Archiv für den Monat: März 2017

Digitale Souveränität – Offene Daten, freie Lizenzen

„Offenen Daten, freie Lizenzen“ war der Titel einer Tagung am vergangenem Mittwoch in Köln. Veranstaltet wurde sie im Rahmen des Reformationsjubiläums von der Evangelischen Kirche im Rheinland. Annerkennend, dass sich eine Landeskirche so diesen Themas der Digitalisierung annimmt und verschiedene Facetten beleuchtet. Wir in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau tun dies mit unseren Social-Media-Tagen (Infos 2016) in einer ähnlichen Weise. Auch für dieses Jahr wird gerade für den September ein Fachtag geplant.

Worum ging es also: Als erstes wurde von Prof. Dr. Andreas Mühling, Honorarprofessor für evangelische Kirchengeschichte an der Uni Trier die Reformation auch als mediales Ereignis dargestellt. Ohne mediale Verbreitungswege keine Reformation. Der Buchdruck alleine war es aber nicht, der die Reformation vorantrieb. Hinter dem Buchdruck verbargen sich auch wirtschaftliche und politische Interessen, denn kaum ein Drucker druckte aus Vergnügen. So wurden die Schriften entweder gesponsert (heute möglicherweise eine Art Crowdfunding?) oder es konnte damit Geld verdient werden. Andreas Mühling räumte damit ein wenig mit der romantischen Vorstellung auf, die Verbreitung wäre alleine aus Glaubensgründen – für die gute Sache – erfolgt. Was mich persönlich aber noch mehr an seinem Vortrag begeisterte war, dass er die Reformation als dialogischen Prozess versteht. Da ist also nicht ein Typ (Luther), der mal so ein paar Texte hinhaut, vielleicht einen Zettel an die Tür nagelt und dann springt der Bewegungsmotor an. Nein, es war ein langer, eben meist medial vermittelter Prozess, denn die Diskusionen liefen über Briefe und Besuche, Gespräche und Flugschriften, Bücher und Debatten in verschiedenen Zentren des deutschsprachigen Raumes. Im Blick auf unsere heutigen Medienlandschaft unvorstellbar. Für die damalige Zeit natürlich auch hauptsächlich eine Debatte unter Menschen mit einem hohen Bildungsstand, denn der Großteil der Bevölkerung konnte nicht lesen. Die Reformation war keine Verkündigung einer Glaubenslehre, sondern eine diskursive Auseinandersetzung. Luther stellte seinen 95 Thesen dann auch folgenden Satz voraus:

„Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.“ (Quelle)

Viele der Aussagen wünsche ich mir auch für unsere heutige Diskussionskultur! Ergründung der Wahrheit, gemeinsame Suche nach Antworten. Disput, Streitgespräch! Wer nicht vor Ort sein kann und mitreden möchte, soll Medien nutzen, Ideen und Positionen teilen. Übringens gab es da noch kein Urheberrecht, sonst wäre das wohl auch nix mit der Reformation geworden!

Möglich, dass manche Menschen – auch dies war in der anschließenden Diskussion Thema – den kirchlichen Verkündigungsauftrag auch eher eingeschränkt verstehen. Verkündigung ist nicht „die Wahrheit verkünden“, sondern eher als „in einen Dialog mit den Mitmenschen treten“ zu verstehen. Eine nachdenkliche Runde in Köln. Vielen Dank dafür!

Der Vortrag ist komplett hier zu sehen, ab Minute 18:59 geht es los. Der Ton ist nicht optimal, da sollte noch an der Technik gefeilt werden. Ich persönlich bin ja eher für eine technisch bearbeitete Version, also ohne Vorlauf und mit besserem Ton. Aber das ist sicherlich auch eine Frage der technischen und zeitlichen Möglichkeiten. Wenn die EKiR den Film als Datei zur Verfügung stellen würde, ich könnte mich daran versuchen, ganz im Sinne der Reformation!

