Das Gautinger Internettreffen

Seit 2000 trifft sich ein Teil der mit der Jugendarbeit und dem Internet verbundenen Community für zwei Tage in Gauting, wo der Bayrische Jugendring seine zentrale Bildungsstätte, das Institut für Jugendarbeit, betreibt.

In diesem Jahr war das Thema „Die neue Vermessung der Welt. Digitale Selbstverteidigung oder Feudalismus 3.0?“. In diesem Titel klingt das Spannungsfeld an, in dem sich die Gesellschaft, weit über die Jugendarbeit hinaus, befindet. Eine der Referentinnen, Anke Domscheit-Berg brachte das durch ihre Erläuterungen auf den Punkt. Wir befinden uns, so die Referentin, an einem zentralen Wendepunkt gesellschaftlicher Entwicklung, in der sich die Kommunikationsformen verändern, das Internet das bestimmende Medium sein wird.

In verschiedenen Beiträgen, die es in kurzen Zusammenfassungen hier (pdf) gibt, wurden die zum Teil sehr unterschiedlichen Blicke auf die Entwicklung und die daraus resultierenden Einschätzungen deutlich. So bewegen sich die Einschätzungen und Haltungen der Referent*innen zwischen eher düsteren (Yvonne Hofstetter), wenn auch nicht hoffnungslosen, Einschätzungen bis hin zu einem, wie ich finde, Technikfetischismus (Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Hof).

Die für mich sicherlich spannenste Erkenntnis der Tagung insgesammt war, dass die Einschätzung der Entwicklung geprägt ist von einer gesellschaftspolitischen Betrachtung der Lebensverhältnisse. Irgendwie, so kommt es mir vor, hat die Medienpädagogik einen Schritt in eine politischere Medienpädagogik gemacht. Die Frage „Wie wollen wir zukünftig leben?“ muss inzwischen sehr deutlich berücksichtigen, welche technologischen Entwicklungen die Menschen in der Gesellschaft möchten. Dabei wird der Moment, dass es sehr unterschiedliche Interessen ( wie Ökonomie, Ökologie und Soziales) gibt, mit in die Betrachtungen einbezogen. Denn auch das wurde sehr deutlich: Es sind Menschen, die die Technologien entwickeln und auch über deren Einsatz entscheiden können.

Auch wenn ökonomische Interessen vielfach im Vordergrund stehen, es liegt an den Menschen, die Entwicklung nicht den scheinbar! ökonomischen Zwängen zu überlassen, denn auch in einer globalisierten Weltökonomie gibt es für alles Alternativen.

Das Gautinger Internettreffen hat neben allen Vorträgen und Diskussionen aber auch immer einen praktisch Anregenden Charakter, was medienpädagogisch alles möglich ist. Ich war in drei Praxisworkshops:

  • „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“
  • „Hack your school 2017“ und „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“
  • „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“

Im Workshop „Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge“ ging es um die Möglichkeiten, mit Steuerungschips praktisch die Funktionsweise des Internet der Dinge sichtbar zu machen. Dazu programmierten wir kleine Programme, die beispielsweise eine Lampe steuerten. An sich ein schönes Experiment, für die nötige Einbettung in Praxisprojekte werden noch Ideen gesammelt. Ganz im Sinne des oben beschriebenen gesellschaftlichen Prozesses geht es ja auch darum, die Technologie zu bewerten, um entscheiden zu können, ob und wie sie genutzt wird. Privat wie gesellschaftlich. Denn das diese Technologie alles andere als unumstritten ist, zeigt die Süddeutsche Zeitung beispielsweise hier.

„Hack your school 2017“ handelte von einem interessanten Experiment in München, bei dem Schüler*innen ein Wochenende lang an Projekten für ein Lernen im digitalen Umfeld arbeiteten. Näheres gibt es hier.

