Meinungsfreiheit und Zensur

Diese Woche ist so viel passiert, was mich beschäftigt, dass ich mich entschlossen habe, ein Thema etwas ausführlicher zu behandeln, die anderen nur am Rande anzuschneiden.

Am Montag machte ich mich auf den Weg zum #digidemos Kongress der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Berlin, über den ich gerne nach einer Nachbereitung nächste Woche berichten möchte.  Am Montag fandim Rechtsausschuss des Bundestages zeitgleich die Anhörung zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) statt (Tagesordnung pdf-Datei). Ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt, da ich die Meinungsfreiheit als ein grundlegendes Prinzip der Demokratie erachte, das nur in wenigen, begründeten Ausnahmefällen eingeschränkt werden darf. Alleine der Name des Gesetzentwurfs ist sperrig. Doch, wie ich finde, der Inhalt noch mehr. Im Grundsatz geht es darum, in Deutschland geltendes Recht in den sozialen Netzwerken besser durchsetzen zu können. Auf der Homepage des Bundesjustizministerium heißt es:

“Um die sozialen Netzwerke zu einer zügigeren und umfassenderen Bearbeitung von Beschwerden insbesondere von Nutzerinnen und Nutzer über Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte anzuhalten, werden durch den Entwurf gesetzliche Compliance-Regeln für soziale Netzwerke eingeführt.” (Quelle)

Ziel scheint es also, das Beschwerdemanagement zu verbessern. Zur Begründung wird eine umstrittene Erhebung von jugendschutz.net angeführt (Quelle), die einen Mangel bei der Bearbeitung von Löschbegehren festgestellt hat. Im Gesetzesentwurf der Bundesregierung heißt es: “Noch immer werden zu wenige strafbare Inhalte gelöscht. Ein von jugendschutz.net durchgeführtes Monitoring der Löschpraxis sozialer Netzwerke vom Januar/Februar 2017 hat ergeben, dass die Beschwerden von Nutzerinnen und Nutzern gegen Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte nach wie vor nicht unverzüglich und ausreichend bearbeitet werden. Zwar werden bei YouTube mittlerweile in 90 Prozent der Fälle strafbare Inhalte gelöscht. Facebook hingegen löschte nur in 39 Prozent der Fälle, Twitter nur in 1 Prozent der Fälle.” (Quelle pdf-Datei)

Einmal davon abgesehen, dass nach meiner Auffassung die Feststellung und Durchsetzung geltenden Strafrechts in einem Rechtsstaat Aufgabe der Justiz ist, geht der Gesetzentwurf aber darüber hinaus. Um es an dieser Stelle kurz zu machen: Das Beschwerdemanagement der betroffenen sozialen Netzwerke würde voraussichtlich die Löschpraxis verschärfen (müssen), so dass nicht nur Inhalte mit strafrechtlichem Inhalt gelöscht würden, sondern auch durch das Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckte Äußerungen. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages schreibt dazu in seinem Gutachten: “Im Ergebnis kann eine Grundrechtsbeeinträchtigung durch die Entfernung grundrechtlich geschützter Inhalte von Nutzern nicht ausgeschlossen werden. § 3 NetzDG-E stellt demzufolge einen Eingriff in die Meinungsfreiheit dar. […] Es besteht demnach – wie oben bereits erläutert – stets die Gefahr, dass auch rechtmäßige Inhalte entfernt oder gelöscht werden. Insbesondere die hohe Bußgeldandrohung von bis zu 50 Millionen Euro und die kurzen Fristen, gerade bei den vermeintlich offensichtlichen Fällen, verstärken diese Vermutung.” (Quelle pdf-Datei)

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein zweiter Punkt ist mir aber auch sehr wichtig. Hierbei geht es ebenfalls um Grundsätzliches. Als Jugendmedienschutzsachverständiger (bei der USK) beschäftige ich mich mit der Altersfreigabe von Computerspielen (USK 0/6/12/16/18).  Oder ein Spiel bekommt kein Kennzeichen, weil es als jugendgefährdend eingestuft wird. Dabei muss ich als Sachverständiger auch immer über mögliche negative Wirkungen der Spiele Rechenschaft ablegen. Wir arbeiten in allen Fällen mit sogenannten Wirkungsvermutungen, denn wie ein medialer Inhalt wirkt, kann – auf die Person bezogen – nur vermutet werden. Studien, die vorgeben, die “wahre Wirkung” ermittelt zu haben, offenbaren bei genauerer Betrachtung immer relativierende Aussagen.

