8 % der 18- bis 25-jährigen Erwachsenen liegt laut CIUS vermutlich eine computersiel- bzw. internetbezogene Störung vor.“

Das Schlüsselwort, dass in mein Soziologenauge sticht ist „vermutlich“. Ich würde mir wünschen, hier wäre die Studie etwas klarer in der Benennung. Scheinbar kann sie das nicht. Auf weitere kleine Schwächen der Studie will ich hier nicht eingehen.
Eine Formulierung wie auf der EKHN Seite oder im eingangs genannten Twitter-Feed „sind von Internetsucht betroffen“ hätte sich mit einem Blick in die Studie aber hoffentlich erübrigt. Es liegt, das sei an dieser Stelle auch gesagt, nicht an der fehlenden Recherche der EKHN, die den Artikel vom Evangelischen Pressedienst übernommen hat (epd Wochenspiegel Nr.17/2017, S.21).

Zum Schluss noch ein paar Amnerkungen in eigener Sache:

Weil ich zur Frage der „Mediensucht“ immer wieder einmal als Referent angefragt werde: Ich bin kein Mediziner und kein Psychologe. Ich beobachte die Entwicklung für meine Dienststelle und bin Mitglied im Fachforum Mediensucht, in dem sich Fachleute aus den unterschiedlichen Proffessionen austauschen. Daher kann ich aus soziologischer Perspektive sozusagen einen Metablick auf die Entwicklung werfen. Dieser wiederum ist sehr differenziert. Zum Abschluss einige Thesen:

  1. Eine Krankheit, die es nicht gibt, kann nicht hieb- und stichfest diagnostiziert werden. Daher sind weitere Forschungen in diesem Bereich sinnvoll. Denn nur, weil etwas nicht klar diagnostizierbar ist, heißt nicht, dass es diese Krankheit nicht gibt. Aber bitte, um Stigmatisierungen zu verhindern: gründlich und nachprüfbar!
  2. Es gibt eindeutige Fälle, in denen die Kriterien ohne wenn und aber zutreffen. Ich persönlich kenne Menschen, die nach diesen Kriterien absolut „krank“ waren, selbst aber wieder aus dem „Strudel des Intenets“ herausgekommen sind. Und andere, die eine therapeutische Unterstützung benötigten.
  3. Es gibt Menschen, die Hilfe erwarten. Ihnen muss geholfen werden, ob sie nun „krank“ sind oder nicht. Im Fachforum Mediensucht vermitteln wir an die entsprechenden Stellen.
  4. Der Begriff der Sucht sollte präziser verwendet werden. Computerspielende Menschen, besonders Jugendliche, sind häufig Ziel von Zuschreibungen, die ihnen in keinster Weise gerecht werden. daher haben wir in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Drogenberatung ein Konzept entwickelt, dass es Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlchen ermöglicht, eine professionelle, differenzierte Haltung einzunehmen. Das tut den Profis und den Kindern und Jugendlichen gut und trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

In diesem Sinne: Vertraut nicht der Oberfläche, schaut darunter. Zumindest dann ermöglicht es einen klareren Blick aufs Ganze.

P.S. Die gleiche Studie brachte es beim Deutschlandfunk auf „nur“ 300.000 Internetsüchtige (Quelle), beim Unicum-Magazin waren es laut der gleichgen Studie „etwa 270.000“ (Quelle). Wenn du ein Interesse am Fakten-Check hast, dann versuche doch einmal herauszufinden, wieviel Menschen denn 5,8 % der 12 – 17 jährigen im Jahr 2015 (Jahr der Befragung) faktisch waren. Wer die tatsächliche Zahl herausfindet, kann sie gerne hier in die Kommentare schreiben.

Ein Blick nach China

Am Montag landete ich nach 10 Tagen Peking wieder in Frankfurt, vollgepackt mit Eindrücken, die natürlich nicht einen Eindruck von China widerspiegeln können, da ich mich ausschließlich in Peking aufhielt. Daher nur ein Blick in den  „Mittelpunkt des Reichs der Mitte“. Mein medial vermitteltes Bild von Peking war geprägt von den Bildern der Luftverschmutzung und der historischen Anlagen. Den Platz des himmlichen Friedens nicht vergessen, der in politischen Auseinandersetzungen immer wieder eine Rolle spielte.

