Herausforderung Digitalisierung

Die vielen Entwicklungen in der Informationstechnik fordern uns Menschen auf verschiedenen Ebenen grundlegend heraus. Gesellschaftlich sind für mich der Schutz von Grundrechten und die Veränderungen in Diskussionskultur und – dort vor allem die Frage, wie wir Regeln des globalen Zusammenlebens erstellen und leben können – am bedeutensten. Das Recht auf freie Meinungsäußerung hat im Zeitalter von Social Media zu einem bisher unbekanntem Maß an Veröffentlichungen geführt, über deren mehr oder weniger gehaltvollen Inhalt kontroverse Diskussionen geführt werden. So thematisiert nicht nur die Musikgruppe „Von wegen Liesbet“ (am 11.10 in der Jugendkulturkiche St. Peter in Frankfurt/M zu sehen.) in ihrem Song „Sushi“ (Youtube-Video) die Selbstinszenierungen mancher Nutzer*innen. Es ist Dauerthema in vielen Gesprächen, die ich landauf landab führe. „Warum muss ich wissen, was xy heute isst?“ ist so eine gern gestellte retorische Frage. „Triumpf der Belanglosigkeit“ nannte das Ursula Kals in der FAZ . Ich persönlich möchte das ebensowenig bewerten wie unsere „tiefgründige offline-Kommunikation„. Beides, on- sowie offline, dient meißt nur einem: Kommunikation als verbindendes Element.

Das Recht, seine Meinung in Wort und Bild frei äußern zu dürfen, ist, wie in verschiedenen meiner Blogartikel bereits deutlich geworden sein dürfe, ein für mich sehr hohes Gut. Ein sehr gutes Wort zum Sonntag dazu spricht Pfarrer Alfred Buß. Gerade der Blick in andere Gegenden des Planeten zeigt uns, das ein solches Recht nicht selbstverständlich ist und (immer wieder) erkämpft werden muss. Manchmal auch im eigenen Land. Auch über das NetzDG und die Verfassungswidrigkeit (siehe auch wissenschaftlicher Dienst des Bundestages – pdf-Datei) habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Die große Herausforderung für uns als Menschen besteht nun aber darin auszuwählen, welche Relevanz die „Botschaften“ für uns haben. Im gesellschaftspolitischen Kontext kommt zudem vermehrt die Frage hinzu, ob wir der Botschaft überhaupt trauen können (siehe Fake-News). Wir benötigen dementsprechend eine verbreiterte Rahmungskompetenz. Die Kompetenz das, was gelesen wird, auch einordnen zu können und dabei Widersrpüche gegen die eigene Einordnung nicht außer Acht zu lassen.

Individuell sind wir Menschen auch zunehmend mit der Notwendigkeit konfrontiert, abzuwägen, ob die Vorteile der Nutzung digital-vernetzter Dienste selbstbestimmte Handlungsspielräume vergrößern oder nicht. Einerseits ist da das Versprechen, das Leben zu erleichtern, zusätzliches Wissen bereitzustellen und erweiterte Steuerungsmöglichkeiten zu bieten. Andererseits ist die Nutzung meist mit abstrakten Risiken und Problemen verbunden, die augenscheinlich nicht greifbar sind. Aus diesem Abwägungsprozess heraus verzichte ich beispielsweise auf Smart-Home-Dienste wie die Steuerung der Heizungsanlage über das Smartphone (das erledigt ein programmierbarer offline-Computer für mich), die Steuerung der Lichtanlage (ich habe traditionelle Kippschalter). Wie das Wetter wird, erfahre ich am Ende der Nachrichten in Rundfunk und Fernsehn und auch ohne Alexa oder Amazons Dash-Button (Werbeclips auf Youtube) gelingt es mir, Waschmittel einzukaufen und/oder zwei Teelöffel Öl in den Salat zu gießen.