Wie steht es nun um die Wirkungsvermutung bei “rechtswidrigen Inhalten” im Gesetzentwurf? In der Einleitung zum Gesetzentwurf heißt es:

„Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte, die nicht effektiv bekämpft und verfolgt werden können, birgt eine große Gefahr für das friedliche Zusammenleben einer freien, offenen und demokratischen Gesellschaft.“ (Quelle siehe oben)

Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Nehmen wir einmal denStraftatbestand der Volksverhetzung (130 StGB). Darin heißt es unter anderem

“(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

1. gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihre ethnische Herkunft bestimmte Gruppe, gegen Teile der Bevölkerung oder gegen einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung zum Hass aufstachelt, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordert oder
2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er eine vorbezeichnete Gruppe, Teile der Bevölkerung oder einen Einzelnen wegen seiner Zugehörigkeit zu einer vorbezeichneten Gruppe oder zu einem Teil der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“ (Quelle)

Erinnert sich noch jemand an den Aufkleber “Soldaten sind Mörder”?

In der rechtlichen Auseinandersetzung ging es genau um diesen Paragraphen. Lag hier eine Rechtsverletzung vor? Die Antwort lautet “Nein”. Auch wenn einzelne Soldat*innen sich hier einer Hetze ausgesetzt und/oder sich beschimpft fühlen (Wirkungsvermutung). Das Gefühl könnte ich nachvollziehen, ich war ja auch mal ein Soldat. Diese Äußerung, so entschieden die Richter, ist durch den Artikel 5 unseres Grundgesetzes (Meinungsfreiheit) geschützt. Hätten beispielsweise die Mitarbeioter*innen von Facebook oder Twitter einen solchen Beitrag gelöscht und damit eines unserer zentralen Grundrecht beschnitten?
Darf der Staat diese Entscheidung privaten, kommerziellen Unternehmen überlassenen? Wäre es an dieser Stelle nicht angebrachter und auch rechtsstaatlicher, ich würde als vermeintlich Betroffener Strafanzeige stellen und die Entscheidung den Organen, die Straftatbestände verfolgen müssen, überlassen? Ihr seht schon, ich bin kein Befürworter des Gesetzentwurfs, wenn ich auch einzelne Teile nachvollziehen kann.

Die Benennung von Zustellungsbevollmächtigten, wie in § 5 geregelt, finde ich beispielsweise notwendig. Wenn ich eine Löschung veranlassen möchte, dann reicht mir eine Meldebutton nicht aus. Ich habe auf meine bisherigen fünf Meldungen übrigens kaum eine Reaktion bekommen. Einmal wurde eine Seite auf FB gelöscht, die durch und durch von Hakenkreuzen strotzte.
Doch noch einmal zurück zur Wirkungsvermutung. Welche Wirkung hätte die Löschung eines Beitrages wie “Alle Asylbewerber sind Terroristen”? Das die damit verbundene Stigmatisierung, Kriminalisierung und Menschenverachtung weniger Verbreitung finden würde? Wenn ich an Social Media und die damit verbundenen Dynamiken denke, dann würde ich eher eine gegenteilige Wirkungsvermutung annehmen. Eine Löschung wäre ein super Anlass für eine wunderbare Zensurkampagne, die das Weltbild der “Lügenpresse-Rufer*innen” weiter festigt und zögerliche Beobachter*innen weiter in die Fänge derer treiben würde, die ich doch in einen gesellschaftlichen Diskurs zurückholen möchte. Ja, es ist mir ein Anliegen, zu Diskursen zu kommen, wo immer es geht.

Interessante Einblicke in eine solche Betrachtungsweise in Bezug auf die Löschung oder Kennzeichnung von „Fake-News“ zeigen beispielsweise Nora Denner und Phillip Müller vom Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. (Quelle)

Die Beobachtungen lassen sich aber auch schnell selber machen, wenn ich beispielsweise meinen Bezugsrahmen (das mag ich lieber als Filterblase!)  verlasse, in der ich mich freiwillig die meiste Zeit selber aufhalte. Gerade heute wird wieder über die „Willkür des Staates“ gegen „liebenswerte“ Mitbürger wie Günter Niggenaber berichtet (Quelle), der seinen Facebookaccount inhaltlich geleert hat und nun nur noch über das russische Social Netzwork VK erreichbar sein soll. Er hatte wohl einen wenig freundlichen Besuch von der Staatsgewalt.

