„Fake-News“

Ganz ehrlich? Je öfter ich den Begriff „Fake-News“ lese und höre, desto mehr nervt es mich. Jede Information wird von irgendeiner Seite als Fake betitelt, ganze Verschwörungsszenarien ranken sich um Meldungen. Dabei drängeln sich alle in der Verurteilung von bewußt falschen Nachrichten.

„Fake news is killing people’s minds“ lässt Tim Cook, Appels CEO in einem Interview mit dem Telegraph verlauten. Darin ruft er Technologiefirmen und Regierungen auf, gegen Falschnachrichten vorzugehen. In diesem Interview spricht er auch die Verantwortung der Technologieunternehmen an, die „…need to create some tools that help diminish the volume of fake news.“ […die einige Werkzeuge entwickeln müssen, die dazu beitragen, das Volumen der gefälschten Nachrichten zu verringern.] Den Weg, weitere Wirkungen zu erziehlen, sieht er über die schulische Bildung, die sich wiederum auf die Elternhäuser auswirkt.(Quelle)

Die SPD will laut SPIEGEL, dass beispielsweise Facebook eine 24/7 Kontaktstelle einrichtet die dafür Sorge trägt, dass „offensichtliche Rechtsverletzungen binnen 24 Stunden“ gelöscht werden. Die Grünen haben, so ist im selben Artikel zu lesen, eine „grüne Netzfeuerwehr“ gegründet, die bei offensichtlichen Fake-News die Kraft der grünen Netzgemeinde aktiviert. (Quelle) Auch die CDU setzt laut SPIEGEL auf Beschwerdestellen und eine stärkere Regulierung. (Quelle)

Problematischer als all die offensichtlichen „Fake-News“, die mit ein wenig Menschenverstand und einer Grundhaltung „nicht alles, was schwarz auf weiß geschrieben steht, ist wahr“ erkennbar sind, sind im meinen Augen allerdings die Nachrichten und Äußerungen, die mittels unbelegter Behauptungen eine bestimmte Stimmung erzeugen wollen.

Ein Beispiel:

Holger Stelzner, einer der Herausgeber der FAZ überschreibt einen Kommentar in der FAZ vom 13.02.2017 auf der Titelseite über den Wahlkampf von Martin Schulz mit „Fake-News-Wahlkampf“. In diesem Kommentag schreibt Stelzner: „Schulz behauptet, in Deutschland hätten Boni so zugenommen wie die Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse. Richtig ist das Gegenteil: Befristete Arbeit, Minijobs und Zeitarbeit sind gesunken, klassische Normalbeschäftigung ist hingegen stark gestiegen.“ (Quelle)
Also wieder <Alles Lüge>, wie Rio Reiser einmal titelte? Nun sind Schulz und Stelzner Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und aufgrund ihrer Position eine gesellschaftliche Verantwortung tragen. Lügt einer der beiden?
Ich habe mal einen Faktencheck versucht. Hierbei ist es mir natürlich auch wichtig zu schauen, wie sich solche Aussagen überhaupt überprüfen lassen.

Befristete Arbeitsverhältnisse:
Das Statistische Bundesamt schreibt „Befristungen nehmen seit 2010 erstmals wieder leicht zu.“ (Quelle) Sie veröffentlichen auch eine Tabelle dazu, aus der der leichte Anstieg hervorgeht. Demnach waren in Deutschland 2.464.000 (2014) und 2.531.000 (2015) Arbeitnehmer*innen befristet beschäftigt. (Quelle) Auch die Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichte in ihrem Bericht über atypische Beschäftigung eine entsprechende Grafik (Quelle). Hier also scheint Stelzner falsch zu liegen.

Minijobs:
Laut Tabellen der Bundesagentur für Arbeit ist die Anzahl der geringfügig Beschäftigten von 6.659.126 im Jahr 2013 auf 6.549.804 im Jahr 2015 gesunken. (Quelle) Das Statistische Bundesamt (Quelle) Hier liegt Stelzner richtig.