Auf der anderen Seite gibt es Technik-Optimisten wie Prof. Dr. Hans-Joachim Hof (Technische Hochschule Ingolstadt), die bewußt persönlich viele internbetbasierte Dienste (IoT= Internet der Dinge) einsetzen und darin für sich einen Mehrwert erkennen. Der Abwägungsprozess ist aber auch hier Bestandteil (s)einer Entscheidung. So kritisiert er beispielsweise, dass viele der kleinen IoT Geräte nicht sicher gegen unberechtigte Eingriffe geschützt sind, da bei vielen Herstellern die Produkthaftung vom dauerhaften Gebrauch entkoppelt ist. Softwareaktualisierungen sind bei manchen IoT Geräten garnicht zu erhalten, obwohl Sicherheitslücken vorhanden sein können. SmartTVs fürchtet er am meisten.

Hier erscheint mir eine grundlegend neue Kompetenz nötig zu sein: Ein Verständnis davon, was die smarten Geräte machen und WIE sie es machen. Dazu gehört ein Verständnis für Programmierung und Software, immer wieder mal als „coding“ genannt. Da immer mehr Geräte (wie der Abgasskandal überdeutlich zeigt: auch das Auto) von Software gesteuert werden und diese zum Teil unbekannte Nutzungsmöglichkeiten bietet, müssen meiner Meinung nach grundlegende Kenntnisse zum heutigen Allgemeinwissen gehören (Allgemeinwissen 4.0) HbbTV ist so ein Beispiel. In allen Veranstraltungen, die ich zum Thema Datenschutz organisiert habe, war blankes Staunen. HbbTV? Dementsprechend teste ich in meinem Arbeitsbereich auch Möglichkeiten, „unsichtbare“ (besser: unverständliche) Vorgänge besser sichtbar (verständlicher) zu machen.

Einige meiner Leser*innen haben den Wunsch geäußert, auch einmal konkrete Praxisbeispiele zu sehen. Von daher eine Neuerung im Blog. Im zweiten Halbjahr werde ich in diesem Blog verstärkt Initiativen und Projekte präsentieren, die sich im Themenspektrum Digitalisierung bewegen und deren Ansätze und Praxisbeispiele beschreiben.

Die Digitalisierung stellt uns Menschen und Organisationen vor Herausforderungen, ja. Wir können diese aber ruhig annehmen.  Dabei gilt es die Chancen und Riskien gegeneinander abzuwägen und dort einen Grenzstrich zu ziehen, wo der allgemeine Nutzen geringer eingeschätzt wird als das Nutzungsrisiko. Gesellschaftlich wie privat!

In diesem Sinne wünsche ich einen smarten Sommer.

Beitragsbild mit CC0 Lizens: Pixabay

Digitale Patientenakte

Nachdem ich in den letzten Woche verschiedene Arztbesuche erledigen musste, ist mir wieder aufgefallen, wie sehr mich manche Dinge ärgern. Nach den Gesprächen im Wartezimmer und den Gesprächen mit den Ärzten habe ich mich nochmal schlau gemacht, welche Entwicklungen es gesellschaftlich gibt.

Der Hintergrund: Immer wieder, diese Erfahrungen musste ich auch jetzt wieder machen, muss ich meine nicht allzu umfangreiche Krankengeschichte in den wesentlichen Punkten erläutern: Wegen welcher Krankheiten werden oder wurden Sie behandelt? Welche Operationen hatten sie? Haben Sie Allergien und Unverträglichkeiten? Nehmen Sie regelmäßig Medikamente, wenn ja, welche? Gibt es familiäre Vorerkrankungen? Mir ist bewusst, dass die Beantwortung der Fragen unter Umständen für die behandelnden Mediziner*innen von Bedeutung sein können. Ich würde mir ja wünschen, ich müsste nicht immer wieder in meinem Gedächtnis nachforschen, welche Antworten ich geben soll. War 1979 die Hoden- und Leistenbruch-OP? 1985 Nasenpolypen-OP. Oder war das 1986? 1988? Ich weiß es nicht mehr.

Warum gibt es bis heute im Zeitalter digitaler Technologien keine elektronische Patient*innenakte, in der diese wesentlichen (oder unwesentlichen?) Daten für die registrierten Ärzte abrufbar sind?

Auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums heißt es: „Es gibt kaum eine Innovation, die unser Leben in den letzten 20 Jahren so verändert hat wie das Internet und die damit verbundene Digitalisierung unserer Gesellschaft. Auch im Gesundheitswesen ist die digitale Revolution angekommen. Fast alle Praxen und Krankenhäuser nutzen umfassend digitale Datenverarbeitung. Bei der Übermittlung dieser Daten stecken wir aber noch im analogen Zeitalter von Brief und Fax. Jetzt wollen wir die Chancen der Digitalisierung für eine bessere medizinische Versorgung endlich nutzen.“

Das mit den Briefen, die ich zwischen des Arztpraxen hin und her transportiter habe, kann ich nur so bestätigen. Aber was ist in der Bundespolitik geschehen, um das zu verbessern?

Mein erster Besuch galt der Homepage des Bundestages. Im Legislaturbericht Digitale Agenda 2014 bis 2017 (pdf) heißt es: „Mit dem Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sowie zur Änderung weiterer Gesetze (E-Health-Gesetz) wurden die Rahmenbedingungen für die Nutzung moderner, digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien für die medizinische Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten nachhaltig verbessert.“ (Seite 23)

Der Besuch der entsprechenden Seite auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums brachte folgende Erkenntnis: „Ein modernes Stammdatenmanagement (Online-Prüfung und Aktualisierung von Versi­chertenstammdaten) sorgt für aktuelle Daten in der Arztpraxis und schützt vor Leis­tungsmissbrauch zu Lasten der Beitragszahler. Diese erste Online-Anwendung der elekt­ronischen Gesundheitskarte soll nach erfolgreichem Probelauf bis Mitte 2018 flächende­ckend eingeführt werden.“

OK, dache ich mir. Da wird es möglicherweise 2018 soweit sein, dass meine Versichertenstammdaten elektronisch auf dem neusten Stand abrufbar sind. Dabei scheint es aber garnicht so sehr um mich zu gehen, sondern um die Eindämmung eines missbräuchlichen Verhaltens. Laut einer Schätzung des statistischen Bundesamtes waren in Deutschland im Jahr 2015 ca. 80.000 Menschen nicht krankenversichert.

Weiter heißt es: „Die Versicherten erwarten zu Recht, dass medizinische Daten immer dann zur Verfügung stehen, wenn sie für ihre Behandlung benötigt werden. Und das unter Beachtung von Datensicherheit und Datenschutz.“

Na da kann ich nur voll zustimmen. Weiter im Text: „Voraussetzung hierfür ist die Einführung einer digitalen Datenautobahn, die Telematikinfrastruktur. (…) Zuständig für die Einführung der Datenautobahn sind die Organisationen der Selbstverwaltung.“ Ohje, denke ich mir, digitale Datenautobahn hört sich ja super an und ein Blick auf den Breitbandatals des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur zeigt mir, das kann noch dauern! Wenn das also eine Voraussetzung ist, dann gute Nacht. Denke ich mir so.

Aber möglicherweise geht das ja auch fix (*ungläubiges Kopfschütteln*). Nun gut, also 2018 können die aktuellen Stammdaten digital abgeglichen werden. Und dann? „Das E-Health-Gesetz enthält einen Fahrplan zur digitalen Vernetzung für die Selbstverwaltung und für die weiteren Schritte mit nutzbringenden Anwendungen.“ Na den Fahrplan im E-Health-Gesetz schaue ich mir mal genauer an. In meinen Worten:

  1. 1. Januar 2015: Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) gilt als alleiniges Einlassticket in die Krankenversorgung.
  2. 1. Oktober 2016: Wer mindestens drei verordnete Medikamente anwendet, hat Anspruch auf einen Medikationsplan in Papierform. Darin wird dokumentiert, welche Arzeneimittel verordnet wurden sowie solche, die ohne Verschreinbung angewendet werden. Papierform?
  3. 31. Dezember 2016: Bis zu diesem Tag hat die GEMATIK (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH – eine Firma, die das ganze Vorhaben managen soll und die von den Krankenkassenverbänden und den Ärzteverbänden gegründet wurde) zu prüfen, inwieweit Patient*innen mit Smartphones, die heute zur Standardausstattung gehören, auf die Daten der eGesundheitskarte zugreifen können.
  4. 1. Juli 2017: Videosprechstunden werden nun vergütet. Hier wird die sicherlich sinnvolle telemedizinisch gestützte Betreuung von Patienten, mit der die ansonsten
    wiederholte persönliche Vorstellung in der Arztpraxis ersetzt werden kann, gefördert.
  5. 01. Januar 2018: Allen Versicherten soll die Möglichkeit eingeräumt werden, notfallrelevante Informationen (Diagnosen, Medikation, Allergien, Unverträglichkeiten etc.) freiwillig auf ihre eGK eintragen zu lassen.
  6. 1. Juli 2018: Alle Vertragsärzte müssen an die Infrastruktur angeschlossen sein und das Versichertenstammdatenmanagement durchführen, sonst droht ihnen eine Honorarabzug von 1%.
  7. 01.01.2019. Die Versicherten haben Anspruch auf eine ePatientenakte, in der wichtige elektronische Dokumente wie Arztbriefe, Medikationsplan, Notfalldatensatz, Impfausweis etc. aufbewahrt werden können. Zugriff haben Ärzte mit einem eArztausweis. Der Inhalt wird in ein sogenanntes elektronisches Patientenfach gespiegelt (kopiert), auf das ich als Patient dann Zugriff haben soll. Über die Daten der ePatientenakte hinaus, soll ich auch die Möglichkeit erhalten, persönliche Gesundheitsdaten einzutragen (Ernährung, Bewegung, Daten von „Fitnesstrackern“ etc.).

Soweit grob der Fahrplan.Wer sich die Bundestagsdebatte der letzten Lesung des Gesetzes anschauen möchte, das Protokoll gibt es hier (pdf). Eine knappe Erklärung ist im Youtube-Video von Dr. Overkamp zu sehen.

Praktisch sind einige Fisten allerdings schon verstrichen. So ist in der Ärzte-Zeitung zu lesen, dass die Frist für den Anschluss der Ärzte an das Versichertenstammdatenmanagement erst zum 1. Januar 2019 endet.

Grund dafür dürften die Probleme bei der Technik sein. Wie die FAZ und andere Quellen berichteten, stehen die Geräte, die einen sicheren Zugang zum System bieten müssen, nicht bereit.

Probleme machet auch die Anbindung der Endgeräte an das System (siehe Fahrplan Punkt 3). Wie die GEMATIK in ihrem Bericht (pdf) formuliert, bestehen Sicherheitsprobleme, die sie nicht lösen können. Im Ergebnis bedeutet dies: „Die Geräte der Versicherten sind keine Geräte der Telematikinfrastruktur. Das bedeutet insbesondere, dass diese Geräte nicht durch die gematik zugelassen werden und damit kein Nachweis ihrer funktionalen und sicherheitstechnischen Eignung erfolgt. Die Versi-cherten tragen notwendigerweise selbst die Verantwortung für diese Geräte. (…) In diesem Zusammenhang kann nur auf allgemeine Verhaltensregeln für die Versicherten im Umgang mit ihren Geräten und eine sichere Konfiguration ihrer Geräte verwiesen wer-den, welche die Wahrscheinlichkeit einer Kompromittierung der Geräte einhergehend mit Verlust des Schutzes der darauf gespeicherten oder verarbeiteten Daten senken. Die Versicherten sind jedoch für eine Einhaltung dieser Verhaltensregeln und die Konfigurati-on ihrer Geräte selbst verantwortlich.“ (Seite 8)

Während die neuen Regelungen in einem Artikel der ZEIT gefeiert wurden, fehlte es an kritischen Anmerkungen nicht.

Eine zentrale Kritik trifft des Datenschutz. Sensible Daten, dazu zählen auf jeden Fall meine Gesundheitsdaten, sind 100% zu sichern. Aber geht das? Der Chaos Computer Club hat so seine Zweifel und hier Stellung bezogen.

Datenschutzgründe und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung führt der Verein Patientenrechte und Datenschutz e.V. ins Feld und macht vor allem auf die wirtschaftlichen Interessen an eben diesen Daten aufmerksam. Ein sehr interessanter Blog!

Das verschiedene Firmen ein Interesse an den Daten haben, dürfte klar sein. Der Gesundheitsbereich ist ein lohnenedes Geschäft. Apple will beispielsweise gerne die Gesundheitsdaten seiner Nutzer*innen sammeln und verwerten. Ein Artikel dazu ist hier. Dazu passend hat Apple ein Startup gekauft, das sich auf die Sammlung  von Gesundheitsdaten spezialisiert hat.