Die Anhörung im Rechtsausschuss, das sei auch am Ende verraten, zeigte nach den Stellungnahmen der Gutachter (ja, alles Männer) sehr deutlich, dass es große Bedenken gegen den Gesetzesentwurf gibt (Quelle). Ich schätze Mal, dass der Gesetzentwurf so keinen Bestand haben wird. Ich persönlich würde in der Frage des Umgangs miteinander im Netz auch eher auf zivilgesellschaftliches Engagement setzen und eindeutig strafrechtliche Fälle dann tatsächlich zur Anzeige bringen. Meine Erfahrungen zeigen, dass das in der Regel auch gut ohne Löschung, sondern mit angemessener Gegenrede (die es zu stärken gilt!) zu bewältigen ist. Hierzu gehört natürlich auch die Stärkung des Rechtsstaates. Wie viele der von jugendschutz.net festgestellten “Nichtlöschungen” wurden den Strafverfolgungsbehörden übergeben, wie verliefen die Prozesse?

Erinnern wir uns an die Einleitung zum Gesetzentwurf: „Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte, die nicht effektiv bekämpft und verfolgt werden können, birgt eine große Gefahr für das friedliche Zusammenleben einer freien, offenen und demokratischen Gesellschaft.“

Diese Woche soll auch noch ein Gesetz durch den Bundestag gebracht werden, der die Quellen-Telekommunikationsübrewachung ausweitet. Wen es interessiert, hier gibt es eine Stellungsnahme des ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar.

MdB Saskia Esken (SPD) hat übrigens auch schon etwas dazu auf Twitter geschrieben:

20. Juni

Saskia Esken hat SPD im Bundestag retweetet: „Ich muss das Gesetz in der vorliegenden Form ablehnen, weil der Zugriff auch auf die gespeicherte Kommunikation vorgesehen ist.“

Mehr habe ich heute auch nicht dazu zu sagen. Und du?

Martin Luther und die digitale Welt

Was mich am meisten mit Martin Luther verbindet ist wohl seine Leidenschaft, sich mit gesellschaftlichen Strukturen und ihrer Wirkung auf den Menschen zu beschäftigen. In seinem Fall lag der Schwerpunkt auf dem Gottesbild der damaligen Zeit, mit kirchlichen Strukturen, die sich im Laufe der Zeit durch sein Wirken (gemeinsam mit anderen Mitstreiter*innen) fundamental änderten.

Neben dem inhaltlichen Aspekt fasziniert mich auch die Art und Weise, wie die Inhalte kommuniziert wurden. Davon könnten wir heute noch einiges lernen, denn auch im Zeitalter der Digitalisierung geht es um beides: Inhalt und Form.

In meiner Rolle als Referent für „Digitale Welt“ habe ich es meist mit Vorgängen zu tun, die selber nicht sichtbar sind. Zu sehen sind oftmals nur die Auswirkungen. Zu sehen sind die Auswirkungen von Algorithmen, die unsere Suchergebnisse beim „googeln“ sortieren, die virtuellen Warenhäuser wie eBay oder Amazon, bei denen ich das Kaufhaus aber nicht sehen kann, eben virtuelle Dinge, die mir verborgen sind. So ähnlich muss es Martin Luther ergangen sein. Glauben, Gnade, Gott selbst ist nicht sichtbar, aber wirkmächtig. Sie wirken, obwohl unsichtbar, in den Alltag hinein. Daher nenne ich sie meist „vireal“. Eine Mischung aus virtuell und real.

So ist es für mich auch mit der Betrachtung der Gesellschaft zur Zeit Luthers. Ich sehe sich nicht, sondern rekonstruiere sie und versuche mir vorzustellen, wie Luther in ihr gelebt und gewirkt hat. Dabei entsteht ein vireales Bild. Am beeindrucktesten bin ich von der Wirkmacht, die in seinen Schriften und deren Verbreitung liegt. Aber stellen Sie sich einmal vor, es hätte keine Druckmaschine gegeben, mit der die Schriften massenhaft vervielfältigt werden konnten. Hätten seine Schriften eine so große Resonanz gefunden, wenn nicht Lucas Cranach Illustrationen dazu geliefert hätte, die den Inhalt auch Menschen näher brachten, die nicht lesen konnten? Ich denke nein.