Normalarbeitsverhältnis:
Die Zahl der Erwerbstätigen in einem Normalarbeitsverhältnis erhöhte sich 2015 um rund 317 000 Personen auf 24,8 Millionen. (Quelle) Auch hier liegt Stelzner richtig, wenngleich der Zusatz „stark“ relativ zu sehen ist. Mich freut es für jeden einzelnen Menschen.

Zusammenfassend kann ich nicht sagen, dass Stelzner falsche Tatsachen behauptet. Eine überprüfbare Quelle für seine Behauptungen nennt er leider nicht.  „Vom Januar 2012 bis zum November 2016 stieg die Anzahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten um über 320.000.“ Auch diese Aussage stimmt laut der Excel-Tabelle der Arbeitsagentur für Arbeit. (Quelle – zip-Datei, darin enthaltene .xls Datei, darin das Tabellenblatt 24) und relativiert die Angaben zu den Minijobs. Entscheidend bei solchen Aussagen sind nämlich immer die Bezugsrahmen. So ist es möglich, das beides stimmt. Eine Erklärung, wie auch unterschiedliche Zahlen zustandekommen, gibt es auf der eigens dafür eingerichteten Seite www.miese-jobs.de.

Die Recherche zu den drei Kernaussagen hat mich 1,5 Stunden gekostet und ich habe mich durch Unmengen an Zahlenmaterial gequält, Definitionen gelesen und Bezugsrahmen geprüft. Für „Normalbürger*innen“ eine Zumutung und somit nicht alltagstauglich.
Als Sozialwissenschaftler habe ich natürllich im Rahmen meines Studiums verschiedenste Möglichkeiten kennengelernt, mit Zahlen zu jonglieren. Falschaussagen von wahren Aussagen zu unterscheiden ist mitunter sehr schwer. Erschwert wird dies durch massenhaftes Zahlenmaterial, das wiederum interpretiert werden muss.

Doch zurück zur Ausgangslage: „Fake-News“ mit Bildung bekämpfen? Bildung ist sicherlich ein Schlüssel, um Alltagskompetenzen zu schulen. Bildung ist allerdings auch kein Allheilmittel. Bleibt noch die Verantwortung der Technologieunternehmen. Im Rahmen einer Ausschusssitzung in Landtag Rheinland-Pfalz hatte ich Gelegenheit David Schraven, den Geschäftsführer von correctiv.org, zu hören und zu sprechen. Correctiv.org wird für Facebook in einem mehrstufigen Verfahren den Faktencheck übernehmen. (Quelle)

Ich habe David Schraven in einem anschließenden Gespräch meine Position erläutert: Facebook-Nutzer*innen aller unterschiedlicher Gruppierungen werden gegenseitig die  „Fake-News-Button“ drücken, so dass das Verfahren über kurz oder lang an seine Grenzen stoßen wird. Schwierig wird es zudem, da Nachrichten durch Kopiertechniken faktisch beliebig oft weiterverbreitet werden können. Dies zeigt sich in dem Prozeß, der momentan vor dem Landgericht Würzburg geführt wird. Es geht um widerrechtlich genutzte und verfälschte Bilder, das den jungen syrischen Geflüchteten Anas Modamani ( manchmal zusammen mit Angela Merkel) zeigt. Facebook zeigt sich nicht in der Lage oder Willens, das Bild/ die Bilder aus seinem Netzwerk zu löschen. (Quelle)

Durch technologische Neuerungen wird es zudem zunehmend schwieriger werden, Orginal und Fälschung bei Bildmaterialien zu unterscheiden. Erinnern wir uns an den Varoufakis-Finger-Fake.

Wie wir es auch drehen und wenden, letzten Endes wird ausschlaggebend sein, welche Wertehaltung und Einstellung die jeweilige Person hat, die eine Nachricht zu Gesicht bekommt. Die ist bekanntlich auch davon abhängig, wie gesellschaftlichte Diskurse geführt werden. Auch in Wahlkampfzeiten.