In einem zweiten Input wurde es dann schon mehr um Technik und Produktionsbedingungen. Dipl. Theologe Ulrich Berens von LUKI e.V. (Homepage), Linux-User im kirchlichen Bereich, referierte über die Vorteile freier Software wie beispielsweise Linux. Diese entspräche in vielen Punkten auch den christlichen Idealen einer nachhaltigen Beschaffung:

  • dezentrale Erstellung
  • ohne (wesentliche) Hirarchien produziert
  • kollektivber Nutzen
  • kooperativer und freier Wissensaustausch
  • uneigennütziges Schaffen von öffentlichen Gütern
  • Entschärfung der (sozioökonomisch bedingten) „digitalen Kluft“ (Wikipedia)

Die Nutzung proprietärer Software (Wikipedia) steht dem entgegen. Dennoch wird in weiten Bereichen der Gesellschaft diese Software genutzt. Kirchliches Beschaffungswesen könnte und sollte sich mit dem Thema einmal auseinandersetzen. Hier gilt es verschiedene Argumente abzuwägen. Den Vortrag gibt es hier zu sehen, ab Minute 7:15 geht es los.
Ein Hinweis für alle Interessierten: Die 5. Fachkonferenz des Entwicklungspolitischen Landesnetzwerkes Rheinland-Pfalz beschäftigt sich am 22/23.Mai 2017 in Mainz mit dem Thema der sozial verantwortlichen IT-Beschaffung. Infos gibt es hier. Als Kirche und als ganze Gesellschaft darf es uns auch nicht nur um fair gehandelten Kaffee und Klamotten gehen!

Den Vorträgen folgten dann noch Workshops, von denen zwei besucht werden konnten.

  1. Wo finde ich freie Medien für meine Arbeit und wie nutze ich sie?
  2. Wie kann ich meine Bilder und Texte als frei zugängliches Material lizenzieren und online stellen?
  3. Best Practise aus dem kommunalen Bereich: Der Open Data Prozess in der Stadt Bonn

Ich entschied mich für 3 und 1. Für 3, weil ich selber in dem Bereich Open Data aktiv bin, ich plane gerade an verschiedenen Projekten und unterhalte mich mit AkteurInnen aus dem Bereich. Aber auch das wird mal ein eigener Beitrag. Da ich mir von 1 und 2 aufgrund meiner „reichhaltigen Kenntnisse“ nicht soviel versprach, besuchte ich noch den Workshop 1, aber eher als Zuhörer.

Der Workshop 3 war dann auch der für mich spannenste! Sven Hense, Leiter der Open-Data Aktivitäten der Stadt Bonn erläuterte an verschiedenen Beispielen, wie sich der Gedanke, öffentkliche Daten mit den BürgerInnen zu teilen, in praktischen Vorhaben niederschlägt. Die Stadt Bonn hat ein eigenes Open-Data-Protal, das hier aufrufbar ist.

Für diejenigen der LeserInnen, die mit Open-Data nicht viel anfangen können (so ging mir das mal!), hier ein einfaches Beispiel: Die Bonner City Parkraum GmbH stellt die Parkplatzbelegung in Echtzeit (also aktuelle) als Daten zur Verfügung, die von Computern gelesen weden können. Daraus bastelt jemand eine App, so dass Autofahrer*innen sofort sehen, wie die Parkhaussituation aussieht und das Günstigtste ansteuern können.

Das macht gleich auch die Grundproblematiken deutlich. Wer erhebt und besitzt die Daten? Welche davon dürfen veröffentlicht werden? Unter welchen Bedingungen?

Die Stadt Bonn stellt zur Zeit 194 Datensätze zur Verfügung. Das hört sich wenig an, ist aber sehr viel. Ein Datensatz enthält beispielesweise alle Messdaten der Grundwassermessstellen. Das sind dann schon immense Zahlenreihen. An diesem Beispiel wir eine neben der Masse eine zweite Problematik deutlich. Die Daten liegen im pdf Format vor, müssten für eine App beispielsweise erst in ein anderes Format übertragen werden. Ein weiteres Problem: Die Daten sind veraltet. Es handelt sich nicht um ein Echtzeitmonitoring, die neuesten Daten sind von 2013. Damit ließe sich höchstens eine historische Entwicklungsreihe erstellen, für eine App, die den Bürger*innen aktuell etwas nutzt, sind sie nicht zu gebrauchen.