Mit „Gefangen im Netz – Ein Fall für Kommissar Manzotti“ wurde ein Filmprojekt mit Kindern vorgestellt, das mit Grundschulkindern zum Thema „Datensicherheit in Soziale Medien“ durchgeführt wurde. Anlass war, dass bereits Grundschulkinder aktiv digitale interaktive Medien nutzen und dabei auch Daten hinterlassen. Wie aber können die Kinder altersgerecht sensibilisiert werden? Das Projekt ist hier beschrieben, der entstandene Film wird hier zu sehen.

Im Workshop „Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer“ wurden verschiedene Spielzeuge gezeigt, die beispielsweise die digitale Welt ins Kinderzimmer bringen, aber ebenso auch Daten aus dem Kinderzimmer senden. Da gibt es neben der Barbie 2.0 auch Puppen wie Cayla und Stofftiere oder die Gutenachtgeschichte kommt für teures Geld aus der Cloud. Es gab aber auch Dinge wie die iPad Töpchenhalterung, die uns wirklich zum schmunzeln brachte, (wenn es nicht so traurig wäre)!

Einen wunderbaren Input lieferte Niels Brüggen vom JFF – Institut für Medienpädagogik am zweiten Tag, der auf der Basis der Erkenntnisse des vorausgegangenen Tages die Aufgaben der Medienpädagogik in Zeitalter von Big Data formulierte

  • Heranwachsene nicht isoliert mit den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft alleine lassen! Sie haben beispielsweise ein Schutzbedürfnis und auch ein Bewustsein für Risiken. Die Einschätzung, was schutzbedürftig oder risikobehaftet ist, variiert dabei stark.
  • Gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren! Auch hier besteht ein Interesse. Es muss nur entsprechend aufgegriffen werden. Wie funktionieren beispielsweise Algorithmen?
  • Visionen entwickeln! „Wie wollen wir leben? Was müssen wir tun, um dahin zu kommen?“

Lesenswert ist ein Beitrag (pdf), der schon 2015 veröffentlicht wurde.

Ich nehme an, dass die einzelnen Beiträge der Veranstaltung – wie in den vergangenen Jahren auch – auch als Video auf dem Youtubekanal des SIN zeitnah erscheinen werden.

Mein (digitaler) Alltag

Am Ende jede Woche mache ich mir Gedanken darüber, welches Thema ich in der nächsten Woche aufgreifen werde. Die Liste der Themen, die ich mir vorgenommen habe, umfasst momentan sieben Einträge, angefangen von „Barbie, Siri, Echo & Co“ bis hin zu „Wahlbeeinflussung durch Camebridge Analytics“. Heute morgen (13. März) jedoch war ich so in der Beobachterrolle, dass ich einmal meine Wahrnehmung der Verändung im Alltag thematisieren möchte – so wie ich sie erlebe.

Angefangen hat mein Tag heute um 4:40, aufstehen, waschen, anziehen. Mein erster Blick auf das Smartphone und die App, die mir zeigen soll, ob meine Nahverkehrssystem heute „läuft“. Ok, Bus fährt, Bahn fährt, S-Bahn fährt und den Rest gehe ich zu Fuß, falls die Straßenbahn nicht innerhalb von 5 Minuten kommt, nachdem ich in Mainz eingetroffen bin.

Bevor meine Reise ins Büro beginnt, kaufe ich mir über meine Smartphone App erst einmal eine Fahrkarte. Das erspart mir die Kleingeldsucherei, denn meinen 50 Euro-Schein muss der Busfahrer nicht annehmen und genügend Kleingeld habe ich nicht. Dem Busfahrer zeige ich meinen digitalen Fahrschein und setze mich. Neben mir zwei junge Frauen, Smartphone in der Hand, Kopfhörer im Ohr und am Messenger (beide Whatsapp) checken. Ich erinnere mich an die Zeit meiner Jugend und daran, wie wichtig Musik für mich war und welches Glück es bedeutete, einen Walkman mein eigen zu nennen. In dem tragbaren Cassettenrekorder war selbstverständlich eine Musikzusammenstellung nach meinem Geschmack. Liebevoll in Handarbeit zusammengeschnitten aus einer Mischung vom Schallplattenspieler und Radio. Heute braucht es sowas nicht mehr. Das Smartphone oder der MP3 Spieler bieten die Möglichkeit, sehr viele Musikstücke zu speichern und sich daraus das jeweils passende auszusuchen. Ohne Vor- oder zurückspulen. Vielleicht kommt auch ein Streamingdienst zum Einsatz, bei dem die Musikstücke garnicht mehr auf dem eigenen Gerät gespeichert sind, sondern von einem entfernten Server über das Internet auf das Smartphone übertragen werden. Eines der Hauptmerkmale der Digitalisierung, die schier endlose Kopierbarkeit von Daten bei gleichbleibender Qualität und die Möglichkeit, die Daten in Sekundenbruchteilen von jedem beliebigen Ort zu einem anderen Ort zu senden, kommen hier zum Einsatz.