Das sind starke Parallelen zur heutigen Zeit. Die Druckmaschinen heute heißen Blogs, Twitter, Facebook & Co..

Immer wieder mal wird diskutiert, welche Medien Luther heute benutzt hätte, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Ich finde das keine recht einfache Frage und meine Antwort darauf lautet: Die Medien der Zeit, die eine möglichst gute Verbreitung bei gleichzeitiger geringer Kontrolle ermöglichten. Hätte Luther ein Netzwerk wie Diaspora (weltweit aktuell 670.360 Nutzer*innen) genutzt, um seine Ideen zu verbreiten? Ich weiß es nicht, aber ich kann mir vorstellen, er hätte ein Netzwerk genutzt, das eine weite Verbreitung ermöglicht hätte. Ein Urheberrecht, wie wir es heute kennen, gab es damals nicht. Auch hier denke ich, es wäre in seinem Sinne gewesen, seine öffentlichen Texte so weit wie möglich zu streuen. Aber letzten Endes, und auch hier eine Parallele zur heutigen Zeit, ging es ihm ja vor allem anderen um den Austausch von Gedanken mit anderen Gelehrten, bevor sie (wenn sie sie gutheißen!) veröffentlicht wurden.

„Allein es war nicht meine Absicht noch Wunsch, daß sie allgemein verbreitet werden sollen. Ich dachte nur sie mit einigen wenigen Gelehrten hier, und in der Nähe herum zu prüfen, um sie, würden sie nach deren Aussprache verworfen, zu unterdrücken, oder sie öffentlich durch den Druck bekannt zu machen, wenn sie sie gutheißen. Nun aber werden sie, was ich nie geglaubt hätte, allenthalben aufgeleget und übersetzet […]“ (Luthers Brief an Christoph Scheurl, vom 5.ten März 1518)

Sein einleitender Satz zu den 95 Thesen verdeutlicht dies in beeindruckender Weise.

„Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien Künste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, über die folgenden Sätze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mündlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.“

In meiner Kirche lassen wir diesen Gedanken leider vielmals außen vor.

Eines sollte uns heute allen bewusst sein: Damals wie heute prägen Auseinandersetzungen die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft. Medien sind ein zentraler Ort, an denen die unterschiedlichen Vorstellungen verhandelt werden. Analog wie digital.

Social Media Tag der EKHN 2016

Die digitale Gesellschaft…

…gibt es in meinen Augen nicht. Ebenso wie es die analoge Gesellschaft nicht gibt. Es gibt nur die Gesellschaft, die wir konstruieren und der wir gerne Namen geben, um sie greifbarer zu machen. Da leben wir mal in der „aufgeklärten Gesellschaft (Kurt F Flexner )“, in der „Wissensgesellschaft (Bernd Dewe)“, der „nazistischen Gesellschaft (Hans-Joachim Maaz) oder in der „granulare Gesellschaft (Christoph Kucklick), um nur einige Beispiele zu nennen. Die Gesellschaft unterteilt sich nicht in die „analoge und digitale“ Gesellschaft. Ebensowenig wie es die „Digital Natives“ und die „Digital Immigrants“ gibt. Begriffe werden mit Absicht geschaffen und benutzt. Was unterscheidet einen „Native“ von einem „Immigrant“? Soll damit nur ausgesagt werden, dass eine*r in eine Zeit hineingeboren wurde, in der die Digitalisierung der Gesellschaft soweit fortgeschritten war, dass „…es der Menschheit im Jahr 2002 zum ersten Mal möglich war, mehr Information digital als analog zu speichern“? (Quelle). Als ich mir im Jahreswechsel 1986/87 meinen ersten Home-Computer kaufte, begann ich mich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Geboren wurde ich 1959. Also eindeutig ein Immigrant. Mein Sohn, 1987 geboren, wuchs in einem Umfeld auf, in dem digitale Medien bereits einen beachtlichen Raum einnahmen. Immigrant oder Native? Mein jüngster Enkel, 2015 geboren, wächst in diese Gesellschaft hinein. Wird er damit zum Ureinwohner? Drei Menschen, drei unterschiedliche „Aufwachszeiten“. Wie aber ist die Wahrnehmung der Gesellschaft geprägt. Habe ist als Immigrant durch meinen Geburtszeitpunkt weniger Einblicke in die Gesellschaft, verstehe ich weniger von den, was sich tut? Vielleicht, oder eben aber nicht.