Eines vorweg: Die Luft ist wirklich nicht die Beste, am manchen Tagen ist die Belastung mit Feinstaub der Kategorie 2,5 so hoch, dass ich ein 100 Meter entferntes Gebäude nicht mehr deutlich sehen konnte. Aber, auch das gehört dazu, an manchen Tagen war die Luft so klar und ohne nennenswerte Feinstaubbelastung, dass ich kilometerweit klar sehen konnte. Die Hauptursache scheint die Luftbelastung durch die Industrieanlagen und Kraftwerke zu sein, denn es gibt deutliche Unterschiede, je nach Windrichtung. Im Süden von Peking liegen viele dieser Anlagen, nördlich hingegen nur wenige. Dementsprecend war die Belastung bei Südwind besonders hoch. Die Werte innerhalb der 10 Tage lagen in Peking so zwischen 54 und knapp über 300 µg/m³. In Europa gilt ab dem Jahr 2008 der Zielwert von 25  µg/m³ im Jahresmittel. Für das Jahr 2020 ist ein vorläufiger Zielwert von 20 µg/m³ als Jahresmittelwert vorgesehen. In Hessen sind aktuelle Werte hier aufgeführt.  Wen das Thema näher interessiert, Infos gibt es beim Bundesumweltamt. Insgesamt, so meine subjektive Wahrnehmung, tragen nicht sehr viele Leute eine Schutzmaske, ich schätze den Anteil auf <5%. (Das Bild zeigt ein Vergleich an unterschiedlichen Tagen bei ungefähr gleicher Entfernung und unterschiedlicher Blickrichtung).

Das zweite auffällige war die öffentliche Nutzung von Smartphones! In der U-Bahn ist die Nutzung sicherlich bei  über 90%. Fast alle schauen Filme, chatten über Messengerdienste, lesen Nachrichten oder schauen und versenden Fotos. Also fast so wie bei uns, nur eben noch extremer. Die Selfiekultur ist in China auch sehr ausgeprägt, und das nicht nur bei den jungen Leuten, um das mal anzumerken! Übrigens: Wer hier in Deutschland immer mal über Smartphone-Zombies ablästert, der sollte wirklich mal einen Blick nach Peking werfen, da macht das eher einen Sinn, obwohl ich auch dort niemanden gegen eine Laterne, Auto oder Menschen habe laufen sehen. Einmal, aber wirklich nur einmal, habe ich ausweichen müssen. Wenn hier also von Smombies gesprochen wird, dann ist das in meinen Augen eine mediale Inszenierung! Roberto Simanowski hat in der Neuen Züricher Zeitung über seine Überlegungen einen lesenswerten Artikel geschrieben. Er wirft interessante Fragen auf:

„Die «Smombies», so die Kurzform für die «Smartphone-Zombies», sind nicht Untote, die zurückkamen, sondern Abwesende, die ihre Körper zurückliessen. Ist es dies, was uns ärgert (falls es uns ärgert), wenn wir ringsum Menschen in ihre Geräte versunken sehen? Sind wir enttäuscht, dass sie sich so radikal einer Begegnung mit uns entziehen? Hofften wir wirklich auf Gesprächspartner? Oder verstimmt uns nur, mit welcher Frechheit erwartet wird, dass wir aus dem Weg gehen?“

Die Nutzung der Smartphones als digitale Geldbörse „mobile Wallet“ genannt, ist in Peking häufig anzutreffen. Dabei gibt es verschiedene Systeme, die – so meine begrenzten Recherchen – von verschiedenen Unternehmen angeboten werden, aber nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Die Kundin/ der Kunde erfährt den Zahlbetrag, gibt ihn in eine App ein und drückt, nachdem sie/er einen QR-Code des Geschäftes gescannt hat, auf „Senden“. Fertig. Die Sendebestätigung erscheint auf dem Smartphone. Zeigen. Fertig. Oder die Zahlung wird durch ein Lesegerät erfasst. Das funktioniert im Fastfoodschuppen, beim Bäcker, beim „Tante Emma“ Laden und anderswo.