Der Wechsel vom Bus in den Zug geht problemloser als gedacht, denn meine App zeigte eine Verspätung des Zuges um drei Minuten. Die hatte er aber nicht, was mir (wieder einmal) bestätigte, dass die Zeitangaben nicht immer stimmen. Im Zug angekommen sitzen drei Frauen mit mir in der 4er-Sitzecke. Alle sind ungefähr in meinem Alter, alle haben ein Smartphone. Zwei der drei Frauen beginnen die digitale Ausgabe ihrer Tageszeitung zu lesen, sie unterhalten sich über die gelesenen Nachrichten. Auch hier wird ein Trend sichtbar, denn die „E-Paper-Auflagen“ sind nach Angaben des Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) von 2005 bis 2016″ von 21.121 auf 977.156 verkaufte Exemplare gestiegen. (Quelle pdf-Datei) Mein Eindruck: Dieser Trend wird sich noch verstärken, mit jeder Generation „Onlineleser*innen“ wird das gedruckte Exemplar hinfälliger. Die dritte Frau ist am Chatten (Google Hangout).

Zwei gehörlose Jungs gebärden miteinander, beide haben ein Smartphone und sind auch am chatten. Hier ist die Technik eine Befreiung. denn eine solche Möglichkeit miteinander zu kommunizieren, gab es vorher so nicht. Die analoge Technik und zu Beginn auch die digitale Version der Videotelefonie war durch die geringen Übertragungsraten einfach grauenhaft.

In Frankfurt angekommen bewege ich mich erst einmal in die DB-Lounge, denn ich habe 15 Minuten Zeit. Das reicht für einen Kaffee. Im Eingangsbereich der DB-Lounge muss ich meine Bahncard durch ein Lesegerät ziehen, das durch ein grünes Licht signalisiert, dass ich berechtigt bin, die DB-Lounge kostenfrei zu nutzen. Als das System 2016 eingeführt wurde, fragte ich mich, welcher Zweck damit erfüllt werden sollte und welche Daten von mir gespeichert werden. Der Scanner kann ja erfassen, welche Bahncard zu welchem Zeitpunkt durch die Öffnung geführt wird. Ich werde hier nach § 34 Bundesdatenschutzgesetzes einmal Auskunft verlangen, welche personenbezogenen Daten von mir gespeichert werden. Laut Aussagen keine.

Die Fahrt in der kameraüberwachten S-Bahn bis Mainz verlief dann wie gewohnt. Die digitale Zeitanzeige, die die Abfahrtszeiten der Busse und Straßenbahnen in Mainz anzeigt, funktionierte heute. Manchmal ist diese Anzeige ein Zeugnis digitalen Grauens, wenn der angeblich in einer Minute kommende Bus, auf den ich warte, plötzlich von der Anzeige verschwindet um dann Sekundenbruchteile später als „in 12 Minuten ankommend“ wieder zu erscheinen. Tatsächlich kommt dann der Bus drei Minuten später. Diese Erfahrung mache ich glücklicherweise nur 2-3 Mal im Jahr.

