Archiv für den Monat: Januar 2017

Technikbegeisterung und Nutzen

Es ist gerade einmal 10 Jahre her, dass eine Firma mit einem „irgendwas mit Obst“ (Tom Hanks) – Logo ein Gerät vorstellte, mit dem Mensch telefonieren, Nachrichten schreiben und Musik hören konnten. Neu daran waren nicht die Funktionen, sondern, dass alles mit den Fingern wischend über ein Glasscheibe gesteuert werden konnte.

Heute, 10 Jahre später, haben viele Menschen keine mobilen Computer mehr, die noch mit einer physischen Tastatur bedient werden. Der Markt hat sich entwickelt und mit ihm die Gesellschaft. Die Verbreitung der kleinen Taschencomputer, die heute um ein vielfaches leistungsfähiger sind als vor 10 Jahren ein großer Computer, ist soweit vorangeschritten, dass die ARD/ZDF-Onlinestudie nach ihrer Befragung feststellte „Das Smartphone ist 2016 das meistgenutzte Gerät für den Internetzugang: Zwei Drittel der Bevölkerung und nahezu jeder 14- bis 29-Jährige geht darüber ins Netz.“ (Quelle) Das dies gesellschaftliche Folgen hat, ist nicht verwunderlich. Eine der zentralen Fragen dabei ist, wie die Geräte genutzt werden.

Ich nutze meine beiden Smartphones – ein Gerät für den Alltag und eines, um Software und Dienste zu testen – für fast alles Alltägliche. Meine Bahnverbindungen lasse ich mir anzeigen, ich nutze drei verschiedene Dienste (Hangout/Theema/Signal) , um Nachrichten an mir bekannte Personen zu versenden, ich nutze Twitter um Kurznachrichten an meine 134 Follower zu senden und von 204 Nutzer*innen Kurznachrichten zu erhalten, ich nutze Facebook für die Kommunikation mit definierten Gruppen, ich verwalte meinen privaten Mailaccount darüber, notiere wichtiges (und unwichtiges), fotografiere damit und spiele hin und wieder ein kleines Spiel. Es ersetzt inzwischen (fast!) meinen großen Computer. Den nutze ich nur noch für größere Dinge wie Texte verarbeiten oder mein momantanes Lieblingsspiel „No man’s sky“ spielen.

Welche zentrale gesellschaftliche Veränderung haben sich aus dieser Entwicklung heraus ergeben?

Immer größere Teile der Bevölkerung nutzen das Internet mobil, sind über entsprechende Internet-Flatrates ständig „on“. Eine Trennung von „on/off“ gibt es so bei den meißten Nutzer*innen nicht mehr. (siehe auch Quelle „pdf-Datei) Dies hat zur Folge, dass vorallem der Informationsaustausch immer schneller geschieht. Das senden/empfangen von e-Mails und die Nutzung von Messenger wie WhatsApp steht dabei im Vordergrund. Gesellschaftlich bedeutsam wird die Nutzung aber erst durch Dienste wie Facebook oder die Informationsrecherche über Seiten im Internet.

Hier wird vor allem sichtbar, was in Fachkreisen „Filter-Blase“ genannt wird. Dienste wie Google, Facebook und Twitter steuern meist unbemerkt und fast immer unverständlich(!) mittels Algorithmen die Informationen, die wir noch zu sehen bekommen. Personalisierung nennt sich das Verfahren. Personalisierte Werbung ist inzwischen ein gängiger Begriff, personalisiere Informationen erkennen wir (meist) noch nicht. Wie der Wissenschaftler Gerrit von Northeim am Beispiel des Münchner Amoklauf des Jahres 2016 am Beispiel von Twitter herausfand, trennt sich die Öffentlichkeit in „Cluster“  (Quelle).

Was das für die offene Debatte in unserer Gesellschaft bedeutet, bleibt auch im Bundestagswahljahr 2017 eine spannende und offene Frage. Wichtig erscheint mir aber, dass wir kompetenter im Durchschauen solcher Prozesse werden. Dies ist nicht nur im Bezug auf sogenannte „Fake-News“ (Spiegel-Bericht) sehr wichtig.