Das eine Regulation im Netz selber funktioniert, habe ich persönlich auch von anderen netzaktiven Menschen gehört und selber erfahren dürfen. David Schraven berichtete in der Ausschusssitzung von einer ähnlichen Aktion wie die der „grünen Netzfeuerwehr“, die ebenso gut funktionierte. In der Facebookgruppe „Bad Kreuznach“, der ich (wie 10.000 andere Menschen auch) angehöre, gibt es unorganisiert schnelle Reaktionen bei Meldungen, die Falschmeldungen sind oder sich offensichtlich gegen eine Menschengruppe richten. Egal welcher Couleur.

In diesem Sinne eine schöne Woche…und bis nächsten Mittwoch!

Digitalisierung und frühkindliche Bildung

Die Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft -Sektion Medienpädagogik in Mainz am 9./10.3.2017 beschäftigt sich mit dem Thema „‚Digitale Bildung‘. Medienbezogene Bildungskonzepte für die nächste Gesellschaft.“. Dabei greift sie ein Thema auf, das schon seit einiger Zeit diskutiert wird.

Welche (formale) Bildung brauchen Menschen, die jetzt in unsere Gesellschaft hineingeboren werden?

In unserem föderalen System ist formale Bildung Sache der Bundesländer, für manche nicht immer leicht verständlich und mitunter für interessante Aussagen über die Wertigkeit einzelner Abschlüsse in einzelnen Bundesländern verantwortlich. (Quelle) Dieses Thema soll aber an dieser Stelle nicht vertieft werden.

Die Kultusministerkonferenz hatte sich dieses Themas angenommen und am 8. Dezember 2016 ein Strategiepapier beschlossen, das die wesentlichen Eckpunkte für konkrete Handlungen beinhaltet. In der Präambel heißt es:

„Die zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche führt zu einem stetigen Wandel des Alltags der Menschen. Der Prozess betrifft nicht nur die sich zum Teil in hoher Dynamik verändernden beruflichen Anforderungen, sondern prägt in zunehmendem Maße auch den privaten Lebensbereich: Smartphones und Tablets sind mit ihrer jederzeitigen Verfügbarkeit des Internets und mobiler Anwendungssoftware zum allgegenwärtigen Begleiter geworden.“

…und im Vorwort heißt es:

„Über welche Kompetenzen müssen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene verfügen, um künftigen Anforderungen der digitalen Welt zu genügen?“ (Quelle)

Das sich die Gesellschaft darüber Gedanken machen muss, steht außer Frage. Spannend ist aus meiner Sicht die Frage, wer welche Verantwortung für welche Bildungsbereiche trägt? Heute stehen – meiner Meinung nach – vielmals unterschiedliche Ebenen alleine da und schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Eltern zeigen auf die Schulen, die Schulen auf die Eltern, manche fordern bereits Bildung mit digitalen Medien im Kindergarten. Der Spannungsbogen reicht dabei bis hin zu der Position, digitale Geräte bis zum 12. Lebensjahr nicht in der Schule zu nutzen.

Wessen Aufgabe ist es aber, die Kinder auf die gesellschaftlichen Bedingungen vorzubereiten, die sie selber nicht geschaffen haben und die heute unwiederruflich von digitalen Kommunikationssystemen geprägt wird?

Zuerst einmal sind es die Eltern, die mit ihrem Erziehungsauftrag den Kindern die Grundlagen mitgeben sollen. Medienerziehung ist ein wichtiger Bestandteil elterlicher Erziehungsaufgaben. Dies war in den vergangenen Jahrzehnten auch kein großes Thema, denn die jeweils neuen Medien wuchsen langsam in den Alltag hinein. Wir bekamen in unserer Familie den ersten Fernseher gegen 1968, dann in schwarz/weiß und in einem abschließbaren Fernsehschrank. Bewegtbild war aber kein wirklich neues Medium und das Angebot, dass in unser Wohnzimmer flimmerte, war sehr überschaubar.