In der Straßenbahn hoch zur Uni ein interesantes Gespräch mit zwei Studentinnen, die „Opfer“ eines Prankerteams (Prank = Verarschung) geworden sind. Eines der beiden Frauen wurde von einem Typ angesprochen, was denn das ILY in einer SMS zu bedeuten hätte, er kenne das nicht. Daraufhin die korrekte Antwort der Studentin „Ich liebe dich“ (I Love You). Der Typ „ging dann voll ab, umarmte mich und sagte, dass bei ihm auch das gleiche Gefühl kam, als er mich erblickte“. Es ging hin und her, indem beide Studentinnen ihm erklären wollten, dass das nur die Übersetzung und nicht Ausdruck ihres Gefühles sei, was er partout nicht wahrhaben wollte. Kurzum, zwei Freunde haben das ganze gefilmt und fragten dann anstandsweise, ob die Studentinnen einer Veröffentlichung auf Youtube zustimmen würden, was sie verneinten. Beide hoffen, dass es auf dem Kanal nicht zu sehen sein wird. Interessant war, dass beide davon sprachen, dass sie das total doof finden, selbst aber doch gerne auf Youtube so Videos ansehen. „Wir sind voll krank“ waren ihre abschließenden Worte.

Im Büro angekommen iMehls checken, von 10 – 11 Uhr Videokonferenz mit dem #mppb17 Team über die gemeinsame Veranstaltung am 7/8. September 2017 in Mainz über die Plattform appear.in und den Rest des Tages wieder mit Mails und Themen-Recherche verbracht, hauptsächlich für ein Actionbound-Projekt im Rahmen des #mppb17. Bei dem Projekt soll es um die Universität Mainz und die NS-Zeit gehen. Einige Recherchen haben interessantes zu Tage gebracht, obwohl es in dieser Zeit keine Mainzer Uni gab! Bei diesen Recherchen war über das Internet wenig zu erfahren, allerdinges wurden Kontakte aufgezeigt, die dann auch über iMehl eine Menge interessanter Informationen lieferten.

Dazwischen noch einen theologischen Arbeitskreis zu „Luther und die Reformation“, in dessen Rahmen wir uns zur Zeit über die Bedeutung der Reformation für unser Arbeitsfeld austauschen.
Auf einem Projektrechner habe ich dann noch Ubuntu installiert. Läuft!

Noch ein schneller Blick auf den aktuellen Stand der finanziellen Unterstützung des Aula-Projektes, das ich ebenfalls unterstütze:
aula Projekt Hamburg: 675 von 1650 Euro
aula Projekt Jena: 1565 von 1650 Euro
aula Projekt Nottuln: 893 von 1650 Euro
aula Projekt Freiburg: 1250 von 1650 Euro

Crowdfunding ist auch eine schöne Sache, die ohne die digitalen Plattformen des Internets zwar auch möglich, aber wesentlich schwieriger umzusetzen sind. Man muss ja mit dem Projekt, für das man Unterstützer*innen sucht, erstmal bekannt werden. In der Regel geschah dies analog im näheren sozialen Umfeld, heute hat sich der Kreis erweitern.

Der vorletzte Teil des Arbeitstages bestand noch aus einer Recherche über die http://www.webgrrls.de/, die am 14.3 eine auch für Männer offene Veranstaltung in Frankfurt anbieten, die ich besucht werde. Ich hoffe dort auf zwei Kolleginnen zu treffen, mit denen ich Projekte besprechen möchte. Auch hier hat das Internet mit seiner HypertextArchitektur vieles einfacher gemacht.

Ein Blick in die veröffentlichten Ergebnisse einer neuen Drogenaffinitätsstudie (Teilband Computerspiele und Internet) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der DAK-Gesundheit am Ende meines Arbeitstages zeigt mir, dass ich mir die komplette Studie anschauen muss, um darüber eine fachliche Einschätzung abgeben zu können. Das muss daher noch ein bisschen warten, mir wurde aber von einem Kollegen aus dem Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters zugesagt, dass ich nach der Freigabe der Publikation in einer Fachzeitschrift ein Exemplar erhalten werde. Dann werde ich auch hier darüber berichten.