„Digital Natives“ ist häufig ein Kampbegriff. Er dient dazu, Verantwortung zu übertragen, häufig von der Generation der Entscheider*innen auf diejenigen, die nichts oder wenig zu entscheiden haben. Übertragung ohne Machtverlust. „Kümmert ihr (Native) euch mal, ich bin schon zu alt (Immigrant)“.

Nun, das alles würde mich nicht wirklich beschäftigen, wenn nicht die „Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen“ denjenigen Steine in den Weg legen würden, die voranschreiten und Gesellschaft weiterentwickeln möchten.

Gesche Joost, Professorin für Design an der Universität der Künste Berlin, hat in ihrem Beitrag „Kirche in der digitalen Gesellschaft“ ein paar Thesen aufgestellt und erläutert, die ich im ersten Teil, auf dem Hintergrund meiner anfänglichen Ausführungen, besprechen möchte. Ich hoffe, den Sinn ihrer Aussagen nicht allzusehr zu verkürtzen. Der Orgialtext ist ja verlinkt, so dass jede*r sich selber ein Bild machen kann

  1. Sie beschreibt, dass die Euphorie der 1990er Jahre (neue Formen der Teilhabe und der Meinungsbildung erschienen am Horizont, die unser Verständnis von Gemeinschaft neu definieren sollten) sei verflogen.

Meine eigene Wahrnehmung sagt mir, diese Euphroie gab es in der Breite der Gesellschaft nicht. Ich wählte mich „damals“ (1990!) über mein 2.400 Modem in Newsgroups ein und bemühte mich als Mitarbeiter in der offenen Jugendarbeit mit den mir anvertrauten Kindern und Jugendlichen einen angemessenen Umgang mit dieser neuen Technologie zu erlernen. Dafür besprach ich mich mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschieldichen Arbeitsfeldern (Gewerkschaften, Kirchen, Jugendarbeit). Ja, eine gewissen Neugiuer und Euphorie gab es. Was würde alles möglich sein? Uns war schon klar, dass sich Meinungsbildung und Teilhabe verändern würde – positiv. Gleichzeitig machten wir jedoch die ersten Erfahrungen mit negativen Begleiterscheinungen. Datenschutz? Umgang mit anderen Menschen, von denen nichts als ein digitaler Nickname bekannt war? Wie oft mussten wir die Kinder und Jugendlichen daran hindern, alles von sich preiszugeben, wenn sie sich mit ihrer virealen Identität in Chatcity (ja, die gibt es immer noch ) aufhielten?

Was bis heute bleibt sind die neuen Formen der Teihabe, die neuen Wege der Meinungsbildung! Ja, von mir aus positiv bewertet. Denn die Teilhabemöglichkeiten sind in der Tat gewachsen. Fragt einmal meine ehemalige gehörlose Mitbewohnerin, welche neuen Kommunikationswege sich ergeben haben (ja, Bildtelefon gab es – in schlimmster Qualität!). Eines  meiner Projekte aus dem Jahr 1998 (Projektbericht als pdf-Datei) , in desssen Verlauf sich Besucher*innen eines Jugendtreffs ihre eigenen Rechner zusammenbauen konnten, wäre ohne die Newsgroups nicht möglich gewesen (wir bekamen wiederverwertbare Rechnerteile aus allen Teilen der Republik -privat über unbekannte Menschen aus den Newsgroups!). Bis heute sind „unzählige“ (warscheinlich lassen sie sich zählen) Projekte gestartet und beendet worden, die die Teilhabemöglichkeiten ausloteten. Hier seinen nur einige wenige „große“ aufgeführt:

https://www.ijab.de/youthpart     https://jugend.beteiligen.jetzt/        https://www.jugendforum.rlp.de

Aktuell werden weitere Teilhabemöglichkeiten ausgelotet. Das Aula-Projekt, das ich unterstütze (siehe hier) , zählt auch dazu. Also verflogen ist bei mir nichts. Möglicherweise die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche mehr beteiligt werden sollen. Diese offene Frage stellt sich mir immer wieder: Wo möchte man die Beteiligung – und unter welchen Bedingungen? Oder, wie es die die im digital-analogen Partizipationsprojekt beteiligten Jugendlichen 2012 in ihrem Jugendmanifest ausdrückten: „Wir Jugendliche werden in Entscheidungen, die uns betreffen, nicht gut genug eingebunden. So entgehen uns Chancen,  unsere Zukunft mitzugestalten.“ (Quelle)

Mein Fazit: Möglichkeiten und Wege, Meinungsbildung und Kommunikation auf eine breitere Ebene zu stellen, gibt es. Allein der Wille ist scheinbar schwach.