Das auch Versicherungen ein Interesse an den Daten haben, dürfte nicht überraschen. So werden individualisierte Versicherungsprämien noch präziser möglich. Generali, ein Versicherungskonzern, der in einigen Bereichen auf individualisierte Prämienmodelle setzt, ist hier auch am Werk und setzt mit ihrem Angebot auf die digitale Selbstvermessung, ich nenne es auch gerne die „körperliche Buchführung“.

Auch für die Kirche ist dies ein Thema. Der Mensch ist mehr als die Ansammlung von Daten, er ist mehr als ein Objekt, das vermessen und bewertet werden kann. Einen schönen Artikel dazu gibt es auf der Homepage unserer Landeskirche.

Außerdem bin ich ein Anhänger des solidarischen Prinzips. Ich wäre für eine Bürgerversicherung.

Um am Ende auf den Anfang zurück zu kommen: Ja, ich bin ein Befürworter des digitalisierten Gesundheitsmanagements. Ich würde meine Blutgruppe, meine Allergien (Birkenpollen & Salicylate) und meine Medikamente (die ich bisher nicht habe), eintragen. Ich befüworte auch ein ePatientenfach. Allerdings sind meine Sicherheitsvorstellungen schon ziemlich hoch. Ich würde den Zugriff darauf, ebenso wie ich das seit Jahrzehnten mit dem Onlinebanking handhabe, nur über meinen gesicherten PC vornehmen. Zudem müsste die Infrastruktur zwischen meinem Endgerät und dem Datenserver hundertprozentig sicher sein. Ob das im Zeitalter von Sicherheitslücken machbar ist? Ich hoffe es und machbar ist es. Da bin ich mir sicher.

Meinungsfreiheit?

Ab und zu gibt es ja einen Beitrag in den sozialaen Netzwerken, die mich eine ganze Zeit lang beschäftigen und anregen, mir über einzelne Fragen intensiver Gedanken zu machen. Jetzt hat es mich mal wieder „erwischt“.

Ein geschätzter Kollege postete den obigen Beitrag mit einer Mischung aus Empörung und Erstaunen, dass Facebook ein solches Posting nicht „beanstandet“. Auch wenn das nicht explizit in seinem Beitrag stand, ich denke, er meinte damit, Facebook hätte ihn löschen müssen. Daraufhin postete ich, dass mir diese Aussage durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei. Denn nach meinen Kenntnissen der Rechtsprechung ist er  nicht strafrechtlich relevant. Aber ich kann mich täuschen. Es trugen noch andere geschätzte Kolleg*innen ihre Meinung bei und es zeigte sich eine sehr unterschiedliche juristische Bewertung. Inhaltlich, da sind sich alle Beteiligten einig: „Indiskutabel+unterirdisch“.

Warum beschäftig mich das so? Nun, als Hintergrund ist es ganz entscheidend, dass meine Haltung zum §5 Grundgesetz durch meine bisherigen Lebensereignisse bestimmt ist.  Daher einen kleinen Ausflug in die Vergangenheit.

Mein Vater war Insasse des Jungendkonzentrationslagers Moringen, in dem von 1940 bis 1945 Jugendliche zwischen 13 und 22 Jahren aus unterschiedlichen Gründen inhaftiert wurden. Bei vielen der Jugendlichen lag der Einweisungsgrund in der Haltung und ob diese in den NS-Staat passte. Menschen wie mein Vater oder Günter Discher, die ich noch persönlich kennenlernen durfte, erzählten mir über den barbarischen Umgang des NS-Staates mit Menschen, die nicht ins Bild passten. „Undeutsch“, „eindeutschungsfähig“, „entartet“ oder „gemeinschaftsfremd“ waren die dazugehörigen Schlagworte.

Hinzu kam, dass ich in meiner Zeit als Schulsprecher und später Jugendvertreter lernen musste mit Menschen respektvoll umzugehen, die gänzlich andere Auffassungen als ich hatten.