Mit der Veränderung der Medienlandschaft hat sich, vor allem durch das Privatfernsehn und das Internet sowie die Hosentaschencomputer (die auch noch telefonieren können), sehr viel verändert.Geschäftsmodelle haben sich ebenfalls sehr stark ausdifferenziert.

Durch Filmabschnittene unterbrochene Werbeblöcke, „Reality-TV-Sendungen“, Castingshows und Kinderfernsehn von sechs Uhr morgens bis Abends und unendlich viele Angebote im Internet ist die Medienerziehungsaufgabe schwieriger geworden. Ganz wichtig zu beachten ist auch, dass wir Erwachsene den Kindern ein Mediennutzungsverhalten vorleben, das den Alltag der Kinder von Geburt an mit prägt und das in vielen Fällen auch unreflektiert an den tag gelegt wird.

Um Eltern zu helfen, ihre Erziehungsverantwortung auch im digitalen Zeitalter wahrzunehmen, stehen heute unterstützend Seiten wie beispielsweise https://www.schau-hin.info oder https://www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de und unendlich viele andere Quellen bereit. Gerne gesehen sind immer (Medien-) Erziehungsratgeber und auch auf Elternabenden in Kindertagesstätten und Schulen werden häufig Unsicherheiten benannt.

Die Eltern für die Medienerziehung alleine verantwortlich zu machen, halte ich desshalb für falsch. In einer Gesellschaft wie der unseren, die von Medien durchdrungen ist, ist es eine Gesamtgesellschaftliche Aufgabe und damit auch ein auftrag für alle Bereiche der Bildung.

Mit Bildung, das sei an dieser Stelle auch noch einmal deutlich gesagt, meine ich nicht nur die formale schulische Bildung!

Hier aber taucht schon eine erste Problematik auf: Immer wieder wird festgestellt, dass gerade in Deutschland der Bildungserfolg auch mit dem (Bildung-)Status der Eltern zusammenhängt. Forschungen deuten ebenfalls darauf hin, dass das Mediennutzungsverhalten auch mit dem sozialen Status der Eltern in Verbindung steht. (Quelle – englisch!)

Da die Erziehung in den ersten Jahren alleine den Eltern obliegt und der Besuch einer Kindertagesstätte nicht allgemein vorausgesetzt werden kann, ist für die Kinder der erste Ort der gemeinsamen Bildungserfahrung die Grundschule.

Wenn ich mit Lehrkräften aus dem Grundschulbereich und mit Erzieher’innen aus Kindertagesstätten spreche wird deutlich, dass die Kinder in der Regel schon ausgeprägte Medienkonsummuster mitbringen. Es gibt Grundschulkinder, die keine Schuhe binden und nicht auf einem Bein hüpfen können, aber alle Pokemons kennen.

Dies alleine den Eltern anzulasten und ihnen Versagen vorzuwerfen, halte ich für zu einfach. Wo bekommen die Eltern einfache Unterstützung, wenn es um Medienerziehung geht? Die vorhandenen Kommstrukturen – Eltern müssen sich selber um Unterstützung bemühen – bedarfen einer Ergänzung durch Bringstrukturen. Medienerziehung sollte meiner Meinung nach eine Querschnittsaufgabe aller Einrichtungen sein, die mit Kindern und Jugedlichen arbeiten. Ganz wichigt dabei ist, dass dies einer Gundlage bedarf, die Personalschlüssel und aus- und Fortbildungen berücksichtigt.

In einer alters- und erfahrungsgerechten Art und Weise ist es möglich, Medienerziehung und Medienbildung so zu leisten, dass ein allgemeiner Kompetenzerwerb ermöglicht wird, der als Grundlage auf weitere, übrigens lebenslange, Lernprozesse vorbereitet.