Kurz vor Ende meines Arbeitstages erreichte mich noch der Hinweis über eine Langzeitstudie, die den Zusammenhang zwischen dem Spielen von Computerspielen mit gewalthaltigen Spielhandlungen und realer Gewaltbereitschaft oder Gewaltakzeptanz untersucht hat. (Quelle) Auch dieser Studie werde ich mich zwischendurch widmen, denn als Jugendmedienschutzsachverständiger muss ich auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte sein. Zudem ist das ein Thema, das in vielen Zusammenhängen der Nutzung der digitalen Welt durch Jugendliche auftaucht.

Wer Fragen, Kritik oder Anregungen hat, kann dies gerne in den Kommentaren veröffentlichen.

Bilder der Digitalisierung

Als Mensch, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt, werde ich öfter nach meiner Einstellung zur Digitalisierung gefragt. Wird sie uns weiterbringen? Werden unsere Kinder Dinge, die wir Erwachsenen heute noch können, nicht mehr können? Wir wird die Welt in 10 Jahren aussehen, laufen wir dann alle mit einem Chip-Implantat rum?

Meine Standardantwort lautet immer „Die Gesellschaft verändert sich ständig und mit der Digitalisierung verändert sie sich einmal mehr. Schneller. Wer hätte sich vor 30 Jahren, als ich meinen ersten privaten Computer hatte, einmal vorstellen können, dass ein Gerät, das heute in die Hostentasche passt (Smartphone), die Leistung meines ersten PCs um ein vielfaches übertrifft? Inn unserem Haushalt hatten wir in den 60er Jahren kein eigenes Telefon. Wenn ich einmal später nach hause kommen wollte, rief ich bei einer Nachbarin an, die dann meiner Mutter Bescheid sagte. Heute ist faktisch in allen Haushalten mindestens ein Telefon vorhanden, selbst über die Hälfte aller Kinder zwischen 6 und 13 Jahren haben in Deutschland ein eigenes Handy oder Smartphone. (Quelle pdf-Datei)

Wie man Entwicklungen wahrnimmt, ob positiv oder negativ, ist allerdings von Wertehaltungen abhängig. Die Fähigkeit, sich mittels einer analogen Landkarte in der Umgebung zu orientieren, wird sicherlich geringer, wenn das nicht (mehr) erlernt wird. Aber ist das schlimm? Sicher, wir geben Kompetenzen an technische Systeme ab. Diese Abgabe an Kompetenzen ist aber nichts, was mit der Digitalisierung begonnen hat. Die Fähigkeit, sich ohne Karte zu orientieren (beispielsweise anhand von Moosbewuchs an Bäumen oder anhand des Standes von Himmelskörpern), ist im Laufe der gesellschaaftlichen Entwicklung merklich zurückgegangen. Wird das noch in der Schule oder im Elternhaus gelernt? Können Menschen in unserer Gesellschaft noch etwas mit Sätzen wie „Im Osten geht die Sonne auf, im Süden steigt sie hoch hinauf, im Westen wird sie untergehn, im Norden ist sie nie zu sehn.“ anfangen? Meine Erfahrung aus ökologischen Seminaren, die ich in den 90er Jahren geleitet habe ist, dass junge Erwachsene fast immer 10 Automarken, aber keine 10 Baumarten benennen können. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Informationen, die für unser alltägliches Leben nicht benötigt werden, können wir abspeichern – müssen dies aber nicht.

Das innere Bild, das über die Digitalisierung in uns entsteht, wird einerseits von der öffentlichen Berichterstattung und andererseits von persönlichen Beobachtungen geprägt. Die Berichterstattung in den Medien ist dabei häufig von negativen Auffälligkeiten gekennzeichnet, denn diese verkaufen sich besser als der normale, ereignisarme Alltag. „Mein Kind, ein Smartphonejunkie“, wird eher beachtet als „Psychologen warnen Eltern und Lehrer, alarmistische Thesen zu verinnerlichen.“, eine Zeile aus dem selben Artikel. Solche Bilder verinnerlichen wir aber dann gerne, wenn es mit unserer Beobachtung „Wenn das Handy zur Droge wird“ kombinierbar ist.

