Archiv für den Monat: Februar 2017

Allmacht der Algorithmen?

Letzten Samstag war ich den ganzen Tag auf einem Symposium der EKHN-Stiftung mit dem Titel „Allmacht der Algorithmen“ (Homepage). Ausgehend von Impulsvorträgen von Expert*innen sollte mit Teilnehmenden diskutiert werden, worin die Chancen und Risiken der neuen Technologien bestehen. Über 100 Schüler*innen, die zum Thema schon zwei Tage vorher mit Vorträgen und in Workshops gearbeitet hatten, sollten sich mit ihren Erkenntnissen in den Diskussionsprozess einbringen. Das die EKHN-Stiftung sich dieses Themas annimmt und es damit auch ein Stück in die – auch kirchliche – Öffentlichkeit trägt, begrüße ich sehr.

Leider kam es zu keinen wesentlichen Diskussionen, was bei einer 45 Minuten Vortragstaktung wohl auch nicht wirklich beabsichtigt war. Vortrag, kurze Rückfragen, das war es. Die anregenden Arbeiten der Schüler*innen konnten vor dem Hörsaal auf Plakaten bewundert und in einer halbstündigen Mittagspause auch besprochen werden. Mir gelang das in den 30 Minuten gerade mal bei zwei Plakaten, vor denen sich durchaus spannende Diskussionen ergaben.

Eine Gruppe von Schüler*innen, die sich mit „Selbstvermessung und Selbstoptimierung“ und mit der „digitalen Unsterblichkeit“ beschäftigte, feuerte mit ihrem Plakat und dem darin enthaltenen Satz „Chancen liegen in der Überwindung von Sehnsucht und der Trauerbewältigung“ eine Diskussion an, die wegen der zeitlichen Beschränkung leider nicht tiefergehender möglich war.

So wurden leider mit der Veranstaltung Chancen vergeben. Es ist schön, die Diskussion beflügeln zu wollen, allerdings muss man dafür auch Räume schaffen. Es waren auch „nur“ Oberstufenschüler*innen zum Schüler*innenworkshop eingeladen. Da frage ich mich natürlich auch, welcher menschliche Algorithmus zu einer solchen Einschränkung gefüht hat.

Denn auch das ist im Rahmen der Veranstaltung deutlich geworden. Wir alle verwenden Algorithmen. Wir schätzen Algorithmen. Tagtäglich. Sie helfen uns zu strukturieren, ein bisschen Ordnung in das (nicht nur digitale) Leben zu bringen. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und damit für uns erst handhabbar zu machen.

Deutlich wurde aber auch, dass es eine breitere gesellschaftliche Diskussion um die Ausrichtungen technologischer Entwicklungen braucht. Denn eine der großen Fragen, die sich hinter der positiven Betrachtung der Entwicklungen verbirgt, ist: Gibt es einen wie auch immer gearteten Kontrollmechanismus, der eine gesellschaftliche Einordnung der Entwicklungen ermöglicht? Algortihmen werden (noch) von Menschen programmiert, sie spiegeln die Interessen der Auftraggeber wieder und sind damit nicht „neutral“.

Frau Prof. Dr. Katharina Zweig sprach sich in ihrem bildhafen und sehr guten Vortrag zu Beginn der Veranstaltung für einen „Algorithmen-TÜV“ aus, der nach gesellschaftlichen (immer wieder neu festzulegenden) Kriterien beurteilt, ob der Algorithmus „dem Menschen dient“. Sie gehört zu den Gründer*innen von https://algorithmwatch.org. Ein grundsätzliches Problem mit dem Algorithmen-TÜV dabei ist, wie sich dies mit ökonomischen Interessen von Firmen, beispielsweise der SCHUFA, verträgt. Der Bundesgerichtshof hatte der SCHUFA ermöglicht, ihren Algorithmus geheim zu halten. (Quelle)

Für mich sehr spannend und erfrischend war der Beitrag von Fiona Krakenbürger, Community Organizerin im Projekt Code for Germany der , in dessen Rahmen sie über 20 Open Knowledge Labs in Deutschland betreut und berät. Sie sprach sich für eine umfassendere Nutzug von Open Data für Gemeinwohlprojekte aus. Beispielhaft sei hier nur mal auf eines verwiesen: Journalist*innen der Berlinder Morgenpost werteten öffentlich verfügbare Daten aus, um soziale Strukturen entlang der Buslinie M29 in Berlin zu skizzieren. Ein Blick auf die Projektseite lohnt sich, nicht nur weil am 4. März der internetionale Open Data Tag ist und viele Veranstaltungen geplant sind.

Diese beiden Vorträge haben mich am ehesten inspiriert.

Auf die anderen Vorträge von Dr. Christoph Kucklick (GEO), Ralph Müller-Eiselt (Bertelsmann Stiftung), Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Graf (LMU München) und Prof. Dr. Harald Welzer (Europa-Universität Flensburg) gehe ich daher hier nicht ein.