Positionen, wie die von Prof. Dr. Gerald Lembke, der da schreibt:

„Die Nutzung digitaler Medien im privaten und familiären Umfeld kann und soll nicht verboten werden. Sie muss aber von einem Elternteil limitiert und begleitet werden bis zum 12 Lebensjahr. Für die Schule hingegen fordern wir tatsächlich die Nichtnutzung von Computern bis zur achten Klasse und fordern mehr digitalfreie Räume an den Grundschulen und ein grundsätzliches Verbot in Kindergärten“.(Quelle)

teile ich daher  überhaupt nicht. Und welche Meinung hast du?

 

 

Das Netz – rechtsfrei?

Vielleicht haben es ja einige von euch mitbekommen: Nachdem ein exklusiver Kreis von 27 Personen 14 Monate an einer europäischen Charta für Grundrechte in der digitalen Welt gearbeitet hat, wurde diese am 30.11. veröffentlicht. Die Frage, die die Frauen und Männer, unter ihnen viele bekannte Persönlichkeiten, beschäftigte, war folgende: „Wie lässt sich die Souveränität und Freiheit des Einzelnen in der digitalen Welt schützen – gegen die Totalüberwachung durch den Staat, aber ebenso auch gegen den Zugriff mächtiger Konzerne?“ (Quelle)

Kurz nach Veröffentlichung gab es schon eine Reihe kritischer Anmerkungen auf verschiedenen Ebenen. Da wäre als erstes die Zusammensetzung des Kreises zu nennen. Wenn man beansprucht, für eine europäische Charta zu „kämpfen“, dann wäre es nicht dumm gewesen, die Initiator*innen hätten auch ein paar Fachleute aus dem europäischen Ausland hinzugezogen. Da dies scheinbar nicht geschehen ist, bleibt es eine vertane Chance mit entsprechend verständlichen Reaktionen.

Eine grundsätzliche Kritik trifft auch die Trennung zwischen digitaler und realer Welt. Tatsächlich gibt es aber nur die eine Welt, auch der digitale Raum ist, wie auch immer wieder betont wird, kein rechtsfreier Raum. Auch hier gilt das bestehende Recht. Volksverhetzung ist Volksverhetzung, Aufrufe zur Gewalt bleiben Aufrufe zur Gewalt. Die Würde des Menschen ist im Grundgesetz an erster Stelle geschützt (Quelle) und auch die europäische Grundrechtscharta ruht darauf. (Quelle pdf-Datei)

Man kann über viele weitere Punkte der Charta diskutieren. Ich möchte dies an einem für mich zentralen Punkt tun.

Die oben bereits genannte leitende Frage ist – wie ich finde – die wichtigste Frage. Umso mehr enttäuscht mich das Ergebnis. Statt Souveränität und Freiheit des Einzelnen zu schützen wird der Ruf nach staatlicher und privatwirtschaftlicher Kontrolle laut. So heißt es

ART. 5 (MEINUNGSFREIHEIT UND ÖFFENTLICHKEIT)

(1) Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.
(3) Ein pluraler öffentlicher Diskursraum ist sicherzustellen.
(4) Staatliche Stellen und die Betreiber von Informations- und Kommunikationsdiensten sind verpflichtet, für die Einhaltung von Abs. 1, 2 und 3 zu sorgen.

Spätestens bei (2) wurde ich stutzig. Wer bitte entscheidet, was „digitale Hetze“ ist oder „geeignete Aktivitäten“ sind und wer soll das im Vorfeld verhindern?

Hier soll also auf eine Vorauswahl gesetzt werden. Verhinderung heißt eine Vorfeldprüfung, für die die private Wirtschaft und/oder der Staat zuständig sein sollen. Da es ja nicht um Zensur geht (siehe Punkt 1 der Charta), ist also die große gesellschaftliche Frage, WER das WIE regeln soll.