Daher ist es von Vorteil, wenn wir unsere Beobachtungen immer wieder durch Ergebnisse der Sozialforschung ergänzen. So gelingt es mir, Einstellungen und innere Bilder mit einschlägigen Studien abzugleichen und – falls erforderlich – zu korrigieren.

In Deutschland gibt es verschiedene Studien, die die Entwicklung der Digitalisierung in Teilbereichen nachzeichnen. Drei Studien sind besonders bekannt: Die KIM und die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest die den Medienbesitz und das Medienhandlen von 6-19 jährigen nachzeichnen, sowie die ARD/ZDF Onlinestudie, die Aussagen zum Medienbesitz und zur Mediennutzung der Gesamtbevölkerung bereithält. Bekannt ist auch der D21-Digital-Index (früher mal unter dem Namen (N)Onliner-Studie bekannt), der nicht nur Zahlen und Aussagen zur Internetnutzung, sondern auch zu Kompetenzen bereitstellt. Das Hans-Bredow-Institut, 1950 als gemeinnützige Stiftung gegründet, liefert auch immer wieder belastbare, gut recherchierte Forschungsergebnisse und ist thematisch breit gefächert. So finden sich hier beispielsweise das Forschungs-Monitoring „Aufwachsen mit digitalen Medien“, Projekte wie „Analyzing Governance Structures of Social Media“ und „Soziale Medien und vernetzte Öffentlichkeiten“ oder auch „Mobile Internetnutzung im Alltag von Kindern und Jugendlichen„. Für die Schweiz gibt es eine der JIM-Studie vergleichbare Datenerhebung und Interpretation, die JAMES- Studie.

Neben diesen Studien, die keine komerziellen Interessen verfolgen, gibt es eine Reihe von Studien, die bestimmte Personengruppen in den (komerziellen) Blick nehmen. Der Branchenverband BITCOM, als Zusammenschluss mehrerer Verbände der Digitalwirtschaft, in denen Unternehmen aus dem Digitalbereich organisiert sind, veröffentlicht auch immer wieder interessante Studien und Nachrichten zum Thema Digitalisierung. Sechs Verlagshäuser, die Printmedien herausgeben, lassen die „Begeisterung für Printmedien“ untersuchen, vor allen Dingen für die Marketing- und Werbeplanung.

Einen umfassenden Überblick über Studien, die das mediale Leben von Kindern und Jugendlichen beleuchten, findet ihr hier.

Mit Hilfe der Sozialforschung kann es gelingen, die inneren Bilder abzugleichen, damit wir nachher nicht eine solche Vorstellung von der Zukunft (Youtube) haben. 2014 habe ich in einem Videoprtojekt mit Jugendlichen einmal ihre Vorstellungen vom Internet der Dinge (IoT) thematisiert und es wurden interessante Einblicke (Bsp. Playstation sperrt Freundin aus (Youtube) in die Gedankenwelt der Jugendlichen ermöglicht.

Das gute Leben in der digitalen Welt (Youtube) wartet auf uns.

Demokratie digital

„Wie ihr wisst, Demokratie ist die einzige Staatsform, die gelernt werden muss.“ sagt Werner Völlering, Politikleher am Gymnasium Nottuln in einem Video und wirbt damit für das Projekt Aula, das ich nicht nur finanziell sehr gerne unterstütze. Manche von euch können sich vielleicht noch an die Zeit erinnern, in der die Piratenpartei mit ihrem digitalen Diskussions- und Abstimmungssystem „Liquid Feedback“ ein wenig für Wirbel sorgte, denn die Idee, eine digitale Plattform als Instrument für eine direktere Beteiligung der Mitgliedschaft an Entscheidungsprozessen einzusetzen, regte zur Nachahmung an. (Beispiel 1 SPD) (Beispiel 2 CDU)

Der Landkreis Friesland startete im November 2012 mit Liquid Friesland eine Form der Bürgerbeteiligung. Nach einer ersten Phase, über die in einer Masterarbeit (pdf-Datei) wissenschaftlich geforscht wurde, ist nun seit November 2016 eine abgespeckte Variante online, die auf ein Abstimmungssystem verzichtet.