Eine noch ganz wichtige Erfahrung war meine Zeit bei der Bundeswehr. Meinungsfreiheit und das System „Befehl und Gehorsam“ sind nicht zwingend Gegensätze, da der (GG Art. 5) auch in der Kaserne gilt. Hinzu kommt, dass die Würde des Menschen (GG Art. 1) auch dort unantastbar ist (rechtlich – faktisch habe ich auch anderes kennengelernt). Als ich einen Befehl für offensichtlich „unsinnig und gegen die Menschenwürde“ nicht nur verweigerte sondern auch andere Soldaten (es waren alles Männer) aufforderte, sich mir anzuschließen und sich am Beginn des nächsten Tages alle Mannschaftsdienstgrade dem Befehl verweigerten, musste ich zum MAD (Millitärischer Abschirmdienst). Auch ein weiteres Ereigniss in der Kaserne, in dem es um das Recht auf freie Meinungsäußerung (ich hatte eine andere Meinung als meine Vorgesetzten) ging, brachte mir ein erneutes „Gespräch“ ein. Das Ergebnis: Der MAD stufte mich als „entschiedener Bürger in Uniform, der seine Rechte wahrnimmt“ ein. Damit entging ich einer Bestrafung.

Soweit der hier maßgebliche Hintergrund.

Am 30. Juni 2017 verabschiedete der Bundestag das NetzDG, das zur schnelleren Löschung von „Hasskriminalität und andere strafbare Inhalte“ führen soll und das wegen der möglichen Wirkung sehr umstritten ist (siehe beispielsweise Reporter ohne Grenzen). Ich hatte ja bereits einen Artikel dazu geschrieben.

In wieweit ist der obige Beitrag nun Hasskriminalität oder ein anderer strafbarer Inhalt? In der Auseinandersetzung kamen in Beiträgen verschiedene Straftatbestände auf den Tisch:  Aufruf zu zwei strafbaren Handlungen: Körperverletzung („Eine geklatscht…“ und Freiheitsberaubung („Hinter den Herd“). Dazu kommt der Aufruf, die Grundrechte der Frauen abzuschaffen, ein Angriff auf den Gleichheitsgrundsatz des GG und sicher verfassungswidrig. Hinzu kommt, dass dem Beitrag abgesprochen wird, eine „Meinung“ zu sein.Letzteres kann ich nicht nachvollziehen. In meinem Studium der Soziologie habe ich „Meinung“ kennengelernt als  eine von individuellen Wertvorstellung und Gefühlen auf einen bestimmten Sachverhalt geprägte Einstellung und Haltung. Das erscheint mir hier eindeutig der Fall zu sein. Von daher ist das für mich eine Meinung, die zu 100% nicht meiner entspricht.

Wir alle sine keine Jurist*innen, sondern bringen in die Auseinandersetzung unsere Positionen ein. Ich sprach mich gegen eine Löschung aus, da ich keine strafrechtliche Relevanz sehen konnten. Das Bundesverfassungsgericht hat in einem Urteil einmal festgestellt: „Geschützt sind damit von Art. 5 Abs. 1 GG auch Meinungen, die auf eine grundlegende Änderung der politischen Ordnung zielen, unabhängig davon, ob und wie weit sie im Rahmen der grundgesetzlichen Ordnung durchsetzbar sind. Das Grundgesetz vertraut auf die Kraft der freien Auseinandersetzung als wirksamste Waffe auch gegen die Verbreitung totalitärer und menschenverachtender Ideologien (Quelle)“

Eine Anfrage bei der Cybercrime Hessen bestätigte meine Auffassung, dass keine strafrechtliche Relevanz vorliegt.

Dieses Beispiel zeigt mir, wie schwierig es ist, eine genaue Einstufung einer solchen Meldung vorzunehmen. Die Meinungsfreiheit ist für mich eines der höchsten Rechte. Damit sollte Politik nicht leichtfertig umgehen. Diese Einschätzung im Zeitalter der Digitalisierung (faktische alltagsrelevante Ausweitung der Pressefreiheit) Mitarbeiter*innen sozialer Netzwerke zu überlassen, ist für mich eine politische Bankrotterklärung.

Wie stehst du dazu?

 

Beitragsbild: Von Unbekannt – Wikileaks, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6512765

Digitale Souveränität und Selbstverteidigung

Souveränes Handel, auch in digitalen Zusammenhängen, wäre für mich ein schönes Ziel. Wenn ich das als selbstbestimmtes Handeln unter vollständiger, eigener Kontrolle definiere, dann taucht bei mir die Frage auf, ob das überhaupt machbar ist. Sehr schnell schon macht sich bei mir die eigene Schere im Kopf bemerkbar. Natürlich muss ich auch souverän mit digitalen Technologien umgehen können. Aber was gehört alles zu einem souveränen Umgang? Und: Kann ich das alles?

