Archiv für den Monat: Januar 2017

Zwischen den Wahrheiten

Nachdem „postfaktisch“ zum Unwort des Jahres gekührt würde, habe ich nach Trumps Antrittsrede und den darauf folgenden Auseinandersetzungen um die Anzahl der Zuschauer*innen neu gelernt, dass es auch so etwas wie „alternative Fakten“ geben soll. Als Vertreter des „Konstruktivismus“ habe ich natürlich eine Vorstellung davon, dass Menschen die „Realität“ durch ihre jeweilige Sicht anders wahrnehmen. Wir alle kennen das halbvolle und das halbleere Glas. Diese Art der Wahrnehmung erlaubt es, sich eine eigene Realität zu bilden. Das scheint auch bei Trump zu funktionieren. (Quelle)

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Algorithmen und mein Wunsch nach dem Durchblick

Vorneweg: Ich hasse diese Dinger! Nicht, weil ich sie nicht nützlich finde, nein, weil ich sie nicht durchschaue.

Ich logge mich bei Facebook ein, und will schauen, was gerade so läuft…und mir wird eine Auswahl von Beiträgen angezeigt angezeigt. Warum? Weil Facebook ein Programm im Hintergrund laufen lässt, das eine Vorauswahl trifft, was ich möglicherweise sehen möchte, wenn ich mich einlogge. Aber nach welchen Regeln sortiert Facebook die Beiträge, die ich (eigentlich) lesen können sollte? Ein Merkmal, so scheint es mir, ist die „Beziehung“. Leute, deren Beiträge ich öfter lese, werden bevorzugt. Denkt Facebook, mir sind die Beiträge desshalb wichtiger als andere? Scheinbar! Wenn ich dann noch merke, dass die neuen Beiträge, die mir bevorzugt angezeigt werden, von der Nutzer*innen stammen, deren Beiträge ich „geliked“ habe, dann habe ich schon einen zweiten Anhaltspunkt. Ein dritter Punkt, der mit den ersten beiden zusammenhängt, scheint die Aktivität der Nutzer*innen zu sein. Leute aus meiner Freundesliste, die öfter was posten, werden eher angezeigt als Leute, die nur ab und zu was veröffentlichen. So mache ich mich auf die Suche nach Beiträgen „unwichtiger“ Nutzer*innen und ärgere mich…

Nun ist Facebook ja nicht alleine. Twitter benutzt einen Algorithmus, der mir eine Reihenfolge von Neuigkeiten in meiner „Timeline“ vorgiebt. Der Twitter-Support schreibt dazu: „Tweets, für die du dich wahrscheinlich am meisten interessierst, stehen ganz oben in deiner Timeline. Wir wählen sie basierend auf einer Vielzahl von Kriterien aus, wie Accounts und Tweets, mit denen du am meisten interagierst.“ (Quelle) Dort steht aber auch, dass ich das ausschalten kann. Gelesen, getan. Nun hoffe ich mal, dass das meinen Unzufriedenheitsspiegel senkt.

Gleich mal bei Facebook geschaut, ob das auch geht. Und siehe da, auch bei Facebook kann ich den „News-Feed“ steuern: Ich darf zwischen „Hauptmeldungen“ und „Neueste Meldungen“ wählen. Facebook schreibt aber auch „Du kannst dir Meldungen in der Reihenfolge ihrer Aktualität ansehen, aber der News Feed kehrt später wieder zur Standardeinstellung zurück.“ (Quelle) Also wieder in die vom Facebook-Algorithmus festgelegte Reihenfolge. Was „später“ heißt, bleibt mir verborgen. Also nur eine halbherzige Möglichkeit, die Vorauswahl zu ändern.

Als Suchmnaschine verwande ich häufig, ich würde mal sagen 2/3 Google. Auch hier arbeitet im Hintergrund ein Algorithmus. Dazu Google: „Derzeit bestehen die Algorithmen von Google aus über 200 einzigartigen Signalen, die darauf hinweisen, was das beste Ergebnis für die Anfrage sein könnte. Zu diesen Signalen gehören Begriffe auf Websites, die Aktualität des Inhalts, Ihr Standort sowie der PageRank.“ (Quelle) Was dieser PageRank ist, bleibt offen. Zmindest gibt es Hinweise darauf, welche Kriterien eine Rolle spielen. So werden beispielsweise Seiten, auf die öfter verlinkt wird, höher bewertet. Wer es genauer nachlesen möchte, hier der Wikipedia-Eintrag.

Nun aber zurück zum Anfang. Algorithmen haben meinen und deinen Alltag schon durchwoben. Bei den oben genannten Beispielen ist das offensichtlich, wenn auch nicht immer transparent. Dennoch möchte ich auf Algorithmen nicht verzichten. Sie helfen an vielen Stellen, Dinge zu erfahren, die mich interessieren. Eine Suchmaschine muss Seiten in eine Reihe bringen. Ob ein Kriterium wie „Den neuesten Beitrag zuerst“ im Angesicht der Masse an neuen Beiträgen geeignet wäre, kann jeder selber hier schauen.