Die häufigste Nutzung des Smartphones als Dienstvermittler ist mir aber beim Fahradverleih begegnet. Überall in Peking stehen Mietfahrräder. Diese sind (bis auf einen Anbieter) nicht an Stationen gebunden, sondern stehen wirklich nur einfach rum. Dort wo die letzte Person das Rad stehen ließ. Smartphone-App starten, den QR Code scannen, bestätigen und los geht es. Nach der Benutzung einfach stehen lassen, erneut scannen – fertig. Die Dauer Nutzung wird registriert und abgerechnet.    „Bike-Sharing on-demand“ wird das in der Fachsprache genannt.Die größten Anbieter sind nach meinen Beobachtungen Ofo und Mobike. Das bestätigt sich auch durch einen Artikel der New York Times. Eine Nutzungsstunde kostet, wenn mir die chinesischen Schriftzeichen richtig übersetzt wurden (wovon ich überzeugt bin!), umgerechnet ungefährt 0,1 Euro, also 10 Cent. Im Sinne einer zukunftstauglichen  Mobilitätsstrategie für Städte ein ernstzunehmendes Angebot, für dessen Verwirklichung die Möglichkeiten der Digitalisierung hervorragend genutzt weden können. Zu beobachten sind auch, ganz anders als bei uns, viele eBikes, eMofas, eMotorroller und eKlein-PKW’s. Benzinkutschen auf zwei Rädern habe ich in Peking selten gesehen. Wie ich finde auch für unsere Städte eine wünschenswerte Alternative zum Verbrennungsmotor, wenn der Strom aus nachhaltiger Produktion stammt.

Ich würde es mir wünschen!

Die Digitalisierung meines Alltags – Teil 2

Und wieder einmal ist es soweit. Da ich heute, Freitag 7.4. nach Bejing/China fliege, schreibe ich den Artikel schon einmal vor. Ich finde das eine schöne Möglichkeit. Da setze ich einen digitalen Zeitstempel und schwupps, wird der Artikel dann veröffentlicht. Wenns klappt. Denn die erstem Male musste sich probieren, wie ich die Einstellungen treffen muss, dass mein als „Entwurf“ gespeicherter Artikel freigegeben wird. Garnicht. Mit Entwürfen geht das wohl nicht, erst müssen sie als Beitrag abgespeichert werden, dann geht das. Mit einer Stunde Unterschied, denn die Zeitrechnung von WordPress scheint auch eine kleine Verschiebung zu beinhalten. Stelle ich 13 Uhr ein, veröffentlicht WordPress mit einer Stunde Abweichung.

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#DigitaleKirche

Als Referent für Digitale Welt werde ich natürlich öfter gefragt, was ich denn so mache. Nun, in Grunde besteht meine Kerntätigkeit erstmal darin zu beobachten, wo und wie die Digitalisierung unsere Gesellschaft insgesammt verändert. Die Beobachtungen fließen dann natürlich in Beratungen ein, wenn jemand die Expertise abruft. Da ich als ausgebildeter Soziologe aber mit einem Hang zur Übertragung in die Lebenswelt ausgestattet bi, frage ich mich auch immer, was nun mit diesen Erkenntnissen geschehen soll. Da fallen mir gleich mehrere Sachen ein:

Erstmal gilt es, ganz im reformatorischen Sinne, die Erkenntnisse mit anderen Menschen zu teilen und festzustellen, ob und wie andere Personen die Veränderungen in der Gesellschaft wahrnehmen. Denn eines dürfte klar sein: Ich habe keine Wahrheit, keine Gewissheit und keine Rezepte. Daher entwickeln sich Haltungen, um die es mir geht, immer im Dialog. MIt Menschen, die dialogbereit sind und ihren Teil beitragen möchten. Wobei ich immer wieder feststelle, dass jedeR einen Beitrag liefern kann, wenn sie/er sie Aufgen und Ohren offen hat. Das Streitgespräch, wenn verschiedene Menschen miteinander unterschiedliche – auch widersprüchliche – Ansichten diskutieren, ist für mich bisher die ergiebigste Methode, mich weiterzuentwickeln.

Mir ist ein Austausch mit Menschen aus der Wissenschaft wichtig, die in anderen Disziplinen unterwegs sind. Hierbei, das merke ich immer wieder, ergänzen und verändern sich meine Bilder, meine Haltungen. Oder werden bestärkt und erfahren so eine zusätzliche Stabilität. Ohne zur Wahrheit zu weden!

Phantasien spielen lassen. Ich bin ja kein gebürtiger Soziologe, sondern komme ursprünglich aus einem (fast) klassischen Arbeiterhaushalt. Nach meiner Ausbildung zum Schlosser und meiner betrieblichen und gewerkschaftlichen Tätigkeit,  entdeckte ich meine Berufung zum Soziologen. Die Publikation „Soziologische Phantasie und Exemplarisches Lernen“ von Oskar Negt tat es mir dann auch in den 1970er Jahren an und daraus resultiert sich bis heute auch mein Verständnis von Bildungsprozessen: Sie müssen an der Erfahrung orientiert sein, die – mit soziologischen Erkenntnissen – über die individuelle Erfahrung hinaus die gesellschaftlichen Widersprüche thematisieren sollen. Denn eines ist für mich immer präsent: Die gesellschaftluchen Entwicklungen sind widersprüchlich.