2. „Wir erleben heute immer mehr auch die Schattenseiten des Netzes – Hate-Speech, Radikalisierung im Netz und Cyber-Mobbing stehen auf der Tagesordnung. So entstehen Echo-Kammern, in denen ungehemmt Meinungen verbreitet werden, die sich gegenseitig verstärken und keine sozialen Filter mehr zu haben scheinen.“

Sicher, hier beschreibt Frau Joost eine Schattenseite, die aber nicht wirklich neu ist. Von daher ist „immer mehr“ auch eine relativierende Umschreibung. Erhöht hat sich mit zunehmender Nutzung auf jeden Fall die Menge. Hate-Speech, Radikalisierung und Cyber-Mobbing waren schon in den 90er Jahren ein Thema, zumindest dort in der Jugendarbeit, wo man sich mit den Chancen und Risiken der digitalen Medien beschäftigt hat. Das Echo-Kammern-Phänomen ist auch nicht wirklich neu. Als 1978 die taz gegründet wurde, war der Hintergrund doch die Berichterstattung in den klassischen Medien, die in der regel doch auch eine Echokammer-Funktion hatten. Ob Mensch Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine oder Bild las, das Interesse war doch auch immer, Nachrichten zu lesen, die dem eigenen Weltbild eher entsprachen. Dieses Echo-Kammern-Phänomen setzt sich in den Sozialen Netzwerken fort und wird über die Vernetzungsstruktur weiter gefestigt. Ich persönlich habe über einen Kontakt noch Zugang zu einer anderen (Facebook-) Medien-Echokammer. Manchmal erschreckend, aber auch gleichzeitig interessant. Da sehe ich manchmal zwei Arten der Weltwahrnehmung!

Einen letzten Punkt möchte ich noch ansprechen:

3. „Ich vermisse die Kirche im Netz, ich vermisse ihre Stimme in den turbulenten Diskussionen, ihre Leitfunktion für die christlichen Werte unserer Gesellschaft. Wir brauchen die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche, die sich individuell wie auch kollektiv einmischen, wenn Menschen online Orientierung suchen, wenn es um die Aushandlung gesellschaftlicher Fragen geht, aber auch wenn es um technologische Diskussionen geht – um die Ethik von Algorithmen, um die Chancen und Grenzen der Künstlichen Intelligenz, um die Bedeutung und den Wert der eigenen Daten.“

Wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht: „Die Kirche“ hält sich in kritischer Distanz zur Onlinekommunikation! Kritisch in erster Linie wohl – und das ist meine Interpretation – aus zweiterlei Gründen. Den einen benennt Frau Joost treffsicher: „Dieser Raum gehorcht neuen Gesetzen: er ist  dezentral organisiert, unabhängig und offen.“ Damit hat die Institution Kirche ein Problem, denn sie ist in ihrer Kommunikationsstrategie eher zentral, abhängig und nicht offen organisiert. Ob „die Kirche“ sich überhaupt auf die Möglichkeiten der digitalen Kommunikationskanäle einlassen möchte, stelle ich auch einmal in Frage. In der EKD-Mitgliederstudie heißt es: „Der Austausch über religiöse Themen erfolgt nahezu ausschließlich im direkten persönlichen Gespräch. Für den individuellen Austausch über religiöse Themen sind internetbasierte Kommunikationswege und damit auch internetbasierte soziale Netzwerke, sieht man von der Gruppe der Jugendlichen ab, nicht wichtig.“ (Quelle)

Wenn dies aber nicht wichtig ist (mit Ausnahme der Jugendlichen!), warum sollte sich „die Kirche“ dort engagieren? Es gibt ja durchaus einige Ansätze im kirchlichen Bereich. Dies sind aber zarte Pflänzchen. Grundsätzlich stellt sich hier aber auch die Frage, ob “ die Pastorinnen und Pastoren, die Gemeinden, die Organe der Kirche“ die richtigen einmischer sind, oder ob es auch darum gehen sollte, das „Priestertum aller Getauften“ ernster zu nehmen und denzentraler, unabhängiger und offener die angesprochenen Themen zu kommunizieren, so wie es unter den Hashtag #DigitaleKirche erste zarte Pflänzchen zu bewahren und zu bewässern gilt.