Die Daten für einen „Fair Trade Einkaufsführer“ (Konsumgüter/Lebensmittel/Gastronomie) liegen in einem maschinenlesbaren Format vor, sind aber aus dem Jahr 2014 und somit auch für den heutigen Alltag nur eingeschränkt nutzbar. Auch die maschinenlesbaren Daten für die Trinkwasseranalyse stammen aus 2016. Aktuell sind beispielsweise die Daten der Haushaltsplanung oder der Veranstaltungskalender, der sogar direkt von einer App angezapft und gelesen werden kann.

Viele kennen das durch Apps der Bahn, die in der Regel die Daten in Echtzeit bereitstellt. Spannend ist, dass die Stadt Bonn sich auf den Weg gemacht hat und Daten überhaupt zur Verfügung stellt. Geplant sind weitere Daten,m auch in Echtzeit, bereitzustellen. Ein gutes Vorhaben, das es Bürger*innen ermöglicht, aktiver und direkter Informationen zu bekommen. Stellt euch mal vor, ihr bekommt die Wasserqualität eures Leitungswassers so präsentiert, wie es das Projekt in Heilbronn zeigt (Heilbronn auswählen!)? Allerdings auch hier: Keine Daten in Echtzeit, sie stammen aus dem Jahr 2014!

Schon mal eine Echtzeitdarstellung der Flugzeugbewegungen gesehen? Wenn du willst, dann schau mal hier. Interessant für Leute, die eine konkrete Lärmbelästigung anzeigen möchten. Oder den Kindern mal zeigen wollen, wo welcher Flieger gerade ist.

Damit aktuelle Daten zur Nutzung bereitstehen ist manchmal auch einfach privates Engagement nötig, wie das Feinstaubnetzwerk zeigt. Hier mal die aufbereiteten Daten für Frankfurt. Die sammeln übrigens für ihr Stickoxidprojekt noch Geld (ja, ich gehöre zu den Spendern).

Der zweite Workshop war, wie ich es mir schon dachte, für mich eher uninertessant. Aber die Anwesenden haben im Ganzen davon profitiert, es gab viele Infos zu kostenfreien Datenbanken und CC-Lizenzen. Gerade bei den Anwesenden, die eigene Homepages oder Newsletter erstellen (wollen), ein super Workshop!

Zum Ende der Veranstaltung noch ein interessanter Vortrag von einem Archivar, der unter anderem die digitalen Datenbestände für die EKiR dauerhaft sichert. Ich muss gestehen, ich „liebe“ solche Leute, die sich mit vollem Herzen um unsere Gedächtnisinstitutionen (und die Erhaltung der Bestände kümmern. Dr. Stefan Flesch, dr den Vortrag hielt, hat dazu einen kleien Blogbeitrag geschrieben.

Mein Fazit der Veranstaltung: Mehr davon. Überall. Der digitalen Souveränität tut es gut. Da ich als Veranstaltungsorganisator weiß, wieviel Arbeit hinter den Kulissen stattfindet, meinen Dank an die veranstalter*innen. Ein sehr netter Mensch hat übrigens fast dokumentarisch getwittert. Unter den Haschtag #DigitaleSouveränität sind übrigens die meisten Tweeds (Twitter-Meldungen) zu finden.

Und zum Schluss noch ein dank an den Karikaturisten Michael Hüter, der die Veranstaltung künstlerisch begleitet und seine Bilder zur freien Nutzung [CC0] zur Verfügung gestellt hat.