Sicherheit durch mehr Videoüberwachung?

Die schrechlichen Vorkommnissen und Anschlägen des letzen Jahres, besonders aber der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, haben die Rufe nach noch mehr Kameraüberwachung lauter werden lassen.

Laut einer aktuellen Umfrage von YouGov im Auftrag der Deutschen Presseagentur (DPA) sprechen sich 60% der Deutschen für mehr Videoüberwachung öffentlicher Räume aus. (Quelle „Homepage“)

Nach den schrecklichen Ereignissen wärend der Silvesternacht 2015/2016 in Köln sprachen sich laut dem ARD-Deutschlandtrend 82% der wahlberechtigen Bevölkerung Deutschlands für eine Ausweitung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen aus(Quelle „pdf-Datei“).

Was aber soll die Videoüberwachung bringen? Mehr Sicherheit? Ich gehe davon aus, dass an (Video-) überwachten Plätzen die Hemmschwelle, verbotenes zu tun, steigt. Ebenso klar ist mir, dass es jemandem, der bewußt Verbotenes tun möchte, ziemlich egal sein wird. Weil er das in seine Handlung mit einkalkuliert.

Auch der furchtbare Anschlag im Istanbuler Club Reina zeigt, dass sich durch eine Übewachungskamera niemand abschrechen lässt, der bewußt einen Anschlag plant. Auch dem Mörder, der den Lastwagen in den Berliner Weihnachtsmarkt gefahren hat, dürfte das egal gewesen sein. Hätte der Mörder seine Tat nicht vollendet, wenn Kameras installiert gewesen wären? Ich zweifele daran. Wenn überhaupt, hätte er sich eine andere Ansammlung von Menschen ausgesucht.

Auch wenn zusätzliche Kameras installiert werden und das Netz der Überwachung dichter wird, es wird solche Taten nicht verhindern. Das sieht auch die Bundesregierung so (Quelle „pdf-Datei“). Verändern wird sich maximal das Sicherheitsgefühl. Denn die Angst, vor allem vor Gewalttaten, steigt, wie eine Studie im Auftrag der R+V Versicherung ergab (Quelle).

Die Zunahme von Ängsten zeigt sich mir auich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten. Ich selber verspüre nicht mehr Angst. Als Soziologe habe ich wohl einen relativierenden Blick. Laut ADAC starben 2016 knapp 10 Menschen auf Deutschlands Straßen – pro Tag (Quelle).  Sollte ich desshalb mit Angst auf die Straße gehen?

Nicht die Anzahl der Kameras entscheidet über mein Sicherheitsempfinden, sondern meine Haltung gegenüber der mich umgebenden Umwelt. Im Straßenverkehr kann ich mich an Regelungen halten, die eine sichere Nutzung erhöhen. Aber vor Unfällen ist niemand sicher. Das soll ja durch selbstfahrende Autos ermöglicht werden. Dazu aber in einer anderen Woche mehr. Ich teile daher die Ablehnung der geplanten erweiterten Videoüberwachung, wie dies die Konferenz der unabhängigen Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder schon getan hat (Quelle „pdf-Datei“). [Update] Da die pdf-Datei nicht mehr auf deren Homepage zugänglich ist (relaunch!), hier die Pressemeldung. Die ursprüngliche pdf sende ich auf Anfrage gerne zu.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, hat in seiner Botschaft zum Neujahr 2017 darauf hingewiesen. „Angst bedroht derzeit unser persönliches und unser gesellschaftliches Innerstes, denn sie wirkt sich darauf aus, wie wir leben wollen.“ Doch Angst sei kein guter Ratgeber, weil Angst die Herzen eng mache und „versteinern“ lasse.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ich wünsche allen Menschen ein möglich angstfreies Jahr 2017!

Einen Dank geht an Andreas Lischka für das Bereitstellen des Bildes auf Pixabay!