Ich bin in einer Zeit groß geworden, in denen Begriffe wie Algorithmen und Datenverarbeitung in meiner Lebenswelt völlig fremd waren. Natürlich gab es schon Datenverarbeitung. Meine Mutter putzte in Rüsselsheim das Fernmeldeamt, zu dem auch riesige Schalterräume gehörten. Sie rochen leicht nach verbranntem Öl, was wohl daher kam, dass die Kontaktstellen der Telefonwahlverbindungselektrik zwar aus Metall waren und Strom leiteten, aber eben mechanisch bewegt und damit auch mit Öl geschmiert wurden. Die Verarbeitung der Daten geschah „hinter meinem Rücken“, ich erfasste neben dem Geruch nur die mechanische Bewegung und die Geräusche, die die umherflitzenden Kontakte verursachten. Heute geht das alles sehr geräuschlos – zumindest kommt mir das so vor. Nicht geändert hat sich, dass die Vorgänge mir immer noch stellenweise verborgen bleiben. Sie finden für mich abstrakt statt. Aber muss ich sie kennen, um souverän handeln zu können? Wieviel muss ich wissen? Muss ich bei einem PKW dessen Arbeitsweise verstehen, um souverän fahren zu können? Ich denke nein. Wie sieht es aber mit der Nutzung digitaler Technologien aus?

Nehmen wir einmal eine Suchmaschine. Im Gegensatz zu meinem ersten Auto, einem Ford Escort Bj. 1972, werden hier Daten über mich, bzw. mein Suchverhalten zumindest an den Suchmnaschinenanbieter übertragen. Da fängt es schon an, mich persönlich zu betreffen. Was macht der Anbieter mit den Daten? Erfahre ich, welche Daten wo gespeichert werden? Muss mich das überhaupt interessieren? Um die Suchmaschine nutzen zu können, brauche ich dieses Wissen nicht. Mir reicht, wenn ich weiß wie ich sie starte, wie ich die Eingaben mache. Wird meine Souveränität eingeschränkt, wenn ich keine Kontrolle über die erhobenen Daten habe? Nach der Definition: Ja. Gefühlt: Auch ja!

Auch wenn diese Daten erst einmal nicht auf meine Person bezogen sind, es sei denn, ich nutze eine Suchmaschine, die ich personalisiert (mit einem Account verknüpft) habe, kann der Suchmaschinenanbieter Daten miteinander verknüpfen und so ein Profil anlegen. Meine Persönlichkeit bekommt ein digitales Abbild, in dem gespeichert ist, nach was ich suche, von wo aus ich suche, wann ich suche, mit welcherm Internetbrowser ist suche usw. Je mehr ich die Suchmaschine nutze, desto klarer kann – beispielsweise – der Algorithmus der Googlesuche berechnen, welcher Person die Daten zugeordnet werden können. Die Datenwolken, die so rund um die Geräte entstehen sammeln sich mit der Zeit zu einer personalisierten Datenwolke. Die so gewonnenen Daten werden verarbeitet und es entsteht ein Profil, dass – je länger neue Daten hinzukommen – immer genauer wird.

Die Zeit beschrieb 2008 anlässlich der Übernahme von DoubleClick durch Google einen Artikel, in dem das schon ganz gut beschrieben wurde. (Quelle) Optionen gegen Daten könnte man das kurzgefasst nennen. Die Daten werden wiederum genutzt, Dienste zu erbringen, auf die ich persönlich verzichten könnte. Dienste, für die jemand anderes mit Geld bezahlt. Werbung. Aber schränkt der beschriebene Vorgang meine Souveränität ein? Ich würde erstmal sagen: Nein. Als (relativ) werberesistenter Mensch – Ausnahme Baumärkte! – handele ich (weitgehend) selbstbestimmt. Die Kontrolle über meine Daten gebe ich aber, entsprechend der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ab. Als ich im November 2014 an einem Symposium an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz teilnahm, war das eine der zentralen Fragen. Eine weit geteilte Antwort: „Wenn Werbung alles ist, was uns blüht, dann soll es blühen. Davor müssen wir als erwachsene Menschen keine Bedenken haben. Kritisch wird es, wenn die Daten für politische Zwecke genutzt werden.“