Digitale Souveränität – Der Fachtag Medien

Im Oktober 2013 erschien die Studie „Zukunftspfade digitales Deutschland 2020“ (Quelle), die der IT-Planungsrat (verbindliche IT-Koordinierung von Bund und Ländern) in Auftrag gegeben hatte und in der die staatlichen Gestaltungsmöglichkeiten der Digitalisierung angedacht werden. Der Planungsrat wollte damit Impulse setzen und Vorschläge und Ideen zur Gestaltung des Wandels zur Diskussion stellen. In dieser Studie wird mit dem Begriffspaar „Digitale Souveränität“ gearbeitet. Ich werde darauf in Teil 2  etwas ausführlicher eingehen. Dennoch kann ich den folgenden Text unter diese Überschrift stellen, denn die Veranstaltungen, die ich beschreibe und kommentiere, stehen unter diesem Stern.

In dieser Woche gab es gleich zwei wirklich gute, anregende Veranstaltungen, die ich besuchen konnte und von denen ich meine Eindrücke schlidern möchte. Um beides besser lesbar zu machen, habe ich es in zwei Artikel aufgeteilt.

Die Woche fing mit einem von meiner Arbeitsstelle mitorganisiertem Fachtag an, zu dem wir die Psychologin Prof. Dr. Nicola Döring und den Hirnforscher Prof. Dr. Michael Madeja eingeladen hatten. Ziel des Fachtages war es, das Spannungsfeld, indem sich beide Disziplinen befinden, in Bezug zueinander zu setzen und dadurch zur Diskussion in (Medien-) Fachkreisen, aber auch im beruflichen und familiären Alltag beizutragen.

Michael Madeja, der mit seinem Input „Bits, Bytes and Brains: Wie digitale Medien auf das Gehirn wirken“ den Aufschlag. Er erklärte zu Beginn den Aufbau und die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns. Ohne diese Kenntnisse ist ein Verständnis über die Prozesse, die beim Umgang mit digitalen Medien passieren, kaum möglich. Das Gehirn ist ein sehr plastisches Organ, das sich durch seine Netzwerkstruktur den unglaublichsten Bedingungen anpassen kann. So zeigte uns Michael Madeja einen Hornbläser, der das Blasinstument virtuos spielen kann – mit seinen Füßen! (Beispiel)

Die Verbindungen, die in diesem riesigen Netzwerk bestehen, werden immer wieder den Bedarfen angepasst. „Die Fähigkeit des Gehirns, sich neuen Bedingungen anzupassen, ist unendlichen groß.“ sagte Michael Madeja. Gebrauch und Nicht-Gebrauch der Finger beispielsweise verändert die Anzahl und Vernetzung der für die Aufgabe zuständigen Nervenzellen bei Geigern und auch bei Handybenutzern.

Überhaupt ist die analoge Umgebung von der digitalen für das menschliche Gehirn gar nicht so verschieden. Michael Madeja verwies auf Studien, die genau dies zeigen: Ob der Mensch mit einem Menschen kommuniziert oder mit einer Maschine ist beispielsweise für das Glücksempfinden weniger bedeutsam. Wenn jemand glücklich mit einer Maschine kommuniziert, so kann das Glücksempfinden genauso groß sein, wie Face2Face. Wir weden bei Nicola Döring noch einmal darauf zurückkommen. Das „wirkliche Kommunikation“ also nur Face2Face stattfinden kann, ist eine Annahme, die ich heute als „alternativer Fakt“ einstufen würde. Dennoch macht es einen Unterschied, der aber warscheinlich weniger auf der Ebene der Hirnaktivitäten festzustellen ist. Ich habe mich mit dieser Frage aber noch nicht weiter beschäftigt.

„Die Bildschirmnutzung stellt Anforderungen an das  Gehirn, wie sie grundsätzlich auch bei anderen Aufgaben des Lebens üblich sind“, so Michael Madeja.

Es gibt auch eindseutig negative Erscheinungen bei der Nutzung von digitalen (aber auch analogen) Medien.