Ich hoffe, dass die EKHN-Stiftung die verschiednenen Beiträge der Referent*innen und Schüler*innen einem größeren Personenkreis zugänglich macht. Ich wünsche mir darüber hinaus, dass das Vorhaben, die Themen öffentlich zu diskutieren, nicht nur eine Absichtserklärung bleibt sondern dass auch virtuelle Diskussionsräume eröffnet werden, in denen Interessierte Menschen miteinander ist Gespräch kommen können. Ein Forum mit den Schüler*innen wäre ein erster Ansatz. Das Veranstaltungsdesign könnte sich etwas mehr einem diskursoffenen System annähern. Wie wäre es bei kommenden Veranstaltungen den Schüler*innengruppen jeweils in einem Raum eine Stunde für die Präsentation und Diskussion zu geben und dafür eine*n Referent*in weniger?

[UPDATE:] Inzwischen ist ein Teil der Vorträge und der von den Schüler*innen erstellten Poster hier online.

„Fake-News“

Ganz ehrlich? Je öfter ich den Begriff „Fake-News“ lese und höre, desto mehr nervt es mich. Jede Information wird von irgendeiner Seite als Fake betitelt, ganze Verschwörungsszenarien ranken sich um Meldungen. Dabei drängeln sich alle in der Verurteilung von bewußt falschen Nachrichten.

„Fake news is killing people’s minds“ lässt Tim Cook, Appels CEO in einem Interview mit dem Telegraph verlauten. Darin ruft er Technologiefirmen und Regierungen auf, gegen Falschnachrichten vorzugehen. In diesem Interview spricht er auch die Verantwortung der Technologieunternehmen an, die „…need to create some tools that help diminish the volume of fake news.“ […die einige Werkzeuge entwickeln müssen, die dazu beitragen, das Volumen der gefälschten Nachrichten zu verringern.] Den Weg, weitere Wirkungen zu erziehlen, sieht er über die schulische Bildung, die sich wiederum auf die Elternhäuser auswirkt.(Quelle)

Die SPD will laut SPIEGEL, dass beispielsweise Facebook eine 24/7 Kontaktstelle einrichtet die dafür Sorge trägt, dass „offensichtliche Rechtsverletzungen binnen 24 Stunden“ gelöscht werden. Die Grünen haben, so ist im selben Artikel zu lesen, eine „grüne Netzfeuerwehr“ gegründet, die bei offensichtlichen Fake-News die Kraft der grünen Netzgemeinde aktiviert. (Quelle) Auch die CDU setzt laut SPIEGEL auf Beschwerdestellen und eine stärkere Regulierung. (Quelle)

Problematischer als all die offensichtlichen „Fake-News“, die mit ein wenig Menschenverstand und einer Grundhaltung „nicht alles, was schwarz auf weiß geschrieben steht, ist wahr“ erkennbar sind, sind im meinen Augen allerdings die Nachrichten und Äußerungen, die mittels unbelegter Behauptungen eine bestimmte Stimmung erzeugen wollen.

Ein Beispiel:

Holger Stelzner, einer der Herausgeber der FAZ überschreibt einen Kommentar in der FAZ vom 13.02.2017 auf der Titelseite über den Wahlkampf von Martin Schulz mit „Fake-News-Wahlkampf“. In diesem Kommentag schreibt Stelzner: „Schulz behauptet, in Deutschland hätten Boni so zugenommen wie die Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse. Richtig ist das Gegenteil: Befristete Arbeit, Minijobs und Zeitarbeit sind gesunken, klassische Normalbeschäftigung ist hingegen stark gestiegen.“ (Quelle)
Also wieder <Alles Lüge>, wie Rio Reiser einmal titelte? Nun sind Schulz und Stelzner Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und aufgrund ihrer Position eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Lügt einer der beiden?
Ich habe mal einen Faktencheck versucht. Hierbei ist es mir natürlich auch wichtig zu schauen, wie sich solche Aussagen überhaupt überprüfen lassen.

Befristete Arbeitsverhältnisse:
Das Statistische Bundesamt schreibt „Befristungen nehmen seit 2010 erstmals wieder leicht zu.“ (Quelle offline!) Sie veröffentlichen auch eine Tabelle dazu, aus der der leichte Anstieg hervorgeht. Demnach waren in Deutschland 2.464.000 (2014) und 2.531.000 (2015) Arbeitnehmer*innen befristet beschäftigt. (Quelle) Auch die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte in ihrem Bericht über atypische Beschäftigung eine entsprechende Grafik (Quelle). Hier also scheint Stelzner falsch zu liegen.