Es gibt allerdings Algorithmen, die ich nicht mag. Bewertungsverfahren, die hinter unserem Rücken – und somit intransparent – geschehen und ebenfalls Wirkung zeigen, gibt es zur Genüge. Amazon, die Internet-Handelsplattform Nr. 1 in Deutschland, bewertet einem ZEIT-Artikel zur Folge die Produkte besser, bei denen es selber den größten Nutzen hat – und nicht die Käufer. (Quelle) Selbst das ist ja nur ein kleines Übel, dass jemanden möglicherweise ein paar Euro kostet.

Ein Bekannter von mir arbeitet in einem Geschäft, in dem bei Telefonverträgen regelmäßig eine Kreditscoring-Abfrage gemacht wird. Fällt man durch, gibt es kein Vertrags-Smartphone. Oder ein Kühlschrank kann nicht mit Ratenzahlung bezahlt werden. Und das, weil die kaufwillige Person in einem Stadtteil wohnt, in dem die Zahlungsmoral nicht besonders gut ist.

Die WELT schreibt: „So etwas können Algorithmen schon: Sie wissen, wie sich Menschen verhalten werden. Algorithmen sind uns sehr nahe gekommen, ändern unser Verhalten und geben uns Ratschläge. Auch können sie theoretisch die ganze Weltwirtschaft beeinflussen, indem sie beim Finanzhandel mitmischen. Sie finden den passenden Ehepartner und entscheiden über unsere Kreditwürdigkeit.“ (Quelle)

Für sehr gefährlich halte ich die Möglichkeiten mit Hilfe von Algorithmen sehr großen Datenbeständen zu durchforsten, um menschliches Verhalten vorherzusagen und anschließend geziehlt zu beeinflussen. Im Zusammenhang mit den Algorithmen, die unsere Wahrnehmung von Nachrichten lenken, sind manipulative Praktiken, nicht nur bei Wahlen, durchaus denkbar. Festzuhalten ist, dass wir dem aber nicht hilflos ausgeliefert sind. Wir sind keine Opfer der Algorithmen, sondern sind Handelnde, auch im digitalen Zeitalter.

 

Technikbegeisterung und Nutzen

Es ist gerade einmal 10 Jahre her, dass eine Firma mit einem „irgendwas mit Obst“ (Tom Hanks) – Logo ein Gerät vorstellte, mit dem Mensch telefonieren, Nachrichten schreiben und Musik hören konnten. Neu daran waren nicht die Funktionen, sondern, dass alles mit den Fingern wischend über ein Glasscheibe gesteuert werden konnte.

Heute, 10 Jahre später, haben viele Menschen keine mobilen Computer mehr, die noch mit einer physischen Tastatur bedient werden. Der Markt hat sich entwickelt und mit ihm die Gesellschaft. Die Verbreitung der kleinen Taschencomputer, die heute um ein vielfaches leistungsfähiger sind als vor 10 Jahren ein großer Computer, ist soweit vorangeschritten, dass die ARD/ZDF-Onlinestudie nach ihrer Befragung feststellte „Das Smartphone ist 2016 das meistgenutzte Gerät für den Internetzugang: Zwei Drittel der Bevölkerung und nahezu jeder 14- bis 29-Jährige geht darüber ins Netz.“ (Quelle) Das dies gesellschaftliche Folgen hat, ist nicht verwunderlich. Eine der zentralen Fragen dabei ist, wie die Geräte genutzt werden.

Ich nutze meine beiden Smartphones – ein Gerät für den Alltag und eines, um Software und Dienste zu testen – für fast alles Alltägliche. Meine Bahnverbindungen lasse ich mir anzeigen, ich nutze drei verschiedene Dienste (Hangout/Theema/Signal) , um Nachrichten an mir bekannte Personen zu versenden, ich nutze Twitter um Kurznachrichten an meine 134 Follower zu senden und von 204 Nutzer*innen Kurznachrichten zu erhalten, ich nutze Facebook für die Kommunikation mit definierten Gruppen, ich verwalte meinen privaten Mailaccount darüber, notiere wichtiges (und unwichtiges), fotografiere damit und spiele hin und wieder ein kleines Spiel. Es ersetzt inzwischen (fast!) meinen großen Computer. Den nutze ich nur noch für größere Dinge wie Texte verarbeiten oder mein momantanes Lieblingsspiel „No man’s sky“ spielen.

Welche zentrale gesellschaftliche Veränderung haben sich aus dieser Entwicklung heraus ergeben?

Immer größere Teile der Bevölkerung nutzen das Internet mobil, sind über entsprechende Internet-Flatrates ständig „on“. Eine Trennung von „on/off“ gibt es so bei den meißten Nutzer*innen nicht mehr. (siehe auch Quelle „pdf-Datei) Dies hat zur Folge, dass vorallem der Informationsaustausch immer schneller geschieht. Das senden/empfangen von e-Mails und die Nutzung von Messenger wie WhatsApp steht dabei im Vordergrund. Gesellschaftlich bedeutsam wird die Nutzung aber erst durch Dienste wie Facebook oder die Informationsrecherche über Seiten im Internet.