Je mehr Stunden ein Kind vor dem Fernseher verbringt, desto  schlechter ist seine Sprachfähigkeit. Aber: Die Sprachentwicklung ist abhängig vom jeweiligen Programm. Die Teletubbies beispielsweise haben negative Effekte auf die Entwicklung. Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit leiden! Bei der Sesamstrasse ist es genau andersrum. Wortschatz, Zahlen und Ausdruck verbessern sich. Es kommt also sehr auf die Nutzung eines Mediums an, wobei die Häufung ein grundsätzliches Problem darstellt. Michael Madeja dazu „Die Bildschirmnutzung  führt vor allem bei intensivem Gebrauch überwiegend zu negativen Effekten auf die Entwicklung und Fähigkeiten von Kindern. Einige ausgewählte Angebote führen bei dosiertem Gebrauch zu Verbesserungen.“ Seine abschließenden Empfehlungen:

  • Nicht mehr als 1 Stunde Fernsehen pro Tag bei Grundschülern
  • Nicht mehr als 1 Stunde Computerspiele pro Tag bei Grundschülern
  • Kein Fernsehen bei Kleinkindern
  • Kontrolle dessen, was die Kinder sehen und spielen, durch die Eltern
  • gemeinsames Anschauen und Computerspielen
  • Aktive Auswahl von qualitätvollen, pädagogisch guten Sendungen und Computerspielen  durch die Eltern
  • Keine Fernseher und Computerspiele im Kinderzimmer
  • Motivierung der Kinder für alternative Aktivitäten

Die Bildsschirmnutzung sollte kontrolliert sein d.h. dosiert und ausgewählt. Ein  komplettes Verbot von Bildschirmnutzung ist nicht angezeigt.

Wie du hier lesen kannst, liegt bei seinen Empfehlungen ein besonderes Augenmerk Kindern und deren Eltern. Seine Empfehlungen, die ich für die Altersgruppe uneingeschränkt teile, helfen aber relativ wenig in der Arbeit mit Jugendlichen. Da sind andere Dinge gefragt, zumal die Kontrolle über die Mediennutzung mit zunehmendem Alter und zunehmender Selbstständigkeit geringer wird. Hier liegt dann auch eine wichtige Aufgabe der Jugendarbeit, wi9e sie Nicola Döring in ihrem Input in den Vordergrund gestellt hat: Begleitung statt Bevormundung, Reflexion statt Reaktion.

Ich persönlich kenne Nicola Döring schon ein gutes Jahrzehnt, habe auch einige ihrer Publikationen gelesen und schätze sie sehr. So hat sie die für mich wesentlichen Elemente wunderbar zusammengefasst: Wer professionell mit Kindern und Jugendlichen arbeitet (das gilt auch für allen anderen Altersgruppen!) sollte über diese digitalen Medien, vor allem der interaktiven wie Youtube, Instagram usw., Bescheid wissen, sie kennen und reflektieren lernen. Das „echte“ Kommunikation nur Face2Face stattfindet, ist ein Vorurteil, das ausgeräumt gehört. Die digitalen Medien ermöglichen eben auch Kommunikation, die ansonsten durch visuelle Eindrücke oder strukturelle Bedingungen erschwert oder garnicht stattfinden würde. Ähnliche Gedanken äußerte auch Michael Madeja. Vielfach, so Nicola Döring, projezierten Menschen ihre negativen Erfahrungen auf das Medium, dabei „braucht man die digitale Kommunikation nicht, um schlechte Beziehungen zu führen“. Wenn diejenigen, die über (digitale) Medien kommunizieren sich verstehen möchten, dann klappt das auch mit Youtube, Mail oder SMS. Wichtiger als das Medium ist demnach die Intention.

Die Horrorbücher, die den Untergang des Abendlandes und die Verdummung der Republik beschreiben, gibt es reichhaltig, vielfach mit der Überspitzung als Stilelement. Dennoch, so Nicola Döring, gibt es auch negative Effekte, die festzustellen sind. Einer davon, in der Soziologie auch als Matthäus-Effekt bekannt („Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ (Matthäusevangelium  Mt 25,29) beschreibt, dass diejenigen die real viele Freunde haben, dies auch in den sozialen Netzwerken haben und dass diejenigen, die eine gute Bildung hzat, auch von den digitalen Medien mehr profitieren.