Minijobs:
Laut Tabellen der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der geringfügig Beschäftigten von 6.659.126 im Jahr 2013 auf 6.549.804 im Jahr 2015 gesunken. (Quelle) Das Statistische Bundesamt (Quelle) Hier liegt Stelzner richtig.

Normalarbeitsverhältnis:
Die Zahl der Erwerbstätigen in einem Normalarbeitsverhältnis erhöhte sich 2015 um rund 317 000 Personen auf 24,8 Millionen. (Quelle) Auch hier liegt Stelzner richtig, wenngleich der Zusatz „stark“ relativ zu sehen ist. Mich freut es für jeden einzelnen Menschen.

Zusammenfassend kann ich nicht sagen, dass Stelzner falsche Tatsachen behauptet. Eine überprüfbare Quelle für seine Behauptungen nennt er leider nicht.  „Vom Januar 2012 bis zum November 2016 stieg die Anzahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten um über 320.000.“ Auch diese Aussage stimmt laut der Excel-Tabelle der Arbeitsagentur für Arbeit. (Quelle – zip-Datei, darin enthaltene .xls Datei, darin das Tabellenblatt 24) und relativiert die Angaben zu den Minijobs. Entscheidend bei solchen Aussagen sind nämlich immer die Bezugsrahmen. So ist es möglich, das beides stimmt. Eine Erklärung, wie auch unterschiedliche Zahlen zustandekommen, gibt es auf der eigens dafür eingerichteten Seite www.miese-jobs.de.

Die Recherche zu den drei Kernaussagen hat mich 1,5 Stunden gekostet und ich habe mich durch Unmengen an Zahlenmaterial gequält, Definitionen gelesen und Bezugsrahmen geprüft. Für „Normalbürger*innen“ eine Zumutung und somit nicht alltagstauglich.
Als Sozialwissenschaftler habe ich natürllich im Rahmen meines Studiums verschiedenste Möglichkeiten kennengelernt, mit Zahlen zu jonglieren. Falschaussagen von wahren Aussagen zu unterscheiden ist mitunter sehr schwer. Erschwert wird dies durch massenhaftes Zahlenmaterial, das wiederum interpretiert werden muss.

Doch zurück zur Ausgangslage: „Fake-News“ mit Bildung bekämpfen? Bildung ist sicherlich ein Schlüssel, um Alltagskompetenzen zu schulen. Bildung ist allerdings auch kein Allheilmittel. Bleibt noch die Verantwortung der Technologieunternehmen. Im Rahmen einer Ausschusssitzung in Landtag Rheinland-Pfalz hatte ich Gelegenheit David Schraven, den Geschäftsführer von correctiv.org, zu hören und zu sprechen. Correctiv.org wird für Facebook in einem mehrstufigen Verfahren den Faktencheck übernehmen. (Quelle)

Ich habe David Schraven in einem anschließenden Gespräch meine Position erläutert: Facebook-Nutzer*innen aller unterschiedlicher Gruppierungen werden gegenseitig die  „Fake-News-Button“ drücken, so dass das Verfahren über kurz oder lang an seine Grenzen stoßen wird. Schwierig wird es zudem, da Nachrichten durch Kopiertechniken faktisch beliebig oft weiterverbreitet werden können. Dies zeigt sich in dem Prozeß, der momentan vor dem Landgericht Würzburg geführt wird. Es geht um widerrechtlich genutzte und verfälschte Bilder, das den jungen syrischen Geflüchteten Anas Modamani ( manchmal zusammen mit Angela Merkel) zeigt. Facebook zeigt sich nicht in der Lage oder Willens, das Bild/ die Bilder aus seinem Netzwerk zu löschen. (Quelle)

Durch technologische Neuerungen wird es zudem zunehmend schwieriger werden, Orginal und Fälschung bei Bildmaterialien zu unterscheiden. Erinnern wir uns an den Varoufakis-Finger-Fake.

Wie wir es auch drehen und wenden, letzten Endes wird ausschlaggebend sein, welche Wertehaltung und Einstellung die jeweilige Person hat, die eine Nachricht zu Gesicht bekommt. Die ist bekanntlich auch davon abhängig, wie gesellschaftlichte Diskurse geführt werden. Auch in Wahlkampfzeiten.

Das eine Regulation im Netz selber funktioniert, habe ich persönlich auch von anderen netzaktiven Menschen gehört und selber erfahren dürfen. David Schraven berichtete in der Ausschusssitzung von einer ähnlichen Aktion wie die der „grünen Netzfeuerwehr“, die ebenso gut funktionierte. In der Facebookgruppe „Bad Kreuznach“, der ich (wie 10.000 andere Menschen auch) angehöre, gibt es unorganisiert schnelle Reaktionen bei Meldungen, die Falschmeldungen sind oder sich offensichtlich gegen eine Menschengruppe richten. Egal welcher Couleur.

In diesem Sinne eine schöne Woche…und bis nächsten Mittwoch!