Hier wird es sehr spannend. Durch meine Suchanfragen bei Google, durch meine Likes bei Facebook, durch meine Herzen bei Twitter werde ich zu einem gläsernen Bürger. Die Daten sind global nutzbar und im Zeitalter der Cyberangriffe, Staatstrojaner und möglicher Hintertürchen (wenn man selber welche nutzt, wie glaubwürdig ist man dann, es anderen verbieten zu wollen?) und des florierenden Datenhandel, sind Bedenken gegen eine Konzentration von Daten angebracht. Wie solche Daten genutzt werden können, hat Sascha Lobo in einem interessanten Experiment gezeigt (Quelle ZDF). Einschränkend muss ich hier allerdings auch schon an dieser Stelle anmerken, dass Manipulierbarkeit auch mit der Persönlichkeitsstruktur des einzelnen Menschen zu tun hat und man nicht „automatisch“ manipuliert wird!

Wenn also die Souveränität nur eingeschränkt zu erlangen ist (wie das Beispiel zeigen soll), dann ist die Frage, welche Alternative bleibt, wenn man sich nicht gänzlich aus der digitalisierten Welt austragen möchte. Mal abgesehn davon, dass dies heute kaum mehr möglich ist (Bankautomaten, Fahrkartenautomaten, Gesundheitskarte, ePersonalausweis etc.).

Die Alternative nennt sich landläufig „Digitale Selbstverteidigung“. Dahinter steht ein Nutzungskonzept digitaler Dienste, das Datenspuren vermeidet und Kommunikation verschlüsselt. Diese Form der digitalen Mündigkeit bedeutet auch, den Umgang im Sinne eines selbstständigen Handeln voll selber zu verantworten. Möchte ich diesen und jenen Dienst nutzen oder gibt es Alternativen?

Beispiele für konkrete Handlungsoptionen gibt es im Netz einige. Digitalcourage e.V., der ChaosComputerClub oder Klicksafe, um nur einige zu nennen, bieten entsprechende Hinweise. Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens ist dabei eine Abwägung zwischen Bequemlichkeit und Souveränität zu treffen.

Möglich ist ein weitgehend souveräner Umgang alle Mal. Da ich im Rahmen meiner Vorträge und Gespräche immer wieder nach Alternativen angesprochen werde: Sie gibt es in vielen Bereichen! Statt Whatsapp lässt sich beispielsweise Signal oder Threema nutzen, Statt Google Maps geht auch OpenStreetMap super und als Suchmaschine gibt es auch verschiedene Alternativen, beispielsweise Startpage oder Metager. Neben den Browsern von Google und Microsoft gibt es auch beispielsweise Firefox, den Browser, den die meisten Besucher*innen dieses Blogs nutzen. Wenn es um Terminfindung geht, ist Dudle eine tolle Alternative zum amerikanischen Doodle. Wer einen eigenen Server betreibt oder einen gemietet hat, kann auch verschiedenste Dienste darauf laufen lassen, die eine weitgehende Kontrolle über die Datenflüsse gewährleisten. Dieser Blog läuft beispielsweise auf meinem gemieteten Server. Einen eigenen zu betreiben, ist zeitaufwendiger, zudem benötigt man auch mehr technisches Wissen.

Neben der individuellen Nutzungsstrategie gehört für mich aber auch, sich im Sinne eines souverän nutzbaren Internets für gesellschaftliche Prozesse zu interessieren, die die Nutzungsmöglichkeiten im Sinne der Souveränität beeinflussen, Positiv wie negativ!

Daher sind Themen wie Überwachung des Verhaltens nicht nur an Geschäftspraktiken von Firmen gekoppelt, sondern durchdringen das gesamte öffentliche Leben, eben auch die politischen Prozesse, die zu einer Regulierung der Überwachung beitragen. Die Vorstellungen der Parteien zu diesem Themenfeld wird auch ein Thema eines der nächsten Blogartikes sein.

In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Sommer!