Wenn ich mir nun die Entwicklung der Gesellschaft und die innerkirchlichen Diskussionen anschaue, dann tritt diese Widersprüchlichkeit immer wieder deutlich zu Tage. Ich habe 2012 für die Fachkonferenz des Dezernates 1 der EKHN einmal eine Fortbildung zum Thema „Kirche & Kommunikation 2025“ organisiert (PREZI). Im Rahmen der Veranstaltung wurde deutlich, dass sich zwei Haltungen fast diametral gegenüberstehen:

A.) Wir können und müssen die Chancen digitaler Kommunikation nutzen. Antje Schrupp hat das an dem Tag wunderbar präziese auf den Punkt gebracht (PREZI). Die zweite Haltung

B.) „Ich bin zu alt – ich will nicht!“ bis hin zu „Wir müssen digitalfreie Räume anbieten und verteidigen!“. Eine dritte Haltung, die sich dazwischeneingefunden hätte, war kaum zu entdecken. So erscheint es mir heute, fünf Jahre später, auch noch zu sein. Raoul Löbbert hat das, wie ich finde, schön auf den Punkt gebracht (jpg). Aber die Entwicklung ist, sehr zu meiner Freude, nicht stehengeblieben. Die Jungdelegierten der EKD-Synode (Blog) haben das Thema auf das Tablet der EKD-Synode 2014 gehoben. Ihr folgte 2015 das Medienkonzil in Nürnberg. Seitdem sind einige Landeskrichen aktiver in die Thematik eingestiegen. Die EKHN hat nicht nur Handlungsempfehlungen herausgegeben (Übersicht), sondern  hat auch im Jahr 2016 erstmals einen „Social-Media-Tag“ veranstaltet. Inzwischen konnte ich bereits zweimal an einer Veranstaltung der EKiR teilnehmen, die in ihrer Reihe zur digitalen Nachhaltigkeit verschiedenste Angebote macht (siehe meinen letzten Beitrag) .

In Schwung gekommen ist die Diskussion nun weiter durch einen Artikel in der ZEIT, in dem Hannes Leitlein, Redakteur bei Christ&Welt (Extraseiten der ZEIT) die Haltung „der Evangelischen Kirche“ zur Digitalisierung kritisiert (Artikel).

Er plädiert für einen Haltungswechsel. Es geht darum anzuerkennen, dass sich die Gesellschaft verändert hat und sich damit auch die Kirche als Organisation verändern muss. Grundsätzlich geben ich ihm in weiten Teilen Recht, habe aber auch einige Anmerkungen, die ich in meinem nächsten Beitrag erläutern werde.

Inzwischen haben sich auch verschiedene Akteure aus der Kirche geäußert. So haben die Jungdelegierten einen Beitrag zur Debatte veröffentlicht und unter dem Hashtag kann eine kleine Diskussion verfolgt und mitgestaltet werden. Eine Kommentierung des Artikels findet sich auch auf einem Blog, der von einem Vikar und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Evangelisch-Theologische Fakultät an der LMU München verantwortet wird. Leider nicht mit einem responsiven Design, aber das begegnet mit ja im kirchlichen Bereich öfter.

Ein Ideensammel-Pad wurde in der Zwischenzeit ebenfalls eingerichtet. Es ist hier aufrufbar.

Ansonsten lohnt es sich immer wieder in den Tiefen des WWW zu schürfen, es gibt viele interessante Seiten zum Thema. Leider, leider, leider, gibt es keinen strukturierten Austausch der Akteure, aber was noch nicht ist, kann ja noch werden!

Ich liste hier nur einige wenige Blogs auf, die ich interessant finde. Ergänzungen gerne in die Kommentare. Natürlich sind auch inhaltliche Beiträge in den Kommentaren ausdrücklich erwünscht!

Pfarrer Christoph Breit, Projektstelle Social Media und Networkmanagment (hier)
Ralf Peter Reimann, Pastor und Diplom-Informatiker, Internetbeauftragter der Evangelischen Kirche im Rheinland (hier)
Blog des Archivs der Evangelischen Kirche im Rheinland (hier)
Philipp Greifenstein, Student (hier)
Austauschplattform www.theologiestudierende.de (hier)
Antje Schrupp, Journalistin & Politikwissenschaftlerin, Evangelisches Frankfurt (hier)
www.evangelisch.de/blogs/altpapier (hier)