Oder?

Youtube gesünder als Instagram

Ist Youtube das gesündeste unter den großen sozialen Netzwerken?

Laut einer Studie der renomierten „Royal Society for Public Health“ ist dies so. Das ist auch ein Anlass, mich mit der Plattform zu beschäftigen, auf der mit einer Gesamtdauer von mehreren hundert Millionen Stunden pro Tag Videos geschaut werden.

Da ich ja aus der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Multiplikatoren komme, stelle ich die Zielgruppe auch mal in den Mittelpunkt des heutigen Blogartikels. Zu Beginn werde ich einige Sozialdaten liefern, die seit 2010 den Hintergrund meines Engagements in unterschiedlichen Projekten mit Youtube-Nutzung bilden. Anschließend werde ich Handlungsfelder für die praktische Arbeit umreißen, um dann einige (hoffentlich anregende) Youtube-Videos und -Kanäle zu nennen, mit denen man ganz gut arbeiten kann.

Ohne Zweifel, Youtube ist bei Jugendlichen, aber zunehmend auch bei Kindern, ein beliebtes soziales Netzwerk. Wie in der KIM-Studie 2016 ausgeführt, schauen 17% der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren, die das Internet nutzen, sich täglich/fast täglich Videos auf Youtube an. 33% nutzen die Möglichkeit einmal/mehrmals in der Woche. Lediglich 1/3 der Kinder schauen keine Videos auf Youtube. Mit zunehmendem Alter nimmt dabei die Nutzung zu. Im Focus steht dabei vor allem die Unterhaltung. „Lustige“ Videos und Musikvideos zählen zu den meist genutzten Angeboten. Im Mittelfeld finden sich Beauty und Lifestyle Angebote, besonders von den beliebten YouTuberinnen Bianca Heinicke (BibisBeautyPalace – 4.472.100 Abonennt*innen) und Dagmar Ochmanczyk (DagiBee – 3.486.002 Abonent*innen), wobei hier ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern sichtbar wird. Mädchen sehen sehr viel häufiger als Jungen Mode-/Beautyvideos an (51 %, Jungen: 11 %). Bei den Jungs dominieren Sportvideos (52 %, Mädchen: 14 %) und Let’s-play-Videos (28 %, Mädchen: 13 %).

Für diejenigen, die mit Kindern in der Altersgruppe arbeiten, dürfte eine Erkenntnis zentral, wenn auch nicht überraschend sein: Die Nutzung von Musik-, Beauty- und Lifestyle-Videos nimmt mit steigendem Alter zu. Wie sehr Youtube auch ein Medium für die Identitätsbildung sein kann, kann sich jede*r denken. Wer sich tiefer damit auseinandersetzen möchte: Elisabeth Jäcklein, heute beim JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, hat sich bereits 2009 in ihrer Masterarbeit (pdf-Datei) mit dem Themenfeld auseinandergesetzt.

Schaut man auf die Youtube-Nutzung bei Jugendlichen zwischen 12-19 Jahren, die in der JIM-Studie 2016 beschrieben wird, so zeigt sich folgendes Bild: Die mehrmalige Nutzung von Youtube geben 86% an, 56 % nutzen Youtube täglich. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass die regelmäßige Nutzung mit zunehmendem Alter aber leicht zurückgeht (12-13=89%, 14-15=88%, 16-17=87%, 18-19=78%). Inhaltlich unterscheidet sich die Nutzung von denen der Kinder nicht besonders. Musik, „lustige“ Videos sind von größtem Interesse. Auch die geschlechtsspezifische Nutzung setzt sich fort, wobei Jungs inzwischen mehr die Let’s-play-Videos als die „lustigen“ Videos anschauen. Aber auch hier zeigt sich eine Altersentwicklung. Let’s-play-Videos verlieren mit zunehmendem Alter deutlich an Attraktivität (schau ich regelmäßig: 12-13 Jahre: 44 %, 18-19 Jahre: 21 %). Gleiches zeichnet sich bei Mädchen ab. Das Thema Mode-/Beauty verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung (12-13 Jahre: 23 %, 18-19 Jahre: 11 %).