Gemeinsam haben die verschiedenen Ansätze, dass sie die Vermischung von Elementen der direkten mit denen der repräsentativer Demokratie verbinden. „Liquid Democracy“, die Idee, unter der sich diese Ansätze versammeln, wird in diesem Youtube-Video kurz erklärt. Die Entwickler der Liquid Feedback Software haben inzwischen einen Verein gegründet, um dem gestiegenen Beratungsberdarf gerecht zu werden.

In unserer parlamentarischen Demokratie ist das Element der repräsentativen Demokratie sehr stark. Wir werden alle vier oder fünf Jahre an verschiedene Urnen gerufen, wählen Repäsentanten und haben dann kaum mehr mitzuentscheiden. Wir haben unsere Stimme in der Regel an eine andere Person vermacht. Zwischen den Urnengängen können wir Demonstrieren, Unterschriften sammeln, Petitionen zeichnen und auf anderen Wegen versuchen, uns Gehör zu verschaffen. In Deutschland ist das Mittel der „Volksentscheide“, einer Abstimmung bei einer klar beschriebenen Sachfrage, grundgesetzlich nur in zwei Fällen vorgesehen. Einmal bei der Neugliederung des Bundesgebietes (Art. 29 Abs. 2 GG) und im Fall einer neuen Verfassung (Art. 146 GG). In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Regelungen, die Volksbegehren und Volksentscheide ermöglichen.

Wie schwer ein solches Verfahren zur Zulassung eines Volksbegehrens ist, habe ich selber im Rahmen der Auseinandersetzung um die Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen erlebt. Im Artikel 124 Abs. 1 der hessischen Verfassung  heißt es: „Ein Volksentscheid ist herbeizuführen, wenn ein Fünftel der Stimmberechtigten das Begehren nach Vorlegung eines Gesetzentwurfs stellt.“ Der Gesetzentwurf, den die „Arbeitsgemeinschaft Volksbegehren und Volksentscheid – Keine Startbahn West“, zur Abstimmung stellen wollte, wurde von 220.765 Startbahngegnern mit ihrer Unterschrift unterstützt. Damit war das Fünftel der Stimmberechtigten erreicht. Die Landesregierung lehnte im November das Anliegen ab. Der Hessische Staatsgerichtshof verwarf den Antrag auf Zulassung eines Volksbegehrens. Eine hessenweite Abstimmung über den Gesetzentwurf fand somit nicht statt. (Quelle)

Kann also eine Software Schwung in demokratische Prozesse bringen? Probieren wir es aus!

Das angesprochene Aula-Projekt startet nun an vier Schulen im Bundesgebiet. Die Initiator*innen möchte SchülerInnen ab der Jahrgangsstufe 5 dazu befähigen, sich aktiv an der Gestaltung ihres schulischen Umfelds zu beteiligen und so demokratisches Handeln selbst zu erproben. Die Schüler*innen sollen im Rahmen des Projektes eigene Ideen für die Gestaltung ihrer Schule entwickeln, Mehrheiten dafür finden und die Umsetzung beschließen. Damit die Umsetzung nicht von finanziellen Zusagen der Schulleitungen abhängig ist, sollen die Schüler*innen über ein eigenes Budget von jeweils 3.000 Euro verfügen, das nun über die Crowdfundingplattform „Gemeinschaftscrowd“ gesammelt werden soll.

Bemerkenswert erscheint mir, dass nur zwei der vier Schulen auf ihrer Homepage auf das Projekt aufmerksam machen, Freiburg und Nottuln. Meine Suche auf den Homepages der beiden anderen Schulen blieb ohne positives Ergebnis.

Wir können die einzelnen Projekte aber mit unserem Beitrag unterstützen, damit Erfahrungen in der Praxisumsetzung gemacht und ausgewertet werden können. Und damit die Ideen der Schüler*innen verwirklicht werden können. Denn darauf kommt es an.

Bist du bereit?