Die vermeintliche Übersexualisierung des Internets ist empirisch nicht bedeutsam. Die Studie „Jugendsexualität 2015“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Quelle) zeigt sogar eine Tendenz zum späteren Einstieg in das Sexualleben. Ich persönlich kann nur jedem empfehlen, mal in die Studie reinzuschauen! Das Bild einer durch das Internet übersexualisierten und hemmungsloseren Jugend ist dann nur noch ein „alternativer Fakt“.

Nicola Döring stellte heraus, dass die ambivalente Haltung gegenüber den digitalen Medien bedeutsam ist. „Keine Chancen ohne Risiken!“ Gestärkt werden müsse die Resilienz, die psychischen Widerstandskräfte, die risikominimierend sind und helfen, kriesenhafte Erfahrungen gut zu bewältigen. Besonders bedeutsam sei beispielsweise die Trennungserfahrung im digitalen Zeitalter. Wie umgehen mit dem digital-sozialen Beziehungsgeflecht, mit dem digitalen Bildmaterial?

Eine Herausforderung für die Pädagogik ist auch der Zusammenhang von klassichen Entwicklungsaufgaben und digitaler Lebenswelt. Für heutige Jugendlichen ist YouTube und die Selfiekultur ein wichtiger Teil der Lebenswelt. Die digitale/reale Community ist dabei „die große Schwester, der große Bruder“. Selfies sind nun der Spiegel des digitalen Zeitalters. Medienvorbilder bieten viel klischeehaftes, aber ebenso Ansätze einer Gegenkultur. Gerade in den Bildmedien tummeln sich Identifikationsmodelle, an denen sich die Jugendlichen abarbeiten können. Bei mir war das wohl noch die BRAVO, schoss es mir durch den Kopf. Das Internet und die Plattformen und Dienste, auf denen sich Jugendliche heute tummeln, bieten vielfältige Möglichkeiten der öffentlichen Auseinandersetzung. Wie möchte ich sein? Wie möchte ich rüberkommen? Was bin ich wert? Nicola Döring wies beispielsweise auf den Youtubekanal von Melina Sophie hin, einer Youtuberin mit über 1,7 Millionen Abos, die im Juli 2015 ihr Comming out (Video) veröffentlichte und über 40.000 Rückmeldungen bekam oder Isoke, eine Youtuberin mit über 85.000 Abos. Sie hat Glasknochen und für sie ist das Internet auch ein Tor zur Welt. Auch in den Kommentaren entstehen Räume, in denen sich ausgetauscht wird, so können Tabuthemen wie Essstörungen oder selbstverletzendes Verhalten öffentlich gemacht und besprochen werden.

Aufgabe für die Erwachsenen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ist es daher, so Nicola Döring,  eine eigene Haltung zu entwickeln, die durch eigenes Ausprobieren und Reflektieren wächst, nicht durch Vorurteile. MIt Jugendlichen lässt sich über diese Sphäre der Lebenswelt ins Gespräch kommen, viele Videos auf YouTube bieten sich thematisch an.

Ich gehe mit Nicola Döring jeder ihrer Schritte mit. Meine eigenen Erfahrungen mit Jugendlichen zeigen, dass auch die Filmarbeit mit Jugendlichen, die am Interesse für Computerspiele ansetzt, zum Einstieg und zur Vertiefung für Themen genutzt werden kann. Aber das wäre wieder mal einen eigenen Blogbeitrag wert. Vielleicht als kleiner Appetizer: Ein Projekt ist hier dokumentiert. dabei geht es um Stadtentwicklung. Eine Workshop-Dokumentation als Youtubevideo gibt es hier.

Morgen folgt dann der zweite Teil, der Bericht zum Fachtag, der am Mittwoch in Köln stattfand „Offene Daten, freie Lizenzen„.