Hier wird vor allem sichtbar, was in Fachkreisen „Filter-Blase“ genannt wird. Dienste wie Google, Facebook und Twitter steuern meist unbemerkt und fast immer unverständlich(!) mittels Algorithmen die Informationen, die wir noch zu sehen bekommen. Personalisierung nennt sich das Verfahren. Personalisierte Werbung ist inzwischen ein gängiger Begriff, personalisiere Informationen erkennen wir (meist) noch nicht. Wie der Wissenschaftler Gerrit von Northeim am Beispiel des Münchner Amoklauf des Jahres 2016 am Beispiel von Twitter herausfand, trennt sich die Öffentlichkeit in „Cluster“  (Quelle).

Was das für die offene Debatte in unserer Gesellschaft bedeutet, bleibt auch im Bundestagswahljahr 2017 eine spannende und offene Frage. Wichtig erscheint mir aber, dass wir kompetenter im Durchschauen solcher Prozesse werden. Dies ist nicht nur im Bezug auf sogenannte „Fake-News“ (Spiegel-Bericht) sehr wichtig.

Sicherheit durch mehr Videoüberwachung?

Die schrechlichen Vorkommnissen und Anschlägen des letzen Jahres, besonders aber der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche, haben die Rufe nach noch mehr Kameraüberwachung lauter werden lassen.

Laut einer aktuellen Umfrage von YouGov im Auftrag der Deutschen Presseagentur (DPA) sprechen sich 60% der Deutschen für mehr Videoüberwachung öffentlicher Räume aus. (Quelle „Homepage“)

Nach den schrecklichen Ereignissen wärend der Silvesternacht 2015/2016 in Köln sprachen sich laut dem ARD-Deutschlandtrend 82% der wahlberechtigen Bevölkerung Deutschlands für eine Ausweitung der Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen aus(Quelle „pdf-Datei“).

Was aber soll die Videoüberwachung bringen? Mehr Sicherheit? Ich gehe davon aus, dass an (Video-) überwachten Plätzen die Hemmschwelle, verbotenes zu tun, steigt. Ebenso klar ist mir, dass es jemandem, der bewußt Verbotenes tun möchte, ziemlich egal sein wird. Weil er das in seine Handlung mit einkalkuliert.

Auch der furchtbare Anschlag im Istanbuler Club Reina zeigt, dass sich durch eine Übewachungskamera niemand abschrechen lässt, der bewußt einen Anschlag plant. Auch dem Mörder, der den Lastwagen in den Berliner Weihnachtsmarkt gefahren hat, dürfte das egal gewesen sein. Hätte der Mörder seine Tat nicht vollendet, wenn Kameras installiert gewesen wären? Ich zweifele daran. Wenn überhaupt, hätte er sich eine andere Ansammlung von Menschen ausgesucht.

Auch wenn zusätzliche Kameras installiert werden und das Netz der Überwachung dichter wird, es wird solche Taten nicht verhindern. Das sieht auch die Bundesregierung so (Quelle „pdf-Datei“). Verändern wird sich maximal das Sicherheitsgefühl. Denn die Angst, vor allem vor Gewalttaten, steigt, wie eine Studie im Auftrag der R+V Versicherung ergab (Quelle).

Die Zunahme von Ängsten zeigt sich mir auich in Gesprächen mit Freunden und Bekannten. Ich selber verspüre nicht mehr Angst. Als Soziologe habe ich wohl einen relativierenden Blick. Laut ADAC starben 2016 knapp 10 Menschen auf Deutschlands Straßen – pro Tag (Quelle).  Sollte ich desshalb mit Angst auf die Straße gehen?

Nicht die Anzahl der Kameras entscheidet über mein Sicherheitsempfinden, sondern meine Haltung gegenüber der mich umgebenden Umwelt. Im Straßenverkehr kann ich mich an Regelungen halten, die eine sichere Nutzung erhöhen. Aber vor Unfällen ist niemand sicher. Das soll ja durch selbstfahrende Autos ermöglicht werden. Dazu aber in einer anderen Woche mehr. Ich teile daher die Ablehnung der geplanten erweiterten Videoüberwachung, wie dies die Konferenz der unabhängigen Datenschutzbehörden des Bundes und der Länder schon getan hat (Quelle „pdf-Datei“). [Update] Da die pdf-Datei nicht mehr auf deren Homepage zugänglich ist (relaunch!), hier die Pressemeldung. Die ursprüngliche pdf sende ich auf Anfrage gerne zu.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, hat in seiner Botschaft zum Neujahr 2017 darauf hingewiesen. „Angst bedroht derzeit unser persönliches und unser gesellschaftliches Innerstes, denn sie wirkt sich darauf aus, wie wir leben wollen.“ Doch Angst sei kein guter Ratgeber, weil Angst die Herzen eng mache und „versteinern“ lasse.

Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ich wünsche allen Menschen ein möglich angstfreies Jahr 2017!

Einen Dank geht an Andreas Lischka für das Bereitstellen des Bildes auf Pixabay!