Youtube wird als Plattform für die Veröffentlichung eigener Videos allerdings nur von wenigen genutzt (KIM-Studie 7%, JIM-Studie 2%).

Soweit ein kleiner sozialwissenschaftlicher Überblick. Interessant sollte dies spätestens dann werden, wenn man Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleitet, privat oder beruflich.

Gestern hatten wir zu Youtube eine Fortbildung für Multiplikator*innen aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in der es nicht nur um die Hintergründe von Youtube (Entstehung, Geschäftsmodell und aktuelle Entwicklungen) ging, sondern auch um die Möglichkeiten der pädagogischen Intervention. Bei der pädagogischen Intervention geht es darum, die Handlungskompetenzen zu verbessern. In meinem Verständnis der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist das eine zentrale Aufgabe.  (Präsentation als pdf)

Wie aber lassen sich Handlungskompetenzen bei Kindern und Jugendlichen erhöhen? Ich sehe hier mindestens drei zentrale Schwerpunkte: Identität, Partizipation und gesellschaftliche Mitverantwortung.

Identität: Wie schon oben beschrieben, spielt Youtube für viele Kinder und Jugendliche bei der Identitätsbildung eine wichtige Rolle. Auf der Ebene der Handlungskompetenz wäre wichtig, Rollenbilder und Werte ebenso zu thematisieren wie Formen der medialen Inszenierung. Dazu gibt es eine Reihe von Clips, die sich direkt anbieten würden (Auswahl). Wie sie sich für welche Zielgruppe eigenen würden, einfach mal überlegen:

BibisBeautyPalace: Der 10kg Speck weg Gürtel Beitrag (ab Minute 9:00)

Dagi Bee: Schönheitswahn

Marie Meinmberg: Ich bin nicht eure Freundin

Gronkh: Wahre Schönheit kommt von Innen

Galileo: Was tun deutsche Männer alles, um gut auszusehen?

Sarazar: BATTLEGROUNDS – DER BESTE ANFANG EVER

 Partizipation: Youtube bietet durch seine große Bekanntheit und die einfache Bedienbarkeit eine geeignete Plattform, um eigene Videos online zu präsentieren, zu bewerben und kommentierbar zu machen. So können Partizipationsprojekte einfach in eine Social-Media-Kommunikation eingebunden werden. Einige Beispiele:

Parabol in Nürnberg: YouTube barcamp Nürnberg 2017 und der Kanal CiTyVee

Kooperationsprojekt: Partizipation im Sozialraum

Kooperationsprojekt: Projektseite Shape the Future (Beispiele auf Youtube mit Minecraft und Sims)

Projekte des Galluszentrum in Frankfurt/M.: Kanal Gallusvideos

Mesh Collective: Projektseite und der Kanal auf Youtube

Gesellschaftliche Mitverantwortung: Unter gesellschaftliche Mitverantwortung verstehe ich, sich mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen und seine eigene Verantwortung anzunehmen. Da zählen dann beispielsweise auch die Themen „Recht am eigenen Bild“, „Urheberrecht (Bilder, Musik)“, „Datenschutz“, „Algorithmen“, „Werbung (Produktplacement/Influencer Marketing/virales Marketing)“, „BigData (Googles Video-Analyse)“, „Umgang mit Kommentaren (Hate-Speech und Erwiderungspraxis)“, Vertragsrecht (Partnerprogramm, Agenturverträge) und die politischen Regularien (Parteien/NGOs/Lobbyismus/Gesetze und Verordnungen…)…

Simon Unge: über seinen „Knebelvertrag“ und #freiheit

Philipp Collin: Youtube Analytics

watchyourweb.de: ein abgeschlossenes Projekt der „IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.“  zum Thema Datenschutz/ Privatsspäre Projektseite und YT-Kanal

Productplacement: Report (Mainz) Beitrag

Kooperationsprojekt: Ingelheimer Youtubecamp 2015 und 2016

Dies sind nur einige ausgewählte Ansätze. Zu Youtube gäbe es noch vieles zu schreiben, ich will es heute aber einmal bei dem Teil belassen.

Wenn du noch weitere Projektideen, Anmerkungen oder eigene Erfahrungen teilen möchtest, dann ist das ausdrücklich erwünscht.

Und was Youtube und die Gesundheit angeht. Einen „gesunden Umgang“ mit sozialen Netzwerken lernt man durch eine Auseinandersetzung mit ihnen. Absinenz bringt keinen Kompetenzgewinn.