Strafrechtlich relevante Äußerungen sind heute schon verfolgbar. Wer Rufschädigung betreibt, kann zur Verantwortung gezogen werden. Das deutsche Recht kennt hier den § 186 StGB (üblen Nachrede) und den § 187 StGB (Verleumdung). Ein Blick in die Rechtsprechung zeigt, dass mit solchen „undefinierten Rechtsbegriffen“ keine Sicherheit gewonnen ist. Wer bitte definiert denn, was „Hetze“ ist? Facebook? Google? Twitter? Der Verfassungsschutz?

Ist die Äußerung Thomas de Maizières, ein Drittel der syrischen Flüchtlinge in Deutschland käme gar nicht aus Syrien, nicht auch schon eine Art Hetze, die Stimmung gegen Flüchtlinge machen soll? (Quelle)

Letzten Endes werden es die gleichen Gerichte sein, die heute schon eingeschaltet werden können. Dass das alles durch zusätzliche rechtliche Regelungen nicht einfacher wird, zeigt beispielsweise auch ein Interview mit Dominik Höch, Fachanwalt für Medienrecht in der ZEIT. (Quelle)

Ich spreche ja öfter mit Leuten, die ganz im Thema drinstecken. Die Hassmails bekommen, die angegriffen und mit – auch körperlicher! – Gewalt bedroht werden. Die Schimpftiraden über sich ergehen lassen müssen. Deren Würde und Unversehrtheit ist angegriffen und doch sind Strategien, dagegen vorzugehen, recht unterschiedlich. Manche erstatten Anzeigen, manche mobilisieren die Netzcommunity, manche beides.

Das der Staat oder gar private Anbieter das Problem lösen können, ist ohne Zensur weitgehend ausgeschlossen.

Hier ist die Gesellschaft als Ganzes gefragt. Kommunikation mehr noch als bisher durch staatliche Stellen regeln zu lassen, halte ich persönlich nicht für den geeigneten Weg.

Daher gehöre ich auch nicht, im Gegensatz zum FIFF e.V. (Quelle), dessen Mitglied ich bin, zu den Unterstützern der Charta. Wichtig finde ich aber, dass über die Rahmenbedingungen kommunikativen Handelns öffentliche, gesellschaftliche Diskussionen geführt werden. Wenn die Initiatoren zu einem Kongress einladen (Quelle), bei dem über die Charta und die Veränderungswünsche gesprochen werden wird, sind wir auf dem richtigen Weg.

Dann würde ich mich auch freuen, wenn die Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau sich als Unterstützer*innen der Charta (Quelle) beteiligen.

Wer Näheres wissen möchte hier ein paar Links:

Homepage der Chartagruppe
https://digitalcharta.eu/neuigkeiten/

Dirk von Gehlen (Süddeutsche Zeitung) -> kritisch zustimmend
http://www.dirkvongehlen.de/netz/digitalcharta-nutzen-wir-die-chance/

Jürgen Geuter (Informatiker, unabhängiger Wissenschaftler) -> kritisch, bedenklich
https://tante.cc/2016/11/29/kommentare-zur-charta-der-digitalen-grundrechte-der-europaischen-union/

Sebastian Leuschner (Doktorand, Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft gGmbH) -> positiv, aus juristischer Sicht
http://www.hiig.de/blog/eine-charta-der-grundrechte-fuer-die-digitale-zeit-und-warum-wir-sie-brauchen/

Zwischen den Wahrheiten

Nachdem „postfaktisch“ zum Unwort des Jahres gekührt würde, habe ich nach Trumps Antrittsrede und den darauf folgenden Auseinandersetzungen um die Anzahl der Zuschauer*innen neu gelernt, dass es auch so etwas wie „alternative Fakten“ geben soll. Als Vertreter des „Konstruktivismus“ habe ich natürlich eine Vorstellung davon, dass Menschen die „Realität“ durch ihre jeweilige Sicht anders wahrnehmen. Wir alle kennen das halbvolle und das halbleere Glas. Diese Art der Wahrnehmung erlaubt es, sich eine eigene Realität zu bilden. Das scheint auch bei Trump zu funktionieren. (Quelle)

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